Der Engel

S. Westendorp

Des Nazareners Lächeln strahlt aus Deinen Mienen,

Und meine Lippen öffnen sich mit Zagen,

Wie gift'ge Blüten, die dem Satan dienen

Und scheu den Lenzwind nach dem Himmel fragen.

Die heisse Sehnsucht hat mich tief gebräunt,

In kühler Not erstarrte meine Seele,

Ein Wetter stählte mein Gewissen!

Es wachsen Sträucher blütenlos auf meinen Wegen

Wie Schatten, die verbot'ne Thaten werfen,

Und meine Träume tränkt ein blut'ger Regen

Und reizt mit seinem Schein zum Laster meine Nerven.

Die Unschuld hat an meinem Bett geweint,

Und rang und klagte dann um meine Seele

Und pflanzte Trauerrosen um mein Kissen.

Siehst Du den Kettenring an meinem Finger –

Sein Stein erblindete, sein blaues Scheinen,

Vielleicht verlor ihn mal ein Gottesjünger

Auf seinem Pfade hoch in Felsgesteinen.

50 Und diese roten, feurigen Granaten

Gab mir ein Königgreis für meine Nächte,

Wie heisse Tropfen auf die Schnur gereiht.

Der Sonnenuntergang erzählt im Westen

Von späten Rosen, die ergrauen müssen

Im Herbste unter morschem Laub und Aesten,

Und nichts vom Sonnenglanz des Sommers wissen,

Als Sünderinnen sterben für die Thaten

Der eitelen Natur, die duften möchte

Noch in der späten Winterabendzeit.

Darf ich mit Dir auf weiten Höhen schreiten!

Hand in Hand, Du und ich, wie Kinder...

Wenn aus dem Abendhimmel wilde Sterne gleiten

Durch's tiefe Blauschwarz, wie verstoss'ne Sünder,

Und scheu in Gärten fallen, die voll Orchideeen

Und stummen Blüten steh'n

In gold'nen Hüllen.

Und in den Kronen schlanker Märchenbäume

Harrt meine Unschuld unter Wolkenflor,

Und meine ersten, holden Kinderträume

Erwachen vor dem gold'nen Himmelsthor.

Und wenn wir einst ins Land des Schweigens gehen,

Der schönste Engel wird mein Heil erfleh'n

Um Deiner Liebe willen.