Ein freies Land
W. Goethe
Was betrübt, o Marko, deine Seele,
Daß dein Auge also finster schauet?
Was bedrückt dein Herz, daß deine Stirne
So gefurcht und deine Wang' erblichen?
Hat der Hagel dir die Saat zerschlagen?
Glaubst du, daß ich wankend in der Liebe?
Oder saugt in mitternächt'ger Stunde
Ein Vampyr das Blut dir aus dem Herzen? --
"Hätte Hagel mir die Saat zerschlagen,
Brächt' ein nächstes Jahr wohl Doppelernten;
Wärst du wankend in der Liebe worden,
Neue Zeit brächt' wohl auch neue Liebe.
Aber ein Vampyr saugt mir am Herzen,
Nachts und Morgens, lange, lange Tage
Seit Stavila ist zu Schutt geworden,
Seit an unsern Küsten fremde Kähne,
In den Bergen fremde Männer streifen." --
Schlimm sind, die Stavila eingeäschert,
Schlimm in unserm Land die wilden Gäste;
Schlimmer der Vampyr in deinem Herzen,
Hat mir deine Liebe wohl geraubt.
Kämst wohl, sonst wie immer, an mein Fenster,
Ließest nimmer mich in stillen Nächten
Einsam deiner und vergebens harren,
Bis der Morgen in der Ferne graut. --
"Müßt' ich nicht vorüber an Stavila
Wenn ich Nachts zu dir, Geliebte, gehe,
Solltest nicht vergebens meiner harren;
Müßt' ich nicht vorüber dann am Strande,
Wenn ich früh des Morgens von dir scheide,
Solltest meine Liebe nicht bezweifeln.
Aber -- der Vampyr in meinem Herzen
Läßt mich nie den Weg zu dir vollenden,
Hält mich wie gebannt bei jenen Trümmern
Bei Stavilas Schutt und Aschenhaufen!" --
Kam zur Hütte der Geliebten Marko, --
Morgens war es, eines frühen Morgens --
Pochte leise an das kleine Fenster.
Trat heraus das Mädchen an die Schwelle,
Sah den Liebsten, den so lang vermißten,
Sank ihm freudig jubelnd an die Brust.
"Einen Becher fülle mir, Geliebte,
Rothen Weines! Reiche mir ihn selber,
Daß ich einmal noch von deinen Händen
Trinke, die so oft mich treu gepflegt;
Daß ich einmal noch die warmen Lippen
Küsse, die so oft mich süß gelabt."
Eilt das Mädchen in des Vaters Keller,
Bringet schnell den Becher rothen Weines,
Reicht ihn freundlich dem Geliebten hin.
Marko nimmt den schäumend vollen Becher,
Schwingt ihn hoch: "O edler Heldentrank!"
Schlingt die Arme um das schlanke Mädchen,
Küßt sie: "Und o süßer Trank der Liebe!"
Doch mit einmal windet sich das Mädchen
Bleich, entsetzt aus des Geliebten Armen.
Marko, Marko, sprich, was ist geschehen?
Feucht von nächt'gem Thaue ist dein Mantel,
Naß von frischem Blute die Gewänder,
Blutbeflekt sic dein Yatagan, die Hand,
Und -- o Gott! -- aus deiner Brust, verwundet,
Quillet warmes Blut! -- Hast du gerungen
Mit den Hirten um ein Roß im Walde?
Hast mit Räubern du gekämpft am Wege?
Oder hast du in den dunkeln Schluchten
Des Gebirges einen Wolf erlegt?
Marko drauf mit stolzem Muth entgegnet:
"Um ein edles Roß hab' ich gerungen,
Aber mit den Hirten nicht im Walde;
Hab' gekämpft mit einem frechen Räuber,
Doch mit keinem der am Wege lagert;
Einen bösen Wolf hab' ich erlegt,
Aber keinen, der in Schluchten hauset:
Edles Roß ist unser freies Recht!
Räuber sind die Fremden, die es schänden!
Wölfe sind es, die mit blut'ger Gier
Sich von unsern Scheunen, Hürden mästen!" --
Also Marko. Und den Becher schwingt er,
Trinkt die volle Glut des Heldentrankes:
"Dies, o Mädchen, ist mein letzter Trunk!"
Und die Arme schlingt er um das Mädchen,
Trinkt der Liebe Glut von ihren Lippen:
"Dies, o Mädchen, unser letzter Kuß!
Eile nun und laß die Glocken läuten,
Laß ein Grab mir graben bei Stavila,
Laß sie singen alte Heldenlieder,
Wenn sie mich versenken in das Grab!
Rosen pflanze über meinem Herzen,
Reben um den Hügel rings im Kreise
Und zu Häupten einen Eichenbaum;
Denn wie ich -- im Arme treuer Liebe
Mit dem Becher voll des edlen Weines
Für das gute Recht, für heil'ge Freiheit --
Wenige sterben also seligen Tod!"
Auf dem Marschland bei Stavila,
Auf dem Brachfeld, wo die Asche
Ausgestreuet liegt vom Winde --
Asche von Stavilas Hütten --
Steht ein Eichbaum alt und riesig,
Fließt ein klarer Wiesenquell.
Über Nachtzeit sind die Blätter
Hingewelkt vom Eichenbaume,
Über Nachtzeit sind die Wasser
In der Quelle roth geworden.
An der Eiche, an der Quelle
Liegt ein Leichnam auf dem Rücken.
Eine Kugel traf die Kehle
Und das Herz ein Yatagan.
Seit drei langen, langen Tagen
Liegt er da im Quellensande,
Liegt im heißen Sonnenbrande
Und im kühlen Thau der Nacht.
Nicht geschlossen sind die Augen,
Scheinen boshaft noch zu glimmen
Nach der Eiche schaun sie aufwärts
Und es welkt das grüne Laub.
Nicht geschlossen sind die Wunden,
Rothes Blut fließt noch aus ihnen
Fließet allwärts in die Quelle
Und die Wasser werden roth.
Lang geworden ist sein Haupthaar
Und die Nägel sind gewachsen,
In den Boden hat die Rechte
Eingewühlt den blut'gen Dolch.
Also seit drei langen Tagen
Liegt er da im Quellensande,
Liegt im heißen Sonnenbrande
Und im Thau der kühlen Nacht.
Fanden ihn des Feldes Hirten,
Als es war am vierten Tage,
Eilten in die dunklen Wälder,
Eilten in die finstern Schluchten:
"Die ihr flohet in die Wälder,
Die ihr flohet in's Gebirge,
Als der Venetianer Fackeln
Auf Stavila's Dächer fielen,
Eilt herbei! -- An jener Eiche,
An der Quelle bei Stavila
Könnt ihr schauen einen Leichnam!
Ist der Venetianerhauptmann,
Dessen Boote an den Küsten
Unsers Meers auf Beute lauschten!
Ist der böse Venetianer,
Der mit seinen Schandgesellen
Uns die Heerden fortgetrieben,
Der die Töchter uns geschändet,
Der die Söhne uns geknechtet,
Der die Hütten uns verbrannt!
Eilt herbei! -- Im heißen Sande
Liegt er da in seinem Blute,
Liegt allein und seine Rotten
Flohen weit hin über's Meer!"
Also ruft die Schar der Hirten
In die Wälder, in die Schluchten.
Die es hörten, die da kamen,
Um den Leichnam an der Quelle
Stehn sie alle nun im Kreise.
Jeder kennt ihn, den Verhaßten,
Jeder freut sich seines Falles,
Freier athmet jede Brust.
Und so stehn sie rings im Kreise,
Graben eine tiefe Grube,
Wohl drei lange Klafter tief,
Und verscharren drin die Leiche
Des gehaßten Venetianers.
Und, o Wunder! schattig wieder
Grünt der Eiche welkes Laub,
Kühlend wie in frühern Tagen,
Fließt die Quelle klar und rein!
Aber
Einer
fehlt im Kreise,
Wird kein Aug' ihn wiedersehen!
Volle, rothe Rosen blühen
Bald aus seinem treuen Herzen,
Daran kein Vampyr mehr nagt;
Schlanke Reben werden grünen,
Bald um seine stille Klause,
Deren Frieden nichts mehr stört;
Eine stolze, kühne Eiche
Schattet bald sein Grab, darüber
Hin sich dehnt ein freies Land.
Und auch
Eine
fehlt im Kreise,
Freute sich mit euch wohl gerne!
Aber einsam muß sie sitzen
In der stillen dunkeln Kammer.
Ihre schönen, schwarzen Augen,
Sie beweinen den Geliebten,
Ihre schönen, weißen Hände
Weben einen Wittwenschleier.