Die Meermaid

W. Goethe

Es fällt die Nacht, es braust der Wind

Und peitscht die Wellen her.

"Ich fürchte doch, mein süßes Kind,

Wir sehn das Land nicht mehr."

Da stand die Meermaid auf und sprach,

Und sprach es kurz und frei:

"Ich sagte nie, Geliebter, Dir,

Daß die Hochzeit am Lande sei.

Ich sagte nie, daß ein Priester uns

Auf der Erde segnet ein;

Ich sagte nie, daß ein Aufenthalt

Auf dem Land' uns würde seyn."

""Wo ist der Priester denn, mein Kind,

Wenn er auf Erden fehlt?""

"Die Welle rauscht den Segen drein,

Sobald wir uns vermählt."

""Wo ist Dein Schloß denn, holde Maid,

Wenn's nicht ist auf dem Land?""

"Mein Schloß das ist dort unten tief

Gebaut auf gelbem Sand,

Errichtet auf der Schiffe Kiel

Und der Ertrunk'nen Gebein.

Die Fische sind's Wild in meinem Wald,

Ihn schließt die Welle ein.

Mein Schloß umzäunt die Woge blau

Auf gelbem Meeressand;

Es blühen Blumen im Garten mein,

Wie sie nimmer blühn auf dem Land.

Da will ich Dir geben der Äcker viel

Und der Wiesen dort unten im Meer;

Kein Vater giebt für den Schwiegersohn

So viele Güter her.

In kurzer Zeit erhebt sich der Mond,

Der in den Wogen schlief,

Dann sinken hinab wir in mein Schloß,

Wohl funfzig Klafter tief."

Wild, wild schrie auf der Bräutigam,

Die Braut lacht auf, laut, laut. --

Der Mond ging auf, sie sanken hinab

Und wurden drunten getraut.