Trost

W. Goethe

Als ich jüngst am frühen Morgen

Von der Quelle wiederkam

Und des braunen Rosses Wiehern

Aus dem Stalle her vernahm,

Hab' ich meinen blanken Eimer

Vor die Thüre hingesetzt.

Drinnen fand ich meinen Selmas,

Doch sein Auge war benetzt.

"Sprich, was weinst Du, lieber Jüngling?

Schöner Reiter, sag' es mir!

Meine Liebe wend' ich nimmer,

Nimmer wieder ab von Dir!"

"Mädchen, wie die Lilie bist Du,

Die im offnen Garten steht,

Welche Jeder, dem es einfällt,

Unbarmherzig pflücken geht.

Ach, sie haben dich verläumdet

Und gesagt: sie hat beim Tanz

Ihren Ring verschenkt, im Gasthaus

Gar verloren ihren Kranz!"

"Sieh, die Hand, die jetzt Dich streichelt,

Glänzt am Finger nicht Dein Ring?

Frag', ob in der Mutter Kammer

Wohlverwahrt mein Kranz nicht hing.

Wasser in der reinen Quelle

Bleibet ja doch immer rein:

Wird nicht immer treu die Liebe

In dem treuen Herzen sein?"