Schlaflied für Mirjam

Serge Bortkiewicz

Schlaf mein Kind - schlaf, es ist spät!

Sieh wie die Sonne zur Ruhe dort geht,

Hinter den Bergen stirbt sie in Rot.

Du - du weißt nichts von Sonne und Tod.

Wendest die Augen zum Licht und zum Schein -

Schlaf, es sind so viel Sonnen noch dein,

Schlaf mein Kind - mein Kind, schlaf ein!

Schlaf mein Kind - der Abendwind weht.

Weiß man, woher er kommt, wohin er geht?

Dunkel, verborgen die Wege hier sind,

Dir, und auch mir, und uns allen, mein Kind!

Blinde - so gehn wir und gehen allein,

Keiner kann Keinem Gefährte hier sein -

Schlaf mein Kind - mein Kind, schlaf ein!

Schlaf mein Kind und horch nicht auf mich!

Sinn hats für mich nur, und Schall ists für dich.

Schall nur, wie Windeswehn, Wassergerinn,

Worte - vielleicht eines Lebens Gewinn!

Was ich gewonnen gräbt mit mir man ein,

Keiner kann Keinem ein Erbe hier sein -

Schlaf mein Kind - mein Kind, schlaf ein!

Schläfst du, Mirjam? - Mirjam, mein Kind,

Ufer nur sind wir, und tief in uns rinnt

Blut von Gewesenen - zu Kommenden rollts,

Blut unsrer Väter, voll Unruh und Stolz.

In uns sind Alle, Wer fühlt sich allein?

Du bist ihr Leben - ihr Leben ist dein --

Mirjam, mein Leben, mein Kind - schlaf ein!