Weinlied im Winter

W. Schöne

Zur Winterszeit ein edler Wein

Der schlürft sich ein gar wonnig;

Kaum ist das erste Glas hinein,

Wie wird uns schon so sonnig!

Uns däucht, der Frühling fährt durch's Land,

Das ist ein Blühn und Leben!

Und lustig an der Berge Wand

Erwachen schon die Reben.

Kaum ist der zweite Trunk geschehn,

Sind scharfer schon die Sinne;

Jezt hören wir die Quellen gehn,

Der Vögel Sang und Minne.

Was weht uns doch mit einem Mal

So lieblich um's Gemüte?

Ha! Düfte schickt von Berg zu Thal

Die edle Traubenblüte.

O dritter Schluck! o heil'ger Saft!

Wie unsre Herzen schwellen!

Wir spüren schon des Sommers Kraft

Durch's Mark der Rebe quellen,

Du Kind der Sonne, all die Glut,

Die du einst eingetrunken,

Die sprühet schon durch unser Blut

In hellen Feuerfunken.

Jetzt haben wir der Gläser vier,

Jetzt reisen schon die Trauben;

Aus hohen Bergen sitzen wir

In weinbekränzten Lauben.

Die Nacht erklingt von Jubelsang,

Die Fackeln ziehn und wallen,

Und dröhnend das Gebirg entlang

Die lauten Schüsse knallen.

Und fünf und sechs wie durch die Lust

Jetzt die Raketen sausen!

Wie in den Keltern, schon voll Duft,

Die neuen Weine brausen!

Und Glas um Glas versickert schier

In unsern durst'gen Kehlen --

Es ist ja Herbst, da können wir

Die Gläser nimmer zählen.