Die Erscheinung

S. Westenholz

Ich lag auf grünen Matten,

An klarer Quellen Rand.

Mir kühlten Erlenschatten

Der Wangen heißen Brand.

Ich dachte dieß und jenes,

Und träumte sanftbetrübt

Viel Süßes mir und Schönes,

Das diese Welt nicht giebt.

Und sieh, dem Hayn entschwebte

Ein Mägdlein sonnenklar.

Ein weißer Schleyer webte

Um ihr nußbraunes Haar.

Dem hellen Aug' entglänzte

Des Äthers reinstes Blau.

Die frischen Wangen kränzte

Die schönste Rosenau.

Um ihre Lippen schwebte

Ein Lächeln hold und gut.

An ihren Wimpern bebte

Der Thau der Wehemuth.

Ihr Auge mild' und thränend,

So wähnt' ich, meinte mich -

Wer war, wie ich, so wähnend!

So selig, wer, wie ich!

Ich auf, sie zu umfassen -

Und ach! sie trat zurück.

Ich sah sie schnell erblassen,

Und trüber ward ihr Blick.

Sie sah mich an so innig,

Sie wies mit ihrer Hand

Erhaben und tiefsinnig

Gen Himmel, und verschwand.

Fahr wohl, fahr wohl, Erscheinung!

Fahr wohl, ich kenn' dich wohl!

Und deines Winkes Meinung

Versteh' ich, wie ich soll! -

»Kein Lieben und kein Loben

Verdient der Erde Tand.

Nur droben strahlt, nur droben

Der Liebe Vaterland!«