Mignon

Thomas, Ambroise

Oper in drei Akten

Nach J. W. Goethes' "Wilhelm Meisters Lehrjahre"

MIGNON (Sopran)

PHILINE (Sopran)

WILHELM MEISTER (Tenor)

LOTHARIO (Bariton)

LAERTES (Tenor)

FRIEDRICH (Tenor)

JARNO (Bass)

DER FÜRST (Tenor)

DER BARON (Bariton)

ANTONIO (Sprechrolle)

EIN SOUFFLEUR (Sprechrolle)

EIN BEDIENTER (Sprechrolle)

CHORZigeuner, Schauspieler, Herren und Damen, Bürger, Bauern und Bäuerinnen.

CHORDeutschland und Italien

CHORgegen 179O

SYSTEMOuvertüre

SYSTEMERSTER AKT

Der Hof eines deutschen Wirtshauses

Links Gebäude, deren eines dem Publikum gegenüber. Im ersten Stock eine Glastür auf eine Treppe nach aussen führend, die in den Hof hinabgeht. Rechts ein Schuppen, Tische und Tonnen.

Bürger. Später Lothario.

Die Bürger sitzen und trinken und werden von einigen Kellnern bedient

CHOR DER BÜRGERAuf, ihr lustigen Zecher,

CHOR DER BÜRGERFüllt wieder eure Becher

CHOR DER BÜRGERUnd trinkt und raucht, wie's euch gefällt.

CHOR DER BÜRGERDas Bier ist kühl, ihr Leute,

CHOR DER BÜRGERUnd wie der Schaum sich hält.

CHOR DER BÜRGERWir haben Sonntag heute,

CHOR DER BÜRGERRuh' ist für alle Welt.

erscheint im Hintergrunde auf der Schwelle des Wirtshauses. Langsam schreitet er vor, bleibt in der Mitte des Hofes stehen und singt, sich auf der Laute begleitend

LOTHARIOOhne Rast, ohne Ziel irr' ich von Haus zu Hause,

LOTHARIOWohin der Zufall mich führet, selbst in Sturmes Gebrause!

LOTHARIOGott ist des Elends einz'ger Hort!

LOTHARIODoch sie lebt! Ja, sie lebt! Ich muss sie wiedersehen!

LOTHARIORuh'n will ich einen Tag, ach, und dann wieder gehen

LOTHARIOUnd wandern fort und immerfort!

EINIGE BÜRGERSeht, 's ist Lothario, der alte fremde Sänger.

ANDERE BÜRGERMan sagt, dass seine Sinne verworren und krank.

EINIGE BÜRGERWoher kommt er?

ANDERE BÜRGERNiemand weiss es!

zu Lothario

ALLENun, Freund, traure nicht länger,

ALLESo trinke und lass für heute den Klagegesang.

CHORAuf, ihr lustigen Zecher,

CHORFüllt wieder eure Becher

CHORUnd trinkt und raucht, wie's euch gefällt.

CHORDas Bier ist kühl, ihr Leute,

CHORUnd wie der Schaum sich hält.

CHORWir haben Sonntag heute,

CHORRuh' ist für alle Welt.

Die Vorigen. Jarno. Zigeuner. Bauern des Schwarzwaldes. Später Philine und Laertes (auf dem Balkon), dann Mignon

auftretend

EINIGE BAUERNPlatz gemacht, weicht zurücke!

EINIGE BAUERNPlatz da, es nahn die Zigeuner,

EINIGE BAUERNWeit aus Böhmer Land kommen sie her.

SYSTEMMarsch

EINIGE BAUERNDa ist die ganze Bande, an ihrer Spitze Jarno

EINIGE BAUERNUnd sein Gefährte Zafari.

Auftritt der Zigeuner. Die Bande zieht um die Bühne herum. Ein Wagen, mit grober Leinwand verdeckt und mit Flitterwerk aller Art beladen, wird durch zwei oder drei Zigeuner nach dem Vordergrund der Bühne gezogen. Jarno steht aufrecht im Wagon. Mignon, in einem durchlöcherten Mantel, schläft auf dem Stroh im Hintergrunde des Wagens. Eine Gruppe von Tänzern, Tamburins in den Händen, springt auf die Bühne. Zafarl ergreift seine Geige und gibt das Zeichen zum Tanze; ein Tamburin und eine Oboe begleiten die Musik.

GANZER CHORPlatz da!

erscheint auf dem Balkon, gefolgt von Laertes

PHILINELaertes! Sehn Sie doch diese Kinder aus Böhmen,

PHILINEEin Schauspiel, das unterhaltend zu werden verspricht;

PHILINEDoch, Nachsicht üben Sie, und höhnen Sie sie nicht,

PHILINESo mögen sie den Platz hier nehmen.

Laertes setzt sich neben Philine

SYSTEMZigeunertanz

EINIGE ALTE BÜRGERDie Mädchen der Zigeuner

EINIGE ALTE BÜRGERMit ihrem Blick so schlau,

EINIGE ALTE BÜRGERJa, wie sie tanzet keiner,

EINIGE ALTE BÜRGERAuch selbst nicht meine Frau.

die Zigeuner betrachtend

LAERTES:

LAERTESDie Mädchen der Zigeuner

LAERTESMit braunem Angesicht,

LAERTESJa, wie sie tanzet keiner,

LAERTESAuch selbst Philine nicht.

lachend

PHILINEDie Mädchen der Zigeuner,

PHILINESie haben leichtes Blut,

PHILINEIhr Herz betrübet keiner,

PHILINEStets frei, so ist es gut.

CHORLa la ralla la, tralalala.

CHORSind wie der Vogel im Aetherblau,

CHORJa, ja die Mädchen der Zigeuner.

CHORNun so singt und so springt, ihr Zigeuner!

CHORAch, der tolle Reigen!

CHORIhr Tanz, so wild,

CHORMit Lust erfüllt.

CHORJa, so singt und so trinkt!

CHORLasset uns singen,

CHORTanzen und springen

CHORIn wildem Kreise

CHORNach lust'ger Weise.

tritt in die Mitte der Bühne und grüsst die Versammlung. Einige Geldstücke fallen zu seinen Füssen. Zafari hebt sie auf

JARNOUm der Gaben, der Nachsicht würdig mich zu zeigen,

JARNOFolgt also jetzt ein Stück, unsrer Kunst höchster Glanz;

JARNOGesehn ist es wohl nie der Art in diesen Kreisen,

JARNOMignon zeiget sogleich den berühmten Eiertanz!

ALLEHurra! Lasset nah uns gehn,

ALLEDen Eiertanz anzusehn.

zu Philine

LAERTESWohlan, auch wir wollen sehn!

zu Zafari

JARNODu, Zafari, bereite

JARNODen schönsten Schmaus für jedes Ohr!

Zu einem andern Zigeuner

JARNODen bunten Teppich auf die Erde breite;

Er nähert sich dem Wagen und weckt Mignon

JARNOUnd du, Mignon, steh auf! Tritt vor, tritt vor!

Zafari beginnt das Vorspiel auf der Geige. Eine alte Zigeunerin breitet einen Fetzen von Teppich auf der Erde aus. Die Eier werden von einem Kinde daraufgelegt. Mignon ermuntert sich bei Jarnos Stimme und tritt in die Mitte der Zuschauer. Sie hält einen Strauss von wilden Blumen und scheint aus einem Traume zu erwachen.

vom Balkon aus zu Jarno

PHILINEHolla, mein werter Herr, mögt Ihr uns nicht erst sagen:

PHILINEWer ist das arme Kind, das Antlitz scheint zu klagen,

PHILINEDass man so es erweckt und zum Tanz Befehl ihm gab,

PHILINEIst es ein Mädchen? Ist es ein Knab?

JARNOOh, keins von beiden, schöne Dame,

JARNOWeder Knab noch Mädchen, auch Frau nicht.

PHILINEUnd wer ist es denn?

schlägt den Mantel zurück, der Mignon bedeckt

JARNO's ist Mignon!

Die Zuschauer lachen laut

für sich

MIGNONAller Augen ruh'n auf mir, dies Lachen mich beleidigt -

MIGNONO Herz, sei mutig stolz, da niemand dich verteidigt.

JARNOAuf zum Tanze! Tanze, Mignon!

mit dem nackten Fuss auf die Erde stampfend

MIGNONNein, nein! Nimmermehr!

MIGNONIch trotze deinem Willen

MIGNONUnd weigre mich, den Befehl zu erfüllen!

JARNOWie, du trotzest?

zu den Zigeunern

JARNOHolla, gebt schnell den Stock mir her!

MIGNONNein, nein!

JARNOTanze, Mignon, und zögre nicht,

JARNOSonst zeigt der Stock dir deine Pflicht!

DIE MÄNNERTanze! siehe den Stock!

DIE MÄNNERTanze, Mignon, und zögre nicht,

DIE MÄNNERDer Wütrich hält, was er verspricht.

DIE FRAUENSie hat ganz recht, Sie tanzet nicht.

steht auf und läuft zu Mignon, die er in seine Arme schliesst

LOTHARIOO fasse Mut

LOTHARIOUnd bau auf mich,

LOTHARIOGegen seine Wut

LOTHARIOBeschütz' ich dich.

zornig

JARNOZum Teufel, elender Bettler, so geh zum Teufel!

Er erhebt den Stock gegen Mignon

JARNOGleich tanzest du und zögerst nicht,

JARNOSonst zeigt der Stock dir deine Pflicht.

ALLETanze sogleich und zögre länger nicht,

ALLEDer Wüthrich hält, was er verspricht.

MIGNONNein, nimmermehr! Ich tanze nicht.

Die Vorigen. Wilhelm

tritt auf, gefolgt von einem Diener, der seinen Koffer trägt. Er eilt Mignon zu Hilfe und hält Jarnos Arm zurück.

WILHELMHa, Schurke du, halt ein! Sieh, die Not kennt kein Gebot!

Er zieht eine Pistole aus der Tasche und legt auf Jarno an.

JARNOWie? Was beliebt?

WILHELMWagst du noch einen Schritt, bist du tot.

JARNONun gut, ich gebe nach!

mit kläglichem Ton

JARNODoch ich bin ruiniert,

JARNOMeine Einnahme ist weg, bin am Bettelstabe.

wirft vom Balkon Jarno ihre Börse zu

PHILINESo, nimm da und schweig! 's ist mehr, als dir gebührt.

teilt ihr Bukett zwischen Wilhelm und Lothario

MIGNONO nehmt die Blumen an, sie sind all meine Habe!

SYSTEMEnsemble

für sich

PHILINEWer kennt jenen fremden Herrn,

PHILINEDer sein Leben wollte wagen?

PHILINEMöchte jemand nur ihn fragen,

PHILINEWer er ist, ich wüsst' es gern.

für sich

LAERTESWer ist er?

zu Philine

LAERTESWer jener Fremde, wüssten Sie wohl gar zu gern.

LAERTESDer schöne Mann, und voll Mut, wer ist er?

WILHELMNicht ahnte ich heut von fern

WILHELMWas sich eben zugetragen!

WILHELMOh, Aermste, nicht durft' ich zagen,

WILHELMWas ich tat, ich tat es gern.

MIGNONOh, Jungfrau, mein Hoffnungsstern,

MIGNONO höre des Kindes Klagen,

MIGNONWas du forderst, will ich tragen,

MIGNONBeug' mich vor der Macht des Herrn.

unbeweglich und starren Auges seine Laute spielend

LOTHARIONaht im Dunkeln ein Ritter von fern,

LOTHARIOKannte ihn wohl in alten Tagen,

LOTHARIOO eile, mir Trost zu sagen,

LOTHARIODu bist mein Hoffnungsstern.

JARNOJetzt nur fort, haltet euch nicht zu fern.

JARNOWer er ist, ich wüsst' es gern.

CHORWer ist er? seht von fern.

Die Bürger gehen durch den Hintergrund ab, Jarno und die Zigeuner ziehen sich in den Schuppen zurück. Mignon folgt ihnen, und Lothario entfernt sich langsam. Philine spricht leise zu Laertes, mit dem Finger auf Wilhelm deutend. Sie geht langsam ins Haus. Laertes steigt auf der äusseren Treppe in den Hof hinab.

Wilhelm. Laertes

zu seinem Diener

WILHELMSorge für unsere Pferde und sieh danach, dass mein

WILHELMKoffer an einen sicheren Ort komme. Ich werde hier

WILHELMim Freien frühstücken.

Der Diener geht in das Wirtshaus ab

Wilhelm begrüssend

LAERTESMein Herr!

Wilhelm grüsst wieder

LAERTESDie junge Dame, welche soeben mit mir auf jenem

LAERTESBalkon sass, hat mich beauftragt, Ihnen ihren Dank

LAERTESabzustatten für die wahrhaft ritterliche Weise, mit

LAERTESwelcher Sie die kleine Zigeunerin von den Schlägen

LAERTESihres reizenden Gebieters befreiten.

WILHELMWas ich getan, würde jeder andere an meiner Stelle

WILHELMauch getan haben.

LAERTESGewiss! Ich gestehe Ihnen, dass ich eben hinuntereilen wollte, als Sie wie ein rettender Engel erschienen. Unsere Herzen begegneten sich, sie werden sich darum auch verstehen. Erlauben Sie mir, Ihnen nun zu sagen, wer wir sind. Ich heisse Laertes, die Dame auf dem Balkon heisst Philine. Sie sehen in uns die letzten Ueberreste einer Schauspielertruppe, deren Direktor - wie das ja wohl vorkommt - versch- wunden ist, ohne jemanden zu bezahlen. Einige unserer Kollegen sind in der Stadt geblieben, um eine günstige Gelegenheit abzuwarten; Philine vertraut ihrem guten Stern, ohne sich wegen der Zukunft zu beunruhigen, und ich, ich benutze meine Freiheit, um alle die Albernheiten zu vergessen, die ich auf Befehl der Herren Autoren in mein Gehirn hineinpfropfen musste.

Eine Magd deckt den Tisch

WILHELMIst es Ihnen recht, so teilen Sie mein bescheidenes

WILHELMFrühstück mit mir.

LAERTESMit Vergnügen.

zu der Magd

WILHELMZwei Kuverts!

zu Laertes

WILHELMSo werden wir plaudern und mit dem Glase in der

WILHELMHand unser Zusammentreffen feiern. Und nun -

WILHELMVertrauen gegen Vertrauen - hören Sie, wen Sie vor

WILHELMsich haben. Ich heisse Wilhelm Meister, bin der Sohn

WILHELMeines rechtschaffenen Bürgers in Wien, welcher vor

WILHELMeinem Jahre die Universität verliess, seine väterliche

WILHELMErbschaft in Empfang nahm, um in das Leben zu tre-

WILHELMten. Ich bin jung, reich, frei, verliebt, ein Freund

WILHELMschöner Verse wie aller schönen Dinge. Neugierig, die

WILHELMWelt zu sehen, ungeduldig, tolle Abenteuer zu erleben.

er steht auf

WILHELMIch will unser altes Deutschland durchreisen, ich will

WILHELMFrankreich und Italien sehen und Geld unter die

WILHELMLeute bringen.

SYSTEMArie

WILHELMFroh und frei will ich eilen

WILHELMDurch die herrliche Welt,

WILHELMKommen, gehn und verweilen,

WILHELMHeut hier und morgen dort; ich tu, was mir gefällt!

WILHELMNeu sind mir alle Dinge,

WILHELMAlles reizt, bezaubert mich,

WILHELMUnd ich lache, und ich singe,

WILHELMMein eigner Herr bin ich.

WILHELMLebe wohl denn, ich scheide,

WILHELMDu mein väterlich Haus,

WILHELMDas Vöglein, voll Freude,

WILHELMBreitet die Flügel aus.

WILHELMFroh und frei will ich eilen

WILHELMDurch die herrliche Welt,

WILHELMKommen, gehn und verweilen,

WILHELMHeut hier und morgen dort; ich tu, was mir gefällt!

WILHELMWenn die Lieb' auf meinen Wegen

WILHELMNoch heute zu mir spricht,

WILHELMFolg' ich Trieben, die sich regen,

WILHELMUnd bis morgen wart' ich nicht.

WILHELMMein Herz mag sich nicht sträuben

WILHELMVor der süssen Lust,

WILHELMLässt sich doch so gern betäuben

WILHELMDie lieberfüllte Brust.

WILHELMDoch die beste der Frauen,

WILHELMDie ein Traum uns verspricht,

WILHELMNoch konnt' ich sie nicht schauen,

WILHELMFand sie bis jetzt noch nicht.

WILHELMOb sie von hoher Herkunft, wie ist ihr Haar, ihr Auge?

WILHELMWas kümmert's mich!

WILHELMJa, frei will ich eilen

WILHELMDurch die herrliche Welt,

WILHELMKommen, gehn und verweilen,

WILHELMHeut hier und morgen dort; ich tu, was mir gefällt

Die Magd trägt das Essen auf.

LAERTESDas Frühstück ist serviert!

WILHELMNun denn, zu Tisch!

LAERTESZu Tisch!

lachend

LAERTESWahrhaftig, so ein Frühstück unter wirklichen Bäu-

LAERTESmen in Gesellschaft eines liebenswürdigen Mannes,

LAERTESder nie Komödie gespielt hat, dieses Huhn, das nicht

LAERTESnur ein Theaterhuhn von Pappe, dieser Wein, den

LAERTESnicht der Requisiteur geliefert, das ist alles herrlich!

er zerschneidet das Huhn

einschenkend

WILHELMAuf Ihr Wohl!

das Glas ergreifend

LAERTESUnd auf das Ihre!

er isst und trinkt

LAERTESUnd nun, mein lieber Herr - Wilhelm Meister, Sie

LAERTEShaben sich vorgenommen, die ganze Welt zu durch-

LAERTESeilen; nehmen Sie sich nur in acht, dass Sie nicht auf

LAERTESder ersten Station sitzenbleiben.

WILHELMWie das?

LAERTESIch meine irgendeine Liebesfalle, in die Sie geraten könnten.

er trinkt

LAERTESWie Sie, lieber Herr Meister, reiste ich mit meinen

LAERTESzwanzig Jahren und den Talern meines verstorbenen

LAERTESOnkels in der Tasche, von meinem Dorfe ab, um die

LAERTESWelt zu erobern. Auf der ersten Station trete ich in

LAERTESeine Scheune, in welcher eine wandernde Schauspielertruppe Komödie spielte. Beim Scheine der Talglichte fällt mir ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren auf, blond wie Stroh, mit Vergissmein- nichtaugen - es war die muntre Liebhaberin der Truppe. Den Morgen darauf gestehe ich ihr meine Liebe, nach acht Tagen waren wir verheiratet. Noch am Abend des Hochzeitstages überraschte ich meine Julia mit einem fremden Romeo zu ihren Füssen; ich duelliere mich, werde verwundet, und der Sieger verschwindet mit meiner Frau und meinem Gelde. In dem Zeitraum weniger Tage hatte ich die Empfindungen des Liebhabers, des Bräutigams, des Ehemanns und Witwers durchgekostet.

er trinkt

LAERTESMein Verlangen nach Reisen hatte sich gelegt, mein

LAERTESDurst nach Abenteuern war befriedigt. Der Teufel

LAERTESmachte schliesslich aus mir einen Schauspieler. Sie

LAERTESsehen, dass ich nicht gerade aus Neigung meinem

LAERTESStande angehöre und dass ich wohl Grund habe,

LAERTESwenn ich Sie vor den Frauen warne!

lächelnd

WILHELMUnd dennoch schienen Sie sich mit der Dame auf dem

WILHELMBalkon recht gut zu verstehen.

LAERTESSie meinen Philine? Das will nichts sagen, mein Wort

LAERTESzum Pfande! Wir beide kennen uns zu gut, um uns zu

LAERTESlieben.

Philine tritt auf den Balkon, um zu lauschen; sie hat ihren früheren Morgenanzug mit einem eleganten Reisekleld vertauscht.

LAERTESWir haben uns abends vor dem Publikum so viel

LAERTESschöne Dinge gesagt, dass uns für das Privatleben

LAERTESnichts mehr übriggeblieben ist.

lachend

WILHELMWirklich?

LAERTESUnd ausserdem sagt ja das Sprichwort sehr wahr;

LAERTESEin Wolf verschlingt den anderen nicht. Aber mit

LAERTESIhnen ist das etwas ganz anderes. Sie gehören nicht

LAERTESzum Bau, Sie sind jung, feurig, wissbegierig, voller

LAERTESIllusionen. Trauen Sie jener Dame nicht; ich bin

LAERTESzu sehr ihr Freund und möchte zu gern Ihr Freund

LAERTESwerden, als dass ich Ihnen nicht dringend den guten

LAERTESRat erteilte. Philine ist lebhaft, kokett, verschmitzt,

LAERTESlügenhaft und eitel, wie alle ihresgleichen, leichter

LAERTESals der Wind, treuloser als die Welle, veränderlicher

LAERTESals der Mond. Und mit all ihren Fehlern ist sie das

LAERTESgefährlichste Weib, das ich kenne. Trinken wir auf

LAERTESihre Gesundheit!

Sie trinken und stossen an.

Während der letzten Rede Ist Philine die Treppe hinabgestiegen.

die Vorigen. Philine

SYSTEMTerzett

Laertes mit der Spitze ihres Fächers auf die Schulter klopfend

PHILINEEi was, teurer Laertes, da Ihr Glas Sie geleert,

PHILINEVollenden Sie dies reizende Porträt denn nicht?

lachend zu Philine

LAERTESSie hier? Wir sassen zu Gericht!

Philine grüssend

WILHELMEr ist als Freund ein strenger Richter,

WILHELMIhr schönes Aug' sagt, dass er nicht Wahrheit spricht.

zu Wilhelm

PHILINEIch danke für das Kompliment.

heiter, für sich

WILHELMWelche Anmut, welches Sehnen

WILHELMSpricht der Blick, voll Gefühl;

WILHELMAch, die Seufzer und Tränen

WILHELMFühren hier nicht zum Ziel.

LAERTESEr glaubt, bei dieser Schönen

LAERTESKommt so leicht er zum Ziel,

LAERTESEr wird geliebt sich wähnen,

LAERTESDoch treibt sie nur ihr Spiel.

für sich

PHILINEIch erwecke sein Sehnen,

PHILINERache nur ist mein Ziel,

PHILINEWird geliebt er sich wähnen,

PHILINEDer Rest ist leichtes Spiel.

zu Wilhelm

PHILINEWie ist's in der Welt zu beklagen,

PHILINEWenn alle Frauen so sind wie ich,

PHILINEKokett und leicht fürchterlich.

PHILINEDie Männer, was soll man da sagen,

nach Laertes zeigend

PHILINEGar viele sind grad so wie er,

PHILINESie schleppen die Langweil' uns her,

PHILINERühmen sich, zu hassen alle Frauen,

PHILINEWeil ihr Herz nicht eine ihm gibt;

PHILINESie schwören, uns sei nicht zu trauen,

PHILINEUnd nur weil man nicht jeden liebt.

lächelnd

WILHELMGut gesagt! Das nenn' ich gerächt!

LAERTESSehr gut! Nur vorwärts ins Gefecht!

LAERTESOhne Umschweif erlauben Sie mir,

LAERTESSie gleich einander vorzustellen.

Wilhelm Philine vorstellend

LAERTESEin liebenswürd'ger Mann, Wilhelm Meister steht hier,

LAERTESDer für Ihre Lieb' gern sein Herz will verlieren.

Philine Wilhelm vorstellend

LAERTESHier, Signora Philine, ein Engel in Person,

LAERTESDie Sie findet scharmant und es wünscht auszu-

LAERTESdrücken.

Zu Philine

LAERTESUnd jetzt lassen Sie los ein Lächeln zum Entzücken!

zu Wilhelm

LAERTESSie reichen der Signora Ihr Bukett!

Er nimmt Wilhelms Bukett und gibt es Philine

LAERTESSchon da!

für sich

WILHELMWelche Anmut, welches Sehnen

WILHELMSpricht der Blick, voll Gefühl;

WILHELMAch, die Seufzer und Tränen

WILHELMFühren hier nicht zum Ziel.

für sich

PHILINEIch erwecke sein Sehnen,

PHILINERache nur ist mein Ziel,

PHILINEWird geliebt er sich wähnen,

PHILINEDer Rest ist leichtes Spiel.

lachend

LAERTESEr glaubt bei dieser Schönen

LAERTESKommt so leicht er zum Ziel,

LAERTESEr wird geliebt sich wähnen,

LAERTESDoch treibt sie nur ihr Spiel.

zu Wilhelm

PHILINEMein Herr, ich bitte Sie, die Scherze meines Freundes zu entschuldigen!

zu Laertes

PHILINESie geben mir Ihren Arm.

LAERTESWir gehen?

PHILINEJa, ich entführe Sie, um Herrn Meister Ihren schlechten Ratschlägen zu entziehen.

lachend

LAERTESUnd zu fliehn.

deklamierend

LAERTES«Durchbohrend ihm das Herz mit gift'gein Pfeil!"

mit natürlichem Ton

LAERTESWohin gehen wir?

PHILINEIn die weite Welt.

leise

PHILINEMeine Börse ist leer.

LAERTESTeufel, die meinige auch.

PHILINEIch will in der Stadt einen anständigen Juwelier

PHILINEsuchen, welchem ich etwas Schmuck verkaufen kann.

leise

LAERTESSie haben noch Schmuck zu verkaufen? Sie Glückliche!

Laertes' Arm nehmend

PHILINEApropos, haben Sie nichts von unserem Freunde Friedrich gehört?

LAERTESNicht das mindeste.

PHILINEEr hat mich seit acht Tagen nicht aufgesucht - er muss gestorben sein.

LAERTESSehr wahrscheinlich!

zu Wilhelm

LAERTESWir finden Sie wieder hier? Nicht wahr?

lachend

PHILINESicher! Verschwindet man denn so schnell, wenn man

PHILINEmich gesehen hat?

LAERTESMan täte gescheiter, wenn man verschwände.

PHILINEUnverschämter!

zu Wilhelm

PHILINEBis später, Herr Meister!

mit Laertes ab

Wilhelm. Später Mignon

fröhlich

WILHELMBei Gott! Ein reizendes Mädchen! Etwas närrisch

WILHELMund ohne Zweifel sehr kokett - aber reizend.

kommt furchtsam aus dem Schuppen; für sich

MIGNONEr ist allein.

WILHELMLaertes mag noch so viel reden, ich glaube, trotz sei-

WILHELMner weisen Ermahnungen werde ich verliebt.

Mignon bemerkend

WILHELMAch du bist's, armes Kind!

MIGNONJarno ist eingeschlafen, und nun komme ich, dir zu

MIGNONdanken.

WILHELMHast du dich denn nicht schon bedankt, indem du mir

WILHELMdein Bukett gabst?

MIGNONMein Bukett -

für sich

WILHELMTeufel, das hat mir ja Philine genommen!

ür sich

MIGNON:

MIGNONWas hat er damit gemacht?

WILHELMDer Dienst, den ich dir geleistet, verdient wahrhaftig

WILHELMnicht so viel Dank. Der Elende wollte dich schlagen;

WILHELMich schüchterte ihn durch Drohungen ein, und so bist

WILHELMdu diesmal seiner Wut entgangen. Morgen freilich

WILHELMwerd ich nicht mehr hier sein, um dich verteidigen

WILHELMzu können.

SYSTEMRezitativ und Romanze

MIGNONMorgen, sagst du; wer weiss, morgen sind wir wohl weit!

MIGNONUnsre Zukunft steht bei Gott, er bestimmt die Zeit.

gesprochen

WILHELMWie heisst du?

MIGNONMignon nennen sie mich. Nichts andres weiss ich.

gesprochen

WILHELMWie alt bist du denn?

MIGNONDie Bäume wurden grün,

MIGNONDer Schnee bedeckte das Feld,

MIGNONFür mich war niemand da,

MIGNONDer meine Jahre gezählt.

gesprochen

WILHELMWer ist dein Vater? Wer deine Mutter?

MIGNONDie Mutter ruht von ihrer Not,

MIGNONUnd der grosse Teufel ist tot!

WILHELMDer grosse Teufel? Was willst du damit sagen?

MIGNONDas war mein erster Herr.

WILHELMDer, welcher dich jenem Menschen verkaufte!

sie mit Teilnahme prüfend

WILHELMAber wie bist du in seine Hände gefallen? Sprich!

WILHELMVielleicht kann ich dir helfen und dich diesem elenden

WILHELMLeben entreissen. Ohne Zweifel hat man dich deiner

WILHELMFamilie gestohlen. Bewahrst du nicht irgendeine Er-

WILHELMinnerung aus deiner Kindheit?

Mignon sieht Ihn an, ohne zu antworten

WILHELMDu schweigst! Du wagst nicht, dich mir anzuvertrauen.

sucht ihre Erinnerungen zurückzurufen und spricht wie zu sich selbst

MIGNONVon meiner Kindheit ist nur eine einzige Tatsache in

MIGNONmeinem Geiste geblieben, genau wie am ersten Tage.

MIGNONIch hatte mich von dem Hause meines Vaters weit ent-

MIGNONfernt und irrte aufs Geratewohl im Felde umher, als

MIGNONich mich von Männern in seltsamer Tracht umgeben

MIGNONsah. Ich bat sie, mich zu meinem Vater zurückzufüh-

MIGNONren und beschrieb ihnen den Weg, den sie einschlagen

MIGNONsollten; sie versprachen mir es auch und führten mich

MIGNONmit sich fort. Aber in der Nacht, als sie mich im

MIGNONSchlafe glaubten, hörte ich, wie einer von ihnen sagte:

MIGNON«Sie kann uns nützlich sein, wir müssen sie so schnell

MIGNONals möglich aus dem Lande entfernen.»

gesprochen

WILHELMWeisst du noch etwas von den Gegenden, welche du

WILHELMdurchwandertest, ehe du hierher kamst? Schweben dir

WILHELMferne Orte vor, welche du wiedersehen möchtest?

gesprochen

MIGNONIch weiss ein Lied, das meine Gedanken, meine Ge-

MIGNONfühle wiedergibt.

SYSTEMRomanze

MIGNONKennst du das Land, wo die Zitronen blühn,

MIGNONIm dunklen Laub die Goldorangen glühn,

MIGNONEin sanfter Wind vom blauen Himmel weht,

MIGNONDie Myrte still und hoch der Lorbeer steht?

MIGNONKennst du es wohl?

MIGNONDahin, dahin

MIGNONMöcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

MIGNONKennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach;

MIGNONEs glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,

MIGNONUnd Marmorbilder stehn und sehn mich an:

MIGNONWas hat man dir, du armes Kind, getan?

MIGNONKennst du es wohl?

MIGNONDahin, dahin

MIGNONMöcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

WILHELMDieses zauberische Land, von dem du sprichst, diese

WILHELMglückliche Gegend, welche du im Herzen bewahrtest,

WILHELMist es nicht Italien, liebe Kleine?

träumerisch

MIGNONItalien - weiss nicht!

für sich

WILHELMSeltsames Wesen!

Jarno kommt aus dem Schuppen.

Die Vorigen, Jarno

JARNOAh, wie es scheint, gefällt Ihnen das Kind - mein

JARNOPrinz, Sie wollen mir es abwendig machen?

WILHELMElender! Ich hätte nicht übel Lust, dich dem Gericht

WILHELMzu überliefern, damit es dich zwänge, diese arme

WILHELMKlein ihrer Familie, der du sie ohne Zweifel gestohlen

WILHELMhast, zurückzugeben.

JARNOGestohlen! Alle Welt kann bezeugen, dass ich sie

JARNOnicht gestohlen habe, wohl aber ernährt, erzogen wie

JARNOmein Kind, wie mein eigenes Kind.

WILHELMWoher stammt sie denn?

mit mürrischem Ton

JARNODas weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich sie von

JARNOmeinem Bruder, der, seiner merkwürdigen Talente we-

JARNOgen, den Beinamen «der grosse Teufel» führte, geerbt

JARNOhabe. - Im übrigen, wenn Sie sich so sehr für sie

JARNOinteressieren, zahlen Sie mir wieder, was sie mich

JARNOan Kleidung und Nahrung gekostet, und Sie mögen

JARNOüber ihr Schicksal nach Belieben verfügen.

WILHELMGut! Ich nehme deinen Vorschlag an.

erstaunt

JARNOAh - was?

für sich

MIGNONWas sagte er?

zu Jarno

WILHELMKomm mit mir, ich zahle dir sogleich das Geld, wel-

WILHELMches du forderst, und dafür unterzeichnest du mir

WILHELMeine Schrift, welche Mignon ihre Freiheit wiedergibt.

JARNOWenn ich bezahlt werde, unterzeichne ich alles, was Sie wollen.

WILHELMSo komm!

zu Mignon

WILHELMIm Augenblick wirst du frei sein. Bald bin ich wieder

WILHELMhier, mein liebes Kind.

mit Jarno ins Wirtshaus ab

Mignon. Später Lothario

SYSTEMRezitativ und Duett

MIGNONFrei! Frei! Ist es wahr? Hab' ich recht gehört?

Sie bemerkt Lothario, welcher, aus dem Hintergrunde kommt

MIGNONAch komm und freue dich mit mir; wie er, sei auch

MIGNONdu gesegnet, der mich verteidigte.

LOTHARIOIch suchte dich, um dir Lebewohl zu sagen; ehe ich

LOTHARIOging, wollte ich dich noch einmal sehen.

MIGNONAber weshalb gehst du schon?

LOTHARIOIch muss!

MIGNONAllein; ohne Führer!

für sich

MIGNONArmer Greis, des Verstandes beraubt.

laut, teilnehmend

MIGNONGehst du nach Nord oder Süd?

LOTHARIODie Schwalben, welche du am Himmel schweben

LOTHARIOSiehst, sie fliehen nach dem Süden; wohin sie gehen,

LOTHARIOGehe ich auch.

traurig

MIGNONOh, warum kann ich nicht wie sie durch alle Räume

MIGNONFliegen, in mein Heimatland. Gib mir deine Laute.

Sie singt, sich auf der Laute begleitend.

SYSTEMDuett

MIGNONIhr Schwalben in den Lüften,

MIGNONIn Gottes blauem Reich,

MIGNONSchwebt über Seen und Triften,

MIGNONO könnt' ich ziehn mit euch!

LOTHARIOKlinge, süsse Laute,

LOTHARIOUnter ihrer Hand,

LOTHARIOErinnerung wecke, traute,

LOTHARIODie längst ihr entschwand.

MIGNONO flieht zu lichten Auen,

MIGNONO flieht zu dem Horizont, so hell, so rein:

MIGNONWie glücklich, zu erschauen

MIGNONSchon morgen jenes Land voll Sonnenschein,

MIGNONO könnt' ich fliehn mit euch!

BEIDEIhr Schwalben in den Lüften,

BEIDEIn Gottes blauem Reich, Schwebt über Seen und

BEIDETriften,

BEIDEO könnt' ich ziehn mit euch.

man hört hinter der Bühne Philine laut lachen

MIGNONSchon wieder diese Frau!

MIGNONIch mag sie nicht sehen, komm!

Sie zieht Lothario nach dem Schuppen.

Philine, Friedrich, später Wilhelm und Jarno. Philine tritt laut lachend auf: Friedrich folgt ihr, den Staub von seinen Kleidern schüttelnd

PHILINENein, lassen Sie mich zu Ende lachen, lieber Friedrich. Diese Art und Weise, über den Kopf Ihres Pferdes hinweg mir zu Füssen zu fallen, ist wahrhaftig ebenso originell wie galant. Ich wusste gar nicht, dass Sie ein so fertiger Voltigeur sind.

FRIEDRICHSpotten Sie nur. Das arme Pferd hat meine Sehnsucht nach Ihnen fast mit dem Leben bezahlt.

PHILINESagte ich es Ihnen nicht, dass Sie fern vor mir nicht

PHILINEexistieren können?

sie lacht

kommt mit Jarno aus dem Hause

WILHELMAbgemacht! Mignon ist frei!

JARNOAbgemacht! Ich werde ihr ihre Lumpen übergeben

JARNOund sie Ihnen herschicken.

für sich

JARNOHundert Dukaten! Ein gutes Geschäft.

geht in den Schuppen

Wilhelm, Philine, Friedrich

zu Wilhelm tretend

PHILINEWie, was höre ich da? Sie haben der jungen Zigeunerin ihre Freiheit erkauft? Sehr edelmütig! Was wollen Sie aber mit ihr beginnen?

WILHELMIch denke sie hier bei ehrlichen Leuten irgendeine Arbeit erlernen zu lassen.

lachend

PHILINEGeben Sie sie mir! Sie soll Komödie spielen lernen und mich dafür in dem famosen Eiertanz unterrichten.

WILHELMO spotten Sie der Unglücklichen nicht, es wäre Ihrerseits grausam.

zu Philine wütend

FRIEDRICHWas will denn der eigentlich?

er will zwischen Wilhelm und Philine treten, Philine verhindert es

zu Friedrich

PHILINEBitte, nur Ruhe!

zu Wilhelm

PHILINEHerr Meister, ich stelle Ihnen hier den jungen

PHILINEFriedrich vor, welcher meinetwegen der Universität entlaufen ist, und den ich zu seinen Eltern zurückführen werde, sobald ich sie kennenlerne. Um bei mir zu sein, ist er zu allem fähig. Er wäre ebenso gern Souffleur, Lampenputzer, Ballettmeister oder Friseurder Truppe. Hauptsächlich ist er einer meiner hartnäckigsten und eifersüchtigsten Anbeter, der mich regelmässig alle acht Tage verlässt, um regelmässig acht Tage nachher wiederzukommen.

Friedrich bei der Hand nehmend

PHILINEHerr Friedrich, ich stelle Ihnen Herrn Wilhelm Meister vor, einen Mann, welchen Sie ganz gewiss liebgewinnen werden, da er unserm Freund Laertes versprochen hat, mir nicht den Hof zu machen.

leise und lächelnd

WILHELMIch habe gar nichts versprochen.

für sich

PHILINEEr liebt mich schon.

laut

PHILINEAber wo bleibt Laertes?

hinter der Szene

LAERTESPhiline - teure Philine!

WILHELMDa ist er schon.

Die Vorigen, Laertes

lebhaft, einen Brief in der Hand

LAERTESSieg! Sieg!

PHILINEWas gibt's?

LAERTESEndlich triumphieren wir über unsern bösen Stern.

LAERTESWir werden in den Genüssen Kapuas schwelgen und

LAERTESvor einer unserer Talente würdigen Versammlung

LAERTESspielen.

PHILINEWie das?

LAERTESUnsre Kollegen bereiten sich schon zur Abreise vor

LAERTESund werden uns sogleich hier abholen. Und hier

den Brief hochhaltend

LAERTESder Brief, der uns und

zu Philine

LAERTEShauptsächlich Sie ruft.

zu Wilhelm

LAERTESSie erlauben!

öffnet den Brief Und liest

LAERTES«Meine Allerschönste, um die Anwesenheit des Fürsten von Tiefenbach, welcher auf der Durchreise einige Tage auf meinem Schlosse verweilt, würdig zu feiern, denke ich ihm durch einige Schauspielvorstellungen ein besonderes Vergnügen zu bereiten. Ich habe infolgedessen Ihre Kollegen benachrichtigen lassen, dass ich sie noch heute erwarte. Ihnen, meine Allerschönste, dem Stern der Gesellschaft, schicke ich einen Wagen, damit Sie bequem reisen. Ich hoffe, dass Sie meine Einladung annehmen, und verspreche Ihnen, dass Sie sich nicht über die Gastfreundschaft zu beklagen haben werden, welche Sie finden sollen bei Ihrem ergebenen Anbeter und Freunde. Der Baron von Rosenberg.»

FRIEDRICHMein Onkel!

in Lachen ausbrechend

PHILINEIhr Onkel? Der Baron Ihr Onkel!

FRIEDRICHLeider!

PHILINENun, besorgen Sie nichts. Ich werde ihm von Ihnen nur

PHILINEGutes erzählen.

FRIEDRICHSie nehmen also seine Einladung an?

PHILINEMit Wonne! Und seinen Wagen auch.

FRIEDRICHSchändlich!

er geht nach dem Hintergrund zu Laertes, mit dem er spricht

zu Wilhelm

PHILINEUnd Sie, werter Herr, hätten Sie nicht Lust, uns zu begleiten? Ich stelle Sie dem Baron als unseren Dichter vor. Kommen Sie mit, Sie bereiten mir dadurch ein besonderes Vergnügen. Also nicht wahr, Sie willigen ein!

sie geht nach dem Wirtshause

FRIEDRICHPhiline!

PHILINESie!

auf der Treppe, welche zu ihrem Zimmer führt

PHILINEWenn Sie sich einfallen lassen sollten, uns zu folgen,

PHILINESo werden Sie Ihrem Onkel überliefert.

geht lachend hinein und schliesst die Tür zu

LAERTESSie macht sich über Sie lustig, mein Lieber.

FRIEDRICHVerdammte Kokette! Verdammter Baron! Verdammter Brief!

Laertes die Hand gebend

FRIEDRICHAuf Wiedersehn, Laertes!

Wilhelm den Rücken kehrend

FRIEDRICHSie, mein Herr, Sie grüsse ich nicht.

läuft wütend ab

WILHELMWas will der?

will ihm nach, Laertes hält ihn zurück

Laertes, Wilhelm

LAERTESDie Eifersucht lässt ihn den Verstand verlieren.

LAERTESEr glaubt Sie schon in der Gunst der Schönen.

WILHELMIch! Welcher Wahn!

LAERTESJa, die Verliebten sind stets verrückt, besonders die

LAERTESVon Philine Verzauberten, wie der da. Sie erinnern

LAERTESSich, was ich Ihnen in dieser Beziehung sagte. Jetzt

LAERTESWill ich meine Rechnung bezahlen, alsdann komme

LAERTESich wieder, um von Ihnen Abschied zu nehmen, wenn

LAERTESwir uns trennen müssen.

geht ins Wirtshaus ab

träumerisch

WILHELMIhr ins Schloss folgen, und warum nicht?

Wilhelm, Mignon, später Lothario

SYSTEMTerzett und Finale

MIGNONDa bin ich! Du hast mich erworben,

MIGNONWas du willst, geschehe mit mir.

WILHELMIch kenne hier am Ort, wo wir sind, wackre Leute,

WILHELMDa hast du's gut, dorthin bringe ich dich noch heute.

lebhaft

MIGNONWeshalb trennst du mich von dir?

lächelnd

WILHELMAch, nicht wohl kann ich dich armes Kind um mich

WILHELMlassen;

WILHELMDenn wenig würde ich zum Familienvater passen.

MIGNONKleide mich wie 'nen Knaben und kauf mir Livree,

MIGNONGern will ich als dein Diener sie tragen.

WILHELMUnd was dann?

innig

MIGNONAch dem, der mich befreite,

MIGNONZeig' ich dankbar mich,

MIGNONGern folg' ich in die Weite

MIGNONUnd nicht mehr verlass' ich dich.

WILHELMAus jenes Wütrichs Ketten

WILHELMMachte ich dich frei,

WILHELMUnd du willst, dich zu retten,

WILHELMNur neue Sklaverei?

bittend

MIGNON:

MIGNONNicht verlass' ich dich.

WILHELMNein! Nein!

MIGNONNun wohl, da deine Hand mich verstösst ohne Mitleid,

MIGNONSo gehe ich mit ihm!

auf Lothario zeigend, der aus dem Schuppen tritt

LOTHARIOKomm! Schön ist das freie Leben!

LOTHARIOIm schatt'gen, grünen Wald, nachts die Stern' ohne

LOTHARIOZahl,

LOTHARIOWird uns der grüne Rasen ein Lager auch geben,

LOTHARIOUnd der Verbannte, er teilet gern mit dir sein Mahl.

er will Mignon fortführen

hält ihn zurück

WILHELMNein, armes Kind, nicht so darf dein Los sich gestalten!

WILHELMBleibe bei mir! Mag es geschehn!

WILHELMEntscheide du allein, ich will glücklich dich sehn.

gütig

WILHELMDer Freund, der dich befreite,

WILHELMNicht verlässt er dich.

MIGNONAch dem, der mich befreite,

MIGNONGerne zeig' ich dankbar mich,

MIGNONGern folg' ich in die Weite,

MIGNONUnd nicht mehr verlass' ich dich.

LOTHARIOOh, Gott, mein Gott, lass leben mich,

LOTHARIOUnd lasse mich singen zu deiner Ehr'!

die Vorigen, Schauspieler und Schauspielerinnen, Philine, Laertes, Jarno, Zigeuner, Bürger und Bauern

Die Schauspieler beleben den Hof des Wirtshauses; sie sind im Reisekleid und tragen Pakete oder Koffer, die ihre Theatergarderobe enthalten, auf der Schulter oder in der Hand. Die Darstellerin der Mutterrollen hat einen kleinen Hund auf dem Arm; die Liebhaberin der Truppe trägt einen leichten, grünen Sonnenschirm.

gesprochen

WILHELMAh, da kommt ja schon die reisefertige Gesellschaft.

CHORIhr Freunde, kommt, fort auf die Reise!

CHOREs lacht uns ja endlich das Glück,

CHORDer Frohsinn herrscht in alter Weise,

CHORWir lassen den Mangel zurück.

CHORDass der Hunger, der Durst uns drückte,

CHORUnser Bett der harte Stein,

CHORDass Künstler man also beglückte,

CHOREs wird ja bald vergessen sein!

ZIGEUNERDas Schicksal wendet,

ZIGEUNERDas Elend endet;

ZIGEUNERDas Schicksal wendet zum Guten sich.

DIE SCHAUSPIELERINNENUm Philine zu tragen

DIE SCHAUSPIELERINNENIst gewiss jener Wagen.

DIE SCHAUSPIELERINNENDie Lakain seht nur an

DIE SCHAUSPIELERINNENUnd das mut'ge Gespann.

CHORIhr Freunde, kommt, fort auf die Reise!

CHOREs lacht uns ja endlich das Glück,

CHORDer Frohsinn herrscht in alter Weise,

CHORWir lassen den Mangel zurück.

CHORDass der Hunger, der Durst uns drückte,

CHORUnser Bett der harte Stein,

CHORDass Künstler man also beglückte,

CHOREs wird ja bald vergessen sein!

Bürger und Bauern drängen sich im Hintergrund der Szene. Ein Lakai durchbricht die Menge und begrüsst Philine, welche an Laertes' Arm die Treppe hinuntersteigt

PHILINEWer treu mir ergeben,

PHILINEDen sehe ich auch dort;

PHILINEGott Amor soll leben!

PHILINEEr ziehet mit uns fort.

zu den Lakaien

LAERTESWir folgen euch!

zu den Kellnern des Wirtshauses, die Philines Gepäck tragen

LAERTESTragt nur hinaus die Sachen.

zu den Schauspielern

LAERTESIch mach' Quartier für euch und empfang' euch am Ort,

LAERTESEin spendides Souper besorge ich euch dort.

DIE SCHAUSPIELERHurra!

Wilhelm die Hand reichend, leise

PHILINEUnd Sie, mein Herr, Sie woll'n uns nicht begleiten?

PHILINEDank sei jenem Kunstmäzen,

PHILINEDer spielen uns will sehn,

PHILINESchnell lässt er hin uns tragen.

PHILINEUnd wir reisen so fein

PHILINEWie im Hochzeitswagen.

galant

WILHELMHeut abend bin ich da,

WILHELMIch bleibe Ihnen nah,

WILHELMDrum nicht Abschied genommen!

küsst Ihr die Hand

PHILINEHoffnung, sie bleibt mir ja,

PHILINESie sind mir heut abend nah,

PHILINEDer Dichter sei willkommen!

LAERTESWozu ist er auch da! Er bleibt ihr nah.

PHILINEUnd hier ist mein Bukett zum Feste!

sie zeigt ihm das Bukett, das sie von ihm erhalten hat.

Mignon kommt, ihr Bündel In der Hand, lebhaft herbei und erkennt die Blumen, die sie Wilhelm gab.

MIGNONMein Bukett.

WILHELMWas ist dir?

für sich

PHILINEHa, er liebt mich!

für sich

LAERTESSie versteht's!

zu Wilhelm, auf Lothario zeigend

MIGNONSieh, meine armen Blumen, du hast sie nicht mehr

MIGNONEr verachtet sie nicht, hält sie wert er!

lächelnd

WILHELMVerzeihung, gab nicht die Blumen ihr,

WILHELMMan nahm sie mir.

MIGNONNun wohl, führe mich fort, ich bin ja dein für immer.

zu den Zigeunern

MIGNONIhr, die mit ertrugt das Elend und die Schande,

MIGNONLebt wohl!

zu dem Kinde, indem sie ihm eine Medaille umhängt

MIGNONDu armes Kind, mag die kleine Medaille

MIGNONEinst Glück dir verleihen!

zu Jarno

MIGNONUnd du, des Wut ich gefürchtet,

MIGNONDer oft mich grausam zwang zur Pflicht,

ihm die Hand reichend

MIGNONLeb wohl! Mignon zürnt deshalb dir nicht.

zu Mignon

ZIGEUNERHab Mut und Glück auf deiner Reise!

DIE SCHAUSPIELERAdieu, Philine, glückliche Reise!

DIE BÜRGERAdieu, adieu, glückliche Reise!

LOTHARIOSchon naht der Sturm aus fernem Kreise!

DIE SCHAUSPIELER UND ZIGEUNERIhr Freunde, kommt, fort auf die Reise!

DIE SCHAUSPIELER UND ZIGEUNEREs lacht uns ja endlich das Glück,

DIE SCHAUSPIELER UND ZIGEUNERDer Frohsinn herrscht in alter Weise,

DIE SCHAUSPIELER UND ZIGEUNERWir lassen den Mangel zurück.

DIE SCHAUSPIELER UND ZIGEUNERDass der Hunger, der Durst uns drückte,

DIE SCHAUSPIELER UND ZIGEUNERUnser Bett der harte Stein,

DIE SCHAUSPIELER UND ZIGEUNERDass Künstler man also beglückte,

DIE SCHAUSPIELER UND ZIGEUNEREs wird ja bald vergessen sein!

MIGNONAch! Freiheit und Hoffnung, o heller Schein,

MIGNONDer mich beschützet, wird bei mir sein.

MIGNONHoffnung leitet mich auf der Reise.

MIGNONEndlich lacht mir das Glück. Nun fort!

WILHELMSchönheit und Liebe hier im Verein,

WILHELMWerde heut abend so glücklich sein.

WILHELMBlieb' ich hier, es wäre wohl weise.

WILHELMHeut abend lacht mir das Glück. Nun fort!

LOTHARIOAch! Strahlt Hoffnung mit hellem Schein,

LOTHARIOWird sie bald gefunden sein.

LOTHARIOSchon nahet der Sturm aus fernem Kreise!

LOTHARIOAch, lachte endlich mir das Geschick!

LOTHARIOSie wiedersehn, o welches Glück! Nun fort!

LOTHARIOALLGEMEINER CHOR, PHILINE, LAERTES und JARNO

LOTHARIOIhr Freunde, nun, fort auf die Reise!

LOTHARIOEs lacht euch (uns) ja endlich das Glück.

LOTHARIODass der Hunger, der Durst euch drückt,

LOTHARIOFreunde, der Mangel, das Bett auf Stein,

LOTHARIOAlles wird bald vergessen sein.

LOTHARIODer Frohsinn herrscht auf jegliche Weise,

LOTHARIOIhr Freunde, auf, zur Reise fort!

Wilhelm winkt Philine einen Abschiedsgruss. Die Schauspieler brechen zur Abreise auf. Lothario setzt sich nachdenkend im Vordergrund nieder. Mignon bleibt in der Mitte der Bühne stehen, die Augen auf Wilhelm gerichtet.

SYSTEMEntre-Akt

SYSTEMZWEITER AKT

Elegantes Boudoir

Mitteltür und Seitentüren. Rechts ein Fenster, links ein Kamin. Toilettentisch, Stühle usw.

Philine sitzt vor dem Toilettentisch. Laertes. Es klopft.

von aussen

LAERTESDarf man eintreten?

PHILINESie sind's, Laertes?

eintretend, ist etwas angetrunken

LAERTESNur ich! Ich störe doch nicht? Hier also wohnen Sie?

PHILINESo ist's. Hier, in dem Boudoir der Frau Baronin.

LAERTESZu welchem doch gewiss der Herr Baron den Schlüssel hat?

PHILINEImpertinent! Wie es scheint, haben Sie sehr gut

PHILINEsoupiert, und der Wein des Barons versetzt Sie in angenehme Laune.

LAERTESDas will ich glauben.

er deklamiert

LAERTES«Nichts auf der Welt kann mehr erfreun, als guter

LAERTESund so billiger Wein.» Ich fühle mich wunderbar aufgelegt; ich bin fähig, heute abend eine gute Komödie

LAERTESzu spielen, das wird komisch sein.

PHILINEUnd auch neu!

LAERTESUnd auch neu! Ich bin selbst fähig, ihnen Artigkeiten zu sagen, und Sie in einem Madrigal zu besingen, das dürfte noch viel neuer sein.

PHILINEAber weniger unterhaltend.

LAERTESWer weiss! Ich kann sehr galant sein, wenn ich will.

LAERTESHören Sie einmal.

SYSTEMMadrigal

LAERTESHabe Mitleid, schönes Kind,

LAERTESO senke deine Augenlider,

LAERTESDenn ach, jeder Blick so sanft und lind

LAERTESIst ein Pfeil, ein Gott schickt ihn nieder,

LAERTESDer uns alle trifft so geschwind.

LAERTESTralala, tralala.

PHILINEBravo! Fast sollte man glauben, man hörte den jungen Friedrich oder selbst den Baron. Ihre Galanterie rührt mich um so mehr, als Sie mich bis jetzt durch Artigkeiten nicht verwöhnt haben.

sich vertraulich auf seine Schulter stützend

PHILINEGestehen Sie nur ein, dass Sie sich glücklich schätzen, mein Freund zu sein; Sie hätten sonst wie die übrigen den Weg hierher zu Fuss machen müssen und auch nicht ein treffliches Abendbrot vorgefunden.

PHILINEDoch sprechen wir von andern Dingen. Haben Sie Nachrichten von unserem Freunde? Ich meine natürlich den jungen Mann, welchen wir heute morgen im Wirtshaus kennenlernten.

LAERTESAch, Herrn Wilhelm Meister?

spöttisch

LAERTESIn der Tat, ich erinnere mich; haben Sie ihn nicht eingeladen, hierher zu kommen? Wollten Sie ihn nicht dem Baron als Theaterdichter vorstellen? Und er versprach Ihnen, zu erscheinen?

lächelnd

PHILINEIch glaube, ja!

LAERTESNun, er wird nicht kommen. Wenigstens habe ich ihm

LAERTESgeraten, Ihnen fern zu bleiben. Der junge Mann ge-

LAERTESfällt mir, ich interessiere mich für ihn; ich wäre un-

LAERTEStröstlich, wenn ihm ein Unglück passierte.

PHILINERecht nett! Sie werden mir das bezahlen, Laertes. Was Herrn Meister betrifft -

LAERTESWir werden ihn nicht mehr sehen.

PHILINEMeinen Sie?

lachend

PHILINEEr ist schon längst auf dem Wege hierher. In die-

PHILINEsem Augenblick klopft er an das Schlosstor, verlangt

PHILINEmich zu sprechen, man führt ihn hierher und -

meldend

EIN BEDIENTERHerr Wilhelm Meister!

PHILINEEr ist da!

zum Bedienten

PHILINEEr möge eintreten.

Die Vorigen. Wilhelm. Später Mignon

eintretend

WILHELMReizende Philine! Mein lieber Laertes -

PHILINEIch bin entzückt, dass Sie Ihr Versprechen gehalten

PHILINEhaben. Ich werde Sie dem Baron vorstellen.

LAERTESUnd ich der Baronin. Doch für den Augenblick erlauben Sie mir, die Vorbereitungen zum Theater etwas zu kontrollieren. Die Bühne ist in dem Gewächshaus des Schlosses, zwei Schritte von hier, am Ende der Galerie eingerichtet. Heute abend spielen wir den «Sommernachtstraum» von einem gewissen Shakespeare, einem englischen Dichter, der nicht ohne Talent ist. Der herrliche Aloysius, unser Souffleur, hat das Stück für unsere Verhältnisse umgearbeitet und dem Tagesgeschmack angepasst. Philine im Kostüm der Titania wird anbetungswürdig sein; ich werde als Theseus erscheinen.

deklamierend

LAERTESSo lebt denn wohl, bald bin ich wieder hier.

zu Philine

LAERTESIch lasse Sie bei ihm -

zu Wilhelm

LAERTESIch lasse Sie bei ihr!

Er geht durch die Mitte, bleibt aber an der Tür stehen

LAERTESAber wer ist denn das Kind hier draussen hinter der

LAERTESTür?

SYSTEMMelodram

WILHELMDas ist Mignon, die sich nicht von mir trennen wollte;

WILHELMsie hat ihre Zigeunerkleider abgelegt und ist mir ge-

WILHELMfolgt. Darf ich sie hereinrufen?

PHILINEGewiss! Ich bin neugierig, sie zu sehen.

rufend

WILHELMMignon!

in der Tür

MIGNONDu hast mich gerufen, Herr!

Sie tritt furchtsam ein; sie ist als Knabe gekleidet und trägt ein kleines Bündel, das sie an der Tür fallen lässt

lachend

PHILINEHahaha! Eine komische Verkleidung!

zu Mignon

WILHELMTritt ohne Furcht näher, liebes Kind. Hier findest du

WILHELMFeuer, um dich wieder zu erwärmen. Bitte Philine

WILHELMum die Erlaubnis, dich einen Augenblick niederlassen

WILHELMzu dürfen - hier in diesem schönen Sessel.

PHILINEWohl, erwärme dich, Mignon!

für sich

PHILINEMerkwürdige Idee, die Zigeunerin mitzubringen.

leise zu Mignon

LAERTESWenn du deinen Herrn lieb hast, verlasse ihn nicht

LAERTESund misstraue Philine; verstehst du wohl? Gib acht!

ab

Wilhelm, Mignon, Philine

SYSTEMTerzett

WILHELMSei nicht von Sorgen schwer,

WILHELMNicht bang und traurig mehr,

WILHELMErwärme deine kalten Hände

WILHELMAn diesem traulich stillen Herd.

MIGNONVergessen ist das Leid

MIGNONUnd die Vergangenheit;

MIGNONIch friere nicht.

MIGNONFreu' mich des Glücks, das mir gewährt.

PHILINEO Gott, wie rührend, des Lobes wert!

PHILINEHahahaha! O lassen Sie mich lachen,

PHILINEFast genug hab' ich schon.

für sich

MIGNONWas meint sie mit dem Lachen?

MIGNONWie grausam ist ihr Hohn!

zu Philine

WILHELMSie haben recht, zu lachen,

WILHELMAuf Ihrer Schönheit Thron.

PHILINEAch, welch wunderbare Sachen,

PHILINESo viel Ergebenheit,

PHILINEWohl muss ich lachen.

PHILINEStatt dass der Diener dort soll seinen Herrn verstehen,

PHILINESind Sie's, der ihn bedient.

sich Philine nähernd

WILHELMZu Ihren Füssen hier

WILHELMMöcht' ich, wenn Sie's gestatten mir,

WILHELMSchönren Dienst versehen.

PHILINEIst's wahr?

bezeichnet einen Leuchter auf dem Kamin

PHILINESo bringen Sie gleich den Leuchter hierher!

Sie setzt sich vor den Toilettentisch. Wilhelm ergreift den Leuchter und bringt Ihn geschäftig zu Philine. Mignon folgt mit dem Blick allen seinen Bewegungen, ohne ihren Sessel zu verlassen.

WILHELMWill als Sklav' Sie umgeben! Zu Befehl!

WILHELMWas noch mehr?

PHILINESchön Dank!

PHILINESchrecklch sitzt mir das Haar, wie ich soeben sehe!

PHILINEDoch bald werd' ich mich zeigen als strahlende Fee!

PHILINEGlaub' schon zu hören,

PHILINEWie, zu betören,

PHILINELiebe mir schwören

PHILINEAch, jung und alt.

PHILINEEs muss mir glücken,

PHILINESie zu entzücken,

PHILINESie zu berücken

PHILINEMit Allgewalt.

WILHELMDies Auge, es blendet mich bald,

WILHELMUnd diese Stimme stets zu hören,

WILHELMDiese Reize, die mich betören,

WILHELMDes spöttischen Lächelns Gewalt.

Philine singt ausgelassen fort, während sie sich vor dem Spiegel schminkt.

für sich, tut, als ob sie schliefe

MIGNONWill hören nicht, was um mich schallt.

leidenschaftlich

WILHELM:

WILHELMSchöne Philine, könnt' ich Sie bewegen!

WILHELMAch, Ihr sanfter Blick, dies Antlitz siegreich schön,

WILHELMMüssen die Welt zu Ihren Füssen sehn.

zeigt ihr Armband

PHILINENicht wahr, des Fürsten Armband ist schön!

WILHELMEntzünden schnell jenes mächtige Regen;

WILHELMJedes Herz liebet da und betet an und es bricht,

WILHELMMein Gott, und Sie, Sie lieben nicht?!

betrachtet ständig das Armband

PHILINEGanz allerliebst, was er spricht!

PHILINEZum Baron nun gehen wir hinüber.

WILHELMEin Wort! Ach, nur ein einzig Wort!

auf Mignon zeigend

PHILINEZu laut sind wir. Unser Wirt erwartet uns,

PHILINEIhren Arm geben Sie mir!

WILHELMWie, ohne Antwort?

reicht Ihm die Hand

PHILINE:

PHILINENun wohl; ich bin zu gut, mein Lieber.

Wilhelm drückt Philines Hand an seine Lippen; bei dem Geräusch des Kusses macht Mignon eine Bewegung, ohne die Augen zu öffnen

PHILINEIch wusst' es wohl, dass alles sie belauscht.

WILHELMO Philine, o Kokette, die betäubt und die berauscht!

WILHELMAch möchten Sie doch nur mich erhören.

WILHELMEin einz'ger Blick nur aus Ihrem Auge,

WILHELMEin Wort nur lassen Sie hören!

MIGNONWird er Liebe ihr schwören?

MIGNONNichts will ich weiter hören.

MIGNONOb er sich wohl betören lässt?

MIGNONAugen zu!

MIGNONDass ich schlaf', glaubt man bald.

Wilhelm gibt Philine seinen Arm und geht mit ihr durch die Mitte ab.

MIGNONDa bin ich allein!

sie steht auf

MIGNONAch, arme Mignon, sie gehen fort, ohne sich nur mit

MIGNONEinem Blick um dich zu bekümmern. Er denkt nicht

MIGNONMehr an dich, er vergisst dich schon um diese Philine.

nach einer Pause

MIGNONAch, was geht das dich an? Bist du seiner Freund-

MIGNONschaft nicht gewiss? Hat er deine höchsten Wünsche

MIGNONnicht erfüllt, als er dir erlaubte, ihm zu folgen und ihn

MIGNONzu bedienen? Worüber beklagst du dich, Undankbare?

MIGNONWeshalb weinst du?

Sie trocknet rasch die Augen

MIGNONNein, nein, es ist nichts! Es ist schon vorüber! Ich

MIGNONweine nicht mehr - ich bin glücklich!

Sie geht neugierig Im Boudoir umher und besieht Möbel und Vorhänge

MIGNONWie schön hier alles ist! Dergleichen Dinge habe ich

MIGNONnoch nie gesehen! Nein, nie! Diese vergoldeten Möbel,

MIGNONdiese seidenen Vorhänge, diese blitzenden Spiegel!

sie nähert sich dem Toilettentisch

MIGNONHier sass sie noch soeben, während Meister ihr sagte

MIGNON- was so viele andere ihr täglich sagen.

sie setzt sich an den Toilettentisch

MIGNONHier sind Buketts, auch Briefe, gewiss von ihren Ver-

MIGNONehrern. Da ist Schminke, welche sie auflegt. Wenn

MIGNONich auch einmal versuchte, mich zu schminken!

Sie versucht sich zu schminken

MIGNONAch, meine bleiche Farbe verschwindet schon -

MIGNONmeine Augen leuchten ganz anders!

Sie lacht und singt

SYSTEMSteirisches Lied

MIGNONKam ein armes Kind von fern,

MIGNONZigeuner brachten es eben,

MIGNONTraurig, bleich, seine Glieder beben.

MIGNONHahaha! Das tolle Märchen! Vergäss' es doch so gern!

MIGNONJetzt seh' ich besser aus, blieb' gerne so fürs Leben.

MIGNONTralalalala,

MIGNONIst das Mignon wohl? Ja, ach ja!

MIGNONArmes Kind liebt seinen Herrn;

MIGNONDahin allein geht ihr Streben,

MIGNONZu gefallen, dem treu sie ergeben.

MIGNONHahaha! Das tolle Märchen! Vergass' es doch so gern!

MIGNONJetzt seh' ich besser aus, blieb' gerne so fürs Leben.

MIGNONTralalalala,

MIGNONIst das Mignon wohl? Ja, ach ja!

SYSTEMMelodram

MIGNONKaum erkenne ich mich wieder. Ach, die glückliche

MIGNONPhiline; jetzt begreife ich, dass man sie schön findet.

sie öffnet die Tür des Kabinetts

MIGNONHier hinein hat man wohl ihre prächtigen Kleider

MIGNONgebracht?

Sieht neugierig in das Kabinett

MIGNONJa! Wenn ich auch - ich bin ja allein, niemand sieht

MIGNONmich - welch eine tolle Idee fährt mir da durch den Kopf.

Sie geht in das Kabinett. Das Fenster öffnet sich plötzlich. Friedrich erscheint auf dem Balkon.

Friedrich allein

FRIEDRICHDa bin ich!

springt ins Zimmer

FRIEDRICHDas Gitter brach unter meinen Füssen, der Wind riss mir den Hut vom Kopfe, und bald wäre ich auf dem Wege in den Bäumen hängengeblieben. Doch was schadet's? Ich bin auf dem Platze!

sieht umher

FRIEDRICHGanz sicher hat mein Onkel Philine dieses Zimmer angewiesen - das Boudoir meiner Tante! Ah, Herr Onkel, ich bin entschlossen, Ihnen Philine streitig zu machen, Ihnen, dem Fürsten von Tiefenbach, der ganzen Welt!

die Hand am Degen

FRIEDRICHUnd, wenn es sein muss, mit dem Degen in der Hand.

FRIEDRICHWehe dem ersten Liebesritter, der mir in mein Gehege kommt.

Wilhelm, Friedrich

die Mitteltür öffnend

WILHELMMignon!

tritt ein

WILHELMIch habe Philine versprechen müssen, sie zu entfernen, und ich -

Friedrich bemerkend

WILHELMAh!

verbeugt sich

für sich

FRIEDRICHIst das nicht der neue Ritter, welchen man mir heute morgen vorstellte?

für sich

WILHELMDas ist der junge Geck aus dem Wirtshause.

laut

FRIEDRICHSie hier in diesem Schloss?

WILHELMWie Sie sehen. Ich fungiere hier als Theaterdichter.

FRIEDRICHAber mit welchem Rechte erlauben Sie sich, in Mademoiselle Philines Zimmer einzudringen?

WILHELMUnd mit welchem Rechte, mein Herr, sind denn Sie hier?

FRIEDRICHIch bin durchs Fenster gestiegen, auf die Gefahr hin,

FRIEDRICHmir den Hals zu brechen. Denn, mein Herr - denn -

FRIEDRICHich bete sie an, ich vergöttere sie!

WILHELMIch, mein Herr, bin rasend verliebt in sie!

FRIEDRICHAlso sind wir Nebenbuhler?

WILHELMSo scheint es.

FRIEDRICHUnd Mademoiselle Philine gibt Ihnen hier ein Rendez-vous? Und Sie denken, mir ihre Liebe streitig zu machen?

WILHELMJa, beim Himmel!

FRIEDRICHDas genügt, mein Herr!

seinen Degen ziehend

FRIEDRICHWir schlag"n uns!

lachend

WILHELMWie, hier in diesem Salon?

FRIEDRICHGewiss! Bei Philine, in ihrem Boudoir, das ist originell!

den Degen ziehend

WILHELMNun, wenn es sein muss, vorwärts!

sie kreuzen die Degen. Mignon mit einer von Philines Roben gekleidet, tritt aus dem Kabinett.

Die Vorigen, Mignon

sich zwischen beide werfend

MIGNONAh - Meister - Gott im Himmel!

WILHELMMignon!

FRIEDRICHMignon! Welche Mignon? Was heisst das? - Aber ich

FRIEDRICHTäusche mich nicht, das ist ja ein Kleid Philines?

lacht

FRIEDRICHHahaha!

WILHELMMein Herr!

FRIEDRICHBeruhigen Sie sich! Wir werden uns noch wiederfinden. Gott behüte mich, dass ich dieses schöne Kind Ihretwegen töten sollte. Aber Philine

FRIEDRICHmuss ich doch gleich erzählen -

lacht

FRIEDRICHHaha!

läuft lachend ab

Wilhelm, Mignon

WILHELMDu, Mignon, in diesem Anzug! Wozu diese Verkleidung? Erkläre dich!

verwirrt

MIGNONOh, ich habe gefehlt, ich weiss es wohl, Ich hatte nicht das Recht, mich mit diesen schönen Dingen zu schmücken, die nicht mir gehören; aber ich glaubte mich allein - und ich konnte nicht widerstehen -

WILHELMWirst du närrisch? Willst du mich zum Gelächter aller Leute hier machen? Denkst du auf diese Weise deinem Herrn zu dienen? Dann ist es besser, wir trennen uns.

traurig

MIGNON:

MIGNONDu jagst mich fort - schon jetzt?

WILHELMO nein, ich jage dich nicht fort! Ich werfe dir auch

WILHELMnichts vor. Ich bin dir dankbar für den edlen Zug, dass

WILHELMdu dich zwischen uns warfst, um mich vor dem Degen

WILHELMjenes jungen Wüterichs zu beschützen. Aber ich sehe

WILHELMdoch ein, dass ich Unrecht tat, deinen Bitten nachzugeben.

heiter

WILHELMIch kann dich wahrhaftig nicht länger in meinem

WILHELMGefolge behalten einen Pagen deiner Art.

naiv

MIGNONWeshalb?

verlegen

WILHELMWeshalb? Nun - weil ein Mädchen wie du nicht einen Mann meines Alters bedienen kann; weil - weil nun - weil du ein Weib bist! Ich hatte das vergessen; du selbst aber erinnerst mich daran, da du mir in diesem Anzug entgegentrittst.

MIGNONIch glaube - ich hatte mir eingebildet - ach ich war wirklich närrisch! Schnell will ich diese schönen Kleider wieder ablegen, da sie mich in Euren Augen noch hässlicher und linkischer machen.

sie lächelnd betrachtend

WILHELMO nein, das gar nicht - im Gegenteil.

Mignon sieht ihn an

WILHELMGeh schnell, geh!

er treibt sie gegen das Kabinett

WILHELMWenn Philine zurückkäme -

MIGNONAh, Ihr fürchtet die Spötteleien der Mademoiselle Philine; die hat auch wohl den Rat gegeben, mich fortzuschaffen - gewiss sie allein! Nun wohl, ich muss gehorchen.

sanft

WILHELMSieh doch, liebe Kleine, überlege ein wenig; ich darf

WILHELMdich wahrlich nicht um mich behalten. Was würde man

WILHELMsagen, was würde man denken?

lachend

WILHELMSchliesslich müsste man gar glauben, ich sei in dich verliebt.

schnell

MIGNONJa, ja, du hast recht, wir müssen uns trennen!

WILHELMIch verlasse dich deshalb nicht; ich schicke dich zu

WILHELMeiner alten Verwandten, welche dich wie ihre Tochter

WILHELMbehandeln wird.

sinkt in einen Sessel

MIGNONO mein Gott!

SYSTEMLied

WILHELMGib Kraft, Mignon, dem Herzen,

WILHELMO weine nicht!

WILHELMDie Jugend verwindet noch leicht alle Schmerzen!

WILHELMDurch schwarze Wolken bricht

WILHELMDer Hoffnung tröstend Licht,

WILHELMDrum weine nicht!

WILHELMSieh, der Wunsch geht mit dir: Mög' der Tag bald

WILHELMErscheinen,

WILHELMDer dir ruhiges Glück in der Heimat gewährt,

WILHELMDer die Lieben dir bringt, die so lang dich beweinen,

WILHELMUnd die so schmerzlich dich entbehrt!

WILHELMGib Kraft, Mignon, dem Herzen,

WILHELMO weine nicht!

WILHELMDie Jugend verwindet noch leicht alle Schmerzen!

WILHELMDurch schwarze Wolken bricht

WILHELMDer Hoffnung tröstend Licht,

WILHELMDrum weine nicht!

WILHELMO klage mich nicht an! Nicht würdest du mich ver-

WILHELMStehen,

WILHELMWenn du geglaubt: mich bannte andre Liebe hier!

WILHELMIch halte fest daran, dass wir uns wiedersehn,

WILHELMSchwer scheide ich von dir!

WILHELMGib Kraft, Mignon, dem Herzen,

WILHELMO weine nicht!

WILHELMDie Jugend verwindet noch leicht alle Schmerzen!

WILHELMDurch schwarze Wolken bricht

WILHELMDer Hoffnung tröstend Licht,

WILHELMLeb wohl, doch weine nicht!

entschlossen

MIGNONIch bin dir dankbar für all deine Freundlichkeit, aber ich kann das Asyl, welches du mir bietest, nicht annehmen. Für dich gab ich die Freiheit auf, ohne dich will ich frei sein.

WILHELMTeures Kind, höre auf die Vernunft!

MIGNONDie Vernunft ist kalt und grausam; das Herz gilt mehr.

WILHELMAber was soll aus dir werden?

MIGNONWas früher war: Mignon!

zeigt auf Ihr Bündel an der Mitteltür

MIGNONIch hatte wohl recht du siehst es nun - meinen ar-

MIGNONmen Zigeuneranzug zu behalten; ihn lege ich wieder an und scheide! Gib mir noch einmal deine Hand.

ergreift seine Hand und drückt sie an ihre Lippen

MIGNONNun scheide ich froh! Leb wohl, habe Dank, heissen

MIGNONDank!

WILHELMNein, nicht so kann ich dich von mir lassen!

MIGNONEs muss sein!

SYSTEMRezitativ

MIGNONSchon morgen bin ich weit, und nicht mehr siehst du

MIGNONMich.

gesprochen

WILHELMUnd wohin gehst du?

MIGNONWohin der Zufall führt; die Wege finden sich.

gesprochen

WILHELMWer soll dich schützen?

MIGNONGott, seine Engel dort in den Höhen,

MIGNONsie werden gnädig auf mich sehn.

gesprochen

WILHELMWie willst du deinen Unterhalt finden?

MIGNONEs gibt Herzen in der Not! Und ohne zu warten, bis

MIGNONMan's befiehlt, beginn ich meinen Tanz, ach für ein

MIGNONStückchen Brot.

sich zum Lachen zwingend, bricht sie endlich in Tränen aus

MIGNONHahahaha!

Die Vorigen, Philine, Friedrich, Später Laertes, Souffleur

PHILINESie sagten die Wahrheit, Friedrich!

tritt vor

PHILINEMignon in einer meiner Roben - Mignon in den Armen

PHILINEdes Herrn Meister!

verlegen

WILHELMMignon bittet um Ihre Verzeihung für die kindische Laune, eines Ihrer Kleider anprobiert zu haben. Sie sagte mir soeben Lebewohl!

PHILINESie geht fort?

leise

WILHELMHaben denn nicht Sie es gewünscht?

PHILINEIch? Ganz und gar nicht. Und weshalb? Im Gegenteil,

PHILINEIch will Mignons Freundin sein! Und wenn meine Robe

PHILINEIhr gefällt, schenke ich sie ihr mit Vergnügen.

betrachtet Mignon mit spöttischer Miene

PHILINEWahrhaftig, sie sieht so sehr gut aus - sehr gut - ihr

PHILINEfrüherer Herr - der Jarno - der Mann mit dem Stock -

PHILINEwürde sie so nicht wiedererkennen.

Mignon reisst voll Wut an den Bändern des Kleides

PHILINEO warum denn diese Wut gegen meine armen Spitzen?

Mignon richtet sich auf, betrachtet sie mit festem Blick, dann nimmt sie schnell ihr Bündel an der Tür und läuft In das Kabinett rechts

PHILINEUnd welcher Blick!

leise und lächelnd zu Wilhelm

PHILINEGott verzeih mir, man möchte sagen, diese kleine Wilde

PHILINEIst eifersüchtig auf mich!

WILHELMEifersüchtig!

SYSTEMMelodram

Einige Schauspieler Im Kostüm der Theatervorstellung gehen über die Galerie im Hintergrunde; vor ihnen Lakaien mit Lichtern. Laertes erscheint in der Tür des Hintergrundes, seine Rolle in der Hand, als Fürst Theseus angekleidet.

LAERTESHolla! Puck, Ariel, Oberon, vorwärts! Ich folge gleich.

zu Phillne

LAERTESNun, wo bleiben Sie denn? Alles ist bereit, die Musik

LAERTESbeginnt sogleich, und Titania fehlt noch!

PHILINEIch habe hinlänglich Zeit, mich hinter der Bühne als

PHILINEFee anzuziehen.

zu Friedrich

PHILINEHolen Sie da aus dem Kabinett mein Kostüm!

zeigt auf das Kabinett links

FRIEDRICHIch bringe es sogleich aufs Theater!

ab

zu Phlline

LAERTESIch weiss kein Wort mehr von meiner Rolle - und du?

PHILINEIch? Ich habe an ganz etwas anderes zu denken.

lachend

LAERTES:

LAERTESNun, die Vorstellung verspricht unterhaltend zu werden.

zu Wilhelm

LAERTESKommen Sie mit?

zerstreut

WILHELMIch folge sogleich nach.

leise zu Philine

LAERTESWas ist ihm denn?

PHILINEIch werde es Ihnen erzählen.

für sich

WILHELMEifersüchtig!

zu Laertes

PHILINE:

PHILINEIch habe ihn hier mit der jungen Mignon überrascht, welche sich, um ihm zu gefallen, mit einer meiner Roben herausgeputzt hatte. Das arme Kind ist, glaub' ich, in ihren Herrn verliebt!

erscheint im Hintergrunde

DER SOUFFLEURLaertes! Philine! Man fängt an.

läuft zu ihm

LAERTESAch, teurer Aloysius, souffliere gut, oder ich bin verloren!

zu Wilhelm

PHILINEHerr Meister!

aus seiner Träumerei aufschreckend

WILHELMVerzeihung!

Er bietet Philine seinen Arm; Mignon öffnet die Tür des Kabinetts zur Rechten.

zu Wilhelm

PHILINEWas träumen Sie denn? Haben Sie mich nicht mehr lieb?

WILHELMIch, Philine, ich bete Sie an!

ab mit Philine durch die Galerie

wie im ersten Akt gekleidet

MIGNONDiese Philine - ich hasse sie!

läuft ab

SYSTEMEntre-Akt

MIGNONVerwandlung

Ein Winkel des Parks

Im Hintergrunde rechts ein zum Schlosse gehöriges Treibhaus, im Innern erleuchtet; links ein grosses Wasser mit Rohrdickicht umgeben

Mignon allein. Musik und Beifallsrufe hinter der Szene. Mignon schleicht unter den Bäumen und bückt sich im Schatten, um zu lauschen

SYSTEMRezitativ-Kantabile und Duett

MIGNONDort bei ihm ist sie jetzt; den Triumph abzuwarten!

MIGNONUnd ich irr' umher; weiss nicht wohin in diesem weiten Garten!

MIGNONSie wird geliebet! Er liebt sie! Nun wohl, ich hab's gewusst,

MIGNONIch litt Qual in tiefster Brust.

MIGNONNein! Noch hab' ich selbst es nicht gehört aus seinem Munde

MIGNONDies Wort, das zerreisset mein Herz!

MIGNONHoffst du: er fühlt, dass er dir schlug diese Wunde?

MIGNONAch, Mignon, nein! Er liebt sie! Und sein spöttischer Scherz,

MIGNONSo bitter ach, für mich - fürchtet nicht, dass er mich verwirre!

MIGNONEr liebt sie! O Gott, mein Geist wird Irre!

MIGNONIch bebe vor Zorn und Schmerz.

den See betrachtend

MIGNONAch, dies Wasser, ruhig und weich,

MIGNONEs zieht mich an! - schon hör' ich im Schilfe - o fasse

MIGNONMut - Eure Stimmen, ihr Töchter der Flut,

MIGNONIhr ruft mich zu euch!

sie will sich in den See stürzen, da ertönen aus den Bäumen die Akkorde einer Laute

MIGNONGott! Was hör' ich? Welcher Ton?

Sie kommt nach dem Vordergrunde

MIGNONDer böse Engel floh!

MIGNONAch, ich will leben!

Lothario erscheint

MIGNONBist du's, Lothario?

Mignon, Lothario

LOTHARIOWer ist denn hier?

MIGNONEr ist's!

LOTHARIOWer ist es, der hier mich rufet?

Mignon erkennend und sie liebevoll betrachtend

LOTHARIOAch, bist du's, Sperata? O sag, find' ich dich?

MIGNONNein!

sie sanft zurückweisend

LOTHARIOMein Herz täuscht sich aufs neue; weh mir! 's ist nicht Sperata!

LOTHARIOJenes Kind, das mit mir gehen wollte, Mignon ist's!

traurig

MIGNONJa, ja! Erinnre dich wohl, Mignon heisse ich!

LOTHARIOArmes Kind, o du armes Wesen,

LOTHARIODich wiedersehn wollt' ich, dir folgt' ich unbewusst!

LOTHARIOIn meinem Arm, an meiner Brust

LOTHARIOSag dein Weh, o lass mich in deiner Seele lesen!

er schliesst Mignon in seine Arme

SYSTEMDuett

MIGNONDrückt Kummer dich, hast du geweint,

MIGNONDein Dasein ist ohn' alle Freude,

MIGNONWenn kein Stern der Hoffnung dir scheint,

MIGNONJa dann weisst du auch, was ich leide.

LOTHARIOAch, wie du, einsam und verstossen,

LOTHARIOGebeugt unter strengem Gericht,

LOTHARIOMeine Tränen zur Erde flossen,

LOTHARIODer Himmel erhörte mich nicht!

MIGNONO grausam Los, o streng Gericht!

man hört Beifallsrufe aus dem Schloss. Sich schnell aus Lotharios Armen reissend

MIGNONO höre! Ihren Namen nur hört man erschallen!

MIGNONNur sie, die man begehrt, die gefeiert von allen!

sich mit drohender Gebärde gegen das Schloss wendend

MIGNONOh, dass doch Gottes Hand

MIGNONWollte schleudern den Donner gleich auf sie hernieder,

MIGNONMachte diesen Palast zu Schutt und Asche wieder!

MIGNONDass ihn verschlang' ein mächt'ger Feuerbrand!

entflieht durch die Bäume

Lothario allein

verwirrt

LOTHARIOHa, dort brennt's! Feuer ist's!

er durchschreitet langsam die Bühne und verschwindet im Schatten

Herren und Damen, Philine und die Schauspieler,

Friedrich, Der Baron, Der Fürst, Diener, Fackeln tragend. Die Vorstellung ist zu Ende. Die Türen des Treibhauses öffnen sich, die Gäste und die Schauspieler treten heraus. Philine und die Schauspieler sind noch in den Kostümen Ihrer Rollen

CHORAh, bravo, bravo!

CHORJa, Titania hat uns erfreut,

CHORHerzen und Blumen sind ihr geweiht

CHORWie mit Stolz man sie nennt,

CHORMan sieht sie mit Entzücken,

CHORSo viel Reiz und Talent,

CHORDie müssen uns berücken.

CHOREhre, Ehre für Titania. Bravo!

SYSTEMRezitativ, Polonaise und Finale

PHILINEJa, für den Abend bin ich Königin der Feen,

PHILINESeht hier den Zauberstab, und dann hier meine Kampftrophäen!

sie zeigt den Stab und die Kränze

FRIEDRICH, DIE SCHAUSPIELER UND EINIGE HERRENZwanzig, die verliebt,

FRIEDRICH, DIE SCHAUSPIELER UND EINIGE HERRENSeht nur das Gedränge,

FRIEDRICH, DIE SCHAUSPIELER UND EINIGE HERRENBlumen, Lob in Menge

FRIEDRICH, DIE SCHAUSPIELER UND EINIGE HERRENEs für sie nur gibt.

SYSTEMPolonaise

PHILINETitania ist herabgestiegen,

PHILINEDie Fee der Luft, vom blauen Wolkensitz,

PHILINEWill die Welt lachend nun durchfliegen,

PHILINENoch schneller als der Vogel, schneller als der Blitz.

PHILINEMein Wagen durch die blaue Luft zieht,

PHILINEDie Elfenschar mit leichtem Tritt flieht!

PHILINEWeit um mich her erschallt der Klang, lang,

PHILINEDer Liebe und der Lust Gesang.

PHILINEWo im Morgenrot Blumen spriessen, uns zu grüssen,

PHILINEUeber Wiesen durch den Wald schweb' ich bald.

PHILINEUnd auf schaumbedeckten schnellen Silberwellen

PHILINEFlücht'gen Fusses mit leichtem Sinn zieh' ich hin.

CHORBravo! Titania! Hoch, ja hoch!

Die Gäste gehen nach dem Hintergrunde, wandeln unter den Bäumen umher und bilden Gruppen

Die Vorigen. Wilhelm, später Mignon und Lothario, dann Laertes

Wilhelm bemerkend

PHILINEAch, endlich hier! Wie leicht können Sie mich

PHILINEEntbehren!

zerstreut zu Philine

WILHELMVerzeihen Sie!

mit dem Blick des Vorwurfs

PHILINESie waren gar nicht dort, mich zu hören!

für sich, Philine beobachtend

FRIEDRICHImmer er! Ihm allein scheint Huld sie zu gewähren!

unruhig umherblickend

WILHELMVerzeihn Sie mir, ich suchte Mignon hier!

schmollend

PHILINEWeiss ich?

PHILINENun, mein Herr, immer suchen Sie!

PHILINEWas kümmert's mich?

Sie gehen im Gespräch nach dem Hintergrunde. Mignon und Lothario begegnen sich im Vordergrunde der Szene.

zu Mignon leise

LOTHARIOGib zufrieden dich nun, Mignon, mein Kind,

LOTHARIOMir so teuer;

LOTHARIORächen wollte ich dich; sieh,

LOTHARIODas Haus steht in Feuer!

MIGNONGott! Was sagst du?

LOTHARIOIch tat so, wie du begehrt.

MIGNONGott!

LOTHARIODiese Mauern, sieh nur hin, sind bald vom Brande verzehrt!

Mignon sucht unruhig Wilhelm mit den Augen

bemerkt es und kommt zu ihr

WILHELMAh, Mignon, endlich da! Ich suchte dich.

zu Mignon

PHILINEHeda, mein Kind, so höre!

zu Phillne

MIGNONWas wünschen Sie?

PHILINEZu prüfen deinen Eifer,

zeigt auf das Treibhaus

PHILINELauf schnell dorthin und suche mir auf dem Theater

PHILINEEin Bukett, das dieser Herr heut abend mir gegeben

PHILINEUnd das mir dort entfallen ist; ich sucht' es eben.

WILHELMWozu das?

zu Wilhelm

MIGNONZu Befehl, Herr, ich gehe schon!

eilt ins Treibhaus

eilt herbei

LAERTESGott! Philine, Freunde, sehet dort, das Theater brennt!

LAERTESBlicket hin!

ALLEWas sagt er?

PHILINEIch sterbe! Mein Blut, es stockt mir!

die Menge zerteilend

WILHELMAch, unglückselig Kind!

PHILINEDie Gefahr wusst' ich nicht, der Himmel

PHILINEKkann's bezeugen,

PHILINEWilhelm!

Wilhelm zurückhaltend

LAERTESBleibt zurück!

WILHELMO haltet mich nicht auf!

stürzt Mignon nach

CHORDie Flamme leuchtet wieder,

CHORWie schnell sie um sich greift;

CHORKeine Rettung! o seht!

CHORDer Schreck lähmt unsre Glieder

CHORAlle Hilfe umsonst, sie kommt doch zu spät!

mit erhobener Gestalt in der Mitte der Szene, die Verwirrung beherrschend

LOTHARIOOhne Rast, ohne Ruh irr' ich von Haus zu Hause,

LOTHARIOWohin der Zufall führet, selbst in Sturmes Gebrause!

LOTHARIOGott ist des Elends einziger Hort!

LOTHARIODoch sie lebt, ich muss sie wiedersehen.

Das Glaswerk springt und stürzt ein. Die Gäste fliehen mit dem Schrei des Entsetzens nach dem Vordergrund.

ALLEGott!

erscheint, Mignon in seinen Armen haltend, keuchend

WILHELMDank, o Gott, der über uns geschwebt!

WILHELMBald erblickte ich sie, geweiht dem sichern Tod,

WILHELMVerzweifelnd lief sie umher, kein Ausweg in der Not!

WILHELMDer Flamme schon entriss ich sie:

WILHELMDank, o Gott, sie lebt!

ALLEDank, o Gott, sie lebt!

Wilhelm legt die betäubte Mignon auf eine Rasenbank. Mignon hält in den Händen krampfhaft ein Bukett verwelkter und halbverbrannter Blumen.

SYSTEMDRITTER AKT

Eine italienische Galerie

mit Statuen geschmückt. Rechts ein offenes Fenster, auf das Land gehend. Im Hintergrunde grosse, geschlossene Tür. Seitentüren. Wenn sich der Vorhang hebt, ist die Bühne leer.

SYSTEMIntroduktion, Chor und Berceuse

hinter der Szene

CHORSobald der Wind das Segel schwellt,

CHORUnd es blinken die Sterne,

CHORDann winkt dem Schiffer die Ferne,

CHORTreibt's ihn hinaus in die Welt.

CHORIn der Nacht das Ruder leuchtet,

CHORHinter ihm her eine Furche von Glut

CHORAuf blauer Flut.

Lothario erscheint in der Tür rechts

spricht

LOTHARIOSie schläft!

SYSTEMBerceuse

LOTHARIOEndlich kehrt die Ruhe ihr wieder,

LOTHARIOSanftes Lächeln zeigt ihr Mund,

LOTHARIOSchlaf, o träufle Balsam hernieder

LOTHARIOTief in ihres Herzens Grund.

LOTHARIOArmes Kind!

LOTHARIOMit dir die Engel Gottes sind!

LOTHARIOSchlummre sanft, armes Kind!

LOTHARIOAuf der Stirne himmlischer Frieden,

LOTHARIODen ein Engel treu bewacht,

LOTHARIOFromme Seelen finden hienieden

LOTHARIOSanften Schlummer, süsse Nacht.

LOTHARIOArmes Kind!

LOTHARIOMit dir die Engel Gottes sind!

hinter der Szene

CHORAh! Nachts das Ruder leuchtet,

CHORHinter ihm her eine Furche von Glut

CHORAuf blauer Flut.

CHORSobald der Wind die Segel schwellt,

CHORUnd es blinken die Sterne,

CHORDann winkt dem Schiffer die Ferne,

CHORTreibt's ihn hinaus in die Welt.

die Stimmen verhallen in der Ferne. Lothario bleibt in Träumerei versunken

Wilhelm, Antonio, Lothario

WILHELMGut! Stelle diese Lampe dorthin!

setzt die Lampe auf einen Tisch, dann zeigt er auf das Fenster

ANTONIOVon diesem Fenster aus kann der gnädige Herr diese Nacht sehen, wie alle Villen der Umgebung glänzend erleuchtet werden und unsere Schiffer bei den Klängen der Gitarren und unter fröhlichem Gesang auf dem Wasser kreuzen. Morgen ist das Fest des Sees.

WILHELMIch weiss wohl.

traurig

ANTONIOHier dieser Palast allein bleibt dunkel und nimmt

ANTONIOKeinen Teil mehr an dem Feste - seit fünfzehn Jahren.

WILHELMMan erzählte mir von einem Unglück, das sich einst

WILHELMhier ereignet. Ein junges Mädchen ertrank im See,

WILHELMnicht wahr?

ANTONIOEin Kind, Signor. Ich war's, der ihren Hut am Ufer aufnahm. Arme Kleine! Sie konnte nicht einmal in christlicher Erde bestattet werden, denn wir fanden sie nicht wieder. Ihre Mutter starb vor Gram, ihr Vater, im Schmerz wahnsinnig geworden, verschwand, und Heute ist der alte Palast meiner Herrschaft zu verkaufen. Wenn der gnädige Herr noch die Absicht hat, ihn zu erstehen -

WILHELMMorgen sollt Ihr Näheres darüber erfahren.

ANTONIOBefiehlt der gnädige Herr noch etwas?

WILHELMNein!

betrachtet Lothario, der noch immer in Träumerei versunken ist. Für sich

ANTONIODie Züge dieses Greises sind mir nicht unbekannt!

geht ab

Wilhelm, Lothario

berührt Lotharios Schulter

WILHELMNun, Lothario, Mignon schlummert?

bebend

LOTHARIOJa!

WILHELMArmes Kind. Wie bin ich Ihnen dankbar, lieber Lothario, dass Sie mich hierher begleiteten und zur Hälfte die Sorgen mit mir trugen. Ihre Freundschaft ist für Mignon viel wertvoller als die meine; Sie verstehen es, das Fieber, welches sie verzehrt, zu bannen.

LOTHARIODas Kind fiebert nicht mehr.

WILHELMIst's wahr? So hätte das Heimatland bei ihr schon Wunder bewirkt? Denn nach einigen Worten, welche ihr im Fieber entschlüpften, zu schliessen, muss sie in dieser Gegend Italiens geboren sein. Hat sie zu Ihnen nichts gesprochen?

LOTHARIONichts!

WILHELMWir werden uns hier niederlassen, Lothario; und Mignon, so hoffe ich, soll hier wieder genesen. Hörten Sie, was der alte Diener mir soeben sagte? Diese Herrschaft ist zu verkaufen, und wenn Mignon sich hier wohl fühlt, so kaufe ich für sie den Palast Cypriani.

SYSTEMMelodram

erhebt sich zitternd

LOTHARIOCypriani!

für sich

WILHELMWas ist ihm?

Lothario lässt stillschweigend seine Blicke umherschweifen, dann geht er nach der grossen Tür im Hintergrunde und versucht sie zu öffnen

WILHELMSie können dort nicht hinein; jenes Zimmer war, wie man mir gesagt, das des alten Marquis und ist seit fünfzehn Jahren nicht geöffnet worden.

LOTHARIOFünfzehn Jahre!

er blickt um sich, als wolle er sich etwas zurückrufen, dann geht er nach der Tür links

LOTHARIOAh - dort!

WILHELMWas wollen Sie beginnen?

Lothario, auf der Schwelle der Tür, bedeutet ihm, er möge schweigen. Er entfernt sich langsam, einen Finger auf den Mund gelegt und starren Blickes

Wilhelm allein

WILHELMSeltsamer Blick! Welch neuer Wahn verwirret sein

WILHELMGehirn? Ach, mehr als sein Verstand es könnte, führt

WILHELMsein Herz ihm die Worte zu, welche Mignon trösten

WILHELMund heilen.

er nähert sich der Tür rechts, öffnet sie und beugt sich nieder, um zu lauschen

WILHELMSie ruht sanft! Sie spricht ganz leis meinen Namen!

WILHELMAch, teure Mignon!

kommt nach dem Vordergrunde

WILHELMWie konnte ich ihr Geheimnis nicht früher erraten?

SYSTEMRomanze

WILHELMWie ihre Unschuld auch sich das Gefühl verhehlte,

WILHELMDas schon so lange tief in ihrem Herzen schlief;

WILHELMDass ein geliebtes Bild ihr ganzes Sein beseelte,

WILHELMIhr kindlich reines Herz zu neuem Leben rief;

WILHELMSoll früh nicht die Blume enden

WILHELMUnd aufs neu' frisch und blühend sein,

WILHELMDann holder Lenz, dann magst du den

WILHELMTropfen Tau ihr spenden,

WILHELMHerz, mein Herz, gib du ihr deinen Sonnenschein!

WILHELMFruchtlos ersehne ich Aufschluss aus ihrem Munde,

WILHELMDass ihr geheimes Weh endlich dem Freund sie sagt;

WILHELMFürchte stets, dass mein Blick, dass sie mein

WILHELMWort verwunde,

WILHELMIhr schönes Auge dann in heissen Tränen klagt.

WILHELMSoll früh nicht die Blume enden

WILHELMUnd aufs neu' frisch und blühend sein,

WILHELMDann, holder Lenz, dann magst du den

WILHELMTropfen Tau ihr spenden,

WILHELMHerz, mein Herz, gib du ihr deinen Sonnenschein!

Antonio, später Laertes, Wilhelm

eintretend

ANTONIO:

ANTONIOSignor! Draussen ist ein Freund, welcher

ANTONIOSie zu sprechen wünscht.

WILHELMEin Freund?

in der Tür

LAERTESJa, lieber Wilhelm ich bin's!

WILHELMLaertes!

zu Antonio

WILHELMLasst uns allein!

Antonio ab

Wilhelm, Laertes

LAERTESSie staunen?

Wilhelm sieht unruhig nach der Tür

LAERTESFürchten Sie nichts - ich bin allein!

kalt

WILHELMVor allen Dingen, bitte, sprechen Sie leise.

nach der Tür rechts zeigend

WILHELMDort befindet sich ein mir teures Wesen, das der Ruhe bedarf.

LAERTESMignon?

WILHELMJa!

LAERTESAlso jenes kranke Mädchen, welches Sie seit acht

LAERTESTagen in diesem alten italienischen Palast vor aller

LAERTESAugen verbergen?

WILHELMSie ist's!

LAERTESPhiline hat es erraten!

misstrauisch

WILHELMPhiline! So sind Sie wohl von ihr abgeschickt?

schnell

LAERTESO nein, im Gegenteil!

zieht Wilhelm beiseite

LAERTESSie werden gleich verstehen. Denken Sie ein wenig

LAERTESAn die Ereignisse auf Schloss Rosenberg zurück.

LAERTESMit dem Brande war das Fest zu Ende. Unsere Kostüme, Bühne, Requisiten lagen in Asche,

LAERTESKomödie war nicht mehr zu denken.

leise

LAERTESIn der allgemeinen Verwirrung, ohne den Anbruch des

LAERTESTages, abzuwarten, ohne jemandem Lebewohl zu sagen, verschwand Mignon mit ihrem Retter.

LAERTESTitania war wütend: «Der Undankbare, der Verräter! Wie bestraf' ich ihn? Friedrich, ich liebe Sie!» «Mich?

LAERTESAh was? Schnell einen Wagen, Pferde, ich entführe Sie, Laertes reist mit uns!» - Und nun Kutscher, fahr zu, Viva l'Italia! Und Friedrich, der Dummkopf, der nicht errät, und ich dreifacher Narr, der auch nicht einsieht, dass Sie es sind, welchen wir Schritt vor Schritt, von Gasthaus zu Gasthaus verfolgen!

LAERTESEndlich sind wir auf venezianischem Gebiet und diesen Abend an den Ufern des Gardasees, Gegenüber dem Palast Cypriani. Philine befragt leise den ersten Bauern, der uns begegnet; ich lausche und

LAERTESHöre von einem jungen, kranken Mädchen sprechen,

LAERTESVon einem fremden Herrn, von einem Greise mit

LAERTESweissem Barte, alle seit acht Tagen miteinander hier

LAERTESangelangt. «Sie sind's!» ruft Philine aus, und dieser

LAERTESSchrei des Herzens enthüllt mir ihre List, ich errate

LAERTESihre Pläne, und ich denke an die arme, zweimal von

LAERTESihnen gerettete Mignon. Ohne zu wissen weshalb,

LAERTESzittere ich für Mignons Wohl und für das Ihrige, und so komme ich denn, selbst auf die Gefahr hin, Sie zu belästigen, um Ihnen zuzurufen: Freund Wilhelm,

LAERTESPhiline ist hier, sei'n Sie auf der Hut!

warm

WILHELM:

WILHELMGuter Laertes, daran erkenne ich Sie!

reicht ihm die Hand

WILHELMVergeben Sie mir, dass ich einen Augenblick geglaubt -

LAERTESIch vergebe Ihnen gern, aber Philine wird mir nicht vergeben. Doch das tut nichts!

lachend

LAERTESIhre Freundschaft steht mir höher als die Philines;

LAERTESIch will mich freuen, wenn ich Ihnen in irgend etwas

LAERTESDienlich sein kann.

WILHELMOh, der Dienst, welchen Sie mir in diesem Augenblick

WILHELMleisten, ist ein viel grösserer, als Sie denken können.

leise

WILHELMLieber Laertes, ich verdanke Ihnen Mignons Leben.

LAERTESWas sagen Sie?

WILHELMMignon stürbe, wenn sie Philine wiedersähe! Der Name schon allein würde das hitzige

WILHELMFieber wieder zurückführen, dem Mignon fast

WILHELMErlegen ist. Der Ton von Philines Stimme wäre Imstande, ihren angegriffenen Geist auf immer zu Verwirren; der Anblick jener Person würde sie in Meinen Armen töten.

LAERTESIch verstehe - Mignon liebt Sie!

WILHELMMignon hat mich noch nicht in ihr Herz blicken lassen,

WILHELMSie vermeidet es, mit mir darüber zu sprechen.

WILHELMAber ich habe geschworen, diese gebrochene

WILHELMSeele zu neuem Leben zu erwecken, und ich werde Meinen Schwur halten. Dies ist die Ursache, wegen Welcher Sie mich hier in dieser verlassenen Wohnung Wiederfinden. Doch, was will Philine von mir?

WILHELMWie entfernen wir sie?

LAERTESOh, ich habe ein Mittel. Denken Sie, ich bin Witwer!

WILHELMAh!

LAERTESJa, ich empfing diese gute - nein, diese angenehme - nun, diese Nachricht! Lassen

LAERTESSie mich nur machen! Beim Himmel, um Ihnen meine Freundschaft zu beweisen, ich bin zu allem fähig.

entschlossen

LAERTESPhiline wird abreisen, und sollte ich -

lauschend

WILHELMStill - ich höre Mignon, die erwacht; sie darf Sie

WILHELMhier nicht finden.

LAERTESWie bewegt Sie sind, Ihre Hand glüht!

WILHELMOh, ich liebe sie!

LAERTESGlücklicher Wilhelm! Glückliche Mignon!

er geht

WILHELMAdieu und herzlichen Dank!

Laertes geht ab

WILHELMEs war die höchste Zeit!

er geht nach dem Hintergrunde und tritt beiseite In den Schatten

Wilhelm. Mignon, in langem, weissem Kleide, tritt auf. Sie geht langsam; Ihr Haar Ist aufgelöst. Im Orchester ertönt das Motiv der Romanze des ersten Aktes: «Kennst du das Land.»

SYSTEMMelodram

MIGNONWo bin ich? Ich atme freier; die Luft scheint mir lind

MIGNONUnd rein.

sieht erstaunt um sich

MIGNONDieser Saal, diese Marmorbilder, welche mich

MIGNONUmgeben!

geht zum Fenster

MIGNONDer tiefe blaue Himmel - dort der grosse See -

legt die Hand an die Stirn, als wollte sie Ihre Gedanken sammeln

MIGNONWo babe ich das alles schon gesehen?

MIGNONIch will mich erinnern und vermag es nicht.

MIGNONAber weshalb lässt man mich allein?

MIGNONAch, Lothario, Wilhelm! Wo seid ihr?

stürzt zu Ihr hin

WILHELMMignon!

MIGNONAch, Wilhelm, dich rief ich ja!

sie fällt In seine Arme

SYSTEMDuett

MIGNONWie strahlt das Glück auf mich hernieder,

MIGNONFort sind die Schmerzen aus meiner Brust,

MIGNONNeu erwacht fühl' ich mich wieder

MIGNONZum Leben. O welche Lust!

WILHELMArmes Kind, dass die Angst entschwinden,

WILHELMBald gibt dir neue Kraft due Luft so rein,

WILHELMDu wirst ein neues Dasein finden,

WILHELMJa, du sollst leben der Lieb' allein!

MIGNONAch, glaub' es gern, dir will ich glauben,

MIGNONO so sprich - sprich noch mehr - immerzu!

WILHELMWer möchte dir den Himmel rauben,

WILHELMLittest so lang, du Arme, du!

MIGNONWie strahlt das Glück auf mich hernieder,

MIGNONFort sind die Schmerzen aus meiner Brust!

WILHELMJa, glaub dem Glück,

WILHELMEs strahlt auf dich hernieder,

WILHELMDie Schmerzen sind fort aus der Brust.

WILHELMNeu erwacht fühlst du dich wieder,

WILHELMDer Liebe lebst du, o welche Lust!

MIGNONNeu erwacht fühl' ich mich wieder,

MIGNONGern lebt Mignon, o welche Lust.

WILHELMAch, dass die Seele dein meiner Seele sich eine,

WILHELMDu teures Kind, lass mich in deine Augen seihn,

WILHELMIn diesem weissen Kleid, mit diesem Heil'genschein

WILHELMBist du ein Engel aus Himmelshöh'n.

traurig lächelnd

MIGNONNein, Mignon bin ich nur!

zu ihren Füssen

WILHELMOh, dass sie's ewig bliebe!

für sich, freudig

MIGNONO Gott, soll ich's denn glauben?

WILHELMNur dein mein ganzes Herz,

WILHELMDu allein, die ich liebe!

MIGNONDu, mich lieben? Ist es wahr?

sich seinen Armen entwindend

MIGNONOh, erinnere dich nur,

MIGNONDenk an Philine zurück!

WILHELMPhiline ist weit von hier, nie hab' ich sie geliebt!

kehrt wieder zurück und breitet die Arme aus

MIGNONIst das wahr? O unaussprechlich, süsses Glück!

MIGNONLass endlich sagen dir, doch nur geheim und

MIGNONGanz leis' -

hinter der Szene

PHILINETitania ist herabgestiegen,

PHILINEDie Fee der Luft, vom blauen Wolkensitz,

PHILINEWill die Welt lachend nun durchfliegen,

PHILINENoch schneller als der Vogel, schneller als der Blitz!

für sich

WILHELMPhiline!

MIGNONImmer sie! Ich kann ihr nicht entgehen,

MIGNONWas in mir lebt, o es bleibt nun verschwiegen!

MIGNONAch! Weh, welcher Ton für mich,

MIGNONWie er klingt fürchterlich,

MIGNONEin Blitzstrahl führt hernieder,

MIGNONHa, sie findet dich wieder;

MIGNONOh, frage mich nicht mehr;

MIGNONFällt es mir noch so schwer,

MIGNONIch spreche nimmermehr! Nein, nein!

sie sinkt in einen Sessel

WILHELMAch, ich höre ja nur dich,

WILHELMMignon, nur dich sehe ich,

WILHELMOh, erheitre dich doch wieder,

WILHELMSchau auf mich hernieder,

WILHELMIch liebe dich so sehr

WILHELMUnd du liebst mich nicht mehr!

für sich

WILHELMGott!

WILHELMMignon! Unglückliches Kind! Ihre

WILHELMLippen werden bleich, ihre Hand eisig!

WILHELMO musste jenes Weib uns bis hierher verfolgen!

WILHELMMignon, komme zu dir!

WILHELMAch, sie schlägt die Augen auf!

nach und nach zu sich kommend

MIGNONIch höre nichts mehr! War das nicht ihre Stimme?

MIGNONIst nicht sie wieder hier?

WILHELMNein, sammle dich, teures Kind! Der

WILHELMFieberwahn war es, der dich glauben liess -

MIGNONFieberwahn - sprichst du wahr?

Wilhelms Hand zurückstossend

MIGNONAh, du lügst! Lothario täuscht mich nicht!

MIGNONEr, er liebt mich.

WILHELMWünschest du, dass ich ihn rufe?

MIGNONJa!

WILHELMHorch! Schritte hier auf dieser Seite!

MIGNONNun?

WILHELMDieses Zimmer - niemand kam hinein!

MIGNONSieh, die Tür öffnet sich!

WILHELMWirklich! Was bedeutet das?

erstaunt

MIGNONEr ist es.

Die Tür im Hintergrund öffnet sich. Lothario erscheint in derselben; er ist in reichem Kleide von schwarzem Samt, trägt eine kleine Kassette und schreitet langsam vor.

Die Vorigen, Lothario, später Philine, Laertes und Friedrich

SYSTEMTerzett

LOTHARIOMignon! Wilhelm! Ich grüsse euch!

LOTHARIOWie gerne seh' ich euch bei mir!

für sich

WILHELMWas soll das heissen?

erstaunt

MIGNON:

MIGNONDieses reiche Gewand? Wie erscheinet er hier?

LOTHARIOAlles mein, was ihr seht!

zu Mignon

LOTHARIOBetrachte und staune,

LOTHARIOIch war einst Herr hier in diesem Palast.

leise zu Mignon

WILHELMEs ist ein Wahn ja nur, was er da spricht!

MIGNONDie Stimme und der Blick - so sah ich ihn noch nicht.

stellt die Kassette auf den Tisch und nähert sich Mignon

LOTHARIOHat auch Elend schwer uns betroffen,

LOTHARIOSieh, ein kostbar Kleinod bring' ich heut,

LOTHARIOSchöne Zukunft stehet uns offen,

LOTHARIODie dich von der Sorge befreit.

LOTHARIOMIGNON und WILHELM

für sich

LOTHARIOO welch Geheimnis! Darf ich wohl hoffen?

LOTHARIOEr verheisst uns schönre Zeit.

zu Mignon

LOTHARIODiese Kassette hier, seit lang gehört sie mir!

LOTHARIOSo öffne sie, mein Kind!

MIGNONWas ist darinnen?

ohne den Kopf zu wenden

LOTHARIOSchau hinein!

öffnet die Kassette

MIGNONEine Kinderschärpe hier!

mit starrem Blick, unbeweglich, in der Mitte der Bühne

LOTHARIOGestickt mit Gold und Silber,

LOTHARIOJa, ich hatt' treu so lange sie bewahrt.

MIGNONUnd was bedeutet sie, und wer war's, der sie trug?

MIGNONRede!

LOTHARIOSperata!

MIGNONSperata!

MIGNONDen Namen hört' ich schon einmal erklingen;

MIGNONErinnerung so süss

MIGNONWill bei dem Namen ins Herz mir dringen!

MIGNONEin Echo aus vergangener Zeit ist's gewiss?!

für sich, schmerzlich

LOTHARIOSperata!

LOTHARIOMIGNON und WILHELM

LOTHARIOEr weint von Schmerz erfüllt!

immer unbeweglich und ganz in Erinnerung versunken

LOTHARIOUnd siehst du nicht ein Armband von Korallen dabei?

nimmt ein Armband aus der Kassette und versucht es um ihren Arm zu legen

MIGNONWohl hier ist's! Meinem Arm ist's zu klein!

traurig

LOTHARIOZu gross für sie, um die mein Klagen!

LOTHARIOAch, dass die Zeit zum nächsten

LOTHARIOTag so langsam schwand,

LOTHARIOWo sie sollt' diesen Schmuck zum ersten Male tragen!

LOTHARIOSie hielt den Schmuck, und ach, er entglitt ihrer Hand!

für sich, sehr bewegt

MIGNONEr entglitt ihrer Hand -

zu Mignon

WILHELMWas ist? Du zitterst! O Mignon, du weinst?

zu Mignon

LOTHARIOSo schau nur weiter!

nimmt aus der Kassette ein kleines Buch mit silbernen Ecken

MIGNONEin Gebetbuch!

LOTHARIOO Gott! Noch seh' ich sie vor mir,

LOTHARIOWie sie spricht ihr kindlich Abendgebet.

öffnet das Buch und liest

MIGNONO Jungfrau Maria, bei dem Herrn in Himmels Höh'n,

MIGNONAuf dein bittend Kind schau herab und erhör sein

MIGNONFlehen.

lässt das Buch fallen, sinkt auf die Knie, die Augen zum Himmel und mit gefalteten Händen wie ein betendes Kind

nach ihr hingeneigt

LOTHARIOSo betete auch sie!

MIGNONJungfrau so rein,

suchend

MIGNONIch schaue dich,

sich erinnernd

MIGNONIn dem Arm den Erlöser der Erde;

MIGNONDass des Himmels Gnade mir werde,

MIGNONO Madonna, bitte für uns, bitt auch für mich!

die Hände nach Mignon ausstreckend

LOTHARIOAuf ihr ruht Himmels Klarheit,

LOTHARIOKindestraum wird zur Wahrheit!

steht auf, immer erregter

MIGNONLothario! O Wilhelm! Ist's ein Wahn, der mich quälet?

MIGNONIch errate, ich sehe, ich fühle, die Sprache fehlet!

MIGNONWohin hast du mich geführet und wie heisst dieses

MIGNONLand?

WILHELMItalien!

MIGNONItalien! Himmelsstrahl, der auf einmal erleuchtet!

MIGNONWelche Erinnerung!

Nachdem sie sich bemüht hat, ihre Erinnerungen zu sammeln, stürzt sie mit einem Schrei nach der Tür Im Hintergrunde, verschwindet einen Augenblick, dann kommt sie bleich und wankend zurück.

MIGNONDort, dort, das Bildnis meiner Mutter!

MIGNONDoch verlassen ist ihr Zimmer!

der allen ihren Bewegungen mit Angst folgte, streckt ihr die Arme entgegen und eilt zu ihr

LOTHARIOAch, meine Tochter!

stürzt In Lotharios Arme

MIGNONMein Vater!

WILHELMAch! O mein Gott!

LOTHARIOMein teures Kind, sie ist es!

MIGNONJa, du bist es selbst!

MIGNONMIGNON und WILHELM

MIGNONO gesegnet Gottes Hand,

MIGNONSie gab mir/ihr wieder den Vater und

MIGNONmein/ihr Heimatland.

LOTHARIOOh, gesegnet Gottes Hand, ach, meine

LOTHARIOTochter, mein Kind!

LOTHARIOJa, glücklich darfst du nun leben, von ihm geliebt,

LOTHARIOMeinem Sohn,

LOTHARIOO Wilhelm mein Sohn, gesegnet Gottes Hand.

LOTHARIO*

Hier schliesst man oft die Oper mit glücklichem Ende

singt hinter der Szene

PHILINETitania ist herabgestiegen

usw

PHILINE.

von einer Bewegung getroffen

MIGNONAch! Wohl hab' ich's gewusst, kein

MIGNONTraumbild ist's gewesen!

WILHELMKomm!

Mignon stösst seine Hand zurück

zu Mignon

LOTHARIOWas ist dir?

zu Wilhelm

MIGNONZeig ihr Verachtung, auf ewig heisse sie gehn,

MIGNONOder willst du vor ihr mich im Schmerz sterben sehn?

sie läuft durch den Hintergrund rasch ab

LOTHARIOMeine Tochter!

WILHELMHalt ein!

WILHELM*

Bei tragischem Ausgang treten hier, als Mignon fortstürzen will, ihr in der Tür Philine, Laertes und Friedrich entgegen. Wilhelm und Lothario rufen "Philine!" Mignon blickt lange unbeweglich auf Philine; sie schluchzt, sie wankt, Wilhelm eilt zu ihr: "O Gott!"

Mignon schreit auf “Ach" und fällt leblos in Wilhelms Arrme. Allgemeiner Aufschrei "Mignon", worauf der Vorhang fällt

WILHELMVerzweiflung spricht aus ihr;

WILHELMO folgen wir ihr!

beide folgen Mignon

SYSTEMVerwandlung

Die Ufer des Gardasees

In der Ferne Italienische Villen. Der Tag beginnt. Die jungen Mädchen und Männer der ländlichen Bevölkerung in Festkleidern tanzen am Ufer des Sees.

Einzelne Boote fahren vorüber auf dem See

Junge Mädchen und Männer. Tanz. Eine reichgezierte Barke hält im Hintergrund, Philine und Friedrich steigen aus.

SYSTEMTanz und Forlana

ERSTER AUFTRITTJUNGE KNABEN und MÄDCHEN

ERSTER AUFTRITTTanzet, Freunde!

ERSTER AUFTRITTUnd fröhlich singt,

ERSTER AUFTRITTDass weit es klingt!

ERSTER AUFTRITTTanzt und springt!

zu Friedrich

PHILINENun fort! Sie finden mich hier!

PHILINEBezahlen Sie die heiteren Gesellen,

PHILINEUnd alsdann mögen Sie ein gutes Frühstück bestellen.

zeigt auf das Wirtshaus

FRIEDRICHEndlich werd' ich frühstücken doch, und mit ihr!

ab ins Wirtshaus

zu den Bauern

PHILINENun, da ich den Befehl zum Feste gegeben,

PHILINEWill singen ich für euch, und ihr, ihr tanzt daneben.

ALLEZum Tanze!

SYSTEMForlana

PHILINEBauernkind oder Dame fein,

PHILINEWähle dir den Liebsten dein,

PHILINEDenn so lang der Sonnenschein,

PHILINEWird auf Erden Liebe sein.

PHILINETanzet fröhlich in der Runde,

PHILINEAch, die Zeit entflieht,

PHILINEHaltet fest die schöne Stunde,

PHILINEDa die Liebe glüht.

PHILINETraue, Mädchen, nicht dem Schein,

PHILINEDenn der Vielgeliebte dein

PHILINETäuscht vielleicht dich schlau und fein

PHILINEUnd wird bald verschwunden sein.

PHILINENehmt euch in acht, ihr Männer mit leichtem Sinn,

PHILINEDer stets euch zu Neuem zieht;

PHILINEWenn veränderlich ihr flieht

PHILINEUnd Treue schwört mit falschem Munde,

PHILINEDenkt, es naht die schöne Stunde,

PHILINEWo für uns die Rache glüht.

PHILINEBauernkind oder Dame fein,

PHILINEDer dich täuscht mit falschem Schein,

PHILINEEr kommt wieder ganz allein,

PHILINESüss wird dann die Rache sein.

CHORO wie fein,

CHORDas muss herrlich sein!

Philine, Laertes

SYSTEMMelodram

ausser Atem herbeieilend

LAERTESAch! Da ist sie!

heiter

PHILINELaertes.

seinen Arm ergreifend

PHILINELassen Sie uns Friedrich aufsuchen!

kurz

LAERTESSprechen Sie nicht mehr von Friedrich.

mit fürchterlicher Miene

LAERTESIch hasse ihn!

PHILINEWieso?

LAERTESSie begreifen also nicht? Philine, du begreifst also

LAERTESNicht? Nun ja, ich habe dir noch nichts gesagt: Ich bin

LAERTESWitwer, bin frei, glücklich, mein eigner Herr!

LAERTESIch liebe dich - ich entführe dich - ich heirate dich!

für sich

LAERTESDas Wort ist heraus!

laut

LAERTESJa, ich heirate dich!

er will sie fortziehen

LAERTESKomm, komm, lass uns unser Glück am Ende der

LAERTESWelt verbergen, in Smyrna, in Bagdad, in einer

LAERTESWüste, wo du willst.

bricht in lautes Gelächter aus und entreisst sich seinen Armen

PHILINEHahaha! Armer Laertes, du wirst ewig ein schlechter

PHILINEKomödiant bleiben. Du kommst aus dem Schlosse

PHILINECypriani, dort hast du Wilhelm und Mignon gesehen.

PHILINENun wohl, so sage ich dir, dass ich nur hier bin, um

PHILINEmich an Mignon zu rächen.

LAERTESDas wirst du nicht! So vernimm denn: Mignon ist

LAERTESglücklich, von Wilhelm geliebt, ein

LAERTESWort von dir tötet sie.

Mignon Im Hintergrunde bemerkend

LAERTESAh, da kommt sie!

Die Vorigen, Mignon, später Wilhelm und Lothario. Mignon tritt sehr rasch auf, Philine geht ihr entgegen, lächelnd, fast höhnisch. Mignon senkt den Kopf bei ihrem Anblick. Sie stösst einen leisen Schrei aus, legt die Hand ans Herz und eilt zu Ihrem Vater, der sie umarmt, wie um sie zu beschützen.

Lange Pause.

SYSTEMFinale

für sich

MIGNONGott! Welch Lächeln voll Hohn!

MIGNONWie ihre Blicke siegreich sind!

zu Mignon

LOTHARIOSperata! Meine Tochter! Ach, mein Kind!

WILHELMJa, nur dich lieb' ich, Mignon, dich allein, teures Kind.

leise zu Phlilne

LAERTESPhiline, hab Mitleid und schone dieses Kind!

für sich

PHILINEWelch Schreck ergreift sie doch! Welcher Schmerz!

PHILINEArmes Kind!

zu Wilhelm, mit etwas Ironie

PHILINEWohl anders dacht' ich Sie zu finden;

PHILINETäuschung war's, nun, mag es drum sein!

PHILINEO wer kann Männerherzen ergründen?

PHILINESind Sie glücklich, so soll es mich freun.

zu Mignon mit Teilnahme

PHILINEEr hat dich zur Gattin erwählet,

PHILINEMorgen knüpfet ihr das heilige Band,

PHILINEWenn Eifersucht auch mich noch quälet,

PHILINEDennoch reicht dir Philine die Hand.

PHILINEVerzeih, mein Kind, gib mir die Hand!

MIGNONPhiline, hier meine Hand!

Die Vorigen, Antonio, später Friedrich

auf Lothario zeigend

ANTONIODa ist er! Der Marquis von Cypriani!

ALLEDer Marquis von Cypriani!

LOTHARIOJa, Freunde, ja! Eure Herzen kennen mich wohl noch!

ALLEDer Marquis, er lebe hoch!

LOTHARIOSeht ihn wieder bei euch, dem Gott so viel Gnad' erwies.

LOTHARIOEr gab mir heut zurück die heissgeliebte Tochter!

ALLESeine Tochter!

Friedrich erscheint auf der Treppe des Wirtshauses

auf Ihn zulaufend, ihn bei der Hand lassend und vorstellend

PHILINEHerr Friedrich, mein Gemahl!

erstaunt

FRIEDRICH:

FRIEDRICHWer, ich? Wieso?

zu Friedrich

PHILINENur stille!

leise zu Laertes

PHILINELaertes, so rächt sich Philine!

LAERTESGut! Als Opfer fällt der Narr dort,

LAERTESSonst nahm sie wirklich mich beim Wort!

Mignon In seine Arme schliessend

WILHELMMein teures Kind, welch Wonnetag für mich!

zu Wilhelm

MIGNONUnd jetzt darf ich dir gestehen: ich lieb' dich!

ALLEO Tag der Wonne,

ALLEO Tag der Feier,

ALLETag der Freud'

ALLEFür alle Zeit!