Stirb, Lieb' und Freud!

W. Goethe

Zu Augsburg steht ein hohes Haus,

Nah bei dem alten Dom,

Da tritt an hellem Morgen aus

Ein Mägdelein gar fromm;

Gesang erschallt,

Zum Dome wallt

Die liebe Gestalt.

Dort vor Mariä heilig' Bild

Sie betend niederkniet,

Der Himmel hat ihr Herz erfüllt,

Und alle Weltlust flieht:

"O Jungfrau rein!

Laß mich allein

Dein eigen seyn!"

Alsbald der Glocke dumpfer Klang

Die Betenden erweckt,

Das Mägdlein wallt die Hall' entlang,

Es weiß nicht, was es trägt;

Auf dem Haupte ganz

Von Himmelsglanz

Einen Liljenkranz.

Mit Staunen sehen all' die Leut'

Dieß Kränzlein licht im Haar,

Das Mägdlein aber wallt nicht weit,

Tritt vor den Hochaltar:

"Zur Nonne weiht

"Mich arme Maid!

"Stirb, Lieb' und Freud'!"

[Gott, gib, daß dieses Mägdelein

Ihr Kränzlein friedlich trag'],

Es ist die Allerliebste mein,

Bleibt's bis zum jüngsten Tag.

Sie weiß es nicht,

Mein Herz zerbricht,

Stirb, Lieb' und Licht!