Der Scheerenschleifer

W. Ehlers

Scheer-Messer, Messer schleif,

Scheer schleif, Scheer-Messer schleif!

Si Si Scheer-Messer schleif!

Ich nehme die Gebühren

Für's Schleifen und Polieren,

Doch neben dieser freien Kunst

Sing' ich umsonst.

Bin ich nicht hochgelehrt?

Nicht reicht und nicht geehrt;

So ist mein kleines Städtchen

Doch Goldes Werth.

Es nährt mich ohne Sorgen

Ja ehrlich heut und morgen;

Ein Glück das mancher stolze Mann

Nicht rühmen kann.

Braucht mich nicht alle Welt

Der Kaiser jetzt im Feld,

Der Bettler, dem zum Messer

Der Braten fehlt?

Der Doctor und Barbierer,

Der flinke Haarfrisierer,

Der Krämre, Schneider, Metzger, Koch,

Und wer all's noch?

Auch Federmesserlein

Schleif' ich auf meinem Stein;

Denn ohne mich kann keiner

Ein Autor sein.

Es haben die Poeten

Vor allen mich von nöthen;

Denn, wenn ihr Werk nicht haut noch sticht,

So liest man's nicht.

Am allerliebsten dient

Mein Fleiss dem schönen Kind,

Wo kleines Herzens Scheeren

Zu schleifen sind.

Doch gilt es meine Damen

Des Nächsten guten Namen:

So schneidet, wenn ich bitten darf,

Nicht gar zu scharf.

Scheer-Messer, Messer schleif,

Scheer schleif, Scheer-Messer schleif!

Si si Scheer-Messer schleif!

Bis Morgen schnurrt mein Rädchen

Für andre Herrn und Mädchen;

Doch ich, sein Herr, bin frank und frei,

Und froh dabei.