Der Abend
V. Righini
Wie eine stille Feier
Um ein geliebtes Grab,
Sinkt schon im Nebelschleier
Die kühle Nacht herab.
Das Lied der Nachtigallen
Beseelt noch die Natur,
Und Balsamthränen fallen
Erquickend auf die Flur.
Im ungewissen Scheine
Des bleichen Mondes wallt
Erinn'rung durch die Haine,
Wie eine Traumgestalt.
Gleich Psychen, trägt sie Flügel,
Ihr Auge hüllt ein Flor,
Sie hält den Zauberspiegel
Verschwund'ner Zeit mir vor.
Vor meinem Geiste schweben,
Wie Träume, Schmerz und Lust,
Und süße Schauer beben
Durch die bewegte Brust.
Sie kehren nimmer wieder,
Die Stunden, die entflohn,
Doch, wie der Vorwelt Lieder,
Umrauscht mich noch ihr Ton.
Das Bild verschwund'ner Scenen
Begeistert noch dies Herz,
Des Jünglings erstes Sehnen
Der ersten Liebe Schmerz,
Der Lohn bewährter Treue,
Der Freundinn erste Huld,
Die Zähre stiller Reue
Und die versöhnte Schuld.
Der Kampf entflammter Jugend
Mit dem Gefühl der Pflicht,
Der schwere Sieg der Tugend,
Der Hoffnung Dämmerlicht,
Der Aufgang beßrer Sterne:
Dies alles wirft den Blick
Des Friedens, aus der Ferne,
Beseligend zurück.
O möchte kühl und labend,
Wie der verstummte Hain,
Und still, wie dieser Abend,
Mein Lebensabend seyn;
Kein drohendes Gerippe --
Mir nehm' ein Genius
Das Leben von der Lippe
Mit einem sanften Kuß.
Wie Laubgesäusel halle
Ein Seufzer durch die Luft,
Nur Eine Thräne falle
Wie Thau auf meine Gruft.
Wie Sternenschimmer strale
Dann auf dem stillen Pfad
Zum moosbedeckten Male
Noch eine gute That.