Der Pilger am See

W. Goethe

Du lächelst aus der Felsenwiege,

Geheimnißvoller Alpensee,

Und weckst durch deine holden Züge

Zu neuer Qual das alte Weh.

Was soll dein liebesüßes Werben,

Das mich im Wellenschlag umrauscht?

Ich weiß es ja, daß nur Verderben

In deinen kühlen Armen lauscht.

So blickten ihre lieben Augen,

So himmelspiegelnd -- blau und klar!

Der Brust die Seele zu entsaugen,

Dir ihr nun folgt unwandelbar.

Drum irr' ich nun -- von ihr geschieden --

Von meinem Selbst -- durch Schicksalshohn,

Hier ohne Leben, ohne Frieden,

Den Schemen gleich am Acheron.

O singet, silberne Sylphiden,

Im lispelnden Sirenenchor

Dem Sehnsuchtskranken -- Lebensmüden

Die eigene Geschichte vor!

Ich kann den Schmerzenszug verstehen,

Der bang durch euren Wohllaut bebt,

Ich habe selber diese Wehen,

Die Seligkeiten selbst erlebt.