Die Gezeichneten
Schreker, Franz
HERZOG ANTONIOTTO ADORNO (Hoher Bass)
GRAF ANDRAE VITELOZZO TAMARE (Bariton)
LODOVICO NARDI, Podestà der Stadt Genua (Bass)
CARLOTTA NARDI, seine Tochter (Sopran)
ALVIANO SALVAGO, ein genuesischer Edelmann (Tenor)
GUIDOBALD USODIMARE, genuesischer Edle (Tenor)
MENALDO NEGRONI, genuesischer Edle (Tenor)
MICHELOTTO CIBÒ, genuesischer Edle (Bariton)
GONSALVO FIESCHI, genuesischer Edle (Bariton)
JULIAN PINELLI, genuesischer Edle (Bass)
PAOLO CALVI, genuesischer Edle (Bass)
Der CAPITANEO DI GIUSTIZIA (Bass)
GINEVRA SCOTTI (Sopran)
MARTUCCIA, Haushälterin bei Salvago (Alt)
PIETRO, ein Bravo (Tenor)
Ein JÜNGLING (Tenor)
Ein MÄDCHEN (Sopran)
ERSTER SENATOR (Tenor)
ZWEITER SENATOR (Bariton)
DRITTER SENATOR (Bass)
Senatoren, Bürger, Edle, acht Vermummte, Dienerinnen, Diener, Soldaten, Frauen, Mädchen, Kinder, Faune, Najaden, Bacchanten.
Die Stadt Genua.
Im 3. Aufzug ein Eiland in der Nähe Genuas.
16. Jahrhundert
SYSTEMERSTER AKT
Ein hoher Saal im Palaste des Alviano Salvago. Vormittag.
SYSTEMERSTE SZENE
Alviano Salvago, Guidobald Usodimare, Menaldo Negroni, Michelotto Cibo, Gonsalvo Fieschi, Julian Pinelli, Paolo Calvi.
hässlicher Mann von ungefähr 30 Jahren, bucklig, grosse leuchtende Augen, hastig.
ALVIANOLasst! - Genug - - !
ALVIANOIch will nichts mehr hören!
ALVIANOEs widert mich an -
ALVIANOentsetzt mich - !
ALVIANOUnd doch - ich - der's ersonnen,
ALVIANOausgebrütet in Nächten -
ALVIANOin Nächten - ah! -
ALVIANOIhr ahnt nicht!
ALVIANOEuch ist's ein Spiel -
ALVIANOwürzend - was sonst
ALVIANOdas Leben
ALVIANOEuch willig bietet.
ALVIANODoch mir - ! Ein Durstender!
ALVIANOEiner, nah dem Verschmachten -
ALVIANOgehöhnt, gehetzt, geschunden
ALVIANOvon Qualen die - ah - !
kurz, scharf
ALVIANOTeufel, was gab die Natur -
ALVIANOmir - mit diefer Fratze
ALVIANOund diesem Höcker,
ALVIANOsolch ein Fühlen, solch eine Gier -
geflüstert
MENALDOIch bitte dich - still!
MENALDODer Ordnung Hüter sind auf -
MENALDOund voll Ehrgeiz.
MENALDOHinter den Türen lauern -
MENALDObestochen - die Diener;
MENALDOin den Gärten bergen sich
MENALDOSchergen - -
GONSALVODu übertreibst, mein Freund.
GONSALVOEs sind allzutiefe Skrupel
GONSALVOfürwahr nicht am Platze -
MENALDODass wir mit Bauerndirnen
MENALDOund Mägden, Krämertöchtern
MENALDOund Freudenmädchen uns nicht
MENALDObegnügen, dass wir die Feinsten
MENALDOund Schönsten erwählen
MENALDOist ein Zeichen für unsern Geschmack.
PAOLOWie nur war die Losung,
PAOLOdie Du uns gabst
PAOLOvor wenigen Wochen?
PAOLO"Die Schönheit sei Beute des Starken!
PAOLOAlle Pracht der Erde
PAOLOerliege der Macht
PAOLOdes Geistes, und des
PAOLOBezwingenden Glorie
PAOLOstrahle heller und dringe
PAOLOtiefer, sehrender in die
PAOLOSeelen, als jener Glanz,
PAOLOder das Auge nur blendet!"
durcheinander
ALLESehr wahr! So sprachst Du.
ALLEUnd seither - ? Was Du schufst,
ALLEmeidest Du! Fliehst uns selbst!
ALLEKein's jener heimlichen Feste
ALLEnoch grüsste Dich!
GONSALVOWeil ein paar Väter
GONSALVOdie Hände ringen -
MENALDO- und ein paar Mütter
MENALDOherzbrechend schluchzen!
GUIDOBALDGlaub nur nicht, dass
GUIDOBALDdie Schönen selber -
GONSALVOdass sie uns zürnen - !
MICHELOTTOGestern - Alissa - die
MICHELOTTOkleine Jüdin - hei -
MICHELOTTOwas die für Augen machte!
MICHELOTTOUnd die reizende Tochter
MICHELOTTOdes Biparello -
JULIAN- des Dichters, wahrlich -
JULIANsie war entzückend!
durcheinander, ekstatisch
ALLEIhrer Liebsten
ALLEalltagbeschwerten Armen
ALLEentreissen wir sie!
ALLEDem Gatten, unerfahren
ALLEin Liebeskünsten,
ALLEweint keine Träne
ALLEdie "Unverstand'ne"!
ALLEAus engen Zimmern
ALLEin weite mystische Räume - -
ALLEdüftegeschwängert von
ALLEFackeln durchloht!
ALLEAlle Märchen werden lebendig!
ALLEAlle Träume verschwiegener
ALLENächte - Morgenlandsträume
ALLEvon Schauern geboren,
ALLEgehn in Erfüllung!
ALLEWas sich keine gesteht,
ALLEund jede ersehnt - jählings
ALLEward's zur Wirklichkeit!
gepresst, ein wenig spöttisch und mit herbem Ausdruck
ALVIANOGanz recht - ganz recht!
ALVIANOEs ist überzeugend.
ALVIANOJedoch in einem Punkt -
ALVIANOverzeiht - stimmt mir's
ALVIANOnicht ganz. - Ihr sprecht stets
ALVIANOvon Euch nur. Von Euch - die
ALVIANOihr wohlgestalt seid, und
ALVIANOmit Anmut begabt, - und
ALVIANOvergesst mich, - den Krüppel.
ALVIANOKäm der zu den Festen,
ALVIANOso wie Ihr begehrt -
ALVIANOer vergällte sie Euch -
ALVIANOund statt der Lust
ALVIANOzög das Grausen ein!
PAOLODu überschätzt, mein Freund -
PAOLOso will mir scheinen -
PAOLOgewaltig der Frauen Schönheitsempfinden.
verhalten
ALVIANOEs gab - Frühlingsnächte.
ALVIANOBei offenen Fenstern
ALVIANOtanzt es herein - alle
ALVIANOschwülen Zauber - Blumen-
ALVIANOgeruch, schwer und betäubend.
ALVIANOUnd ich musste fort, geschüttelt
ALVIANOvon Fiebern - hinaus in
ALVIANOeinsame Gassen. Und suchte
ALVIANOein Dirnchen, so recht ein verkomm'nes -
ALVIANOsprach es an - bot ihr Gold -
ALVIANOviel Gold und fühlte mich doch
ALVIANOdem Bettler gleich, der
ALVIANOAlmosen heischt - - -.
ALVIANOIm Schein der Laterne
ALVIANOmustert sie meine arme
ALVIANOGestalt, mit einem Blick -
ALVIANO- einem Lächeln so
ALVIANOschmachvoll, dass mir das
ALVIANOBlut in den Adern gerann.
ALVIANODa - wirkte das Gold!
ALVIANOAuf geschminkten Lippen
ALVIANOspiegelt sein Gleissen,
ALVIANOall meines Elends
ALVIANOfurchtbare Not; unflät'ge
ALVIANOWorte verhiessen Gewähr - -
ALVIANOdoch mir fehlte die Kraft,
ALVIANOmich selbst zu bespei'n und
ALVIANOzu entweih'n die Lenznacht.
ALVIANO- - - - -
meldend
EIN DIENERGnäd'ger Herr - der Notar -
bestürzt
MENALDO, JULIAN, GONSALVOMensch - Alviano -
MENALDO, JULIAN, GONSALVODu bist im Stande -
MENALDO, JULIAN, GONSALVOWas soll der Notar - ?
traurig lächelnd
ALVIANOSeid unbesorgt!
zum Diener
ALVIANOIch lasse ihn bitten,
ALVIANOsich kurze Zeit zu gedulden -!
Alviano bestürmend
ALLEWas soll's - was hast Du vor?
ruhig
ALVIANOIch vergass - es Euch
ALVIANOzu vertrau'n:
zuerst stockendenTones
ALVIANOMein Eiland "Elysium",
ALVIANOmit all' seinen Bauten,
ALVIANOWasserspielen und
ALVIANOprangenden Gärten,
ALVIANOmit all' seinen unerhörten
ALVIANOWundern der Kunst
ALVIANOund selt'nen Schätzen
ALVIANOfreigeb'ger Natur -
ALVIANOzum Geschenk vermacht
ALVIANOfür ew'ge Zeiten -
ALVIANOhab' ich's der Stadt.
Verblüffung.
ausbrechend
PAOLODu bist von Sinnen!
GUIDOBALDWeisst nicht, was Du tust!
MENALDODas Werk Deines Lebens!
MICHELOTTODein halbes Vermögen
MICHELOTTOwandtest Du dran,
MICHELOTTOes sorglos verschwendend -
ALVIANOMorgen Abend, nach Einbruch
ALVIANOder Dämm'rung, im Beisein
ALVIANOdes hohen Senates und des Podestà,
ALVIANOmit grossem Gepräng
ALVIANOgeb' ich's preis allem Volk.
ALVIANOIhr Herren, Ihr seid geladen.
PAOLOJa, aber Mensch - vergisst Du
PAOLOdenn ganz -
ALVIANOHab' alles bedacht.
MENALDODu lieferst uns aus.
eindringlich
JULIANDer Zugang zum unterirdischen Saal -
mit Bedeutung
ALVIANOScheut Ihr der Entdeckung Gefahr -
ALVIANOso meidet ihn künftig;
ALVIANOdoch jetzt - verzeiht - ! Die Herr'n
ALVIANOvom Rat erwart' ich und mit
ALVIANOdem Notar obliegt mir noch
ALVIANOfestzusetzen der Schenkung
ALVIANOWortlaut und Paragraphe.
Ab.
SYSTEMZWEITE SZENE
GUIDOBALDEs gilt zu handeln.
MICHELOTTOWo nur Vitelozzo bleibt?
PAOLODieser Narr Alviano!
GONSALVOAll' uns're Pläne -
GONSALVOherrlich und kühn ersonnen -
JULIANMeine süsse Ginevra - !
JULIANKrank bin ich vor Sehnsucht.
JULIANUnd dieser Bube Pietro
JULIANzögert - weiss die Madonna,
JULIANwelch schurkische Gründe ihn -
MENALDOEin gefährlicher Kerl!
MENALDODoch gut zu brauchen,
MENALDOgeschickt und verschlagen.
PAOLOMein Argwohn steht fest:
PAOLOMit frecher Hand streift
PAOLOder Bandit von so mancher
PAOLOBlüte, eh' wir sie brechen -
MICHELOTTOVerflucht, Du meinst -
PAOLOIch weiss, was ich sage.
Stimmen draussen vernehmbar.
JULIANIst das nicht - Tamare?
ALLEHalloh! Vitelozzol
SYSTEMDRITTE SZENE
Vitelozzo Tamare hastig hereinstürmend.
TAMAREIch bin verspätet.
GUIDOBALDWir merkens!
GONSALVOUnd ausser Atem!
überschwänglich
TAMAREIhr Freunde -
ALLEWas gibt's?
SYSTEMTAMARE.
ALLEIch bin fassungslos -
MENALDOSancta Maria, was ist gescheh'n?
TAMAREErgriffen -
JULIANO Gott!
MENALDOUnsel'ger!
TAMAREVon soviel Schönheit -
GUIDOBALDAch!
PAOLODacht ich's doch!
TAMAREEin Weib!
PAOLONatürlich!
begeistert
TAMARENein - -
GUIDOBALDEine Göttin!
MICHELOTTOEin Engel!
JULIANEine Blume!
MENALDOWir kennen das!
GONSALVPIch bitte Dich schweig!
empört, Geste
TAMARE- - - - - - -
MENALDOWir kennen die ganze
MENALDOEpistel.
GUIDOBALD's gibt Wicht'geres.
wütend
TAMAREWer sagt das? Was
TAMAREwisst denn Ihr -
PAOLOSo sprich mit Pietro!
ernst
TAMARENennt nicht den Schurken!
TAMAREIhr besudelt der
TAMAREGöttlichen Namen.
MICHELOTTOWie heisst sie?
TAMAREJa, wenn ich's wüsst!
TAMAREDoch - wüsst ich's, ich
TAMAREwürde mich hüten, ihn
TAMAREEuch zu verraten,
TAMAREIhr - Mädchenräuber!
verblüfft durcheinander
ALLEWas - ? Du hast's nötig!
ALLEGanz ausgezeichnet!
PAOLOWo sahst Du die Schöne?
TAMAREAm Municipium
TAMAREritt ich vorbei - ; da
TAMAREfuhren eben, zu irgend
TAMARE'ner Gasterei oder
TAMAREFestivität, der Stadt
TAMAREVäter in goldnen Karossen
zu den anderen
MENALDOOb da nicht - was meint Ihr -
TAMAREIn einer derselben -
TAMAREso hört doch! -
GONSALVO- ein Zusammenhang -
meldend
DIENERDer hohe Rat - und
DIENERder vieledle Herr Podestà!
verblüfft
TAMARETeufel noch mal - !
lachend
JULIANDas heiss' ich Glück!
SYSTEMVIERTE SZENE
Von der einen Seite der Podestà und Senatoren, sowie die Frau des Podestà und Carlotta, von der andern Seite Alviano Salvago und der Notar.
ALVIANOMeinen Gruss, Signori,
ALVIANOund Dank, dass mein schlichtes
ALVIANOHaus gewürdigt ward,
ALVIANOdes Besuch's so illustrer Gäste,
sehr herzlich
PODESTÀEuer schlichtes Haus!
PODESTÀO edler Signor Salvago,
PODESTÀIhr seid zu bescheiden.
PODESTÀDie Pracht der Räume,
PODESTÀdie wir durchschritten,
PODESTÀhat wahrlich nicht ihres-
PODESTÀgleichen in Genua.
ALVIANOEuer Lob beglückt mich -
ALVIANOdoch wollt gestatten:
vorstellend
ALVIANOHier
ALVIANOmeine Freunde - Blüte
ALVIANOGenuas Ritterschaft -
ALVIANOvon ihren Stirnen lest
ALVIANOIhr die Namen erlauchter
ALVIANOGeschlechter -
sich verneigend, dann
PODESTÀUnd hier mein Weib
PODESTÀund mein Kind,
PODESTÀmeine vielliebe Tochter
PODESTÀCarlotta
vertraulich
PODESTÀIch fürchte, Signor,
PODESTÀallzufreien Sinn's mögt
PODESTÀIhr sie finden; sie achtet -
PODESTÀsehr mir zuleide - gering
PODESTÀder Gesellschaft Normen.
PODESTÀBewund'rung Eurer
PODESTÀHochherzigkeit und
schmunzelnd
PODESTÀeine
PODESTÀganz besondere Bitte,
PODESTÀdie sie an Euch -
nicht ohne Verlegenheit
ALVIANOIch heisse die Damen
ALVIANOwillkommen und
ALVIANOwär's mir vergönnt,
ALVIANOzu erfüllen der
ALVIANOSignorina Verlangen -
ALVIANOich priese mich glücklich!
PODESTÀDoch nun, so's Euch genehm,
PODESTÀwollen wir
auf die Senatoren weisend
PODESTÀdelegieret
PODESTÀvom hohen Senate, Euch
PODESTÀüberbringen Dank
PODESTÀund freud'ges Erstaunen
PODESTÀder hohen Versammlung.
PODESTÀEuer Schreiben von gestern
PODESTÀkündet uns eine Schenkung,
PODESTÀso gross und bedeutend,
PODESTÀso unerwartet und selten
PODESTÀin diese Zeiten.
PODESTÀSchwer nur wahrt sich
PODESTÀder Bürger die kärgliche Habe;
PODESTÀunter den Händen zerrinnt
PODESTÀihm das Gold, mühselig
PODESTÀerworben und immer noch
PODESTÀmehren sich drückend die
PODESTÀSteuern und Lasten.
PODESTÀWir haben's getragen,
PODESTÀgeduldig zumeist und
PODESTÀnur selten murrend;
PODESTÀblieb uns als Hort doch
PODESTÀunsrer Familie Heiligkeit
PODESTÀund der Glaube an die Madonna.
PODESTÀDoch da bricht's ein wie
PODESTÀder Wolf in die Herde,
PODESTÀraubt uns die Frauen,
PODESTÀstiehlt frech uns die Töchter
PODESTÀund machtlos - hilflos -
sich besinnend
PODESTÀdoch verzeiht, o Herr,
PODESTÀwenn das volle Herz, bedrängt
PODESTÀvon der Schmach dieser letzten Wochen,
PODESTÀdas Freud'ge so rasch vergisst
PODESTÀund des Unglücks wieder
PODESTÀgewahr wird. Euch unsre Sorgen
PODESTÀzu klagen, ist wahrlich nicht
PODESTÀunsrer Sendung Zweck.
PODESTÀDen ersten Lichtstrahl nach
PODESTÀbangen Tagen -
PODESTÀihn danken wir Euch!
PODESTÀDes Eilands glückkündenden
PODESTÀNamen, wir nehmen ihn
PODESTÀals ein gutes Omen.
erhobenen Tones
PODESTÀSo mög' denn - gestützt
PODESTÀdurch die Kraft, die Recht
PODESTÀverleiht und die Macht
PODESTÀdes Besitzes -
ERSTER SENATORSignor Podestà, es gäb
ERSTER SENATORzu bedenken vielleicht, und
ERSTER SENATORes waren Stimmen -
ein wenig zögernd
ZWEITER SENATORDer Form zu g'nügen
ZWEITER SENATORund den Vertragen müssten
ZWEITER SENATORwir wohl - des Herzogs
ZWEITER SENATORAdorno Genehm'gung -
PODESTÀAh - bei der Madonna -
PODESTÀbald hätt' ich's vergessen!
Alviano beiseite ziehend, gedämpft
PODESTÀEdler Signor Alviano -
zu den Edlen
MICHELOTTODie Geschichte hat -
MICHELOTTOso scheint's -
MICHELOTTOnoch 'nen Haken.
Die Edlen bilden in eifrig flüsternden Gespräch eine abseits stehende Gruppe.
bei Carlotta
TAMAREErinnert Ihr Euch, Signorina,
TAMAREan einen Reiter, heut' früh -
TAMAREdess' Rappe scheute beim
TAMAREAnblick der gold'nen Karossen -
bei Alviano, halblaut
PODESTÀDer Herzog Antonio Adorno -
PODESTÀ- - - das Recht des Einspruchs -
PODESTÀ- - - abhängig sind wir - -
ebenso, jedoch zerstreut
ALVIANOWas könnt' er dagegen - -
bei Carlotta
TAMAREDer Reiter aber sah
TAMAREin zwei blitzende Augen;
TAMAREvergass darob, verwirrt und
TAMAREgeblendet, zu zügeln das Ross -
lachend
CARLOTTA- und hätt' beinah' mit
CARLOTTAunfreiwill'gem Fussfall gehuldigt
CARLOTTAder Schönen - das wart also Ihr?
PODESTÀEin tapf'rer Herr, doch ängstlich
PODESTÀbedacht auf Beliebtheit beim Volk,
PODESTÀnicht grade böse, doch eifersüchtig
PODESTÀund eitel in hohem Masse,
PODESTÀselbst gern fetiert, sieht er's nur ungern -
CARLOTTAIch habe mich sehr amüsiert.
TAMAREIhr seid grausam.
TAMAREUnd wenn nun - vom
TAMAREPferde gestürzt -
TAMAREgebrochen Arm oder Bein -
CARLOTTAIst's Euch ein Blick meiner
CARLOTTAAugen nicht wert?
heiss
TAMAREDas Leben gäb' ich gern
TAMAREfür Euch hin - doch -
CARLOTTAUnd wenn's grade das wär',
CARLOTTAwas ich wollt'? Ihr seid so
CARLOTTAgross, so mächtig und stark -
CARLOTTAso hoch über mir. - Ich muss
CARLOTTAmich strecken - seht - Euch
CARLOTTAnur in die,
spöttisch
CARLOTTAach, so sieges-
CARLOTTAgewissen Augen zu blicken - !
Mit veränderter Stimme, wie ein bittendes verzogenes Kind.
CARLOTTAUnd säh' Euch gern klein und
CARLOTTAniedrig und arm, tief unter
CARLOTTAmir, meinen Füssen erreichbar -
finster
TAMAREDie Toten sind arm.
CARLOTTAAber tot und stumrn.
CARLOTTAUnd ich liebe die Seele, die
CARLOTTAringt und sich quält, sich
CARLOTTAopfert und leidet um Minnelohn.
CARLOTTASeid Ihr 'mal gestorben,
CARLOTTAwas nützt Euch dann -
CARLOTTAmeine Liebe?
rauh, hervorgestossen, in höchstem Unbehagen.
TAMAREIhr seid des Teufels, Jungfrau!
TAMAREDie Antwort -
TAMAREich will sie bedenken
mit Bedeutung
TAMAREund
TAMAREgeb sie Euch morgen.
Will ab.
GUIDOBALDHalt, Vitelozzo, was eilst du?
Sie umringen Tamare im Hintergrunde der Bühne und sprechen auf ihn ein.
durcheinander
MENALDO, JULIAN, GONSALVO, MICHELOTTO, PAOLOSo hör' doch! Wir sind in Gefahr. Er liefert uns aus - diesen lumpigen Bürgern!
MENALDO, JULIAN, GONSALVO, MICHELOTTO, PAOLODer Eingang zum
MENALDO, JULIAN, GONSALVO, MICHELOTTO, PAOLOunterirdischen Saal!
MENALDO, JULIAN, GONSALVO, MICHELOTTO, PAOLOWir müssen's hindern - - !
man hält ihn
TAMAREBei der Madonna, so lasst mich -
reisst sich los
eindringlich
GUIDOBALDSprich mit Adorno -
sehr aufgeregt
TAMARETut was Ihr wollt -
TAMARElasst mich aus dem Spiel!
MENALDOAber Du - ein Wort!
zornig
TAMAREIch weiss nichts, ich will nichts - -
TAMAREich bin verliebt - ich liebe -
TAMAREhört Ihr? Die Pest in Euch!
Ab.
mit Alviano nach vorne kommend
PODESTÀSo bleibt es dabei! Ihr
PODESTÀverzieht einen Tag noch.
PODESTÀDer Senat erbittet
PODESTÀvorher die Genehm'gung
PODESTÀdes Herzogs - - -
Lakaien öffnen die Flügeltür im Hintergrunde, ein zweiter Saal mit einer festlich angerichteten Tafel wird sichtbar.
PODESTÀund heut abend seid Ihr
PODESTÀmein lieber Gast -
ALVIANOWie Ihr nun der meine.
ALVIANOIch bitte die edlen Gäste,
ALVIANOmeine Einladung nicht
ALVIANOzu verschmäh'n, ein
ALVIANOeinfaches Mahl!
gehaucht
ALVIANOSignorina - Euren Arm!
Er reicht Carlotta ein wenig befangen seinen Arm. Der Podestà bietet den Arm seiner Frau. Die Anderen folgen. Die Lakaien schliessen wieder die Tür.
SYSTEMFÜNFTE SZENE
Martuccia. Pietro.
in heftigem Streit begriffen, beschwichtigend
PIETROHolde Martuccia!
mit einer Schürze, sehr echauffiert, alte Jungfer
MARTUCCIADu Lump! Gauner! Verbrecher! Lass mich!
erschrocken
PIETROIch bitt' Dich, schweig still!
PIETROIch mag nicht erkannt sein.
PIETRODein Gebieter, der kleine
PIETROKrüppel, den bösen Blick
PIETROfürcht' ich an ihm wie die Pest -
MARTUCCIADu Ungeheuer! Betrüger!
MARTUCCIADu Dieb! Wenn Du nicht hältst
MARTUCCIADein gottloses Maul
MARTUCCIAund den Herrn beschimpfst,
MARTUCCIAgeh' ich Dir zu Leibe,
MARTUCCIADu Elender, Du! Du Ehrvergessner!
MARTUCCIADie ganze Nacht hab' ich geharrt,
MARTUCCIAden roten Shawl liess ich weh'n
MARTUCCIAim Wind vergeblich bis früh
weicher
MARTUCCIAund einen Schinken
MARTUCCIAhab ich bereitet -
gerührt
PIETROEinen Schinken - o Gott - !
PIETRODoch wenn Du erst hörst,
PIETROwas mir widerfahren
wieder wütend, scharf akzentuiert
MARTUCCIAUnd jetzt - wo das
MARTUCCIAHaus voller Gäst', ich alle
MARTUCCIAHänd' voll zu tun - kommt er
MARTUCCIAdaher, der - -
entsetzt
PIETRODas Haus voller Gäst?
PIETROWer ist da?
MARTUCCIAZittere, Bube - der hohe Senat!
erleichtert
PIETRODer Senat! Doch die Ritter?
MARTUCCIASind da!
entgeistert
PIETROSind da!
MARTUCCIAUnd ich schwatz' mit dem Kerl -
MARTUCCIAstatt -
PIETROIch muss fort.
MARTUCCIAAha!
dringend
PIETRODoch hör', Martuccia -
PIETROhör', ich beschwör' Dich:
nahe bei ihr
PIETROIch bin in Bedrängnis.
PIETROIn dieser Stadt ist
PIETROein anständ'ger Mensch
PIETROseines Lebens nicht sicher.
PIETROMan interessiert sich für mich, -
PIETROallzu sehr, wie mir scheint -
PIETROund zu alldem verfolgt
PIETROmich seit Tagen - ein Weib -
MARTUCCIAWas?
PIETROJawohl, eine Dame - eine
wirft sich in die Brust
PIETROvornehme Dame - ;
PIETROdas heisst - nicht mich -
PIETROsondern den - für den sie
PIETRO- mich hält - und sie glaubt,
PIETROich sei - der Ritter Menaldo.
starr, ihn musternd
MARTUCCIANein - diese Frechheit - !
PIETRODa hast Du recht, eine
PIETROfreche Person -
wütend
MARTUCCIANein! Du! Du! Du Schuft -
nachäffend
MARTUCCIA"Der Ritter Menaldo !"
sie lacht grimmig
PIETROSie hat sich's nun in den
PIETROKopf gesetzt, mich, das
PIETROheisst - den Ritter Menaldo,
PIETROzu verklagen bei Herzog
PIETROAdorno - und geht nicht
PIETROvon mir und Iässt mich
PIETROnicht aus - und sperr' ich
PIETROsie ein in meinen Palazzo
PIETROda drauss' vor den Toren -
PIETROwie leicht könnt's gescheh'n - -
PIETROdie Polizei - neu'stens auf
PIETROMädchenräuber erpicht -
PIETROhält mich für einen - hält
PIETROmich für einen - und
PIETROknüpft mich auf!
sehr erschrocken
MARTUCCIAOh - !
PIETRODas kannst Du nicht wollen.
PIETRODu - die Du mich liebst!
PIETRONimm' sie auf bei Dir! -
MARTUCCIAWas - ? wen? -
PIETROSie ist hier!
perplex
MARTUCCIAWer - wo?
PIETRODas Frauenzimmer - die
PIETRODame - bewahr' sie dem
PIETRORitter - Menaldo - ich fliehe!
PIETRODoch - heute Nacht - geheim
PIETROund verstohlen - ich schwör'
PIETROes - bin ich bei Dir -
Rasch ab, jedoch bei einer andern Tür, als er gekommen.
ratlos
MARTUCCIAHeute Nacht -
jammernd
MARTUCCIAAh - ah - ah - der Verbrecher!
MARTUCCIAWas fang ich nur an!
MARTUCCIAOh - oh - !
ab
Draussen vermischt sich ihre Stimme mit einer zweiten Frauenstimme, die zuerst aufgeregt auf sie einredet; man hört den Namen "Adorno". Die Stimmen besänftigen sich dann, werden schwächer und verlieren sich.
SYSTEMSECHSTE SZENE
sich das Lachen verbeissend, aus dem Saal
CARLOTTAIhr seid köstlich, Signor
CARLOTTAAlviano - nein wirklich -
ihr folgend
ALVIANOSo ist Euch schon besser?
lacht, ihr Lachen klingt unnatürlich, übertrieben
ALVIANOIch erschrak -, Ihr grifft
ALVIANOEuch plötzlich ans Herz
ALVIANOund wurdet ganz blass - .
schwer atmend
CARLOTTAAch - Kindskopf -
CARLOTTAmir ist wohl wie
CARLOTTAdem Fisch im Wasser,
CARLOTTADoch sagt' Euch mein Vater
CARLOTTAnicht von einer Bitte?
ALVIANOJa, - freilich.
CARLOTTASo rasch vergesst Ihr
CARLOTTAsolch' wichtige Sachen?
verlegen
ALVIANONein - doch -
CARLOTTANun seht - vor den vielen
CARLOTTALeuten - es wär' nicht
CARLOTTAgegangen! Und da all'
CARLOTTAmein Blinzeln, verstohlenes
CARLOTTAWinken, mein Fragen, ob
CARLOTTAIhr nicht hättet in Eurem Besitz
CARLOTTAein Bild, eine selt'ne
CARLOTTASkulptur, mir zu zeigen -
CARLOTTAnichts half, verfiel ich darauf -
befremdet, errötend
ALVIANOAh - wahrlich! Für einen
ALVIANOTölpel müsst Ihr mich halten,
ALVIANOlebensunkundig, einfältig
ALVIANOund albern. - Doch selten nur
ALVIANOblüht mir Umgang mit schönen
ALVIANOFrauen - so kommt's - dass -
ALVIANObegreift Ihr - ?
CARLOTTAIch begreife - doch hört nun!
CARLOTTAIch male. Ja, wahrhaftig, - blickt nicht
CARLOTTAso erstaunt - ich male Bilder.
CARLOTTATiere und Menschen,
CARLOTTABäume und Seen -
CARLOTTAden Himmel, das Licht -
CARLOTTAdoch am liebsten
CARLOTTAmale ich -
still
CARLOTTASeelen.
ALVIANOUnd könnt Ihr das -
ALVIANOich meine - gelingt's Euch -
ALVIANOSeelen zu malen?
CARLOTTAWeiss nicht, ob ich's kann -
CARLOTTAund wenn's nicht gelingt -
CARLOTTAliegt's, so dünkt mich, nicht
CARLOTTAimmer an mir; man
CARLOTTAfindet so schwer - die Modelle,
CARLOTTANur einmal - da schien
CARLOTTAes geglückt; das Bild erstand,
CARLOTTAso wundersam fein -
CARLOTTAnur ein hässlicher Schatten,
CARLOTTAzwischen Kinn und Mund -
CARLOTTAsehet - da - und wie ich auch
CARLOTTAsann und mich bastelnd mühte -
CARLOTTAer kam immer wieder.
CARLOTTASchon glaubt' ich ihn fort und für
CARLOTTAimmer gebannt - da -
CARLOTTAunversehens - tückisch schleicht's
CARLOTTAaus den Pinseln und setzt sich fest!
CARLOTTADas Bild gab ich auf; hab' dann
CARLOTTAlang nichts versucht mehr - -
CARLOTTAdoch
faszinierend
CARLOTTAEuch - Euch möcht' ich
CARLOTTAgern - malen.
wie von einer Tarantel gestochen
ALVIANOMich - ? Alle Teufel -
ALVIANOseid Ihr von Sinnen?
giftig
ALVIANOGanz recht! - So musst's
ALVIANOkommen. Glaubt' ich doch
ALVIANOschon - Ihr nähmet mich ernst, -
ALVIANOwär't anders, als wie die Andern -
ALVIANOdie Schlangen, mit sanften Gesichtern,
ALVIANOlockenden Augen und Herzen
ALVIANOwie Teufel - doch eben -
ALVIANOerkannt ich's - derselbe Blick
sehr erschreckt
CARLOTTAUrn Gotteswillen -
CARLOTTAbesinnt Euch - !
scharf, schneidend
ALVIANOVielleicht als Narr
ALVIANOin einem Gemälde, unter
ALVIANOschönen Herren und Frauen,
ALVIANOwirksam als Kontrast -
ALVIANOmit 'ner Kappe und Schellen -
ALVIANOder Buckel passte nicht schlecht -
ALVIANOzum Gespött der Leute -
ALVIANOverewigt für alle Zeiten!
stark
CARLOTTAJetzt schweigt! Vergesst
CARLOTTAnicht, dass mit einer Dame
CARLOTTAIhr sprecht. Ihr tut mir -
CARLOTTAunrecht - hört mich zu Ende!
setzt sich mit verbissenem Lachen in eine Ecke.
CARLOTTADort, wo die Stadt weit wird,
CARLOTTAund der Blick sich auftut
CARLOTTAauf die Campagna - hab' ich
CARLOTTAals Werkstatt ein kleines
CARLOTTAHäuschen. In zeit'ger Frühe,
CARLOTTAwenn einsam und leer
CARLOTTAnoch die Gassen und Plätze,
CARLOTTAdas bIass-fahle Licht des frühen
CARLOTTAMorgens matt und milde
CARLOTTAdie Leinwand umspielt,
CARLOTTAdünkt's mich zur Arbeit die
CARLOTTArechte Zeit. An meinem
CARLOTTAHäuschen vorbei führt ein
CARLOTTAWeg, gesäumt von hohen Zypressen -
CARLOTTAden kennt Ihr wohl -
CARLOTTAIhr schrittet ihn oft.
CARLOTTAScheu und gebückt
CARLOTTAin Gedanken versunken -
CARLOTTAplötzlich misstrauisch musternd
CARLOTTAdie Fenster, deren Gardinen
CARLOTTAdie Späherin bargen -
CARLOTTAdoch Ihr saht sie nicht.
CARLOTTADa stieg auf, purpurn glühend -
CARLOTTASchleier in tausend Farben,
CARLOTTAschillernd, leuchtende Nebel,
CARLOTTAgespenstischen Herolden
CARLOTTAgleich, zogen, ihr Nahen
CARLOTTAkündend, voran - - die Sonne.
CARLOTTAUnd ein zweites Wunder
CARLOTTAgeschah - : Ich sah - wie der
CARLOTTAkleine, armsel'ge Wand'rer
CARLOTTAsein Haupt hob. Jeder Muskel
CARLOTTAspannte sich straff in dem
CARLOTTAschmächtigen Körper - die
CARLOTTAArme stiegen an, hoch
CARLOTTAzum Himmel gebreitet.
CARLOTTASo schritt er hinein in den
CARLOTTAGlast, der Sonne entgegen;
CARLOTTAund grösser und grösser
CARLOTTAsah ich ihn werden -
CARLOTTAriesenhaft wuchs die Gestalt, -
CARLOTTAmir klopfte das Herz - .
CARLOTTASo malte ich Euch, Signor
CARLOTTAAlviano. So malte ich Eure
CARLOTTAGestalt, entgegenschreitend
CARLOTTAder Sonne. Doch mir fehlt noch
CARLOTTAdas Antlitz, und - mir fehlt
CARLOTTAnoch das trunkene Auge,
CARLOTTAdarin all die Schönheit sich
CARLOTTAspiegelt.
zitternd
ALVIANO- - - Ich bin beschämt -
ALVIANOich weiss nicht - - verzeiht mir -
ALVIANOmir war noch nie so - zu Mut -
ALVIANOim Leben - - !
zart
CARLOTTAWollt Ihr kommen - in meine
CARLOTTAWerkstatt - dass ich - das Bild -
CARLOTTAvollende - - ?
sich über ihre Hand beugend, leise
ALVIANOIch will - gern kommen.
Der Vorhang fällt langsam.
SYSTEMZWEITER AKT
Halle im Palast Adorno
SYSTEMERSTE SZENE
Der Podestà und die drei Senatoren kommen erregt und aufgebracht aus dem Gemache des Herzogs.
PODESTÀEr spielt mit uns,
PODESTÀWie die Katz' mit der Maus -
ERSTER SENATORAllzu mächtig ist er geworden,
ERSTER SENATORder hohe Herr!
ZWEITER SENATORSein letzter Sieg über
ZWEITER SENATORBranciforte stieg ihm zu Kopf.
DRITTER SENATORVerwöhnt hat ihn das Volk.
PODESTÀImmerhin - es schuldet
PODESTÀihm Dank.
wegwerfend
ERSTER SENATOREs bezahlt ihn.
ZWEITER SENATOREin adliger Söldner -
ZWEITER SENATORnichts weiter.
DRITTER SENATORWie steht die Sache?
PODESTÀEr sprach sich nicht aus;
PODESTÀnicht für und wider.
PODESTÀ"Einerseits - sei es erfreulich
PODESTÀfür Genuas Volk,
PODESTÀanderseits müsst es der
PODESTÀAdel bedauern,
PODESTÀwenn ein wertvoll Stück
PODESTÀGrund und Boden
PODESTÀverloren ihm ginge.
PODESTÀSein - des Herzogs - Herz
PODESTÀspräche fürs Volk -
PODESTÀentschiede zu seinen
PODESTÀGunsten; Billigkeit aber
PODESTÀund Rücksicht auf seine
PODESTÀFreunde geböten ihm
PODESTÀVorsicht - er müsse es
PODESTÀ"noch bedenken und
PODESTÀsich beraten" - und
PODESTÀähnliche Phrasen.
bitter
ERSTER SENATOREr neidet uns herzlich
ERSTER SENATORdie Schenkung.
ZWEITER SENATORDie ganze Geschichte
ZWEITER SENATORist ihm zuwider.
ERSTER SENATORDer Mann des Tages
ERSTER SENATORist Alviano Salvago!
DRITTER SENATORDie ganze Stadt
DRITTER SENATORpreist seinen Namen.
ZWEITER SENATORVolkstümlich ward er
ZWEITER SENATORmit einem Mal.
ZWEITER SENATORERSTER und DRITTER SENATOR
nickend
ZWEITER SENATORDas ist's - !
nickt ebenfalls
PODESTÀDas ist's - !
ZWEITER SENATORAls gestern abend
ZWEITER SENATOREuch zu besuchen,
ZWEITER SENATORSalvagos Karosse fuhr
ZWEITER SENATORdurch die Strassen -
ZWEITER SENATORward er erkannt -
DRITTER SENATORMan jubelt' ihm zu -
ERSTER SENATORWarf ihm Blumen!
PODESTÀEs ist ihm zu gönnen.
ZWEITER SENATOREin Mann voll Güte
ZWEITER SENATORund stiller Grösse!
ERSTER SENATORÜbel behandelt vom Schicksal!
PODESTÀMeine Tochter Carlotta,
PODESTÀnicht leicht zu erobern,
PODESTÀoft sprach sie von ihm -
PODESTÀsein Wesen ahnend -
PODESTÀnun hat er im Sturm
PODESTÀsie gewonnen.
scharf
DRITTER SENATORDer Herzog Adorno
DRITTER SENATORmöge sich hüten!
ERSTER SENATORVolksgunst ist schwankend
ERSTER SENATORund leicht zu gefährden.
ZWEITER SENATORSein Einspruch könnt'
ZWEITER SENATORBöses zur Folge haben!
DRITTER SENATOREin Veto in diesem Fall
DRITTER SENATORhiesse Raub!
ERSTER SENATORMan wird es nicht dulden - .
im Abgehen begriffen
ZWEITER SENATOREr möge sich hüten, der
ZWEITER SENATORHerzog Adorno!
Alle ab.
SYSTEMZWEITE SZENE
der schon während des letzten mit Tamare aufgetreten ist und die drohenden Phrasen gehört hat.
ADORNOHast du's gehört?
ADORNODies ist die Stimmung.
TAMAREMacht Euch bange das Pack?
aufmerksam
ADORNODu sprachst gestern anders?
grimmig
TAMAREJa - gestern
unwirsch
TAMAREerinnert mich nicht!
mit sanftem Vorwurf
ADORNOSprichst Du so mit dem Freund?
TAMAREVerzeiht! Doch it's nicht genug,
TAMAREdass ich selbst mich verachte?
TAMARESoll Euer Spott mir die Wunde
TAMAREätzen, und meiner Freunde
TAMAREGelächter zur Tollheit mich treiben?
ADORNOWas ist Dir, Tamare?
ADORNOIch erkenn' Dich nicht wieder.
ADORNOMeines Hofes glänzendster
ADORNOKavalier, wie kein Zweiter
ADORNOgeehrt, geliebt, von den Frauen
ADORNOvergöttert, stets gelaunt
ADORNOzu den tollsten Streichen -
TAMAREEs gibt Menschen, Herzog,
TAMAREdie sehen nur Licht - und
TAMAREdas Dunkel ist ihnen fremd.
TAMARESolch einer war ich. Das Leben
TAMAREschien mir ein Born der Freude,
TAMAREaus dem ich trank mit durstigen
TAMAREZügen; sorglos, ohn' Besinnen.
TAMAREReckt ich die Hand aus,
TAMAREhielt ich die Rose, sog
TAMAREihren Duft und
TAMAREzerwühlte die Blüte.
TAMARELiess ich mich fallen,
TAMAREfiel ich auf Moos;
TAMAREmich mieden die Dornen
TAMAREund spitzen Steine.
TAMAREKlagte ein Freund mir
TAMAREvon Leid und Schmerzen -
TAMAREhört ich ihn wohl - doch
TAMAREverstand ihn nicht.
TAMAREUnd nun hab' ich mit einem Mal
TAMAREerfahren alle Qual der
TAMAREHölle, Demüt'gung und Schmach.
ungeduldig
ADORNOErkläre Dich deutlich - !
ADORNODu weisst ich bin mächtig.
TAMAREDa hilfst Du
TAMAREmir nicht, und wärst Du
TAMAREKaiser und Papst zugleich.
TAMAREDoch urteile selbst:
TAMAREHerrlich und schön,
TAMAREwie der Tag - doch - unebenbürtig mir,
TAMAREein bürgerlich Kind.
ADORNONun ja - und was weiter?
TAMAREAls ich zum ersten Male
TAMAREsie sprach, da hab' ich sie, glaub'
TAMAREich, nicht recht verstanden.
TAMARESie heischte ein Opfer
TAMAREals Pfand meiner Liebe -
TAMAREdoch was sie begehrte -
TAMAREungereimt Zeug, Wahnsinn -
TAMAREgeboren vom Augenblick -
TAMAREmüht ich mich zu ergründen,
TAMAREauszudeuten nach Regeln
TAMAREhöfischer Sitte. Nach einer Nacht,
TAMAREdurchwacht in Kämpfen,
TAMAREglaubt' ich's gefunden.
TAMAREUnd schwang mich auf's Pferd,
TAMAREfrei und stolz wie ein Gott,
TAMAREvon edlen Gefühlen die
TAMAREBrust geschwellt.
TAMAREUnd ritt durch die Stadt;
TAMAREversunken in Träumen
TAMAREformt ich die Werbung, und sah
mehr und mehr in Selbstironie verfallend
TAMAREdie Schöne beglückt erröten,
TAMAREfassungslos und gerührt
TAMAREob der hohen Ehr': Ein
TAMAREGraf Andrae Vitelozzo
TAMARETamare beut Herz und Hand -
ADORNODu bist wahrlich verrückt!
TAMAREGedulde Dich, Herzog!
TAMAREAls ich hintrat vor sie,
TAMAREwie das erste Mal schon -
TAMAREbefiel mich Zagen.
TAMAREIhr seltsamer Blick,
TAMAREihr kühl staunend Lächeln
TAMAREverwirrten mich.
TAMAREDoch, um zu bergen
TAMAREmein kleinmütig Herz,
TAMAREgab ich mich stolz,
TAMAREhochfahrend und rauh,
TAMAREsprach von dem Opfer,
TAMAREdas ich ihr brächte,
TAMAREärger als Selbstverstümmlung
TAMAREund Tod. - Und da ich mir
TAMAREglücklich ihr "Nein" geholt,
TAMAREverlor ich vollends den
TAMAREletzten Rest von Besinnung:
TAMAREWarf mich hin, ihr zu Füssen,
TAMAREvon all meinen Gütern und
TAMAREreichen Schätzen stammelt
TAMAREich wild wirre Worte.
TAMAREIhre Knie umfangend
TAMAREfleht ich sie an um
TAMAREVerzeihung und Gnade! -
ADORNOTamare, so fass Dich - hörst Du -
ADORNOVitelozzo? - Wer ist - diese Frau?
TAMAREDes Podestà - Tochter - Carlotta.
sehr erstaunt
ADORNOAh - - !
nachdenklich
ADORNOEin grosser Maler
ADORNOnannte mir einmal
ADORNOihren Namen als den
ADORNOeiner selt'nen Begabung.
ADORNOIch möchte Dich warnen
ADORNOaus manchem Grunde,
ADORNOwüsst ich nicht, wie
ADORNOvergeblich solch Tun
ADORNOund wie verhasst der
ADORNOWarner dem, der
ADORNOda unglücklich liebt.
ADORNODrum will ich lieber
ADORNODir helfen, statt raten.
ungläubig
TAMAREAh - wenn Du könntest -
ADORNOIch werbe für Dich.
TAMAREDu kennst diese Frau nicht.
ADORNODoch kenn' ich - die Frauen.
ADORNODrum hoff' ich für Dich;
ADORNOdoch - versprich mir eins:
ADORNOIst die Botschaft schlecht,
ADORNOund kehr ich zurück
ADORNOmit leeren Händen,
ADORNOso wüte nicht gegen
ADORNODich und mich -
ADORNOsei stark, verzweifle
ADORNOnicht, wirf's hinter Dich -
ADORNOund vergiss diese Frau!
grimmig
TAMAREHöre, Herzog - ich will
TAMAREsie vergessen - ich will -
langsam
TAMAREsie vergessen. - -
mit höchstem Nachdrucke
TAMAREDoch erst
TAMAREbis sie - mein ward.
TAMAREBis ihres Mundes Odem
TAMAREich in mich getrunken;
TAMAREbis diese Hände getränkt sind
TAMAREvom Duft ihres Haares,
TAMAREbis diese Frau, will sie
TAMAREmein Weib nicht sein,
TAMARE- meine Dirne ward!
rasch abwehrend
ADORNODas gäb' böses Blut!
ADORNOWir sind gebunden
ADORNOan Recht und Gesetz
ADORNOwie alle, die andern;
ADORNOvergiss das nicht.
ADORNODie Bürgerschaft ist
ADORNOunruhig und
ADORNOarg verstimmt, und
ADORNOmeine Leute sind
ADORNOdraussen im Feld.
ADORNODes Podestà Tochter - !
ADORNOBedenke!
TAMAREDoch wenn man nicht
TAMAREahnt, wer der Täter,
TAMAREwenn keine Spur
TAMAREihn verrät -
ADORNODas entdeckt sich bald.
TAMAREEi, Herzog, wie kommt's
TAMAREdann, dass
TAMAREseit Wochen Genuas
TAMAREschönste Mädchen
TAMAREspurlos verschwinden?
TAMAREErst gestern wieder -
auffahrend
ADORNOWas - gestern - ?
ADORNOEs ward mir noch
ADORNOnichts gemeldet -
TAMAREEh' ich heraufkam
TAMAREzu Dir, sprach sich's
TAMAREbereits herum in
TAMAREder Stadt. Des reichen
TAMAREScotti Tochter Ginevra -
TAMAREist plötzlich verschwunden
TAMAREund seltsam ist nur,
TAMAREdass wir selbst nicht
TAMAREwissen - wohin.
argwöhnisch, Tamare von der Seite musternd
ADORNOWas heisst das?
ADORNOSeid Ihr denn sonst
ADORNOso genau unterrichtet?
losbrechend
ADORNOAh, meine Ahnung!
ADORNODacht ich's doch, dass
ADORNObei diesen Freveln
ADORNOEure ruchlose Sippe
ADORNOdie Hand im Spiel hat!
TAMAREDu bringst mich zum Ziel.
TAMAREMeine Freunde sandten
TAMAREmich her, Dich zu bitten:
TAMAREDu mögest hindern, dass
TAMAREAlvianos Eiland "Elysium",
TAMAREübergeh' in der Stadt Besitz.
ADORNOAlle Teufel, was hat Salvago,
ADORNOwas hat das Eiland zu tun
ADORNOmit Euren verruchten Streichen?
verhalten.
TAMAREHerrliche unterirdische
TAMARERäume, eigens geschaffen
TAMAREzu Liebesfesten, erschliesst
TAMAREeine künstliche Grotte,
TAMAREauf jenem Eiland.
TAMAREBetrittst Du die Grotte,
TAMAREumglitzert dein Auge
TAMAREein blauer Schein.
TAMARESchwere Düfte verwirren
TAMAREdie Sinne Dir, Irrlichtern
TAMAREgleich locken rötlich
TAMAREzuckende Flammen,
TAMAREferne Musik und
TAMAREleise Gesänge Dich
TAMAREtiefer und tiefer.
TAMAREÜber einen Abgrund hin
TAMAREführt ein schmaler Steig
TAMAREzum Eingang der Höhle;
TAMAREdichte Rosengehege
TAMAREverschleiern ihn Deinen
TAMAREBlicken - doch entdeckt
TAMAREman der Grotte Geheimnis -
verhalten
TAMAREso sind wir verloren.
frei
ADORNOUnd weiss - Salvago
ADORNOvon Eurem Treiben?
TAMARESalvago - ha, ha! -
TAMAREEin Spiel der Natur,
TAMAREwenn Du willst,
TAMAREeine seltsame Laune.
TAMAREGenuas hässlichster
TAMAREMann - ist der Schöpfer des Abenteuers,
TAMAREdieses verwirklichten
TAMARESchönheitsgedankens.
starr
ADORNOUnd er selbst -
TAMAREEr selbst - hält sich fern.
TAMAREHat wohl schon bereut -
TAMAREdoch begreife ich's nicht.
ekstatisch
TAMAREDer Schein der Fackeln
TAMAREvergoldet alles.
TAMAREIm Taumel der Orgie
TAMAREwird hässlich schön
TAMAREund das Schöne wird
TAMAREhässlich. Die Gegensätze
TAMAREschwinden im Rausch.
scharf
ADORNOUnd dieser Narr Salvago -
ADORNOnachdem er gezüchtet
ADORNOauf seinem Grunde
ADORNOSumpfblüten des Lasters,
ADORNOGiftkraut der Sünde -
ADORNOgibt er ihn preis, und
ADORNOsich selbst, und Euch?
begütigend
TAMAREEr hat uns gewarnt,
TAMAREdoch hat nicht bedacht,
TAMAREwie schwer einzudämmen
TAMARELeidenschaft, einmal
TAMAREentfesselt.
ausser sich
ADORNODas ist mein Fluch:
ADORNOEure Masslosigkeit,
ADORNOEure wilde Brunst
ADORNOdrängt mich zu Taten,
ADORNOdie ich verdamme!
ruhig im Ausdruck
ADORNOIch will retten, was
ADORNOnoch zu retten ist.
ADORNOWas Dir ich versprach,
ADORNOwill ich halten, weil
ADORNODeine Liebe Dich trennt
ADORNOvon dem Kreis der
ADORNOVerbrecher, und weil
ADORNOwir Freunde seit
ADORNOjungen Tagen.
ADORNODoch hüte Dich
ADORNOVitelozza, Du bist gewarnt -
ADORNOvor Gewalt.
spöttisch
ADORNOSalvago mag seinem
ADORNOSchenkungsdrange
ADORNOEinhalt gebieten für
ADORNOlange Zeit;
höhnisch drohend
ADORNOer wird sich
ADORNOfügen - der Volksbeglücker,
ADORNOsonst wehe ihm und
ADORNOwehe Euch allen!
Rasch ab in seine Gemächer.
macht eine Bewegung als wolle er ihn zurückhalten, geht aber dann mit einer sorglosen Geste nach hinten ab.
SYSTEMZwischenvorhang
Carlottas Atelier.
Alviano in ungezwungener Stellung.
Carlotta in eifriger Arbeit begriffen, wirft von Zeit zu Zeit einen Blick auf sein Antlitz und spricht während des Malens in leichtem Tone, hie und da, durch ihre Arbeit zu sehr gefesselt, in der Rede stockend.
CARLOTTAUns're Zeit ist voll seltsamer Dinge. - -
CARLOTTAIch kannt' eine Frau,
CARLOTTAsie lernte malen
CARLOTTAgleich mir an Antwerpens
CARLOTTASchule - die malte Hände.
CARLOTTAFeine, schlanke, mit
CARLOTTAzartem blauen Geäder,
CARLOTTAgrobe, derbknochige
CARLOTTAMännerfäuste, die
alles im leichten Plauderton, jeden dramatischen Ausdruck vermeidend
CARLOTTAberingte Hand eines
CARLOTTAWeibes, üppig und
CARLOTTAweich, mit Nägeln,
CARLOTTAspitz und rosig, blinkend
CARLOTTAwie Tropfen blassen Blutes.
CARLOTTAEine Hand sah ich da,
CARLOTTAdie krallte sich fest
CARLOTTAin blühendes Fleisch
CARLOTTAund eine and're, die
CARLOTTApflückte mit sanften
CARLOTTAFingern, aus grünem
CARLOTTAGebüsch sich reckend, ein Reis.
CARLOTTAAus nebligen Wänden
CARLOTTAgriffen Hände in's Nichts,
CARLOTTAabwehrend, winkend,
CARLOTTAflehend und drohend;
CARLOTTAaus Fluten tauchten sie
CARLOTTAauf wie in Kampf
CARLOTTAund Verzweiflung,
CARLOTTAund zwei Hände, eng
CARLOTTAineinander verflochten,
CARLOTTAdie waren gemalt
CARLOTTAwie ein wogendes Meer.
CARLOTTADoch das Seltsame war
CARLOTTAein Bild: Eine Hand
CARLOTTAbleich und wächsern,
CARLOTTAwie die eines Toten,
CARLOTTAmit unheimlich langen
CARLOTTAdürren Fingern,
CARLOTTAhielt ein Etwas umkrampft,
CARLOTTAwas man nicht sah.
CARLOTTANur ein schwach purpurn
CARLOTTALeuchten sickerte
CARLOTTAdurch die gespenstischen
CARLOTTAFinger, doch dieser
CARLOTTASchein war wie stumme
CARLOTTAKlage, wie unterdrücktes
CARLOTTAwimmerndes Weinen
CARLOTTAund wie ein Schrei, verhalten
CARLOTTAund todesbang, wie ein
CARLOTTAverhaltener Schrei nach Erlösung.
CARLOTTA- Wollt Ihr, Signor,
CARLOTTAnicht ein wenig heben
CARLOTTAden Kopf. - So, ich
CARLOTTAdank' Euch - ist's besser. -
ALVIANODoch des Bildes Bedeutung?
CARLOTTADie Ärmste hat wohl
CARLOTTAnie empfunden,
CARLOTTAwas den Künstler
CARLOTTAbegeistert zu grossen
CARLOTTATaten: Der Liebe Glück,
CARLOTTAoder Sehnsucht nach solchem.
CARLOTTASie hatte wohl gar ein
CARLOTTAgeheimes Bangen, es könnte
CARLOTTAauf ihren Lebenswegen
CARLOTTAihr einmal begegnen
CARLOTTAein mächtig Geschehen;
CARLOTTAirgend ein sinnbetörender
CARLOTTAZauber, dem sie erliege.
leise, halb für sich
ALVIANOWie seltsam - Angst
ALVIANOvor Glück?
CARLOTTADie treibende Kraft
CARLOTTAdieses armen Lebens
CARLOTTAwar Gier nach Ruhm;
CARLOTTAund die Quelle, aus der
CARLOTTAes schöpfte war Leid -
CARLOTTAnicht seelisch - ein
CARLOTTAkörperlich Leiden.
ALVIANOEure Hand Signorina,
ALVIANOist nicht so ruhig, wie
ALVIANOEure Stimme, wollt
ALVIANOIhr mit dem Malen -
hastig
CARLOTTANein, nein! Ihr irrt Euch!
CARLOTTAMeine Hand ist ganz ruhig
CARLOTTAund die Geschichte ist gleich -
CARLOTTAzu Ende. Meine Freundin
CARLOTTAkrankte seit früher Jugend
CARLOTTAam Herzen. Das wollt'
CARLOTTAallzuoft gar zu stürmisch
CARLOTTAschlagen; und manchmal
CARLOTTAwar ihr, als griff' eine Hand,
CARLOTTAeine harte, unbarmherzige
CARLOTTAHand, nach dem zuckenden
CARLOTTADing und krampft es
CARLOTTAzusammen, furchtbar
CARLOTTAund wehe, auf dass es
CARLOTTA- - zur Ruh' käm!
CARLOTTASie hat diese Hand, diese
CARLOTTAgrausame Hand, und hat -
CARLOTTAihre Schmerzen gemalt.
ALVIANOUnd ob Ihr auch leugnet -
ALVIANOIhr seid bewegt -
ALVIANOso ging es Euch nahe - ?
CARLOTTASie war mir lieb -
ALVIANOSo ist sie gestorben? -
CARLOTTA- - - Ich glaube - sie lebt noch.
plötzlich, wie sich losreissend, ganz veränderten Tones
CARLOTTADoch Signor, Euch
CARLOTTAzu malen ist wahrlich
CARLOTTAkein Kinderspiel.
CARLOTTAWie ein Verliebter
CARLOTTAsucht seines Idols
CARLOTTABlick, so hasch' ich nach
CARLOTTAEurem. Doch der weicht
CARLOTTAmir aus und flackert
CARLOTTAumher, unstet und
CARLOTTAirrlichternd.
ausweichend
ALVIANOVielleicht - bin ich müde.
CARLOTTASo setzt Euch zu mir -
CARLOTTAkommt, lasst uns rasten;
CARLOTTAund seid nicht so schweigsam
CARLOTTAund scheu, Cavalière!
CARLOTTAWie war't ihr doch gestern
CARLOTTAAbend aufgeräumt
CARLOTTAund voll Laune! Wollt'
CARLOTTAIhr Wein?
Sie bringt Wein in einer Karaffe und Gläser.
CARLOTTASeht - höchst-
CARLOTTAeigenhändig kredenz' ich
CARLOTTAEuch roten Falerner.
CARLOTTAUnd nun trinkt und
CARLOTTAsetzt Euch - ganz nah -
CARLOTTAund erzählt mir - aus
CARLOTTAEurer Jugend - oder
CARLOTTAwarum Ihr heut' so trübe
CARLOTTAund schlecht gelaunt -
CARLOTTAoder auch - warum Euer
CARLOTTABlick - so ängstlich den
CARLOTTAmeinen flieht -! Was
CARLOTTAhab' ich verbrochen - seid
CARLOTTAIhr mir böse?
gepresst
ALVIANOSignorina Carlotta -
ALVIANOwenn das nur Spiel
ALVIANOist, was Ihr da treibt,
ALVIANOLust am Tändeln -
ALVIANOoder - noch Schlimm'res -
ALVIANOso seid Ihr trotz Eures
ALVIANOsüssen Gesichts und
ALVIANOEurer Stimme, die
ALVIANOklingt wie Botschaft
ALVIANOvom Himmel
hervorgestossen
ALVIANOeine Teuf'lin!
CARLOTTAUm Gott - beschwört nur
CARLOTTAnicht gleich - die "Acht",
CARLOTTAdass sie mich peinlich
CARLOTTAverhör' und als Hexe
CARLOTTAverbrenne! Wie seid
CARLOTTAIhr doch noch verbittert
CARLOTTAund unfroh! Und ich
CARLOTTAmüh' mich um Euch - doch
CARLOTTAIhr dankt es mir schlecht.
ALVIANOAh - ich kann's nicht fassen!
CARLOTTAWarum soll g'rade ich,
CARLOTTAdie ich gut zu Euch bin,
CARLOTTAso verderbt und schlecht
CARLOTTAsein, wie Ihr mich schildert?
warm
ALVIANOIch bitt' Euch um alles
ALVIANOzürnt mir nur nicht!
ALVIANOHabt nur ein wenig
ALVIANOGeduld noch mit mir!
ALVIANOIch begreif' es nicht -
ALVIANOes ist wie ein Traum
ALVIANOund ich fürcht' -
unwillig
CARLOTTAAh, fürchtet doch nicht!
CARLOTTAIhr seid ein Mann und
CARLOTTAso ganz ohne Glauben
CARLOTTAan Euer Selbst. lst's
CARLOTTAso undenkbar, dass eine
CARLOTTAFrau sich in warmer Neigung,
CARLOTTAin Freundschaft Euch fände?
auffahrend
ALVIANOHa, ha - die alte Geschichte!
ALVIANODoch so, wie Ihr blickt,
ALVIANOmit Augen, deren Leuchten
ALVIANOallein schon Verheissung - !
ALVIANOUnd wenn Euer Mund
ALVIANOlächelt, ist mir - als
ALVIANOgäb's auf Erden nichts,
ALVIANOwas da "Freundschaft"
ALVIANOheisst - als wär' dies
ALVIANOWort, dies elende Trostwort
ALVIANOein Unding, Lüge und Schmach!
CARLOTTAUnd wenn's mehr wäre -
CARLOTTAich sage nicht, dass es ist -
CARLOTTASollte auf dieser weiten
CARLOTTAWelt, unter Millionen
CARLOTTApochender Herzen nicht
CARLOTTAeins sich finden, das
CARLOTTAEuch entgegenstrebte - in Liebe?
ALVIANOMir - mir - der sich
ALVIANOselbst hasst, der sich
ALVIANOflieht, der aus den
ALVIANORäumen, die er bewohnt
ALVIANOdie Spiegel verbannt!
CARLOTTANarr, der Ihr seid!
CARLOTTAUnd der wie kaum ein
CARLOTTAZweiter sich klammert
CARLOTTAan das, was so rasch
CARLOTTAentflieht, wie ein Maientag:
CARLOTTADas bisschen Schönheit,
CARLOTTAdas uns Frauen verlässt,
CARLOTTAwenn die erste Furche
CARLOTTAsich meldet im Antlitz!
CARLOTTAKaum sind wir des Frühlings
CARLOTTAbewusst, schon werden Früchte
CARLOTTAaus Blüten, die Blätter
CARLOTTAwelken und fallen ab.
CARLOTTAUnd das wär' - das Einz'ge?
CARLOTTAAn sonnigen Tagen -
CARLOTTAgingt Ihr nie aus,
CARLOTTAbedrückt und traurig,
CARLOTTAohn' dass Ihr wusstet
CARLOTTAwarum? Und der
CARLOTTAherrlichste Mensch,
CARLOTTAder blühendste Baum,
CARLOTTAentriss Euch nicht
CARLOTTAEurer Bangigkeit.
CARLOTTAUnd ein andermal
CARLOTTAwieder, an Regentagen,
CARLOTTAmachte Euch nie warm
CARLOTTAund froh, ja glücklich,
CARLOTTAein einsam alt' Männlein
CARLOTTAverrunzelt und hässlich,
CARLOTTAdas des Weg's zog und
CARLOTTAEuch ansah mit einfält'gen
CARLOTTAAugen?
bebend
ALVIANODoch wenn ihr an einem
ALVIANOprangenden Tage,
ALVIANOin einem Beete voll
ALVIANOschönster Blumen,
ALVIANOfändet irgend ein
ALVIANOscheussliches Untier,
ALVIANOdas Euch die Laune
ALVIANOvergällte - -?
belustigt
CARLOTTAEuch wird's nicht gelingen,
CARLOTTAtrotzdem Ihr ein Unhold seid,
CARLOTTASignor; spitzfindig und scheusslich
CARLOTTAin Eurem Drange, wollüstig
CARLOTTAzu wühlen im eigenen Schmerze.
CARLOTTADoch merke ich eins:
CARLOTTAIhr weicht mir aus
CARLOTTAwie früher mit Blicken,
CARLOTTAso nun in Worten.
CARLOTTADoch entgeht Ihr mir nicht.
CARLOTTAIn die Enge treib' ich Euch
CARLOTTAjetzt - und weist ihr mich
CARLOTTAab - so habt den Triumph!
CARLOTTADenn ich muss es Euch sagen -
furchtbar beunruhigt
ALVIANOCarlotta -
ALVIANObedenkt doch! -
CARLOTTAIhr sollt es wissen - -
CARLOTTAdass ich Euch - liebe.
fast schreiend
ALVIANOCarlotta!
CARLOTTAUm Gott, Signor, was
CARLOTTAmacht ihr - für Augen!
CARLOTTADa habt meine Hände -
CARLOTTAund küsst sie - rasch - - - !
CARLOTTADoch lasst mich - zur Arbeit!
CARLOTTAIch brauch' Eure Augen
CARLOTTAzu meinem Bilde -
CARLOTTAso sind sie mir - recht -
ergreift, ihn fortwährend scharf im Auge behaltend, sein Antlitz gleichsam studierend, die Pinsel
ALVIANOCarlotta - Geliebte!
ganz in ihre Arbeit versunken, ihn mit ihren Worten gleichsam hypnotisierend, leise
CARLOTTAIch bitt' Euch - sprecht nicht -
CARLOTTAund blickt mich nur an -
CARLOTTAso ganz voll - und senkt -
CARLOTTAEuren Blick - tief in den
CARLOTTAmeinen;
sehr innig und warm
CARLOTTAund denkt an
CARLOTTAviel Schönes - dass ich -
CARLOTTAEure Sonne bin, - die
CARLOTTAalles Dunkle - aus Eurem
CARLOTTALeben - verscheucht - mit
CARLOTTAstrahlendem Lichte.
in höchster Erregung
ALVIANOUm Gotteswillen - Carlotta -
ALVIANOich muss - zu Deinen Füssen -
ALVIANOich bin so unsagbar - so -
ALVIANOwahnsinnig glücklich -
will auf sie zustürzen
beinahe ängstlich abwehrend
CARLOTTAIch bitte Dich - bleib' noch - !
CARLOTTAUnd sieh' mich nur an und denk'
CARLOTTAdran - dass Du nun nicht mehr -
CARLOTTAeinsam sein wirst - und
CARLOTTAungeliebt - trotz Deiner -
CARLOTTAHässlichkeit - sieh' wie ruhig -
CARLOTTAich's sage - das Wort, das
CARLOTTADich quälte - so lange - ;
CARLOTTAnun ist's vorbei -
CARLOTTAdenn ein Wort ist's -
CARLOTTAund ein Begriff - nichts
CARLOTTAweiter. Doch Du - musst -
CARLOTTAgut zu mir sein - Alviano -
schwer, krankhaft schwer atmend
CARLOTTAund zart mein Liebster!
CARLOTTADenn ich bin - ein gar -
CARLOTTAgebrechliches Spielzeug -
ALVIANOCarlotta!
Sie hält ihn mit flehender Gebärde zurück und fesselt ihn so an seinen Platz, malt in sichtlich sich steigender Erregung, nahezu fieberhaft an dem Bilde weiter. Er verharrt, ihre Gestalt mit glühenden Blicken verschlingend, schwer atmend, wie eine übermächtige Bewegung gewaltsam bekämpfend.
hoch aufatmend - die Pinsel fortwerfend, mit einem prüfenden Blick auf das Bild. Dann plötzlich wankt sie - greift sich ans Herz - droht umzusinken.
CARLOTTASo - nun ist's fertig! Doch
CARLOTTAnun komm' - und stütz' mich,
CARLOTTAich bin erschöpft -
sie taumelt
CARLOTTAdoch Du musst - - -
fängt, zu ihr eilend, sie in seinen Armen auf
ALVIANOBei allen Heil'gen -
ALVIANOGeliebte - was ist Dir?
Sie hält sich, um nicht umzusinken, an eine Staffelei an, die, mit einem Tuch verhängt, im Hintergrunde steht. Das Tuch löst sich an einer Seite los. Man sieht ein Bild; eine Art Totenhand, aus der ein roter Schein schwach hervorleuchtet.
erblickt das Bild, fährt zusammen, begreift, verrät sich nicht, stützt sie, streichelt sie wie ein krankes Kind; feierlich und voll Mitleid.
ALVIANODu Süsse, Du Arme -
ALVIANODu Schönste - ! Du gabst
ALVIANOmir das Leben, den
ALVIANOGlauben wieder an Gott
ALVIANOund die Menschheit.
ALVIANOIch will alles, was ich
ALVIANOhabe - Dir weih'n -
ALVIANOich will mich selbst
ALVIANObreiten unter Deine
ALVIANOFüsse, ich will - unendlich
ALVIANOgut - und will
erstickt
ALVIANOzart - zu Dir sein - - -
Er hält die Bewusstlose in seinen Armen; bemüht, sie wieder zum Leben zu erwecken. Sie regt sich, schmiegt sich hingebungsvoll in seine Arme. Er wird von heftiger, verzweifelter Leidenschaft erfasst. Küsst wild ihre Hände, reisst sie an sich - beugt sich über ihr Antlitz, über ihre sich ihm bietenden, verlangenden Lippen - - und bezwingt sich, küsst nur zart ihre Stirn, sinkt ihr zu Füssen und vergräbt in tiefer Bewegung sein Haupt in ihren Schoss. Sie zieht ihn sanft zu sich empor. Die Beiden verharren in einer seltsam zagen, keuschen Umschlingung.
aufgeregt hereinstürzend
EINE DIENERINO Herrin! Der Herzog Adorno!
sich langsam in Alvianos Armen aufrichtend, schwach
CARLOTTADer Herzog - was kann
CARLOTTAer nur wollen?
CARLOTTAIch lasse bitten - - - er
CARLOTTAmöge warten!
Sie erhebt sich mit müder Bewegung, tritt vor einen Spiegel, richtet ihr Haar.
Der Vorhang fällt rasch.
SYSTEMDRITTER AKT
Das Eiland "Elysium". Die Bühne macht den Eindruck eines paradiesischen Gartens. Ganz im Hintergrunde, vom Zuschauer links, verschwommen, die Konturen der Stadt Genua und der in Abendbeleuchtung erglänzende Meeresspiegel. Vom Zuschauer rechts steigt die Bühne sanft an; an einer Stelle, mehr dem Hintergrunde zu, soll sie, in felsiges Gestein übergehend, jäh in die Höhe streben. Eine Art Felsweg führt zu einem Steig, hinter diesem schimmern die satten Farben einer dichten Rosenhecke. Die Mitte der Bühne ist bis weit nach rückwärts Rasen, üppig wuchern hohe Farne und Blumen in oft grellen Farben. Aus dichtem Gebüsch blinken kleine Kioske von phantastischen Formen und Marmorgruppen, die zumeist erotische Szenen der griechischen Sage darstellen. Fontainen, die mit Einbruch der Nacht zu Leuchtbrunnen werden, werfen hohe Garben. Hie und da lugt aus dem Gebüsch, als hätte sich der tote Marmor belebt, die Gestalt eines Fauns. Gruppen von Najaden schweben durch den Plan, ein Zug Bacchanten eilt mit schrillem Getön vorüber. Schon zeigen sich die ersten Besucher. Stumm staunend schreiten sie zwischen den Wundern. Da ertönt von fern, aus der Stadt herüber das Angelusläuten. Der heidnische Spuk verschwindet solange es währt, die Bürger knien nieder und entblössen das Haupt. Mittlerweile ist es finster geworden. Von der fernen Stadt leuchtet ein dunkelroter, dunstiger Lichtstreifen herüber. Die Meeresfläche ist wie von tausenden kleinen Lichtern besät - die kleinen Schiffe der näherkommenden Besucher des Festes. Die Fontainen beginnen zu leuchten. Da und dort im Gebüsch flackern, Glühkäfern gleich, Funken auf. Eine Blumendolde wirft grünes Licht über eine Steingruppe, ein brünstig verschlungenes Paar darstellend. Kühner wird das heidnische Gelichter und ein Elfenkind überschüttet einen ehrsamen Bürger der genuesischen Stadt mit einem Blütenregen.
Blasender Faun auf der Szene. Angelockt kommen andere Faunsgestalten näher, gruppieren sich um den die Syrinx blasenden Faun. - Ein Zug Najaden schwebt vorüber, die Faune verfolgen ihn. - Musik aus der Stadt; der Faun lauscht. - Es zeigen sich die ersten Bürger, Volk aus der Stadt. - Der Zug Najaden flieht, gejagt von den Faunen, in entgegengesetzter Richtung neuerlich vorüber. Erschrecktes Staunen des zaghaft in kleinen Gruppen ankommenden Volkes. - Ein Faun erhascht eine Nymphe. Szene zwischen beiden: Werbung - Abwehr - heftiges Drängen - endliches Gewähren. - Steigerung des Spiels bis zu wilder Leidenschaft (ein Zug Baccganten tollt im Hintergrunde der Bühne mit schrillem Getön vorüber) - und seligem Ermatten. - Rückkehr der Faune und Najaden in einzelnen Paaren. Liebesspiel, Lagerung im Wiesenplan und den seitlichen Gebüschen. Wieder bläst der Faun. Abendstimmung. - Glockenläuten aus der Stadt (Angelus) sehr entfernt, kaum vernehmbar. Die Bürger knien nieder, entblössen das Haupt. Die heidnischen Gestalten ziehen sich zurück, solange das Glockenläuten währt - und kehren wieder. Diskretes
Spiel mit dem Volke, das sich, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, abwehrend verhält, sich wiederholt bekreuzigt. Dieses Spiel dauert in unaufdringlicher Weise an, bis etwa zum Eintritt
der zweiten Szene. Dann darf die Aufmerksamkeit durch nichts mehr abgelenkt werden. Nur hie und da lugt eine Najade oder ein Faun neugierig aus einem Gebüsch oder hinter einer Säule hervor. Hin und wieder geht lustwandelnd im Hintergrunde Volk über die Bühne.
SYSTEMERSTE SZENE
ERSTER BÜRGERBei den Gebeinen
ERSTER BÜRGERdes heil'gen Andreas -
mit gefalteten Händen
ZWEITER BÜRGERDa heisst's ganz
ZWEITER BÜRGERehrfürchtig sein.
ERSTER BÜRGERWenn die lockern
ERSTER BÜRGERGeister nicht wären,
ERSTER BÜRGERmöcht' ich sagen:
ERSTER BÜRGER's ist's Paradies.
EIN KLEINER BUBWer weiss, Vater,
EIN KLEINER BUBob das nicht Engel sind?
VATERHo, Engel! Dummer Bub!
Die Mutter stösst ihn, da besinnt er sich.
VATERNatürlich sind's Engel.
MUTTERWas meinst Du, Alter -
MUTTERbeim Angelusläuten -
MUTTERwar Dir nicht auch -
MUTTERso 'n bisschen bang?
MUTTERDie gehörnten Kerle - -
wichtig
DRITTER BÜRGERSeht, Frau - das
DRITTER BÜRGERversteht Ihr nicht:
DRITTER BÜRGERDas ist - "Kunst"!
DRITTER BÜRGERUnter dem sel'gen
DRITTER BÜRGERDogen Francesco
DRITTER BÜRGERSforza - Gott geb'
DRITTER BÜRGERihm Ruh 's war
DRITTER BÜRGERein strenger Herr -
DRITTER BÜRGERda hab' ich mal
DRITTER BÜRGERmitgeholfen bei
DRITTER BÜRGERso 'nem Bilde -
leise
ERSTER BÜRGEREr hat die Gerüste
ERSTER BÜRGERgestellt für die Maler -
ERSTER BÜRGERein Tischler ist's.
ZWEITER BÜRGERHa - ha - ha!
argwöhnisch
DRITTER BÜRGERWas sagt Ihr da?
MUTTERErzählt nur weiter -
beruhigt
DRITTER BÜRGERNa, also. - Wie ich da
DRITTER BÜRGER'rein kam und alles
DRITTER BÜRGERsah, da dacht' ich wieder
DRITTER BÜRGERan das Gemälde -
DRITTER BÜRGER's gibt im Palast
DRITTER BÜRGERdort deren viele -
DRITTER BÜRGERdoch dies hier
er deutet auf die Umgebung
DRITTER BÜRGERwahrlich, ist noch
DRITTER BÜRGERviel schöner.
MUTTERWeil alles lebt - -
ZWEITER BÜRGERUnd duftet - -
ERSTER BÜRGERUnd das viele Licht! - -
Anmerkung für den Regisseur:
Es muss auf der Bühne hell sein, wie am Tag.
DRITTER BÜRGERUnd am Himmel die Sterne!
Sie gehen weiter.
SYSTEMZWEITE SZENE
ärmlich gekleidet mit seinem Freunde auftretend
EIN JÜNGLINGMir ist elend zu Mut.
EIN JÜNGLINGEinem Orte wie dieser,
EIN JÜNGLINGsollt' man nur nah'n in
EIN JÜNGLINGprächt'gen Gewändern,
EIN JÜNGLINGfestlich gestimmt -
SEIN FREUND- und mit sattem Magen.
DER JÜNGLINGAch, das verschlüg' nichts - -
Gehen weiter.
SYSTEMDRITTE SZENE
auf eine Gruppe zu
MARTUCCIAIch bitt' Euch, Leute,
MARTUCCIAhabt Ihr nicht geseh'n,
MARTUCCIAmeinen Herrn Alviano? -
ERSTEREuern Herrn Alviano?
ZWEITERFreilich sah'n wir ihn!
DRITTERGleich links vom
DRITTEREingang, dort
DRITTERbei der Säule -
DRITTERseht dort - stand
DRITTERer vor einer Weil'
DRITTERmit vielen andern -
DRITTER's dürften wohl
DRITTERKünstler gewesen sein.
Die Gruppe entfernt sich langsam.
MARTUCCIAAch Gott, ach Gott -
MARTUCCIAjetzt such' ich ihn schon
MARTUCCIAeine Stunde lang -
will verzweifelt fort.
SYSTEMVIERTE SZENE
MARTUCCIAEIN FAUN (Pietro)
leise
MARTUCCIAHe, Martuccia!
sehr erschrocken
MARTUCCIAWas ist das für 'n Ding?
MARTUCCIAWar mir doch grade -
PIETROIch bin 's - Pietro -
MARTUCCIAAh, meine Ahnung!
MARTUCCIAEr hat ihn geholt,
MARTUCCIAder Böse! Drum stand
MARTUCCIAheute Nacht plötzlich
MARTUCCIAstill die Uhr und im
MARTUCCIAZimmer des Herrn
MARTUCCIAtat's einen Krach -
PIETROSo schweig doch, Närrin!
PIETROSiehst Du denn nicht, dass ich lebe?
erbost
MARTUCCIAWas? Du lebst?
MARTUCCIAO, Du Schurke!
verdriesslich
PIETROSchon recht!
PIETRODoch sag' rasch:
sieht sich vorsichtig um
PIETROWas macht - meine
PIETROSchöne?
ausbrechend, verzweifelt
MARTUCCIADas ist's ja!
MARTUCCIAO heiliger Josef!
MARTUCCIASie ist mir entwischt -
PIETROVerfluchte Kröte!
MARTUCCIAWas Du uns da
MARTUCCIAeingebrockt hast -
MARTUCCIADu Satan!
PIETROSagt ich Dir nicht,
PIETRODu sollst sie dem
PIETRORitter Menaldo -
jammernd
MARTUCCIAMein armer Herr
MARTUCCIAAlviano - !
giftig
MARTUCCIAUnd ich weiss,
MARTUCCIAwer sie war - :
MARTUCCIAGinevra Scotti - sie
MARTUCCIAsagt es mir selbst -
MARTUCCIAund die Stadt ist
MARTUCCIAvoll von dem Raub.
MARTUCCIADu hast sie entführt,
MARTUCCIAund nun wird man
MARTUCCIAglauben, mein Herr
MARTUCCIAund ich - kaum war
MARTUCCIAsie fort, so waren
MARTUCCIAschon da die Schergen -
MARTUCCIAdie Häscher der "Acht"
MARTUCCIAund suchten den Herrn.
MARTUCCIAAch - fänd' ich ihn nur -
MARTUCCIAich unglücklich' Weib -
MARTUCCIAich gesteh' ihm alles,
MARTUCCIAich will ihn warnen -
MARTUCCIAund dich lass' ich
MARTUCCIArädern, Du Schuft!
pfeift leise zwischen den Zähnen
PIETROGeduld - alte Hexe!
Eine Schar Faune stürzen sich auf Martuccia, knebeln sie, ehe sie einen Schrei auszustossen vermag und schleppen sie rasch fort ins Gebüsch. Pietro ab.
SYSTEMFÜNFTE SZENE
mit dem Podestà von seitwärts auftretend
ALVIANOWar mir doch - als
ALVIANOhört' ich Martuccias Stimme!
lächelnd
ALVIANOIch höre seit gestern
ALVIANOüberall Stimmen.
ALVIANOIn den Lüften Singen
ALVIANOund Raunen im Busch -
ALVIANOvorhin Carlottas
ALVIANOsilbernes Lachen,
ALVIANOdoch war das wohl
ALVIANOTäuschung. Ach, Herr,
ALVIANOwie bin ich seit jenem
ALVIANOTage, da ihr zum
ALVIANOersten Male mein
ALVIANOHaus betratet,
ALVIANOverwandelt und glücklich!
ALVIANOWie ist Eure Tochter,
warm
ALVIANOso bald nun mein Weib,
ALVIANOdoch unsagbar herrlich,
ALVIANOso milde und schön,
ALVIANOso voll tiefer Güte.
ALVIANODoch ihr seid schweigsam,
ALVIANOwas ist Euch, Podestà?
ein wenig ausweichend
PODESTÀIch bin verwirrt -
PODESTÀund geblendet.
PODESTÀWas Ihr mir eben
PODESTÀzeigtet - - es ist
PODESTÀso unfassbar, dass
PODESTÀeines einzelnen
PODESTÀMenschen Gehirn
PODESTÀauszusinnen vermochte
PODESTÀdies Reich des Zaubers!
AKVIANOEs halfen mir Viele.
AKVIANODie Künstler wirkten -
AKVIANOich gab nur - die Sehnsuchtl
PODESTÀDoch gabt ihr - so fürcht' ich,
PODESTÀo Herr - zu viel, Ihr -
PODESTÀund die Künstler. All
PODESTÀdie hungrigen Seelen,
PODESTÀdie durstigen Augen,
PODESTÀdie in Verzückung sich
PODESTÀweiden werden an
PODESTÀdieser Orgie von Farben,
PODESTÀDüften, Tönen und
PODESTÀholden Gestalten - bedrückt
PODESTÀund verloren sieht sie
PODESTÀder Alltag wieder, dem
PODESTÀIhr sie entfremdet.
PODESTÀIhr zeigt uns den Himmel,
PODESTÀso nah und berückend,
PODESTÀdass wir unfroh werden
PODESTÀder Erde und ihrer Macht,
PODESTÀdie uns hält und den
PODESTÀAufstieg uns wehrt,
PODESTÀin die sel'ge Region
PODESTÀew'ger Freude. -
PODESTÀTrotzdem ich sie hasse
PODESTÀund ihre Tücke heute noch
PODESTÀfürchte - fühl' ich mich eins
PODESTÀmit den adligen Neidern,
PODESTÀwenn ich mich frage:
PODESTÀWird Eure Grossmut
PODESTÀSegen bringen uns
PODESTÀallen - oder Verderbnis?
ALVIANOSo fragt' ich mich auch -
ALVIANOund Zweifel bedrängten
ALVIANOmich hart. Doch ich war
ALVIANOmir bewusst einer Schuld,
ALVIANOeines frevlen Gedankens,
ALVIANOder Früchte zeitigte, die ich
ALVIANOverdammte und deren
ALVIANOGift an der Seele mir frass.
ALVIANODiele Schuld zu löhnen, hab'
ALVIANOich das Liebste, das - damals
ALVIANOnoch - meinem Herzen lebte,
ALVIANOdas einzige Glück meiner
ALVIANOfreudlosen Tage geopfert,
ALVIANOohn' dass ich's bereu',
ALVIANOdenn unverdient hoher Lohn ist
ALVIANOmir geworden. Dies
ALVIANOnehm' ich als Omen. Und
ALVIANOtrotzend dem Warner
ALVIANOAdorno, der mir sagen
ALVIANOliess, er würd' Einspruch
ALVIANOerheben heut' Abend, vor
ALVIANOallem Volk und ihn be-
ALVIANOgründen, vertrau' ich dem
ALVIANOgüt'gen Geschick und dem
ALVIANOLenker da droben,
ALVIANOder endlich auch mir
ALVIANOgab von seiner Gnade.
tritt auf ihn zu, legt ihm beide Hände auf die Schultern und sieht ihm gütig ernst in die Augen.
PODESTÀIch will nicht fragen,
PODESTÀwelcher Art Eu'r Vergeh'n,
PODESTÀdoch sicher scheint's mir
ALVIANOIhr werdet 's erfahren -
ALVIANOspäter einmal und mich -
ALVIANOich weiss es - entsühnen.
Von einem der seitwärts einmündenden Wege kommend tauchen, für die beiden im Abgehen Begriffenen unsichtbar, Carlotta und Adorno auf. Wie Carlotta Alviano erblickt, prallt sie zurück ud bemüht sich, nicht bemerkt zu werden.
ALVIANODoch wo bleibt Carlotta - ?
PODESTÀKommt, wir wollen sie suchen.
Beide ab, dem Hintergrund zu.
SYSTEMSECHSTE SZENE
ADORNOHörtet Ihr nicht? Man
ADORNOsucht Euch, Donna Carlotta;
ADORNOund Ihr - verbergt Euch,
ADORNOflieht zurück in den Schatten,
ADORNOso flieht Ihr - Euren Verlobten?
CARLOTTAAch, denkt nicht schlecht
CARLOTTAvon mir, Herzog;
CARLOTTAweiss ich doch selbst nicht,
CARLOTTAwas mit mir ist. -
CARLOTTAAls ich euch gestern
CARLOTTAmein "Nein" gab,
CARLOTTAfür Graf Vitelozzo,
CARLOTTAfühlt' ich mich stolz
CARLOTTAund sicher und gross
CARLOTTAund beglückt - -
CARLOTTAund doch - seit ich
CARLOTTAdas Bild vollendet,
CARLOTTAdas Euch so sehr gefiel,
CARLOTTAdas Bild Alvianos -
CARLOTTAist mir, als wär'
CARLOTTAda innen etwas
CARLOTTAerschlafft, als wär'
CARLOTTAmeine Liebe nicht
CARLOTTAmehr dieselbe.
CARLOTTANicht ärmer -
CARLOTTAversteht mich -
CARLOTTAdoch - als hätt' er mir
CARLOTTAnun sein Alles - sein Höchstes
CARLOTTAgegeben und ich nichts
CARLOTTAmehr, gar nichts mehr
CARLOTTAzu erwarten. Und dann -
CARLOTTAdoch ich weiss nicht,
CARLOTTAob einer Frau
CARLOTTAzwiespältig Fühlen
CARLOTTAEure Teilnahme weckt
CARLOTTAund nicht etwa Spott
CARLOTTAin Euch wachruft.
CARLOTTAHerzog?
ADORNOIch bitt' Euch, vertraut mir,
ADORNOwie seid Ihr doch echt und wahr
ADORNOSignorina!
SYSTEMSIEBENTE SZENE
Im Hintergrund treten auf Gonsalvo. Guidobald, Michelotto: das Paar erblickend, bleiben sie jäh stehen und flüstern, heftig
gestikulierend, miteinander. Das Gespräch des Herzogs mit Carlotta links seitwärts (oder rechts) zuerst unhörbar, dann erregter werdend.
GONSALVOBlickt dort hinüber!
GUIDOBALDDer Herzog - und
GUIDOBALDdes Podestà Tochter!
MICHELOTTOEin unsich'rer Herr!
GUIDOBALDMir schwant nichts Gutes!
CARLOTTAIch betrat dies Eiland
CARLOTTAvoll heimlicher Angst!
GONSALVOSeid auf Eurer Hut!
MICHELOTTOUnd lockert, Ihr Herren,
MICHELOTTOin der Scheide die Degen!
GUIDOBALDVitelozzo lässt sich nicht blicken -
GONSALVOKein gutes Zeichen!
MICHELOTTOKommst Du?
GONSALVOIch komme - .
MICHELOTTOUnd Du - ?
GUIDOBALDWir alle!
Gehen nach verschiedenen Seiten ab.
SYSTEMACHTE SZENE
CARLOTTAAls hätt' ich Wein getrunken,
CARLOTTAschwer und vermischt mit
CARLOTTAbehexenden Kräutern,
CARLOTTAoder jenen seltsamen Trank
CARLOTTAaus Herzblut einer
CARLOTTAliebtollen Jungfrau
CARLOTTAgebraut - ! Es ist der Schönheit
CARLOTTAfurchtbarer Zauber, gebunden
CARLOTTAsonst, halb verborgen den Sinnen -
CARLOTTAund nun entfesselt, preisgegeben
CARLOTTAdem Tage und lüsternen Blicken.
CARLOTTAWie eines herrlichen Weibes Glieder,
CARLOTTAschamvoll verhüllt in den Jahren der Sehnsucht,
CARLOTTAplötzlich in Nacktheit sich räkelnd, tausend
CARLOTTAReize entfaltend, vor des liebenden
CARLOTTAJünglings glücktrunk'nem Auge!
SYSTEMNEUNTE SZENE
MenaIdo mit einer verschleierten Dame und Graf Julian.
JULIANIhr habt Euch getröstet,
JULIANRitter Menaldo -
JULIANich seh's mit Vergnügen.
Carlotta mit Adorno promenieren im Gespräch weiter und kehren erst gegen Ende dieser Szene wieder.
MENALDOSo wisst Ihr denn,
MENALDOwo Ginevra ist?
JULIANWüsst' ich's, würd' ich
JULIANnicht einsam wandeln
JULIANin diesen Gärten
JULIANverzückter Begierden.
spöttisch
MENALDODoch wie nun, wenn
MENALDOdiese verschleierte Schöne
MENALDOan meinem Arm wäre
MENALDOEure Ersehnte?
JULIANDass sie's nicht ist,
JULIANdafür bürgt mir
JULIANGinevra's Liebe - .
erhobenen Tones
JULIANUnd wenn sie's wäre .
jäh
JULIANstäch' ich Euch nieder.
Adorno und Carlotta werden hier wieder sichtbar und kommen nach vorne.
macht eine Bewegung zum Degen und einen Schritt zurück, besinnt sich
MENALDOZu schön zum Kampfe
MENALDOist diese Nacht, sonst
MENALDObüsstet Ihr, Graf,
MENALDOEuer freches Wort.
JULIANWir sehn uns wieder,
JULIANRitter Menaldo!
Julian, Menaldo mit der Dame ab.
SYSTEMZEHNTE SZENE
CARLOTTADazu das lockende Lied,
CARLOTTAdas Ihr sangt, von des
CARLOTTAschönen Knaben Tamare
CARLOTTAunglücklicher Liebe,
CARLOTTAund seinem wilden Verlangen,
CARLOTTAnicht scheuend Gewalt und das
CARLOTTAOpfer des Lebens für einen
CARLOTTAKuss meiner roten Lippen.
CARLOTTAO Herzog, der Ihr das Leben
CARLOTTAkennt und die Frauen, Ihr
CARLOTTAhabt gesündigt an Alviano,
CARLOTTAdoch mehr noch er an sich selbst;
CARLOTTAdenn nun - wie ich ihn sah -
CARLOTTAda, an dieser Stelle, mit meinem
CARLOTTAVater, in all' dieser Pracht, die er
CARLOTTAgeschaffen mit seines Geistes
CARLOTTAlodernder Kraft; wie ich ihn sah,
CARLOTTAden Ärmsten, der selbst zerrissen
CARLOTTAdie gütigen Schleier, in die Mitleid
CARLOTTAuns hüllt und die seltsame Macht,
CARLOTTAdie die Sinne bändigt, da fiel mir
CARLOTTAein ein Wort, das der Unsel'ge
CARLOTTAsprach in seiner einz'gen glücklichen
CARLOTTAStunde: "Doch wenn Ihr an einem
CARLOTTAprangenden Tage,
CARLOTTAin einem Beete voll
CARLOTTAschönster Blumen, fändet
CARLOTTAirgend ein scheussliches Untier - "
ADORNOUm Gott, Jungfrau -
CARLOTTALasst mich, Herzog!
ADORNOBeruhigt Euch doch -
ADORNOdie einzige glückliche
ADORNOStunde - Ihr sagtet es selbst -
ADORNOer verdankt sie Euch;
ADORNOdies mag Euch trösten.
CARLOTTAIhr sollt mich nicht trösten!
CARLOTTAIch will keine Gnade.
CARLOTTAMarter und Hass sind
CARLOTTAwas ich verdiene -
CARLOTTAVerzweiflung und Tod!
stark
ADORNOSo hört ein Letztes:
mit Nachdruck
ADORNOEr war nicht würdig
ADORNOund wert Eurer Liebe.
ADORNOEr ist nicht der Edle,
ADORNOfür den Ihr ihn hält.
ADORNOVon bösen Gelüsten
ADORNOist er besessen und
ADORNOheut' noch ereilt ihn -
exaltiert
CARLOTTAIch will nichts hören.
CARLOTTAIhr wollt' ihn verleumden;
CARLOTTAdoch er ist gut und
CARLOTTAgross und erhaben
CARLOTTAund ich bin elend,
CARLOTTAverworfen und schlecht.
CARLOTTAIch hasse mich und
CARLOTTAdie Welt und Euch.
mit furchtbar lüsternem Ausdruck
CARLOTTANur die Nacht, diese Nacht
CARLOTTAlieb' ich und ihre Schatten -
ADORNOSo gnade Euch Gott -
ADORNOdoch kommt, ich führ' Euch
ADORNOzu Eurem Vater!
hastig
CARLOTTAGeht, geht! - Doch lasst mich!
Sie geht wiegenden Ganges in das seltsam glitzernde Dunkel einer rechts vom Zuschauer liegenden Waldanlage.
Adorno langsam ab.
SYSTEMELFTE SZENE
CARLOTTAAh, welche Nacht!
CARLOTTAWelch eine glühende Sommernacht!
CARLOTTAIn ihr schwärzliches Licht
CARLOTTAwill ich tief mich verkriechen,
CARLOTTAeintauchen tief in ihr
CARLOTTAleuchtendes Dunkel!
CARLOTTAMit Sternen tanz' ich
CARLOTTAden Sommernachtsreigen,
CARLOTTAdoch mit Kobolden
CARLOTTAschlaf' ich im Busch.
zuerst leise, dann immer stärker, in, langgezogenen schwingenden Akkorden, von allen Seiten des Eilands zusammenströmend. Es ist als pflanze sich das Echo des Liedes Carlottas fort und finde immer stärkeren Widerhall. Ein wirrer furchterregender Chor, der sich bis zu orgiastischen Ausbrüchen steigert im Laufe seiner Wiederholungen.
GESANG"Ah, welche Nacht - !
GESANGWelch eine glühende Sommernacht!
GESANGMit Sternen tanz' ich
GESANGden Sommernachtsreigen,
GESANGdoch mit Kobolden
GESANGschlaf' ich im Busch."
SYSTEMZWÖLFTE SZENE
von früher
DIE MUTTERAch gehn wir, Alter,
DIE MUTTERarg wird das Gedränge!
VATERWo hast Du das Kind?
MUTTEREs riss sich von mir -
VATERO, Du Unglücksweib!
MUTTEREinem Falter jagte es nach
MUTTEReinem silbernen Falter -
sie fortziehend
VATERKomm, Frau, so komm doch!
SYSTEMDREIZEHNTE SZENE
Senatoren treten auf.
ERSTER SENATORWir habens versäumt.
ZWEITER SENATORZu spät.
DRITTER SENATORWie sollen wir nun,
DRITTER SENATORin dem tollen Trubel,
DRITTER SENATORmit Würde und Ruhe
DRITTER SENATORvollziehen den Akt
DRITTER SENATORder Eröffnung?
ERSTER SENATORAch, lasst die Leute!
ZWEITER SENATORWas sollen die Formalitäten?
DRITTER SENATORDas Volk ist im Taumel!
ERSTER SENATORDoch meine Rede!
ZWEITER SENATORDas Feuerwerk!
DRITTER SENATORDie Huldigung für Salvago!
Sie lauschen dem Gesang.
stärker, eindringlicher
GESANGAh, welche Nacht!
GESANGWelch eine glühende Sommernacht!
GESANGMit Sternen tanz' ich den
GESANGSommernachtsreigen,
GESANGdoch mit Kobolden
GESANGschlaf' ich im Busch.
ERSTER SENATOREs wird bedenklich!
ZWEITER SENATORIch sagte es gleich -
ZWEITER SENATORdas heidnische Zeug,
ZWEITER SENATORdie nackten Weiber
ZWEITER SENATORund Bocksgehörnten!
DRITTER SENATORUnd die Alberghi
DRITTER SENATORmischen sich unter
DRITTER SENATORdas arglose Volk;
DRITTER SENATORmit geilen Reden
DRITTER SENATORstacheln sie auf
DRITTER SENATORuns're Söhn' und
DRITTER SENATORTöchter zu tollen Streichen.
durcheinander
DIE SENATORENWo ist der Podestà?
DIE SENATORENWo ist Alviano?
DIE SENATORENGebietet Einhalt -
Einige Senatoren gehen oder drängen durch das aufgeregte Volk.
SYSTEMVIERZEHNTE SZENE
von früher
DER JÜNGLINGBleibt, Schönste!
DER JÜNGLINGSeht, ich liege zu
DER JÜNGLINGEuren Füssen,
DER JÜNGLINGerhört mich!
DAS MÄDCHENNein, Ihr seid
DAS MÄDCHENallzu kühn, Signor!
DER JÜNGLINGErhört mich!
DAS MÄDCHENNein, nein,
DAS MÄDCHENich kann nicht,
DAS MÄDCHENlasst mich, Signor!
ausser sich
DER JÜNGLINGIch morde mich,
DER JÜNGLINGwenn Ihr mich
DER JÜNGLINGvon Euch stösst!
DER JÜNGLINGBin ich nicht schön?
DER JÜNGLINGMein Haar, fühlt nur,
DER JÜNGLINGist weich wie Seide.
hart
DAS MÄDCHENHa, ha! Ihr schön?
DAS MÄDCHENZerlumpt seid Ihr
DAS MÄDCHENwie ein Bettler,
DAS MÄDCHENwahrhaftig, so dass
DAS MÄDCHENich mich schäme, sieht
DAS MÄDCHENman mit Euch mich -
Der gesamte Chor versammelt sich auf der Bühne und kommt später ganz nach vorne.
ekstatisch aufspringend
DER JÜNGLINGNein, schämt Euch nicht!
er zieht einen Dolch
DER JÜNGLINGGern will ich sterben!
DER JÜNGLINGPurpurnes Blut
DER JÜNGLINGwirkt ein leuchtend Kleid!
Er will sich den Dolch in die Brust stossen.
zitternd, ihm in den Arm fallend und die Waffe entwindend
DAS MÄDCHENBei der Madonna -
DAS MÄDCHENwas tut Ihr -
DAS MÄDCHENso haltet doch ein!
DAS MÄDCHENAch - ach - Ihr seid -
DAS MÄDCHENverzeiht mir! - Kommt, kommt!
Sie eilen verschlungen, jubelnd in den mächtig einherbrausenden Gesang einstimmend in die Nacht hinaus.
CHORWelch eine Nacht!
CHORWelch eine glühende Sommernacht!
Von hier ab zerstreut sich der Chor nach verschiedenen Richtungen, bis auf einzelne Paare, die im Hintergrunde der Bühne bleiben.
CHORWir tauchen tief in ihr leuchtendes
CHORDunkel und tanzen mit Sternen
CHORden Sommernachtsreigen - eiah -
CHORSommernachtsreigen - - -
neckend spöttische Frauenstimmen
CHORDoch mit Kobolden
CHORschlaf' ich im Busch!
SYSTEMFÜNFZEHNTE SZENE
Aufgeregte Rufe Alvianos (entfernt)
ALVIANOWo ist sie, meine Braut?
ALVIANOSah niemand Carlotta?
Von hier ab entwickelt sich ein grotesk grossartiger Maskenzug, die Vereinigung der Antike mit der damaligen Zeit - die Renaissance - allegorisch darstellend.
1. Herolde Im Stile der Zeit; Faune blasen dazu auf der Syrinx die Fanfare.
2. Faune, einer imposanten Künstlererscheinung und seiner Egeria huldigend - karikiert - eine Art wilder Reigentanz.
3. Herolde, mit Abzeichen oder Fahnen der schönen Künste.
4. Langsamer Aufzug Apollos im Sonnenwagen, als Symbol des Ruhmes. Blendendes Licht umgibt ihn, das mit seinem Näherkommen grösser und strahlender wird. In seinem Gefolge die Musen und berühmte Künstler der Renaissance.
Stillstand im Reigen der Gruppe 2. Der Künstler gebannt von Apollos Erscheinung, strebt dieser zu. Seine Schöne umschlingt ihn und versucht, ihn neuerlich dem Reigen zu gewinnen. Der Künstler widerstrebt, wehrt sich, immer mehr Apollo zugewandt. Die Faune verstricken ihn, der dagegen kämpft, in immer tolleren Reigen. Der Wagen Apollos ist ganz nach vorn gekommen. Hier reisst sich der Künstler mit einer gewaltigen Bewegung los, und sinkt vor dem Wagen Apollos, huldigend in die Knie. Apollo hebt ihn zu sich in den Wagen, die Musen bekränzen seine Stirn, des Künstlers Egeria breitet sehnend schmerzvoll die Arme nach ihm aus und verhüllt sich, von dem grellen Licht geblendet, die Augen. Die Fauns bemächtigen sich ihrer mit wilder Gier und schleppen die sich angstvoll Wehrende mit brutaler Gewalt fort. Die Gruppe des Apollo folgt ihnen mit jubelnden Bewegungen. Der Künstler steht ernst und gedankenvoll, hoch aufgerichtet im Wagen.
5. Auftritt der Venus mit glänzendem Gefolge. Gestalten aus 1001 Nacht. Märchen, Najaden, die Edlen (Menaldo, Julian etc.). Knaben und Mädchen. Die Gruppe soll etwas erhaben Orgiastisches versinnbildlichen.
6. Ein Bacchantenzug. Rufe: "Evoe Bacche". Wild zügellos, in krasser Realistik zu inszenieren. In seiner Mitte Carlotta. Ihr zur Seite, sie verfolgend ein maskierter Edelmann: Graf Vitelozzo Tamare. Hier hören die Rufe ,,Evoe Bacche" auf der Bühne auf. Entfernt vernimmt man noch das Tosen und Stampfen des dahin brausenden Zuges. Der Graf hat Carlotta erhascht, umfängt sie in toller Leidenschaft, küsst sie, sie wehrt sich, doch gibt sie sich wiederholt, dem süssen Taumel erliegend, willig seinen Küssen hin, um ihn dann wieder plötzlich von sich zu stossen.
TAMAREWas fliehst Du vor mir?
CARLOTTANein, ich fliehe Euch nicht.
TAMARESo kennst Du mich denn?
CARLOTTAWeiss nicht, wer Ihr seid.
heiss
TAMAREDoch wenn's einer wär',
TAMAREder Dich, Schönste, liebt?
CARLOTTAIhr liebt mich? S' ist gut.
CARLOTTADoch lasst mich blicken
CARLOTTAdurch Eure Maske,
CARLOTTAob hell sind Eure Augen -
CARLOTTAoder trübe.
CARLOTTASeid Ihr Alviano?
CARLOTTANein, Ihr seid 's nicht.
CARLOTTASchön von Gestalt,
CARLOTTAein schmucker Knabe!
TAMAREO schönste Carlotta,
TAMAREwie sprichst Du seltsam!
mit ganz veränderter Stimme
CARLOTTASeltsam, mein Liebling?
CARLOTTAGib Deine Hand -
CARLOTTAah, sie ist weich und heiss
CARLOTTAund wohlig fühlt sie sich an;
CARLOTTAda - spürst Du mein Herz
CARLOTTAwie es heftig schlägt?
CARLOTTADir entgegen - mein Süsser!
CARLOTTADoch höre, Knabe - mit
CARLOTTADeinen Händen, so weich
CARLOTTAund linde, hältst Du es sanft,
CARLOTTAund darfst 's nicht quälen;
CARLOTTAhältst es umspannt, ganz
CARLOTTAlind und leise.
CARLOTTAHopla, mein Süsser!
CARLOTTACARLOTTA und TAMARE
CARLOTTAKomm, lass uns eilen!
CARLOTTAKurz ist die Nacht
CARLOTTAund der Morgen nah.
Die Beiden erklimmen den Felsweg; hinter der Rosenhecke leuchtet ein intensiver blauer Schein.
SYSTEMSECHZEHNTE SZENE
wie gehetzt
ALVIANOIhre Stimme hör' ich - !
ALVIANOSie schallt mir aus Höh'n,
ALVIANOund Klüften - vertausendfacht!
ALVIANOGesang aus den Lüften, ein
ALVIANOSpottlied aus Tiefen der Hölle - !
ALVIANOIhre Gestalt tanzt vor mir, -
ALVIANOlugt aus Gebüschen und Hecken -
ALVIANOda und dort glitzert ihr Kleid -
ALVIANOwie ein Irrwisch hetzt sie mich,
ALVIANObergauf und talab, in den
ALVIANOÄther - in Sümpfe - und
ALVIANOich hielt sie doch - sie war
ALVIANOja doch mein! - - Oder
ALVIANOwar sie's nicht?
SYSTEMSIEBZEHNTE SZENE
ihn gewahrend und umdrängend
DAS VOLKHoch Alviano Salvago! Der Freudenbringer!
DAS VOLKDer Zaub'rer, der König des Festes!
wild
ALVIANOWas wollt Ihr von mir?
ALVIANOWas höhnt Ihr mich da?
ALVIANOSaht Ihr Carlotta?
PODESTÀGetrost, Alviano!
PODESTÀIch sandt' ihre Frauen aus,
PODESTÀDiener suchen sie allenthalben -
PODESTÀbald ist sie gefunden!
DAS VOLKHoch Alviano Salvago!
DAS VOLKDer uns die Freude gab!
DAS VOLKBringer der Schönheit!
DAS VOLKVater des Volkes!
ALVIANOWas wollt Ihr?
ALVIANOSchweigt doch -
mit tief schmerzlichem Ausdruck
ALVIANOIch bin kein König.
ALVIANOEin Narr, ein Krüppel!
ALVIANOEin Bettler, ein Scheusal!
in atemloser Hast
ALVIANOWo ist meine Braut?
ALVIANOHe, schafft sie mir!
ALVIANOIch will Euch danken -
ALVIANOich geb' Euch alles - mein
ALVIANOHab und Gut. Dann bin
ALVIANOich Fürst, ein König, ein Gott!
mit verzweifelter Eindringlichkeit
ALVIANODoch schafft mir Carlotta -
ALVIANOah, ich bin müde, gehetzt -
ALVIANOmeine Kraft - geht zu Ende -
Er sinkt in sich zusammen.
DAS VOLKHoch Alviano - Apollo!
DAS VOLKDer Freund der Musen!
DAS VOLKDer König! Krönt ihn!
DAS VOLKWo habt Ihr die Krone,
DAS VOLKdie Rosenkranzkrone?
DAS VOLKHebt ihn hoch - den
DAS VOLKFreund des Volkes - krönt
DAS VOLKihn mit Rosen - hoch Alviano!
sie heben den halb Bewusstlosen empor, setzen ihm einen Rosenkranz aufs Haupt
schwach
ALVIANOLasst - lasst -
Man zeigt ihn dem Volke, dieses bricht in betäubendes Hoch und Beifallsgeschrei aus.
SYSTEMACHTZEHNTE SZENE
Acht vermummte Gestalten brechen sich Bahn durch das Volk. an ihrer Spitze ein hochgewachsener Mann, der Capitaneo di Giustizia (reisst das Volk zurück). Abflauen des Geschreis, das Volk weicht scheu vor dem Capitaneo zurück; um die "Acht" bildet sich ein freier Raum - das Volk im Halbkreis zurückgedrängt.
Kopf an Kopf, etwas weiter vorn die Gestalten des Podestà und der Senatoren. Alviano zuerst am Boden liegend, wohin man ihn sanft gesenkt - dann sich aufrichtend.
CAPITANEO DI GIUSTIZIAHalt ein, genuesisches Volk!
CAPITANEO DI GIUSTIZIAHaltet ein, Betörte!
CAPITANEO DI GIUSTIZIAWahnsinnige, die Ihr seid!
CAPITANEO DI GIUSTIZIAIhr krönt mit Blüten
CAPITANEO DI GIUSTIZIAden, der da Eure Töchter geraubt,
CAPITANEO DI GIUSTIZIAEure Kinder verführt, geschändet -
CAPITANEO DI GIUSTIZIAgemordet vielleicht - - !
Beispielloses Entsetzen, alles steht erstarrt.
GEMURMELWas ist das? Was meint er
GEMURMELdamit? Die Acht! Entsetzlich!
GEMURMELEr? Alviano?
RUFEGlaubt ihm nicht! Aha!
RUFEDie Alberghi, die Füchse!
RUFESchlau ist's gemacht!
RUFEDie vertrackten Neider!
RUFEVerleumdung! Hoch Alvianol
RUFESeid still! Schweigt!
RUFEHöret die Acht!
DER CAPITANEODurch die heilige Acht
DER CAPITANEOerhebt der Herzog Adorno,
DER CAPITANEOdes Volk's Beschützer
DER CAPITANEOund wahrer Freund,
DER CAPITANEOdie Anklag' gegen den
DER CAPITANEORitter Alviano Salvago.
DER CAPITANEOEr zeiht ihn des Mädchenraubs,
DER CAPITANEOder Verführung und Schändung,
DER CAPITANEObegangen an zücht'gen Jungfrauen -
auffahrend und in die Ferne horchend
ALVIANOWar da nicht - ein Schrei?
ALVIANOHörtet Ihr nicht - einen Schrei?
aufmerksam auf Alviano schauend, dadurch abgelenkt, diese Phrase schwächer bringend
DER CAPITANEODer Kuppelei und Verleitung
DER CAPITANEOzu solcher. Kraft uns'rer Macht
DER CAPITANEOals Richter und Wahrer des Rechts,
DER CAPITANEOdehnen wir aus die Anklag', gegen
DER CAPITANEOden Ritter Alviano Salvage,
DER CAPITANEOund zeihen ihn, der besessen vom
DER CAPITANEObösen Geist, verfallen des Satans
DER CAPITANEOund böser Dämonen Gewalt,
DER CAPITANEOder Behexung des Volks.
DER CAPITANEOWir legen den Bann auf das
DER CAPITANEOEiland "Elysium", verheert
DER CAPITANEOsoll es werden durch Feuer, als
DER CAPITANEOeine Brutstatt des Lasters und
DER CAPITANEOteuflischer Sünde. Ritter
DER CAPITANEOSalvago, Ihr seid - -
Volk stellt sich vor Alviano.
DROHENDES GEMURMELSeht Ihr, darauf läuft's
DROHENDES GEMURMELhinaus! Man bestiehlt uns!
DROHENDES GEMURMELGönnt uns die Freude nicht!
DROHENDES GEMURMELVerfluchte Räuber! Bestien!
Stärkeres Gemurmel
DROHENDES GEMURMELNieder Adorno! Tod den Alberghi!
DROHENDES GEMURMELErschlagt sie, die Schufte! Alles Lüge!
DROHENDES GEMURMELEr soll sich verteid'gen! Alviano
DROHENDES GEMURMELsoll reden! Alviano - rede!
DROHENDES GEMURMELVerteid'ge Dich! Wir glauben Dir!
DROHENDES GEMURMELWir steh'n zu Dir! Wir schützen Dich!
lauschend
ALVIANOHört Ihr denn nicht? -
ALVIANOMusik: Cimbeln, Flöten, Harfen,
ALVIANOund wilden Gesang?
CAPITANEOIhr seht - er ist besessen,
CAPITANEOaus ihm spricht der Dämon!
eindringlich
PODESTÀAlviano, Mann,
PODESTÀes geht um Dein Leben,
PODESTÀverteidige Dich!
CAPITANEOMan wird ihn peinlich befragen;
CAPITANEOführt ihn hinweg!
EIN RIESIGER BÜRGERHalt! Rührt ihn nicht an!
EIN RIESIGER BÜRGERWir glauben ihm mehr,
EIN RIESIGER BÜRGERder er schweigt, als Euch,
EIN RIESIGER BÜRGERdie Ihr redet. Er tat uns
EIN RIESIGER BÜRGERGutes -
drohend, gesteigert
EIN RIESIGER BÜRGERwollt Ihr ihn haben
EIN RIESIGER BÜRGER- so gebt uns Beweise!
STÜRMISCHE RUFEBeweise, Beweisel
CAPITANEOBringt jene Frau!
Einer der Vermummten führt eine verschleierte Frau nach vorne.
CAPITANEOEntschleiert Euch, Signorina!
die Frau lüftet den Schleier.
DAS VOLKGinevra Scotti! Ginevra Scotti!l
aus dem Hintergrunde
STIMME JULIANSAh - Ginevra!
fieberhaft
ALVIANOUm Himmelswillen,
ALVIANOso lasst mich fort!
CAPITANEOSagt ohne Scheu, Ginevra Scotti:
CAPITANEOWo war't Ihr verborgen, eh' Ihr,
CAPITANEOHilfe heischend, floht zu Herzog Adorno?
GINEVRAIm Haus des Alviano Salvago!
GEMURMELAh! Hört! Hört doch!
STIMME JULIANSVerdammt - lasst mich nach vorn!
RUFERuhe! Wer ist das? Hört doch!
zum Podestà dringend
ALVIANOWas steht Ihr da - ?
ALVIANOWas rührt Ihr Euch nicht?
ALVIANOAlter Mann, seid barm-
ALVIANOherzig und lasst mich fort!
ALVIANOEs dämmert mir auf,
ALVIANOfurchtbar deutlich und klar -
CAPITANEOSagt ohne Scheu, Signorina
CAPITANEOScotti: Wer war's, der Euch
CAPITANEOraubte Freiheit und Ehre?
GINEVRAEin Edelmann, der sich
GINEVRAnannte Menaldo Negroni!
aus dem Hintergrund
MENALDODiese Frau lügt!
MENALDOEIN ZWEITER RUF (Julian)
MENALDOZieh, Schurke!
Kampfgetümmel im Hintergrunde.
in grosser Bewegung
VOLKAha! Die Alberghi!
VOLKSeht! Seht! Hört nur! Doch was
VOLKist's mit Salvago? Heraus mit
VOLKder Wahrheit!
verzweifelt
ALVIANOAlter Mann, sie ist in
ALVIANOGefahr. Die Zusammenhänge
ALVIANOseh' ich vor mir -
stark
CAPITANEODas Haupt einer Horde
CAPITANEOwüster Gesellen, adliger
CAPITANEORäuber ist Alviano Salvago.
CAPITANEOVerraten hat alles dem Herzog -
CAPITANEOGraf Vitelozzo Tamare.
fährt herum, wie von einer Tarantel gestochen
ALVIANOWer sprach den Namen?
ALVIANOWer riss ihn mir aus dem Hirn?
ALVIANODer ist's! Er hat sie geraubt.
ALVIANOEr stellte ihr nach. Er warb um
ALVIANOsie - ich weis es - weiss es -
CAPITANEORedet Ihr irre?
CAPITANEOGinevra - raubte Graf Vitelozzo?
in fliehender Hast
ALVIANOWer spricht von Ginevra?
ALVIANOWer ist sie? Nichts weiss ich von ihr!
mit höchstem, verzweifelten Ausdruck
ALVIANOCarlotta!
schreiend
ALVIANOCarlotta!
SYSTEMNEUNZEHNTE SZENE
Dienerinnen der Carlotta herbeistürmend.
durcheinander
DIENERINNENO Herr! Podestà!
DIENERINNENSie ist verschwunden!
DIENERINNENWir finden sie nicht,
DIENERINNENEure Tochter! Sie ist
DIENERINNENverschwunden, als hätt'
DIENERINNENsie verschlungen die Erde!
verzweifelt
PODESTÀVielleicht - verliess sie
PODESTÀdas Eiland - und fuhr -
DIENERINNENNiemand verliess es.
DIENERINNENSoldaten stehen rings
DIENERINNENum die Insel, es sah sie
DIENERINNENkeiner! Doch - Einer!
DIENERINNENEs war ihm, als hätt' er
DIENERINNENin einer Schar Bacchanten,
DIENERINNENan eines verlarvten Ritters
DIENERINNENSeite erkannt die Herrin!
Wahnsinniges Lachen Alvianos
mit furchtbarer Stimme
ALVIANOHa, ha, ha - ; o Du, Hund!
ALVIANODu Wüstling! Du Tier!
ALVIANOHätt' ich Dich da - ich zerfleischte
ALVIANODich, Bestie, mit meinen
ALVIANOZähnen.
mit gebrochener, heiserer Stimme
ALVIANOKommt, ich führe
ALVIANOEuch! Seht Ihr - dort oben
ALVIANOden blauen Schein? Hört Ihr? -
ALVIANOLauscht doch - ist's nicht Musik?
immer erregter
ALVIANOToll und verrucht - Schreie und
ALVIANOJauchzen? Volk von Genua!
ALVIANOIch will dich führen!
ALVIANOZu deinen geschändeten
ALVIANOTöchtern! Zu meiner -
mit verzweifelt wehvollem Ausdruck, fast weinend
ALVIANOarmen, verlorenen Braut!
Starke Bewegung im Volke
ALVIANODann steh' ich dir Rede und
ALVIANODu sollst - richten. Doch -
ALVIANOwehe - den Andern!
VOLKWehe, wehe!
VOLKDer Tod über sie!
Der Chor entfernt sich mit Geheul, Getöse, rach davonstürmend, der Lärm wird bald schwächer, bis vollständige Ruhe eintritt.
SYSTEMZWANZIGSTE SZENE
Ein unterirdisches Gewölbe. Viele Nischen, aus welchen verschieden farbiges Licht strahlt. Blumengewinde. Schwere Tierfelle. Räucherpfannen, aus welchen Rauch aufsteigt, der den ganzen Raum erfüllt. Diener mit roten Fackeln. Soldaten mit Arkebusen. In den Nischen verstörte, junge Frauen. Zerbrochene Pokale, Blumenblätter, zerrissene Gewänder deuten auf eine gestörte orgiastische Szene; ein Toter seitwärts links vorne, zerbrochene Degen, auf einen stattgehabten Kampf. Gonsalvo, Guidobald, Vitelozzo, Michelotto und andere Edle gefesselt. Seitwärts rechts vom Publikum ein Rosenlager, auf dem Carlotta, wie in einer Ohnmacht schlafend, liegt. Alviano, der Podestà, der Capitaneo, Volk.
heiser
ALVIANODu lügst!
finster
TAMAREDu irrst -
TAMAREich spreche die Wahrheit.
ALVIANOHöre Du - es könnte wohl sein -
ALVIANOdass sie nicht mehr - erwachte -
ALVIANOdass sie - hinüberschliefe - in
ALVIANOdie - and're Welt. Und sieh - für mich
ALVIANOwar's - so viel - - ich habe nichts
ALVIANOand'res - gehabt. In meinem
ALVIANOganzen Leben - war diese Frau -
ALVIANOdas einzig Grosse - das einzig Schöne.
ALVIANOBegreife - wenn Du mir sagst - :
ALVIANO"Ich hab' sie geraubt - mit Gewalt
ALVIANOgenommen - ich konnte nicht anders -
ALVIANOweil ich sie - liebte - -", so muss ich
ALVIANODich hassen - und muss Dich - verfluchen -
ALVIANOweil du einem Armen - wie mir,
ALVIANOzerstört hast - genommen - was er -
ALVIANObesass. Aber da innen - tief - bliebe
ALVIANOja doch - so etwas - versteh'
ALVIANOmich - wie ein - weher Trost
mehr und mehr unfähig, die mächtige Erregung zu unterdrücken
ALVIANODoch wenn Du mir sagst: "Sie hat sich
ALVIANOmir gegeben - sie, Carlotta - frei-
ALVIANOwillig - in Liebe - und sie war
ALVIANOglücklich" - ja, wahrhaftig - Du sagtest -
ALVIANOglücklich, - ja dann - dann - -
ALVIANOdann hab' ich ja nichts - gehabt, - -
ALVIANOdann hast Du mir - ja nichts - -
ALVIANOgenommen - - dann bin ich ja -
ALVIANOwieder - ganz so elend - wie ich -
ALVIANOwar - zurückgestossen - in's Nichts -
ALVIANOins Nichts - - -
düster
TAMAREUnd wenn Du mich mordest -
TAMAREich weiss Dir nichts and'res
TAMAREzu sagen. Nur eins:
TAMAREVerfallen war mir diese Frau,
TAMAREvom ersten Tag, da ich sie erschaut -
TAMAREnach dem Wort, das Du selbst,
TAMAREAlviano, einst sprachst: "Die Schönheit
TAMAREsei Beute des Starken". Stark
TAMAREwähntest Du Dich - eine Stunde
TAMARElang - doch Du warst es nicht.
TAMAREDie Freude bot sich Dir dar - da
TAMAREwich'st Du ihr aus, zitternd und
TAMAREfeige. Du sahst nur das Dunkle,
TAMAREdie Schatten, Gefahr und Sünde.
TAMAREAllzu herbe gezeichnet vom Schicksal,
TAMAREwardst Du flügellahm, unfrei,
TAMAREverzagt. Für Deinesgleichen lebt
TAMAREnur in Träumen die kostbare
TAMAREBlume; doch blüht sie grell und
TAMAREverlockend am Tage, dünkt's euch
TAMARETraum, Trugbild, nächtlicher
TAMARESpuk. - Denn, bot sich
TAMAREDir, Alviano - sagtest Du nicht - auch Carlotta? -
TAMAREWas nahmst Du sie nicht - ?
fassungslos
ALVIANOWeil - weil -
ausbrechend
ALVIANOo Du Teufel - verlange nicht, dass -
ALVIANOeh' zur Hölle Du fährst, ich enthülle
ALVIANOvor aller Welt ein Verbrechen -
ALVIANOso grausig - - - weil ich
ALVIANOin Tiefen blicke, die Du nicht ahnst -
ALVIANOweil ich ein Mensch bin - und Du -
TAMAREWeiss nicht, wer da tiefer blickt
TAMAREvon uns Beiden! Weiss nicht, was
TAMAREda, höher zu werten ist - ein freudlos
TAMARELeben, ein langsam Siechen -
TAMAREoder ein Tod in Rausch und Verklärung,
TAMAREin brünst'ger Umarmung ein selig Sterben!
Gemurmel unter den Umstehenden.
entsetzt
ALVIANOWie ist mir denn - ?
ALVIANOSeiner Worte Sinn - - - das ist ja .
ALVIANOnicht möglich -
mehr und mehr in Ekstase geratend
TAMAREIhre Lippen baten um Schonung;
TAMAREstammelten wirr das uralte
TAMARELied angstvollen Sich-Wehrens.
TAMAREDoch ihre Augen flehten um Lust.
TAMAREAus ihrem Munde rang sich los
TAMAREein qualvoll Bekenntnis;
TAMAREAngst und Entsetzen - doch in den
TAMAREAugen, wild unbändig, sprühten
TAMAREdie Funken entfachter Begierde.
TAMAREEndlich brach es sich Bahn: Grösser
TAMAREals Du - schuf sie sich frei.
TAMAREDem glitzernden Tanz in den
TAMARElachenden Augen gesellte sich wild
TAMAREihrer Lippen toll trunkener Sang:
TAMARE"Gib Tod" jauchzte ihr Blick -
TAMARE"Gib Glück!" gierte ihr Wort.
Wachsende Bewegung unter den Umstehenden.
ALVIANOEntsetzlich! Wissend hast Du, Unsel'ger - ?
TAMAREHa, ha, - rollt nur die Augen,
TAMAREfletscht die Zähne und ballt die Fäuste!
TAMAREMeine seligste Stunde - die raubt
TAMAREmir Keiner - .
heiser
ALVIANOSo sprich ein Gebet!
TAMAREIhr habt mir nichts an - was wollt Ihr?
in ausbrechender Todesangst
TAMAREAuf einer Kirchweih'
TAMAREein buckliger Fiedler,
TAMAREder spielte auf
TAMAREeine feine Weis'.
TAMAREDie Schönste der Schönen,
TAMAREdas war seine Liebste.
TAMAREIch griff sie heraus
TAMAREaus dem tanzenden Schwarm
TAMAREund trug sie davon.
TAMAREEr stürzte mir nach -
TAMAREso stand er vor, mir
TAMAREwie der da;
auf Alviano weisend
TAMAREverzerrt die Züge -
TAMAREverzerrt und voll Hass!
drohend
TAMAREMit seiner Fiedel -
TAMAREhab' ich ihn erschlagen.
TAMAREKommt mir nur an -
TAMAREmit meinen Händen
er zerrt und reisst an seinen Fesseln
TAMAREerwürg' ich Euch alle. -
er zerreisst seine Fesseln.
ersticht ihn
ALVIANOSo stirb, Verruchter!
grässlich aufschreiend
TAMAREAh - - - !
sich langsam, geisterhaft aufrichtend
CARLOTTAWer schrie da?
CARLOTTAWar das nicht - mein Liebster?
vor sie hinstürzend
ALVIANONein, nein - sieh mich -
ALVIANO- Alviano - Carlotta, Geliebte -
ALVIANOich bin - bei Dir - er log - log - log!
ihn von sich stossend, mit dem Ausdruck höchsten Grauens, furchtbarster Angst
CARLOTTAFort - fort! Ein Alb - ! Ein Nachtgesicht!
CARLOTTAHelft - helft! Hu - wie das drückt!
CARLOTTAUnd das rote Licht - weh, weh - !
schwach
CARLOTTAGebt mir Wasser -
zitternd
CARLOTTAnein - gebt mir - Wein - - und mein -
CARLOTTALiebster - soll kommen -
CARLOTTAmein Schöner, - Süsser - ich will
CARLOTTAVitelozzo eh' - eh' ich - sterbe - - -
Sie seufzt tief und liegt plötzlich still und starr. Schweigen.
mit ganz veränderter Stimme und irrem Ausdruck, als ob er etwas suchte
ALVIANO- - Ich will - ich will - ja wo -
ALVIANOist nur - die Fiedel - ich muss -
ALVIANOja doch endlich - zur Kirchweih! - Und
ALVIANOmeine Kappe - meine schöne - Kappe -
ALVIANOrot und mit - silbernen Schellen -
ALVIANOsah niemand - die Kappe - - ?
ALVIANOLasst mich -
ALVIANOich muss - ja doch endlich -
er stolpert über Tamares Leichnam
ALVIANOhalt - was war das - - ?
ALVIANODa liegt - ja Einer
ALVIANOihr guten Leute - da liegt ja -
ALVIANO- ein Toter - - .
Er taumelt durch die Menge dem Hintergrunde zu; alles macht ihm scheu Platz.
Vorhang