In stiller Nacht, wenn Niemand wacht

T. Kolle

In stiller Nacht, wenn Niemand wacht,

Der Schlummer mir entflieht,

Hab' ich an Vieles oft gedacht,

Was sich dem Tag entzieht.

Da rollte das Bild der Welt sich auf,

Ich sah der Sterne kreisenden Lauf,

Bewundernd der Gottheit Macht.

In stiller Nacht, wenn Niemand wacht

Und eigenes Leid mich drückt,

Hat mich der Geist, eh' ich's gedacht,

In anderes Reich entrückt.

Er trug mich hinauf, die Erde schwand,

Der Poesie gesegnetes Land

Erschaut' ich in himmlischer Pracht.

In stiller Nacht, wenn Niemand wacht,

Mich trübt des Nächsten Schmerz,

Blickt ich, so wie ich's nie gedacht,

Tief in das Menschenherz.

Ich lernt' es lieben, ich lernt' es verstehn,

Nichts gleicht den Wundern, die ich gesehn,

Die ganz im Verborg'nen vollbracht.