Der Schlaf unter der Eiche

W. Goethe

O rausche nur sanft und leise

Du schattiger Eichenbaum,

Daß du die arme Waise

Nicht weckest aus ihrem Traum!

Ihre Ältern sind schlafen gegangen

Ins letzte Kämmerlein;

Mit stummer Liebe Verlangen

Ist sie auf Erden allein.

Empor aus dem Todtenreiche

Ihr alter Vater wallt;

Der Traum verwandelt die Eiche

In seine liebe Gestalt.

Mit seinen Armen vertauschen

Die Äste sich, streicheln das Kind;

Als Wörtlein der Liebe rauschen

Die grünen Blätter im Wind.

Noch schlafend giebt sie ihm Antwort:

"Ach, mache den Heinrich mir gut,

Sonst nimm mich in's Todtenland fort,

Weil so weh mein Herze mir thut!"

Was knistert da? geht doch leiser,

Sonst wird ihr Schlummer gestört.

Heinrich schleicht über die Reiser;

Der hat wol Alles gehört?

Er beugt sich behutsam nieder

Auf seinen köstlichen Fund

Und drückt auf die Augenlieder sic

Ihr sanft den glühenden Mund.

"O Heinrich!" -- Rausche nur, Eiche!

Sie schweigen stille vor Lust:

Sind offen die Himmelreiche,

Versiegt ja das Wort in der Brust.