Am Gitter
W. Goethe
War noch nicht funfzehn Jahre alt,
Als ich schon Nönnlein war,
Die Mutter wollt' es mit Gewalt,
Muß weinen immerdar,
Und bin so jung, muß ganz allein
Hier stehn im finstern Kämmerlein.
Voll Blüten stehn die Bäume all,
Die Vögel singen sehr.
Es treibt ein frischer Wind manchmal
Ein Blütchen zu mir her.
Ich leg' es in's Gebetbuch mir,
Und steh' nun doppelt traurig hier.
Ach! und das Christusbild, das theilt,
Das kennt nicht meinen Schmerz.
Ach! und kein Gnadenmittel heilt
Ein still gebrochnes Herz.
Man nennet mich des Himmels Braut,
Der hört und giebt nicht einen Laut.
Steigt dann der Mond um Mitternacht,
Da flüstert's vor dem Haus
Am Gitter, ach! so bang und sacht:
"Lieb' Kindlein, komm' heraus!"
Im Schleier hüll' ich tief mich ein
Und schluchze laut in meiner Pein.