Ein geistlich Abendlied

Victor Ernst Nessler

Es ist so still geworden,

Verrauscht des Abends Wehn,

Nun hört man aller Orten

Der Engel Füße gehn,

Rings in die Thale senket

Sich Finsterniß mit Macht --

Wirf ab, Herz, was dich kränket

Und was dir bange macht!

Es ruht die Welt im Schweigen,

Ihr Tosen ist vorbei,

Stumm ihrer Freude Reigen

Und stumm ihr Schmerzenschrei.

Hat Rosen sie geschenket,

Hat Dornen sie gebracht --

Wirf ab, Herz, was dich kränket

Und was dir bange macht!

Und hast du heut gefehlet,

O schaue nicht zurück;

Empfinde dich beseelet

Von freier Gnade Glück.

Auch des Verirrten denket

Der Hirt auf hoher Wacht --

Wirf ab, Herz, was dich kranket

Und was dir bange macht!

Nun stehn im Himmelskreise

Die Stern' in Majestät;

In gleichem festem Gleise

Der goldne Wagen geht.

Und gleich den Sternen lenket

Er deinen Weg durch Nacht --

Wirf ab, Herz, was dich kränket,

Und was dir bange macht!