Die Nacht

W. Aeschbacher

Blume duftet im Tal,

Ferne Blume der Kindheit,

Die nur selten dem Träumer

Ihre verborgenen Kelche öffnet

Und das Innre, Abbild der Sonne, zeigt.

Auf den blauen Gebirgen

Wandelt die blinde Nacht,

Überm Schoß das dunkle Gewand gerafft,

Streut sie ziellos und lächelnd

Ihre Gaben, die Träume, aus.

Unten lagern, vom Tag verbrannt,

Schlafende Menschen;

Ihre Augen sind voller Traum,

Seufzend wenden viele das Antlitz

Hin nach der Blume der Kindheit,

Deren Duft sie zärtlich ins Dunkel lockt

Und dem väterlich strengen

Ruf des Tages tröstlich entfremdet.

Rast des Ermüdeten ist's,

In der Mutter Umarmung zurückzufliehn,

Die mit lässigen Händen

Über das Haar dem Träumenden streicht.

Kinder sind wir, rasch macht die Sonne uns müd,

Die uns doch Ziel und heilige Zukunft ist,

Und aufs neue an jedem Abend

Fallen wir klein in der Mutter Schoß,

Lallen Namen der Kindheit,

Tasten den Weg zu den Quellen zurück.

Auch der einsame Sucher,

Der den Flug zur Sonne sich vorgesetzt,

Taumelt, auch er, um die Mitternacht

Rückwärts seiner fernen Herkunft entgegen.

Und der Schläfer, wenn ihn ein Angsttraum weckt,

Ahnt im Dunkeln mit irrer Seele

Zögernde Wahrheit:

Jeder Lauf, ob zur Sonne oder zur Nacht,

Führt zum Tode, führt zu neuer Geburt,

Deren Schmerzen die Seele scheut.

Aber alle gehen den Weg,

Alle sterben, alle werden geboren,

Denn die ewige Mutter

Gibt sie ewig dem Tag zurück.