Lied von der Juchhe
Nessler, Victor
Am früh'sten Morgen ging ich aus
und kam auf die Juchhe,
da stand ein ärmlich kleines Haus;
ich ahnte Not und Weh'.
Doch drinnen sang ein Mägdlein fein:
„Hab' einen Schatz, juchhe!“
Und ich sang melancholisch d'rein:
„Hab' keinen Schatz, o weh!“
Ich trat ins Haus; das Mägdlein schlug
die schwarzen Augen auf
und sah mich an und lacht' und frug:
„Was kommst so hoch herauf?“
Ich sagt' ihr's: „Hab' im Traum geseh'n
mein Liebchen, schön wie du!
Ich such's in Tälern und auf Höh'n,
es lässt mir nirgends Ruh'!“
Das Mädchen sang: „Früh gingst du aus,
kamst doch zu spät zu mir;
mein Schatz ging in den Wald hinaus,
gleich ist er wieder hier.“
Da sah ich auf die Röslein hin,
der Wangen holde Zier,
und weil ich Freund der Röslein bin,
so pflückt' ich drei bis vier
und wandert' stumm zur Tür hinaus,
im Herzen Ach und Weh',
sah oft noch nach dem lieben Haus
da droben auf der Höh'.
Mir klang's im Ohr den ganzen Tag:
„Hab' einen Schatz, juchhe!“
Und voller Schmerzen sang ich nach:
„Hab' keinen Schatz, o weh!“