Die drei Wünsche
W. Sturm
Vor dem Schank zum weissen Schwane
Sassen einst beim Traubennass
Wohlgemuth zwei Zechkumpane,
Sprachen dies und sprachen das.
Auf dem Bänklein an der Mauer
Stand ein Glas; das Glas war leer,
Und dabei in stummer Trauer
Sass der Bruder Straubinger.
Sprach der Erste: "Wenn ich hätte
Einen Wunsch zu thun, ich wollt',
Dass im weiten Donaubette
Jeder Kiesel wäre Gold,
Und die Kiesel müssten alle
Ausgemünzt mein eigen sein. --
Bruderherz, in diesem Falle
Wäre eine Hälfte dein."
Sprach der Zweite: "Meine Schulden
Könnte ich bezahlen bald,
Wär' ein Schein von tausend Gulden
Jedes Blatt im Wienerwald,
Und der Rest, ich will es schwören
Auf den heil'gen Leib des Herrn,
Soll zur Halbscheid dir gehören. --
Bruderherz, ich thu' es gern."
Straubinger in seiner Ecken
Hörte zu und dachte nach,
Stützte auf den Wanderstecken
Sein bestoppelt Kinn und sprach,
Sprach, und seine Stimme grollte
In das leere Glas hinein:
"Wenn ich mir was wünschen sollte,
Wär' es eine Halbe Wein."
Also sprach der Strassenweise,
Wieder sass er stumm und starr,
Und die Andern sprachen leise:
"Bruderherz, du bist ein Narr!"
Dann zum Schanktisch hin erscholl es:
"Heda Meister Wirth, heran,
Schenkt dem Straubinger ein Volles,
Der den klügsten Wunsch gethan!"