Vermischter Traum

Rihm, Wolfgang

Was ist diß Leben doch / was sind wir / ich und ihr?

Was bilden wir uns ein! Was wünschen wir zu haben?

Mein sind die Jahre nicht die mir die Zeit genommen /

Mein sind die Jahre nicht / die etwa möchten kommen

Der Augenblick ist mein / und nehm' ich den in acht

So ist der mein / der Jahr und Ewigkeit gemacht.

Ich bin nicht der ich war / die Kräfte sind verschwunden /

Die Glider sind verdorr't / als ein durchbrandter Grauß:

Mir schaut der schwartze Tod zu beyden Augen aus /

Ich werde von mir selbst nicht mehr in mir gefunden

Der Athem wil nicht fort / die Zunge steht gebunden /

Wer siht nicht / wenn er siht die Adern sondern Mauß /

Die Armen sonder Fleisch / daß diß mein schwaches Hauß

Der Leib zerbrechen wird / noch inner wenig Stunden.

Gleich wie die Wissen Blum lebt wenn das Licht der Welt

Hervor bricht / und noch ehr der Mittag weggeht / fällt;

So bin ich auch benetzt mit Thränen-tau angekommen:

So sterb ich vor der Zeit. O Erden gute Nacht!

Mein Stündlein laufft zum End / itzt hab ich außgewacht

Und werde von dem Schlaff des Todes eingenommen.

Mein sind die Jahre nicht die mir die Zeit genommen /

Mein sind die Jahre nicht / die etwa möchten kommen

Der Augenblick ist mein / und nehm' ich den in acht

So ist der mein / der Jahr und Ewigkeit gemacht.

Mir ist ich weiß nicht wie / ich seuffze für und für.

Ich weyne Tag und Nacht / ich sitz in tausend Schmertzen;

Und tausend fürcht ich noch / die Krafft in meinem Herzen

Verschwindt / der Geist verschmacht / die Hände sincken mir.

Die Wangen werden bleich / der muntern Augen Zir

Vergeht / gleich als der Schein der schon verbrannten Kertzen

Die Seele wird bestürmbt gleich wie die See im Mertzen

Was ist diß Leben doch / was sind wir / ich und ihr?

Was bilden wir uns ein! Was wünschen wir zu haben?

Itzt sind wir hoch und groß / und morgen schon vergraben:

Itzt Blumen morgen Kot / wir sind ein Wind / ein Schaum /