Das Häuschen

V. Tomášek

Es gibt ein Gässchen in der Stadt -

nur schonet mein mit Fragen!

Den Namen, den das Gässchen hat,

kann ich sofort nicht sagen;

genug, es dünkt mich wunderschön,

das Gässchen auf und nieder

mag ich des Tags wohl zehnmal geh'n,

und geh's doch immer wieder.

Ein niedlich Häuschen steht allda;

das Häuschen hat vor allen,

die irgend je mein Auge sah,

mir sonderlich gefallen.

Zwar wohnt nicht Fürst noch Graf darin,

doch wohnten die darinnen,

es würde wahrlich Herz und Sinn

mir nicht sobald gewinnen.

So klein das Häuschen ist, so groß

ist doch ein Schatz ihm eigen,

ein Etwas, das kein Marmorschloss

euch je vermag zu zeigen.

Es ist - ich glaub', ihr andet's schier,

geehrte Herrn und Frauen -

ein Mädchen ist's, gemacht, an ihr

die Augen auszuschauen.

Harmonisch ist der Glieder Bau

am engelschönen Kindchen,

ihr sanftes Auge veilchenblau

und purpurrot ihr Mündchen;

ihr Wänglein, wie die Rose schön,

die gestern sich entfaltet,

aus silberweißen Lilien

dir runde Brust gestaltet.

Nun wisst ihr wohl, ihr Leutchen, was

mich so ins Gässchen ziehet?

Das liebe Blondchen ist's, für das

mein ganzes Herz entglühet.

Sie zwingt, wie der Magnet den Stahl,

mich stets, ihr nachzugehen;

wohl hab' ich's Mädel hundertmal,

doch nimmer satt gesehen.

Ein Umstand nur behagt mir nicht:

Ein Bäschen, grau von Haaren,

ist stets um Blondchen; wie man spricht,

ihr Kränzchen zu bewahren.

Das Weib mag wohl zurück an sich

und ihre Freier denken,

d'rum muss bisher mein ganzes Glück

auf Blicke sich beschränken.

Das kleine Fenster rechter Hand

ist Blondchens Lieblingsörtchen,

da pflanzte sie von Amarant

und Rosen sich ein Gärtchen.

Bei jedem Gang seh' ich nach ihr

hinauf zum Blumenfenster

und seufz': Ach, wär' ich, wie du mir

die Schönste bist, dein Schönster!

Bald seh' ich sie im leichten Kleid

aus silberweißem Linnen

mit emsiger Behendigkeit

ein zartes Fädchen spinnen.

Ein Liedchen tönt dann oft dazu

aus ihrer Silberkehle;

hör' ich das Liedchen, dringt's im Nu

mir durch die ganze Seele.

Bald pfleget sie der Blümchen, die

dem Fenster Zierde geben,

und reiniget und tränket sie,

und stützet sie mit Stäben;

da lässt sie denn so dann und wann

ein Blickchen auf mich schießen,

das nütz' ich auch, so gut ich kann,

gar freundlich sie zu grüßen.

Doch ach, ich weiß nicht, wie's geschieht,

begegnen uns're Blicke

einander sich, dann hurtig zieht

die Kleine sich zurücke.

Ihr Gegengrüßchen nickt sie zwar,

doch leider nur im Fliehen;

vor Scham scheint auch ihr Wangenpaar

oft feurig zu entglühen.

Zwar: „Oft ist dies der Neigung Spur,“

spricht mein erfahr'ner Vetter,

„Das liebe Täubchen scheut wohl nur

der Base Donnerwetter!“

Ach wollte, dass er Wahrheit sprach,

sie mir doch bald verkünden!

Für's and're würd' ich allgemach

mein Plänchen schon erfinden.

Weiß ich einmal: Ihr Herz ist mein,

dann wollt' ich bei der Alten

nicht Mühe und nicht Kosten scheu'n,

auch 's Händchen zu erhalten.

Man sagt, mit Zucker und Kaffee

und reich besetzten Stoffen

ließ' sich von Basen wohl schon eh'

für Freier manches hoffen.

Gelingt es mir dereinst, vertraut

als Gattin sie zu küssen,

dann möget, wo man's Häuschen schaut,

ihr Leutchen auch noch wissen.

Doch bis dahin - gehabt euch wohl,

und lasst es euch nicht grämen,

dass Sang und Klang geheimnisvoll

allhier ein Ende nehmen.