Die Stunde naht, wir müssen scheiden

Nessler, Victor

Die Stunde naht, wir müßen scheiden,

Der letzte Gruß, der letzte Blick,

Vielleicht lacht künftig noch uns Beiden,

Mehr als wir glauben das Geschick.

Ich liebe dich, wie ich noch nimmer

Geliebt, noch wieder lieben kann;

Doch bleibt mir jener klare Schimmer,

Ob auch der Sonne Glut verrann!

Da wir ja sonder Arg' und Hehle

Uns liebten wie's nur Liebe kann,

So gab es manche gift'ge Seele,

Die der Verläumdung Netze spann.

Wo Herze liebeselig schlagen,

Dringt bald die Hand des Neides ein,

Das Loos Beglückter zu ertragen

Vermag die edle Seel' allein.

Das Schicksal gönnt nicht einmal mündlich

Uns noch ein letztes Scheidewort,

Doch folgt, wohin du gehst, dir stündlich

Mein Segen bis zum fernsten Ort:

Gedenke du der schönen Stunden,

Die dir in der Erinnrung lieb,

Dem laß die Seufzer und die Wunden,

Der schmerzlich diese Zeilen schreib.