Ewige Jugend
W. Goethe
Weil lechzend meine Lipp' an deinem Kelch gesogen,
Weil meine bleiche Stirn in deinen Händen lag;
Weil deines Odems Duft mein Odem eingesogen,
Weil ich an meiner Brust gefühlt der deinen Schlag;
Weil mir's gegeben ward, daß ich dich sagen hörte
Die Worte, die das Herz ausspricht mit heil'gem Flehn;
Weil, heiß in meines glüh'nd, dein Auge mir gewährte,
Froh lächeln dich zu sehn, und weinen dich zu sehn:
Weil auf mein lockig Haupt, das, ach! nur selten helle,
Ein Strahl schien deines Sterns mit wunderbarem Glanz,
Und weil ich fallen sah in meines Lebens Welle
Ein prangend Rosenblatt aus deiner Tage Kranz;
So kann ich sagen jetzt: -- Vorüber, flücht'ge Jahre!
All' eure Blumen schon sind welk! ich bin ein Mann,
Der nimmer älter wird, der eine wunderbare
Blum' in der Seele trägt, die keiner brechen kann!
Streift euer Flügel auch, doch bricht er nicht, der rasche,
Die Schale, deren Born mir ew'ge Labe beut;
Mehr Gluth hat meine Seel', als ihr besitzet Asche;
Mehr Liebe hat mein Herz, als ihr Vergessenheit!