Frühlingslied

V. Andreae

Jetzt ist des Winters grimmer Frost

Entflohen aus den Landen

Und rings der reiche Blumentrost

In Feld und Hag erstanden;

Und singt auch keine Nachtigall

Im weiten Thal mit süßem Schall,

So geh'n wir Leute selber dran

Und stimmen hell das Lenzlied an!

Die Zeit ist rauh und schwer der Tag,

An Not und Neid kein Mangel;

Es zuckt das Herz mit bangem Schlag

Wie's Fischlein an der Angel;

Doch steht die Welt in Sorgen still

Und wenn sich keiner fassen will,

So geh'n wir Leute dennoch dran

Und heben hell das Lenzlied an!

Verschließt des Kummers dunkle Gruft

Und stellet ein das Klagen!

Laßt lieber uns die Maienluft

Mit seidnen Fahnen schlagen!

So treiben wir den Teufel aus,

Schon wird es frei und licht im Haus!

Wir aber reih'n uns Mann zu Mann

Und heben froh das Lenzlied an!