Liebesprobe

W. Goethe

Der Bündel ist ihm leicht,

Ihr Herz, das ist ihr schwer,

Wie sie die Hand ihm reicht,

Zu seh'n ihn nimmermehr.

Er sagt mit leichtem Muth

Und nimmt den Wanderstab:

"Leb wohl, du junges Blut,

Das ich geliebet hab'!

"Der Schiffmann ruft am Strand,

Der mich von hinnen nimmt,

Wo mir im Heimathland

Die reiche Braut bestimmt.

"Geliebt hab' ich dich sehr,

Deß muß ein Ziel nun sein,

Bald werd' ich über'm Meer

Die Allerschönste frei'n."

Und wie er solches spricht,

In's Auge sie ihm schaut,

Es ist ihr Angesicht

Von Thränen überthaut.

Es spricht ihr rother Mund:

"Leb' wohl, du bester Mann,

Den auch in lezter Stund'

Ich nichts als lieben kann.

"Leb' wohl, Gott sey mit dir,

Fahr' glüklich über's Meer,

Und niemals sei wie mir,

Dein Herz von Kummer schwer!

"Und was du bist und thust,

Sei's drüben oder hier,

Und wo du gehst und ruhst,

Sei Gottes Heil mit dir!

"Und die du gehst zu frei'n,

Die mir das Herz macht schwer,

So selig mag die sein,

Als ich bei dir es wär'!"

Da wirft den Bündel schnell

Zur Seit' er freudiglich,

Und küßt sie da zur Stell',

Und preßt sie fest an sich.

"Die du noch Segen gibst

Dem, der das Herz dir bricht,

Jezt weiß ich, wie du liebst,

Und dich verlaß' ich nicht.

"Wenn dir ein schlimmes Wort

Geworden nicht zu schwer,

Wär' ich gezogen fort,

Zu seh'n dich nimmermehr.

"Und bleibe drum mir gut,

Daß ich geprüft dich hab',

Leg' weg den Reisehut,

Zu Seite stell' den Stab.

"Du bist mein einzig Glük,

Sei's drüben oder hier,

Dich laß ich nicht zurük,

Ruft meine Heimath mir."