Der Wanderer
W. Baumgartner
Ich wandre in der Nacht
Herab vom Bergesgipfel;
Die Bäume wiegen sacht,
Als wie im Traum, die Wipfel.
Ich wandre durch die Nacht;
Es schläft die Welt, nur meine Liebe wacht.
Von Lichtern glänzen hell
Die Dörfer in der Runde;
Von ferne schallt Gebell;
Dumpf schlägt die zehnte Stunde.
Ich wandre durch die Nacht;
Es schläft die Welt, nur meine Liebe wacht.
Der letzte Laut verweht;
Das letzte Licht verschwindet;
Ein Bach nur rauschend geht,
Der sich durch Felsen windet.
Ich wandre durch die Nacht;
Es schläft die Welt, nur meine Liebe wacht.
Wie schimmert Stern an Stern!
Wie viel sind euer, Brüder?
Ihr haltet Wache fern,
Und grüßt so freundlich nieder.
Ich wandre durch die Nacht;
Es schläft die Welt, nur meine Liebe wacht.
Der dort in Osten steht,
Ist meines Mädchens Hüter;
Zu ihrem Fenster geht
Sein Strahl, und höher glüht er.
Ich wandre durch die Nacht;
Es schläft die Welt, nur meine Liebe wacht.
O, spiele, holder Strahl,
Um ihre Stirn, die weiße,
Und küß ihr tausendmal
Den Mund und sag' ihr leise:
"Du Engel, gute Nacht!
Wohl schläft die Welt, doch seine Liebe wacht. "