Die Schneewurz

Kienzl, Wilhelm

Der Winter ist eingezogen

Im Hermelingewand,

Hat über der Ströme Wogen

Eine feste Brücke gespannt.

Er kam aus nordischer Fremde

Auf eisiger Winde Spur

Und hat ein Todtenhemde

Gebreitet über die Flur.

Die jungen Keime zagen

Und zittern in Todesnoth,

Die frierenden Vögel klagen:

"O weh, die Sonne ist todt!"

Da regt sich's im Grunde leise,

Die Decke knistert und bricht,

Die Schneewurz aus dem Eise

Steigt singend an das Licht:

Ich brauche nicht Regen,

Nicht Sonnenglüh'n,

Kann allerwegen

Grünen und blüh'n.

Nicht frommt mir Gekose

Vom Mailüftlein,

Ich bin keine Rose,

Will keine sein,

Kann Immen und Hummeln

Nicht Honig bieten;

Sie sollen sich tummeln

Um andre Blüthen.

Kein Finger flicht mich

Zum Maienkranz,

Kein Mädchen bricht mich

Zum Reihentanz,

Und wenn ich verderbe,

Schafft's keinem Pein:

Ich blühe und sterbe

Für mich allein.