Des Bettlers Kind

W. Goethe

Auf öder kahler Haide

Wehte so laut der Wind;

Da geht in großen Leide

Arm Thoms mit seinem Kind.

Die Mutter lag im Grabe,

Die Hütte war verbrannt,

Nun geht am Bettelstabe

Arm Thoms durch's ganze Land.

Der Wind weht auf der Haide,

Verweht des Mondes Licht;

Doch Thoms in seinem Leide

Hört Sturm und Wetter nicht.

Er sitzt auf einem Steine;

Sein Kind das ist so still,

Er weint in seinem Leiden

Der heißen Thränen viel.

Dem brennt's in seinen Augen;

Er schreit: "mein Kind, mein Kind!

Es brennen meine Augen!

Weh Tochter, ich bin blind!"

In höchsten Ängsten klammert

Das Kind sich an ihn an;

"Weh ich bin blind!" so jammert

Der arme Bettelmann,

Er richt't sich in der Höhe,

Giebt seinem Kind die Hand;

"Ach liebe Tochter, gehe,

Führ mich durch Städt und Land!"

Sie führt den blinden Vater

Und singt vor jedem Haus:

"Ach reichet meinem Vater

Eine kleine Gab' heraus!"

Dann sitzt sie auf der Schwelle

Und theilt das trockne Brot;

Drum ist ihr Aug so helle,

Ihr Wänglein drum so roth.

Nun legt die dürren Hände,

Der alte Vater, blind,

Ihr auf das Haupt: "Gott spende!

Gott segne dich mein Kind."