Elegie auf ein Landmädchen

V. Tomášek

Schwermutsvoll und dumpfig hallt Geläute

Vom bemoosten Kirchenturm herab;

Väter weinen, Kinder, Mütter, Bräute,

Und der Totengräber gräbt ein Grab.

Angetan mit einem Sterbekleide,

Eine Blumenkron' im blonden Haar

Schlummert Röschen, so der Mutter Freude,

so der Stolz des Dorfes war

Ihre Lieben voll des Missgeschickes

Denken nicht an Pfänderspiel und Tanz,

stehn am Sarge, winden nasses Blickes

Ihrer Freundin einen Totenkranz.

Ach kein Mädchen war der Tränen werter

Als du, gutes, frommes Mädchen, bist,

Und Im Himmel ist kein Geist verklärter,

Als die Seele Röschens ist.

Wie ein Engel stand im Schäferkleide

Sie vor ihrer kleinen Hüttentür;

Wiesenblumen waren ihr Geschmeide

Und ein Veilchen ihres Busens Zier

Ihre Fächer waren Zephirs Flügel,

Und der Morgenhain ihr Putzgemach,

Diese Silberquellen ihre Spiegel

Ihre Schminke dieser Bach.

Sittsamkeit umgoss wie Mondenschimmer

Ihre Rosenwangen, ihren Blick;

Nimmer wich der Seraph Unschuld, nimmer,

von der holden Schäferin zurück

Jünglingsblicke taumelten voll Feuer

Nach dem Reiz des lieben Mädchens hin,

Aber keiner als ihr Vielgetreuer

rührte jemals ihren Sinn.

Keiner als ihr Wilhelm! Frühlingsweihe

rief die Edlen in den Buchenhain;

Unterm Grün, durchstrahlt von Himmelsbläue,

Folgen sie den deutschen Ringelreih'n.

Röschen gab ihm Bänder mancher Farbe,

Kam die Ernt' an seinen Schnitterhut,

Saß mit ihm auf einer Weizengarbe,

lächelt' ihm zur Arbeit Mut.

Band den Weizen, welchen Wilhelm mähte,

Band und äugelt' ihrem Liebling nach,

Bis die Kühlung kam, und Abendröte

Durch die falben Westgewölke brach.

Über alles war ihm Röschen teuer,

War sein Taggedanke, war sein Traum;

Wie sich Röschen liebten und ihr Treuer,

Lieben sich die Engel kaum.

Wilhelm! Wilhelm! Sterbeglocken hallen

Und die Grabgesänge heben an,

Schwarzbeflorte Trauerleute wallen,

Und die Totenkrone weht voran.

Wilhelm wankt mit seinem Liederbuche

Nasses Auges an das offne Grab,

Trocknet mit dem weißen Leichentuche

Sich die hellen Tränen ab.

Schlumm're sanft, du gute, fromme Seele,

Bis auf ewig dieser Schlummer flieht!

Wein' auf ihrem Hügel, Philomele,

Um die Dämmerung ein Sterbelied!

Weht wie Harfenlispel, Abendwinde,

Durch die Blumen, die ihr Grab gebar,

Und im Wipfel dieser Kirchhoflinde

nist' ein Turteltaubenpaar!