Rot Röslein

W. Rinkens

Rot Röslein wollt ich brechen

Zum hübschen Krenzelein:

Mich Dörner taten stechen

Hart in die Finger mein.

Noch wollt ich nit lan ab.

Ich gunnt mich weiter stecken

In Stauden und in Hecken:

Darin mir's Wunden gab.

O Dorner krumm und zacket,

Wie habt ihr mich zerschrund?

Wer unter euch kompt nacket,

Der ist gar bald verwundt.

Sonst zwar könnt ihr nichts mehr:

Ihr keiner Haut tut schonen

Noch nitlicher Personen,

Wann's gleich ein Göttin wer.

Sie hat's wohl selbs erfahren,

Die schöne Venus zart,

Als sie stund in Gefahren

Und so zerritzet ward.

Daher die Röslein weiß

Von bluttriefenden Nerben

Begunnten sich zu ferben:

Denn man verjeht den Preis.

Ich tu ein Rose loben,

Ein Rose Tugend voll.

Wollt mich mit ihr verloben,

Wann's ihr gefiele wohl.

Ihrs gleichen findt man nicht

In Schwaben und in Franken:

Mich Schwachen und sehr Kranken

Sie Tag und Nacht anficht.

Nach ihr steht mein Verlangen,

Mein sehnlich Herzegierd:

Am Kreuz laßt sie mich hangen,

Meins Lebens nimmer wird.

Zwar bald ich tot muß sein.

Je weiter sie mich neidet,

Je lenger mein Herz leidet.

Ist das nit schwere Pein?

Ach liebster Schatz auf Erden,

Warum mich quelest so?

Zuteil laß dich mir werden

Und mach mich endlich froh.

Dein will ich eigen sein.

In Lieb und Treu mich binde,

Mit deiner Hand mir winde

Ein Rosenkrenzelein.