Das blutende Herz
W. Goethe
"Und hast du verwundet mein Herz so tief,
Du rosig aufblühende Maid,
So heil' mir's auch wieder, doch thu' es bald,
Sonst bricht es vor innerem Leid."
Die Maid aber schüttelt ihr lockigtes Haupt
Und lächelt: "du thörichter Knab',
Wie sollt' ich erfüllen die Wünsche dein,
Da ich längst meinen Treuen schon hab',"
"Und hast du zu Scherz oder Kurzweil nur
Verwundet das Herze mein,
So mög' es doch nie und nimmermehr
Deinem Herzen vergolten seyn!"
Mit dem blutenden Herzen eilt d'rauf der Knab'
Und mit weinenden Augen hinaus,
Und wandelt die Straße wohl auf und ab
Bis er kommt zu des Arzten Haus.
Und wie er nun kommt zu des Arzten Haus
So tritt er zum Alten hinein
Und spricht: "O heilt mir mein blutendes Herz,
Nicht länger ertrag' ich die Pein."
Der Arzt aber schüttelt sein schneeweißes Haupt
Und spricht: "Du armer Knab',
So viel ich auch Mittel, für dieß allein
Kein einziges Mittel ich hab'."
Und wieder wandelt der Knabe fort,
Im Innern so düster und graus,
Er wandelt die Straßen wohl auf und ab,
Bis er kommt zu dem Friedhof hinaus.
Und wie er d'raußen am Friedhof steht,
Da gräbt just der Gräber ein Grab,
"Kannst du mir nicht heilen mein blutendes Herz,
O Gräber?" so frägt ihn der Knab'.
Der Gräber, trüb lächelnd, nickt d'rauf mit dem Haupt,
Und spricht: "Tritt immer herein,
Ich leg' nur ein paar Schaufel Erde d'rauf,
Da wird dir geholfen wohl sein."