Harfnerin
W. Goethe
Die Loken weh'n, die Augen glühen,
Der Stimme Hauch geht voll und lind,
Die Harfe zwischen deinen Knieen; --
O unglüksel'ges schönes Kind!
Und kann dich nichts, o nichts erretten
Aus deines Lebens schwerem Traum?
Du ringst vergebens in den Ketten,
Und deinen Klagen lauscht man kaum.
Die Loken weh'n, es ist gefallen
Das Band, das sie zusammenhielt,
Es ist ein wildes irres Wallen,
Mit dem ein jeder Luftzug spielt;
Die Augen glüh'n, so glüht das Feuer,
Das heimlich wachsend sich ernährt,
Und das erwachsen, ungeheuer,
Die Brust, an der es schlief, verzehrt.
Die Harfe tönt, o laß sie tönen
Des Herzens tiefsten Schmerz hinaus!
Doch, Unglükselige, dich söhnen
Die Klänge mit der Welt nicht aus;
In deiner Seele Tiefen schwelgen
Des Giftes schwarze Mächte schon,
Unwiderbringlich mußt du welken,
Dein Lied ertönt wie bittrer Hohn.
Du hast geliebt, dein Herz verschwendet,
Du liebtest und wardst nie geliebt,
Dein Schmerz wird nimmermehr geendet,
Dein Lebenslicht bleibt stets getrübt:
Du ringst nach Liebe stets vergebens,
Du ahnst sie stets, erringst sie nie,
Und gibst die Blume deines Lebens,
Damit nur einmal blühe sie.
Die Loken weh'n, die Augen glühen,
Dein ganzes Wesen ist zerstört,
Und was zumeist dir gilt zu fliehen,
Das ist's was dich zumeist bethört;
Dein letztes Heil reiß'st du vom Herzen,
Du trittst mit Füssen deinen Gott,
Nichts Traurigers als deine Schmerzen,
Und deinem Jammer folgt der Spott.
Unselige, noch einmal glühend
Weint mit dir schmerzliches Gefühl,
So raffe dich empor entfliehend,
Zertrümmere dein Saitenspiel;
Du mußt entsagen, mußt entsagen
Dem Liebedrang im Erdenthal,
Dein ganzes Herz zu Grabe tragen
Und fleh'n um keinen Hoffnungsstrahl.