Die Herbstnacht

V. Tomášek

Des Mondes Silberscheibe rollt

durchs dunkle Blau der Luft.

Der Sternlein Licht, wie mattes Gold,

durchdringt den Nebelduft,

und düst're Wolkenschatten zieh'n

hinab ins stille Tal,

und schimmernd braust der Bach dahin

im bleichen Silberstrahl.

Wie prangt mein Lieblingsfelsen hier

in glänzend brauner Tracht!

Wie wohl und ach, wie bang' wird mir,

hinstarrend in die Nacht!

Wie schauernd aus dem Waldrevier

die Bergluft mich umspielt!

Die Gegend liegt so trüb vor mir,

wie ein verwischtes Bild.

Und schaurig still ist's rund umher,

nur tönt der Widerhall;

der Wind treibt murmelnd vor sich her

der welken Blätter Fall.

Ach, Wind und Echo und der Bach,

der tief im Tale fließt,

ist alles, was mit mir noch wach

in dieser Gegend ist.

Und horch! Im nahen Städtchen klang

der zwölfte Zeigerschlag;

leis' singt ihm noch am düster'n Hang

die Felsentochter nach.

Durch aller Wesen Nerven drang

die Zauberkraft der Ruh';

dem Vogel, der jetzt träumend sang,

fiel längst das Auge zu.

Den Jüngling nur hält Liebe wach

und holde Träumerei;

das süße Wort, das sie mir sprach:

Ob's wahr, ob's Täuschung sei?

„Ach, lieber, lieber junger Mann,

ach wär' ich doch bei dir!

Den meine Seele liebgewann,

ach wär' ich doch bei dir!“

So schrieb die Hand, die wonniglich

mich unlängst noch umfing,

als herzbeklemmt und weinend ich

schwerscheidend von ihr ging.

Und ach! Ich gin g so weiten Weg,

allein und fern von ihr!

Durch Berg und Tal und Waldgeheg'

ging Trübsinn nur mit mir.

Noch hat, seitdem ich von ihr schied,

kein Stündlein mich vergnügt,

noch hat kein süßes Schlummerlied

dies Herz in Ruh' gewiegt.

Der Sehnsucht stille Trän' ergoss

sich stets vom Auge mir,

und der bedrängten Brust entfloss

der Seufzer: Wärst du hier!

Hervor sich mancher Zweifel wand

aus düst'rer Fantasei:

Ob sie, getrennt durch weites Land,

noch treu und hold mir sei?

Und keiner war, der trösten kam

und fühlte Sympathie,

und nirgends war, was meinem Gram

nur Linderung verlieh.

Ich schloss mich ein und eilte bald

in freiere Natur,

fand selbst am Fels im Buchenwald

vom Troste keine Spur.

Da kam ein Brief, so liebevoll,

goss Balsam in die Brust,

und eine volle Trän' entquoll

dem Aug' aus Himmelslust.

Ich ging heraus, am Felsen hier

der Freude mich zu weih'n;

allein trug ich den Gram in mir,

allein will ich mich freu'n.

Und wär' die Nacht auch schwarz und wild,

sie machte mir nicht Graus;

es ging ja der Geliebten Bild

sanft winkend mir voraus.

Ihr Bildnis, wie der Mond so schön,

der hehr vom Himmel strahlt,

umgaukelt mich im Abendweh'n,

so zauberisch gemalt.

Es lispelt und es winkt so mild

aus Tälern und von Höh'n,

doch mag ich nach dem Truggebild

nicht fernerhin mehr geh'n.

Denn ewig fest, unwandelbar

ist's hier im Herzen doch!

So engelschön und sonnenklar

hält's mich im süßen Joch.

Es leitet mich so sanft und leicht

der Liebe Rosenband;

wird manchmal auch die Wange feucht,

so hat's doch nicht Bestand.

Doch auf! Des Mon des Scheibe sinkt

am Berge dort hinein!

Auf Waldes Haupt und Kirchturm blinkt

nur noch ihr Silberschein.

Das Moos ist rings vom Nachttau feucht,

kein Sternlein funkelt mehr,

so eisig und so nasskalt streicht

die Luft von Morgen her.

Und schauriger wird's rund umher,

und düster wie ein Grab.

Ein Nebelflor, so dicht und schwer,

sinkt auf den Forst herab.

D'rum auf! Und blieb' ich noch so gern,

nun ist es mir verwehrt;

schon blinkt des Bergmanns Lampe fern,

der aus der Grube fährt.