Die Perle

W. Goethe

Im tiefen Grund, im Meeresschoos

Die Perle keimet, wird stille sie groß.

Ihr kindlich Leben, wie's erwarmt,

Wie liebend sie die Fluth umarmt!

Und nach der Sonne ferner Gluth

Ihr feuchtes Auge auf sich thut;

Sie saugt es ein das stolze Licht

Durch's Wasser, wo sich's farbig bricht;

Und wenn sie voll vom Lichtesquell,

Schließt träumerisch ihr Aug' sich schnell;

Und was der Sonne Blik entfacht,

Und Mondesstrahl in stiller Nacht,

Blüht auf in ihres Auges Raum

Und wird ein schuldlos seel'ger Traum.

Doch wieder taucht der Schwimmer Schaar

Und wird den köstlichen Schatz gewahr;

Die Muschel bringt sie aus der Fluth,

Und reißt sie auf in frevlem Muth.

Und die im Sonnenlicht geträumt,

Um welche Wellenlust geschäumt;

Und die gewohnt in stiller Fluth,

Und die im Mutterschoos geruht;

Es feilscht um sie das Marktgewühl,

Es weht um sie die Tanzluft schwül,

Zu toller Lust muß sie nun glüh'n,

Im Haar von Buhlerinnen sprüh'n.

O eine Thräne selbst bist du,

Sehnend dich nach der Kindheit Ruh!

O tragt sie nicht an fröhlicher Brust,

Bringt nicht die Thräne zur wilden Lust!

Ja, wenn die Jugend blühend roth

Verwelket über Nacht im Tod,

Und wenn mit dem verhaßten Mann

Die Braut tritt zum Altar hinan,

Und wenn ein reiches Herze bricht,

Da bringt herbei ihr mildes Licht,

Da bindet mit einer Perlenschnur

Den Strauß der Blumen, der welkenden, nur!