Die See

S. Neukomm

Die See! Die See! Die off'ne See!

Die blaue, frische Freiheitshöh'!

Sie kennet weder Mark noch Scheid,

durchfließt der Erde Reiche weit;

sie ruht, wie ein Kind in der Wiege ruht,

sie spielt mit den Wolken in Windsbraut-Wut.

Ich bin zur See! Ich bin zur See!

Ich bin, wo mir vergeht all' Weh',

wenn's oben blau und unten blau

und stille rings die Meeresau.

Und wenn Sturm die krachenden Masten biegt,

so schlaf' ich, von ihm in Schlummer gewiegt.

So flieg' ich dahin in hohem Mut

auf des Sturmes schäumender, brausender Flut.

Zum Mond ertönt der Welle Klang,

die Sterne vernehmen den Windgesang.

Der erzählet, wie's dort unten geht,

warum der wilde Nordwest weht.

Sooft ich kam auf das starre Land,

zur See flugs zog mich der Liebe Band,

und ich suchte ihre Mutterbrust

wie das Mutternest ein Vogel mit Lust.

Ja, Mutter sie ist mir und war mir je,

denn ich ward gebor'n auf off'ner See.

Die Wogen erglänzten, der Morgen schien rot,

als dem Leben den ersten Gruß ich bot.

Der Walfisch blies, die Robbe schnaubt'

und der Delphin schwang goldenen Rücken und Haupt.

Und nimmer vernahm man solch' Jauchzen und Wind,

als damals begrüßte des Ozeans Kind.

Seitdem wohl fünfzig Sommer und mehr,

durchstreifend die See die Kreuz und Quer,

verbracht' ich das Leben in frohem Mut,

ja nimmer verlang' ich ein and'res Gut!

Und soll mir kommen einst Todesweh',

so sei's auf off'ner, freier See!