Der Kreidekreis

Zemlinsky, Alexander von

TSCHANG HAITANG (Sopran)

FRAU TSCHANG, ihre Mutter (Alt)

TSCHANG LING, ihr Bruder (Bariton)

TONG, ein Kuppler (Tenor)

PAO, ein Prinz (Tenor)

MA, ein Mandarin (Bariton)

YÜ-PEI, seine Gattin ersten Ranges (Sopran)

TSCHAO, Sekretär beim Gericht (Bariton)

TSCHU-TSCHU, Oberrichter (Sprechrolle)

Eine Hebamme / Zwei Kulis / Gerichtspersonen / Polizisten

Soldaten / Blumenmädchen / Ein Kind / Zeremonienmeister

SYSTEMERSTER AKT

Das Innere eines Teehauses. Im Hintergrund ein Vorhang, der drei goldene Käfige verdeckt. Tong, der Besitzer des Teehauses, ein fetter Eunuch, watschelt hinter dem Paravent hervor

SYSTEMERSTES BILD

TONGIch bitte untertänigst, mich vorstellen zu dürfen. Mein Name ist Tong. Das klingt, wie wenn man leise ein verstimmtes Gong anschlägt. Ich bin der Besitzer dieses zwar bescheiden anmutenden, aber erstklassigen Etablissements.

TONGMit der Polizei bin ich im besten Einvernehmen. Der Herr Polizeipräsident lässt sich zuweilen herab, mich zu beehren. Übrigens gewähre ich nur Damen von bestem Leumund Unterkunft. -

TONGHören Sie die Musik? Meine drei Damen spielen die Serenade des Frühlings.

Er zieht die Vorhänge im Hintergrund zurück. In den drei Käfigen sitzen drei schöne Mädchen und spielen die Instrumente. Ein vierter Käfig ist leer. Die eine singt:

EIN MÄDCHENAllen Männern zu gefallen

EIN MÄDCHENBin in Taumel ich und Tand.

EIN MÄDCHENWenn sie ihre Wünsche lallen,

EIN MÄDCHENSitz ich in mich abgewandt.

EIN MÄDCHENGeben Gold und geben Speise,

EIN MÄDCHENKeiner gab ein gutes Wort.

EIN MÄDCHENUnd so wein' ich wild und leise

EIN MÄDCHENMeine süsse Sehnsucht fort.

EIN MÄDCHENGestern trieb nun das Gelüste

EIN MÄDCHENEinen Jüngling zu mir her,

EIN MÄDCHENDer mich auf die Stirne küsste

EIN MÄDCHENAch, ich sehe ihn nicht mehr.

Zieht die Vorhänge zu, nachdem er ein Gong angeschlagen hat

TONGWissen Sie, woran das Gong mich immer erinnert? An eine Hinrichtung. Ich war in meinem früheren Beruf, Sie werden es mir kaum glauben, ich war früher Henker. Damals habe ich den Männern den Kopf abgeschlagen, jetzt verdrehe ich ihnen nur den Kopf mit Hilfe meiner Blumenmädchen. Um nicht selber in Versuchung zu fallen und mein Geschäft durch unschickliche Handlungen zu stören und zu beeinträchtigen, beispielsweise etwa die Eifersucht meiner Herren Klienten zu erregen, habe ich freiwillig auf die Attribute der Männlichkeit verzichtet. Ich habe mich seinerzeit einer kleinen Operation unterzogen, so stehe ich zwischen Mann und Weib, keines von beiden, und also zur Mittlertätigkeit berufen und auserwählt.–

TONGMeine Schwester naht, die Dämmerung, die gewiegte Kupplerin von altersher. Ich höre Schritte die Gasse herauf.

Hinter dem Paravent hervor treten Frau Tschang und Haitang, ihre Tochter; beide in Trauer

HAITANGMein Name ist Haitang. Ich bin die Tochter dieser ehrwürd'gen Dame, Frau Tschang geheissen. Ich bin sechzehn Jahre alt, sechzehn Jahre jung. Ich hab' viel erlitten, ich werde noch mehr erleiden. Viel Schmerz, ein wenig Glück. Rote Albendwolken nach einem düsteren Gewittertag. Es ist das Leben.

TONGDarf ich, ohne vorlaut zu erscheinen, meine Verwunderung und mein tiefes Bedauern bezeugen, die Damen in Trauerkleidung dies Haus der Freude betreten zu sehen? Ist kürzlich ein Todesfall in Ihrer Verwandtschaft vorgefallen, so bitte ich, mein Beileid entgegennehmen zu wollen.

HAITANGEs ist kaum eine Stunde her, dass wir den ehrwürdigen Herrn Tschang, Seidenraupenzüchter und Gemüsegärtner seines Zeichens, den Gatten dieser Dame und meinen Vater, in die Erde senkten. Ich hab' mit meinen eigenen Händen die Erde aufgerissen und über dem Sarge wieder zugeworfen. Denn wir hatten kein Geld, den Totengräber zu bezahlen.

Frau Tschang schluchzt

HAITANGIch habe ihn geliebt. Und liebe ihn nur um so inniger, da er nun bei den Ahnen weilt, und seinem teuren Gedächtnis ich morgens und abends Räucherkerzen entzünden werde.

TONGGestatten Sie mir die etwas dreiste Frage: wie ist der Tod Ihres geehrten Herrn Vaters so plötzlich eingetreten?

Haitang senkt das Haupt

FRAU TSCHANGDas Rad des Unglücks ist über uns dahingerollt. Mein treuergeb'ner Gatte hat seinem armseligen Leben, das nur wie ein altes Kleid noch an ihm hing, selbstherrlich ein Ende gemacht.

Haitang verbirgt ihr Haupt in den Falten ihres Ärmels

TONGDie Dämonen der Unterwelt mögen ihm gewogen sein, und der Herr der ewigen Nacht ihm ein mildes Urteil sprechen. - Darf man sich nach dem Grund seiner plötzlichen Abreise in die unteren Bezirke erkundigen?

HAITANGDer Mandarin und Steuerpächter Ma hat uns um Geld und Gut gebracht. Vorgestern war die Steuer fällig, wir hatten an Wert nichts zu eigen als einen Sarg, der schon seit Jahren dem ersten Mitglied unserer Familie, das sterben werde, bestimmt war. Herr Ma schämte sich nicht, diesen Sarg durch den Gerichtsvollzieher beschlagnahmen zu lassen. Da ging mein Vater vor das Haus des Mandarinen und erhängte sich an einem Türpfosten.

FRAU TSCHANGDas Volk hat ihm mit Steinen das Fenster eingeworfen. Die Rache der Geister wird ihn treffen. Durch alle seine Träume wird der Erhängte wandeln, bleich, die blaue Zunge wird ihm aus dem Munde hängen. Ein Wolf wird sein Blut trinken, tausend Wespen werden seine Augen stechen, dass er erblindet.

TONGDie Dämonen des Südens mögen mich vor den Anschlägen der Dämonen des Nordens bewahren.

Leise Musik ertönt wieder

HAITANGWas ist die Ursache dieser schönen Musik? Meine Trauer beginnt in diesen Tönen zu schweben wie ein Schmetterling in der Luft.

TONGEs sind die Bewohnerinnen dieses Hauses, die Töchter der Freude, die diese Melodien hervorlocken.

FRAU TSCHANGDarum kam ich her, hochwohlgelborener Herr Tong, Sie zu bitten, meine Tochter Haitang als Tochter der Freude in Ihr achtbares und geachtetes Haus aufzunehmen. Herr Tong, wir sind völlig ruiniert. Wovon sollen wir leben? Wir müssten verhungern.

weinend

FRAU TSCHANGIch bin gezwungen, meine Tochter zu verkaufen.

HAITANGIch spiele die Laute, die Flöte und das Instrument Kin. Ich vermag die zierlichsten Glückwunschkarten zum Neujahr und zum Geburtstag zu malen. Ich tanze und singe. Soll ich Ihnen vortanzen?

FRAU TSCHANGTanze, mein Kind, damit Herr Tong deine Talente schätzen lernt.

Haitang tanzt einige Takte

TONGVortrefflich, ausgezeichnet, ein fast dramatisches Talent.

Haitang bricht zusammen und bleibt am Boden liegen

TONGWas ist der Preis, den Sie für das Fräulein fordern?

FRAU TSCHANGHundert Taels in Gold.

TONGHm, das ist eine immerhin bedeutende Summe, auch für ein so vvohlsituiertes Unternehmen wie das meine, verehrte Frau Tschang. Das Fräulein Tochter ist schön, daran ist kein Zweifel, aber wenn meine alten Augen mich nicht täuschen, so hat sie im Nacken einen kleinen, störenden Leberfleck.

FRAU TSCHANGNeunzig Taels!

TONGSie ist zwar klug und wohlgebildet, versteht zu tanzen, aber ihr Tanz war mir zu melancholisch - es fehlt die leicht schwebende Lustigkeit, die die Männer fortreisst.

FRAU TSCHANGSie ist noch unberührt.

TONGNoch unberührt? Nun, sagen wir achtzig Taels. Soll der Handel gelten?

FRAU TSCHANGEr gilt.

abgehend

TONGIch werde mir gestatten, Ihnen sofort die Summe auszuzahlen.

stürzt herein

TSCHANG LINGIch habe dich gesucht, Schwester, von Strasse zu Strasse. Abgefall'ne Blütenblätter haben den Weg mir gevviesen. Hier muss ich die Blüte völlig entblättert finden.

HAITANGDie Blüte, die ich im Gürtel trage, hat noch kein Blütenblatt verloren.

TSCHANG LINGEh' die Nacht um ist, wird sie welk sein.

HAITANGMeine Pflicht als Tochter gebietet mir, für meine Mutter zu sorgen.

TSCHANG LINGWie kann dein mütterliches Herz, damit einverstanden sein, dass deine Tochter den entwürdigenden Beruf eines Teehausmädchens ergreift?

FRAU TSCHANGWarum sorgst du, ein Mann, so wenig für deine Mutter und deine Schwester? Verluderst du nicht die paar Kesch, die du dir durch Abschreiben verdienst? Bringst du sie nicht in niederen Teehäusern unter die Mädchen? Und du wagst, wenn deine Schwester den gleichen Beruf ergreift, Schmutz auf sie zu werfen?

HAITANGBruder, ich will versuchen, auch für dich zu sorgen. Das Haus des Herrn Tong ist ein angesehenes Haus. Es beherbergt wohlhabende und wohlmeinende Gäste.

TSCHANG LINGVerworfenes Geschöpf! Willst du mich zu deinem Mitschuldigen machen?

Er schlägt Haitang ins Gesicht

FRAU TSCHANGHättest du mich geschlagen! Da ich euch gebar, bin ich an allem Unheil schuld.

FRAU TSCHANGHätte ich euch nie geboren, und wären doch meine Ahnen nie auf die Erde herniedergestiegen!

fortstürzend

TSCHANG LINGIch hasse euch.

kommt mit dem Geld

TONGHier ist das Geld, gnädige Frau.

zu Haitang

TONGAber erlauben Sie mir, Ihnen den goldenen Käfig zu zeigen, in dem Sie singen und Ihr schönes Gefieder spreizen sollen. Bitte, hier.

Er zieht den Vorhang zu dem vierten, leeren Käfig zurück.Umarmung von Mutter und Tochter. Tong geleitet die Mutter hinaus

im Käfig

HAITANGAm Ufer hinter Weiden steht das Haus,

HAITANGEin zartes Mädchen sieht zur Tür hinaus.

HAITANGAn der Volière steht der Mandarin,

HAITANGEin zarter Vogel singt und hüpft darin.

HAITANGVerschliess den Käfig! Hüte gut das Haus!

HAITANGSonst fliegt der Vogel in den Wald hinaus!

SYSTEMVerwandlung

SYSTEMZWEITES BILD

Ein anderes Gemach im selben Hause. Hintergrund Mitte schwarzer Papierparavent, hinter dem die handelnden Personen hervortreten. Pao, ein junger Prinz, betrift den Raum. Tong vor ihm her; in vielen rückwärtigen Bücklingen verschwindet in der Kulisse.

PAOIch bin ein Abenteurer,

PAOEin Trunkener der Welt,

PAOEin müder Tatbefeurer,

PAOEin träumerischer Held.

PAOIch schwinge tausend Schwerter,

PAODie ich dem Feinde bot,

PAOWie dennoch unbewehrter

PAOMein Herz der Liebe loht.

PAOOb ich den Kampf ersehne,

PAODie Schwerter senk ich schwer,

PAOBricht eine Kantilene

PAOSingend über mich her.

Haitang tritt ein, bleibt in einer Ecke, von Pao ungesehen, stehen. Pao entdeckt Haitang

PAOIch hörte eine Nachtigall, folgte ihrem Ruf und finde statt eines Vogels eine Blume. Ihr Duft verwirrt mich, sie trägt das weisse Gewand der Trauer und hält den Kelch geschlossen. Darf ich versuchen, Sie ein wenig zu erheitern und die Blüte zu öffnen?

HAITANGDiese bilderreichen Komplimente pflegen die jungen Herrn in den Anstandsstunden zu lernen. Sie kommen von den Lippen und berühren nur leise das Ohr.

PAONun, machen Sie dieses wahr. Lassen Sie meine Lippen Ihr Ohr berühren. Ich will Ihnen etwas zuhauchen, was man mit Worten nicht sagen kann.

HAITANGAus einem Hauch wird leicht ein Wind, und aus einem Wind ein Sturm. Denken Sie einmal nach, ob Sie nicht aussprechen können, was Sie dachten.

PAOIch dachte nichts. Ich fühlte alles.

Schweigen

HAITANGWollen Sie eine Partie Schach spielen? Hier steht schon ein Schachbrett aufgebaut.

Sie setzen sich nieder und machen ein paar Züge

HAITANGWeiss zieht an, Schwarz zieht nach.

PAOSchach der Dame.

HAITANGIch bin keine Dame. - Schach dem König.

Machen noch einige Züge

PAOIch bin kein König. Zug, Gegenzug. Sie gehen scharf vor, wie ein Feldherr vieler Grade.

die Steine umwerfend

PAOIch gebe das Spiel auf, aber nur, um ein besseres Spiel zu beginnen.

HAITANGUnd welches Spiel?

PAODas Spiel der Liebe.

HAITANGDas Spiel der Liebe? Ich wusste nicht, dass die Liebe ein Spiel sei. Als mein Vater sagte: Ich liebe dich, da war seine Stirn gefurcht, sein Auge glänzte. Da spielte er nicht mit mir. - Sie sind so nachdenklich! Soll ich Sie erheitern? Soll ich tanzen? Ich kann den Tanz der vier Jahreszeiten, den Tanz des Südwindes, den komischen Tanz des Herdgottes.

Pao sicht sie schweigend an

HAITANGSoll ich singen? Das Lied vom weissen Haupt?

HAITANGWie der Schnee so weiss,

HAITANGWie der Mond so weiss

HAITANGWerden unsre Häupter einmal sein.

HAITANGSoll ich etwas malen oder zeichnen? Hier ist ein Stück Kreide. Ich werde hier auf die schwarze Tapete mit der weissen Kreide einen Kreis zeichnen.

Tut es

PAODer Kreis ist das Symbol des Himmelsgewölbes, der Kreis ist das Symbol des Ringes, der Gatten aneinander schmiedet, Herzring an Herzring reiht.

HAITANGWas ausserhalb dieses Kreises ist, ist das Nichts. Was innerhalb dieses Kreises ist, ist das All. Wie verbinden sich Nichts und All? Im Kreise, der sich drehend fortbewegt, zeichnet Speichen in den Kreis im Rad, das rollt. Ich bin an das Rad geschmiedet, das Rad des Schicksalswagens, den die Sonnenrosse durch die Äonen mit sich reissen. Ein junger Gott steht mit feuriger Peitsche im Wagen und treibt die Rosse. Er achtet meines Jammers und meiner Tränen nicht.

PAOIch kniee vor dir, Kwanyin, Göttin der Reinheit.

HAITANGStehen Sie auf, was tun Sie?

wischt die Speichen aus dem Kreise

HAITANGSehen Sie den Kreis, er ist schon wieder leer. Jetzt umrundet er das Symbol des Spiegels, in dem ich mich eitel drehe und wende. Wie kleidet mich dies Gewand der Trauer? Gibt es der Lust nicht einen besonderen Reiz? Auf dem Gesicht zerreibe ich einige Puderkugeln, aus der Schminkbüchse betupfe ich die Lippen,

HAITANGwirft das weisse Übergewand ab

HAITANGbauschig sind meine Hosen aus grüner Seide, ihre Bänder golddurchwirkt. Meine Füsse sind vvie Lilien, die Schuhe aus rotem Atlas sind über und über mit Blumen bestreut. Auf den Schuhspitzen schweben gestickte Libellen. Wie finden Sie meine Frisur? Soll ich den Kamm ein wenig höher stecken? Was ist mit diesem grünen Gürtel?

PAOLösen Sie ihn, Schwester vom grünen Gürtel.

HAITANGIn dieser Hand, die noch keinen Mann liebkost hat, steht mein Schicksal geschrieben. Wie verläuft die Linie meines Lebens? Ich sehe es im Spiegel, verkehrt.

ballt die Faust

PAOIch werde den Spiegel zerschlagen.

HAITANGDann schlagen Sie auch das Bild im Spiegel - und schlagen mich. Wollen Sie mich schlagen? - Aber sehen Sie, ich will dem Spiegel einen anderen Charakter geben, ich schreibe ein paar Zauberzeichen in den Kreidekreis, macht mit der Kreide ein paar Striche und schon blickt aus dem Spiegel Ihr Gesicht.

lachend

HAITANGHabe ich Sie gut getroffen?

PAOSie haben mich getroffen, Sie haben mich ins Herz getroffen.

zu dem Bild

HAITANGIch wollte, dieser wäre mein Freund. Immer, wenn ich morgens in den Spiegel sehe, werde ich an Sie denken.

PAOWie aber, wenn ein anderer mein Bild innerhalb des Kreises auswischt oder auslöscht und sich an seine Stelle setzt?

Ein dicker Kopf hat die Papierwand innerhalb des Kreidekreises durchstossen. Es ist der Kopf des Mandarinen Ma.

Haitang und Pao weichen seitwärts zurück

MAMein Name ist Ma. Ganz einfach Ma. Wenn ich den Namen Ma nenne, so sollte das eigentlich genügen, dass jedermann sich ehrfurchtsvoll vor mir verneige. Denn ich besitze Geld, sehr viel Geld, so dass ich mir alles kaufen kann, was ich will, und wonach ich Gelüst und Sehnsucht trage. Seh' ich ein schönes Pferd, besteig ich's. Sehe ich ein schönes Weib, entführ ich's. Wenn es mir passt, gehe ich durch die Wand wie im vorliegenden Falle. Ich bezahle alles. Ich habe einen Sitz im Gericht gekauft und spreche Recht, obwohl ich nicht einmal recht sprechen kann. Ich bin Steuerpächter und treibe die mir zustehenden Steuern rücksichtslos ein. Ich bin streng, aber gerecht. Zum Lohn für meine Nachsicht, dass ich ihm die geschuldete Steuer schon einmal stundete, erhängte sich vorgestern ein gewisser Gärtner Tschang vor meinem Hause, zu dem ausgesprochenen Zweck, mir Verlegenheiten zu bereiten, was dem Lumpen auch gelang. Der Pöbel hat mir die Fenster eingeworfen und mich Blutsauger und Volksverderber geschimpft. -

MAUm mich von den Aufregungen der letzten Tage zu erholen, betrat ich das mir wohlbekannte Haus des Herrn Tong. Denn ich liebe, um mich gebildet auszudrücken, die Blumen und Weiden. - Ich habe mir von meinem Privatzauberer das Horoskop stellen lassen für heute. Der heutige Tag ist meinem Liebesunternehmen zweifellos günstig.

Er sieht Haitang

MAEine neue Blume im Garten des Herrn Tong! Sei'n Sie mir gegrüsst, zartes Fräulein! Sie sind so zart, dass ich Sie nicht anzugreifen wage! Ich könnt' Sie ja zerbrechen. - Und was hätte ich davon? Ich bliebe allein mit meinem Liebesschmerz, untröstlich auf dieser trostlosen Erde.

Er klatscht dreimal in die Hände. Herr Tong erscheint

TONGEuer Hochgeboren wünschen?

MATong, diese junge Dame gefällt mir ausgezeichnet. Ein junges Mädchen rührt mein Herz.

devot lächelnd

TONGEs ist noch unberührt.

MAEine Jungfrau also?

TONGEine Jungfrau.

MATong, Sie haben mir schon manche falsche Jungfrau angedreht. Widersprechen Sie mir nicht! Diese Jungfrau aber ist echt. Ich habe das im Gefühl. Ich kaufe Ihnen das Fräulein ab. Völlig, mit Leib und Seele. Keine Widerrede, Tong! Kein Widerspruch des Fräuleins! Sie gehören Herrn Tong, er kann mit Ihnen machen, was er will. - Ich biete hundert Taels in Gold.

TONGEuer Wohlgelboren, sie hat mich selbst zweihundert gekostet.

Der Prinz tritt aus dem Hintergrund

PAOIch biete dreihundert.

MAVierhundert.

PAOFünfhundert.

MASechshundert.

Tong reibt sich die Hände. Er hat Haitang, welche die Versteigerung entsetzt verfolgt, wie einen Gegenstand auf einen Tisch gehoben

PAOSiebenhundert.

MATausend.

erbleichend

PAOIch muss zurücktreten. Tausend Taels in Gold kann ich nicht überbieten.

PAODie Dame

er verneigt sich vor Haitang und Ma

PAOgehört Ihnen.

Pao ab

HAITANGEr hat meinen Vater in den Tod getrieben. Das Schicksal wirft mich in seine Hand. Ich bin nur ein Mensch. Was soll ich tun? Es wird, was nötig ist, was mir vergönnt ist, von den Göttern getan werden. – Herr Tong, schicken Sie zu meiner Mutter und lassen Sie ihr sagen, ich würde mich noch heute mit Herrn Ma vermählen.

verneigt sich und geht schnell ab

MAHaitang, weisst du, was die Frau denn Manne schuldet?

HAITANGIch weiss, was im Buche Siao steht: Die Frau hat zu schweigen, wenn der Mann spricht; sie hat zu lächeln, wenn er tadelt; zu bitten, wenn er grollt; zu danken, wenn er züchtigt; zu lieben, wenn er verachtet und hasst.

nimmt Haitang auf seine Arme und trägt sie hinaus

MAKomm, mein Haus wartet.

Vorhang

SYSTEMZWEITER AKT

SYSTEMDRITTES BILD

Garten und Veranda vor dem Hause Mas. Im Hintergrund zieht die Strasse vorbei

FRAU MAMein Name ist Yü-pei, das bedeutet Kleinod. Ich bin die erste Gattin, die Gemahlin erster Klasse des Herrn Ma. Es ist jetzt ein Jahr her, dass Herr Ma eine zweite Gattin ins Haus genommen hat, eine unausstehliche Person namens Haitang, über deren sittliche Qualitäten ich mich nicht äussern will. Aber es sagt schon genug, dass Herr Ma sie von der Strasse aufgelesen, wo sie in einem Teehause die zweifelhafte Rolle einer Kurtisane - ich gebrauche dieses beschönigende Wort - spielte. Ich bin in tiefster Seele verletzt, dass Herr Ma mir, seiner Gattin ersten Ranges, eine solche Persönlichkeit vorzieht. Zu allem Überfluss hat sie ihm einen Knaben geboren, einen Erben, während mein Schoss unfruchtbar geblieben ist. Weh mir, was hab' ich zu erwarten, wenn ich nicht selbst mein Geschick entschlossen in diese kleinen Hände nehme? Zum Glück wird mir jemand beistehen, der mir ergeben ist auf Leben und Tod.

auftretend

TSCHAOUnd das ist niemand anderer als Ihr dienstwilliger Knecht Tschao, Gerichtsbeamter am hiesigen Amtsgericht.

FRAU MAIch freue mich, Sie zu sehen, Tschao. Wo kommen Sie zu dieser Stunde her?

TSCHAOHerr Ma hatte die Freundlichkeit, mich in einer geschäftlichen Angelegenheit zu sich zu bitten.

FRAU MAWas ist das für eine geschäftliche Angelegenheit?

TSCHAOIch bin leider noch nicht unterrichtet, gnädige Frau.

FRAU MAIch hatte diese Nacht einen Traum. Ich träumte, wir beide gingen eine steinige Strasse, viele, viele Stunden lang. Die Sonne brannte unerträglich. Kein Baum, kein Strauch - nicht der Schatten eines Schattens, Mich dürstete, dass ich zu sterben meinte, Da nahmen Sie ein Messer, Tschao, stiessen es sich ins Herz. Ihr Blut rann nieder, und Sie sprachen, schon vergehend: Yü-pei, trinken Sie mein Blut, das ich gern für Sie verströme.

TSCHAOUnd Sie?

FRAU MAIch trank und war gerettet. Und fast schien es mir im Traum, als liebte ich Sie, da Sie tot waren, noch inniger, als da Sie noch lebten.

TSCHAOWann werden wir einander völlig angehören dürfen, frei vor aller Welt, und nicht heimlich wie jetzt im Garten, wenn Herr Ma ausgegangen ist?

FRAU MABald, vielleicht eher, als Sie meinen.

TSCHAOYü-pei, zuweilen bin ich ganz verzweifelt, und zuweilen vvill es mich würdiger dünken, ich machte diesem qualvollen Leben ein Ende, als dass ich noch weiter dahinsieche und meine Tage dahinschleppe wie ein Kahntrecker seinen elenden Kahn den Yang-tse-kiang hinauf. In den Falten meines Mantels trage ich ihn immer bei mir, den Tröster, der ewigen Trost brächte.

Holt ein kleines Büchschen hervor

TSCHAOIch kaufte es einem Mönch ab im Tempel des Wu-wang.

FRAU MAGift! Gib mir das Gift, gib es mir, du darfst es nicht bei dir tragen in einem Zustand, da dein Gemüt verdunkelt ist.

Sie entwindet ihm das Büchschen

FRAU MAIch hebe es auf! Wer weiss, ob nicht die Stunde kommt, da wir gemeinsam die Reise in die unteren Bezirke antreten.

TSCHAOMit Dir zu sterben, wäre Seligkeit.

FRAU MAJetzt sollst du noch mit mir leben, und diese Seligkeit wird süsser sein.

Zieht ihn hinter einen Baum. Umarmung

FRAU MAIch bat dich bei unserer letzten Zusammenkunft, die Gesetzesbücher auf einen strittigen Punkt durchzusehen und mir Auskunft zu geben über die Frage: Wer ist Erbe von Geld und Gut, Haus und Hof, wenn der Mann stirbt?

TSCHAOErbe, und zwar Alleinerbe, ist die erste Frau, die Gattin erster Klasse.

freudig

FRAU MATschao!

TSCHAODoch tritt in der Erbfolge eine Änderung ein, falls sie kinderlos bleiben sollte.

Fran Ma stampft mit dem Fuss auf

TSCHAOHat eine Nebenfrau einen Knaben geboren, dann tritt sie und das Kind in die Rechte der Alleinerben, und die Hauptfrau wird auf ein Pflichtteil gesetzt.

FRAU MADas ist also mein Schicksal, wenn Ma stirbt. Habe ich ihm nicht schon treu gedient, als diese Hure von Haitang noch gar nicht auf der Welt war? Jetzt soll ich mein Alter in Armut und Elend wie einen Leinensack tragen, während sie mit ihrem Bankert in goldener Sänfte an mir vorbeigetragen wird, und ich hocke am Strassenrand und bettle um ein paar Kesch.

TSCHAODas wird nie geschehen, solange ich lebe.

FRAU MAGrosses Kind - bist du nicht arm wie eine Kirchenmaus? Muss ich dir nicht immer von mir aus noch einige Taels zustecken und dir Reis und Kuchen schicken? Du wärst wohl längst verhungert ohne mich.

TSCHAOSo siehst du keinen Weg aus dem Elend?

langsam

FRAU MAIch sehe - einen. Wirst du mir versprechen, mir auf diesem Weg zu folgen, auch wenn dieser Weg ein krummer Weg sein sollte? Wirst du die Augen schliessen und dich ganz meiner Führung anvertrauen? Mir zuliebe?

TSCHAOIch will es versprechen, weil ich keinen Weg sehe.

FRAU MADie Stunde des Gerichts hat eben zu schlagen begonnen. Ich werde gehen, dich Herrn Ma zu melden.

Ab

TSCHAOTschao-hai nennt man mich auf dem Gericht: Tschao, den sich durch Tugenden Auszeichnenden. Werde ich diesen Ehrentitel noch lange tragen dürfen? Ich werde heute abend Räucherwerk entzünden, um die bösen Geister, die sich in meinem Hause und meinem Herzen schon festgenistet haben, zu vertreiben.

Ma erscheint auf der Veranda, hinter ihm Frau Ma, Haitang, die sich alle drei verneigen. Tschao ebenfalls

MAWie tief im Tal der schwarze Fluss, daran

MAdie Stadt gelagert wie ein Haufen,

MAvon den Söldnern nach der Schlacht!

MAEs warf ein jeder

MAsich in das Feld, grad wo er stand, so sehr

MAermüdeten ihn Blutrausch, Mord und Tod.

MAAlso die Häuser, da und dort verstreut,

MAgehalten nur

MAvon einem Turm, der herrisch in der Mitte

MAden Strahlenhelm nach allen Seiten dreht

MADer Yang-tse-kiang, so sagt man, berge Perlen

MAin seinen schwarzen Wassern. Wer um Mitternacht,

MAmit reinem Sinn und Zauberspruch begabt,

MAsich an das Perlenfischen macht, dem ist

MAzuweilen wohl ein seltner Fund gegönnt.

MAIch ging die Nacht an seinen dunklen Ufern

MAund fand ganz ohne Zauber - auch das Herz

MAwar nicht so rein, wie die Beschwörung fordert -

MAich fand ein Perlchen doch und hob es auf.

MAUnd strahlender als des Mikado Perlen

MAhat's mir die Nacht erleuchtet, süsser mich

MAals alle Perlen Indiens beglückt.

Frau Ma und Haitang bringen je eine Strohmatte, die sie ausbreiten

MAIch bitte Platz zu nehmen.

Ma und Tschao setzen sich auf die Strohmatten. Zu den Frauen

MALasst uns allein,

Haitang und Frau Ma ab

TSCHAOEin herrlicher Frühlingstag!

MALau und milde wie ein Sommertag. Er tut meinen alternden Gliedern wohl. So ist Haitang.

Tschao schweigt

MAMan nennt Sie auf dem Gericht Tschao-hai: der sich durch Tugend, Gerechtigkeit und Unbestechlichkeit auf das höchste auszeichnet.

TSCHAOMeine Verdienste sind unbeträchtlich, man übertreibt.

MAIch möchte Sie daher ersuchen, meine Interessen in einer juristischen Angelegenheit zu vertreten, die mir schon lange im Kopfe herumgeht.

TSCHAOUnd worum handelt es sich, wenn ich mir die Frage gestatten darf?

MAIch habe beschlossen, mich von meiner Gattin ersten Ranges, Yü-pei, scheiden zu lassen und Haitang in ihren Rang zu erheben. Ich liebe Haitang, sie hat mir einen Erben geboren, ich beauftrage Sie mit der Erledigung der juristischen Formalitäten.

Tschao ist aufgesprungen

MAWarum bleiben Sie nicht sitzen?

TSCHAOIch leide in letzter Zeit an Rheumatismus. Ich bitte um Entschuldigung.

Setzt sich wieder

MANun? Wollen Sie meine Angelegenheit führen?

TSCHAOIch bin selbstverständlich entzückt, Ihnen behilflich sein zu können.

MAEs würde die Lösung erleichtern, wenn man Frau Ma eine Untreue nachweisen könnte, irgend ein Verhältnis mit einem Mann, das die Sittenlehre nicht billigt.

TSCHAOMan konstruiert einen Ehebruch.

MAIch sehe, wir verstehen uns.

Klatscht dreimal in die Hände, Frau Ma und Haitang erscheinen

MAYü-pei, geleite den Herrn bis an das Tor. Haitang, du hast mir heute den Knaben noch nicht gezeigt? Komm, zeige ihn mir!

Beide ab ins Haus

FRAU MAWas wollte er?

TSCHAOEr will sich scheiden lassen.

FRAU MAVon – mir?

TSCHAOVon Dir. Er beauftragt mich, die Scheidung einzuleiten.

FRAU MAWir müssen handeln, jeder Aufschub wäre Torheit und Verrat am eigenen Geschick.

TSCHAOWas willst du tun?

FRAU MASchliesse die Augen! Der Gott des Dunkels sei mit dir!

FRAU MAFrau Ma ab ins Haus

Am Gartenzaun erscheint, völlig zerlumpt, Tschang-ling

TSCHANG-LINGNun bin ich gegangen

TSCHANG-LINGVon Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt,

TSCHANG-LINGBlieb niemand an mir hangen.

TSCHANG-LINGEs rollt des Schicksals Rad,

TSCHANG-LINGUnd Stunde rollt und Tag und Jahr,

TSCHANG-LINGStein ward mein Herz, staubweiss mein Haar;

TSCHANG-LINGWie doch die Landstrass' staubig war.

TSCHANG-LINGTrugglanz ist alles, und nichts ist wahr.

TSCHANG-LINGIch hab’ keine Heimat, wenn nicht das Feld.

TSCHANG-LINGIch habe kein Haus, wenn nicht die Welt.

TSCHANG-LINGKein Geld, kein liebes Lächeln, das mich hält.

TSCHANG-LINGIhr Herren und Damen, in aller Heiligen Namen,

TSCHANG-LINGWollet mir etwas schenken!

TSCHANG-LINGUnd wenn ich's versaufe, wer kann mir's verdenken?

TSCHANG-LINGIch laufe durch die Welt, wie elend,

TSCHANG-LINGwie schwelend mein Herz! Flamme unter der Asche! Rauch und Russ überall. Tags sass ich in hohlen Baumstämmen und schlief. Nachts machte ich mich auf den Weg und lief da - und dorthin. In Fetzen hängen mir einige Lumpen am Leibe. Mein Magen ist eine gedörrte Pflaume. Vor den Tempeltüren kniee ich und flüstere heiser: eine Kesch, schöne Dame, eine Kesch, hoher Herr. - Ich trat der Gesellschaft bei, die das Los der armen Menschen bessern vvill. Weh uns, dass Männer ihre Seele, Mütter ihre Töchter verkaufen müssen, um des nackten, dürftigen Lebens willen. Die Menschheit muss endlich einmal von ihrem Jammer erlöst werden. Der edle Same des Menschentums darf nicht unter dem Unkraut der Unmenschlichkeit erstickt werden. Ein solch verruchtes Unkraut ist Herr Ma, der Besitzer dieses Hauses. Er hat meinen Vater in den Tod, mich in das Elend getrieben und meine Schwester gezwungen, sich ihm zu verkaufen. Sein Name ist in der Liste der Brüderschaft längst mit einem Kreidekreis umgeben. Das bedeutet seine Trennung von dieser Welt. Sein Urteil ist gesprochen. Und ich bin erkoren, es zu vollstrecken.

Haitang erscheint

HAITANGWas will der fremde Mann am Zaun?

TSCHANG LINGEr bittet demütigst um eine Schale Reis. Ihn hungert.

geht und kommt im Augenblick mit einer Schale Reis wieder, die sie ihm bietet

HAITANGWer bist du, fremder Mann?

TSCHANG LINGDer Sohn eines Vaters, der sich erhängte, der Sohn einer Mutter, die in Kummer starb. Der Bruder einer Schwester, die sich verkaufte.

HAITANGBruder! Lass mich vor dir niederknieen und den Staub von deinen Füssen küssen.

TSCHANG LINGKannst du mir verzeihen, dass ich dich einst schlug wie man ein Maultier schlägt? Wie darf Mensch den Menschen schlagen, Bruder die Schwester?

HAITANGUnsere Mutter starb, als du in der Fremde warst. Herr Ma hat mich als seine Gattin ehren und achten gelernt. Er hat mir ein Kind geschenkt.

TSCHANG LINGWie, du hast dich dazu hergegeben und erniedrigt, diese verfluchte Rasse der Ma fortzupflanzen?

HAITANGEs ist auch mein Kind, und auch ich werde in ihm auf Erden wandeln, wenn mein Leib längst im Sarge fault. Ich flehe dich an, Ma nicht zu hassen.

TSCHANG LINGIch bin Mitglied der Bruderschaft vom weissen Lotos. Sie hat sein Todesurteil gesprochen.

HAITANGLass mich das Orakel des Kreidekreises befragen.

Sie zieht einen Kreis

HAITANGGib mir das Messer. Ich werfe mit dem Messer nach dem Kreis. Der Kreis umschliesst sein Leben. Trifft das Messer den Raum innerhalb des Kreises, so haben die Götter gerichtet, so muss er sterben.

Sie schleudert das Messer; es trifft genau die Kreislinie

HAITANGDas Messer hat nicht innen, nicht aussen, es hat genau die Linie des Kreidekreises getroffen. Bruder, nimm das Messer, und berichte der Bruderschaft von dem wunderlichen Orakel. Lass es die Weisesten der Bruderschaft deuten. Dies eine versprich mir, das Urteil nicht eher zu vollziehen, als bis der Sinn des Orakels geklärt.

TSCHANG LINGIch werde es den Brüdern berichten. Ich werde wiederkommen.

HAITANGBruder, lieber Bruder, wie siehst du so armselig drein. Komm, nimm dieses Pelzgewand

sie zieht es aus

HAITANGüber deine Lumpen, und nun geh! Foh sei mit dir!

TSCHANG LINGKwanyin segne dich!

Ab. Haitang sieht ihm am Gartenzaun nach. Frau Ma erscheint

FRAU MASie sprachen am Gartenzaun mit einem fremden Mann. Wer war es?

Haitang schweigt

FRAU MAIch kann mir wohl denken, wer es war. Schämen Sie sich nicht, an der Strasse mit Männern anzubändeln? Sie haben wohl Ihre Teehausmanieren noch nicht verlernt? Haben Sie vergessen, dass Sie, wenn auch die zweite Gemahlin eines hochgeachteten Mannes geworden sind? Sie treten die Ehre des Herrn Ma, meines hohen Gebieters und Herrn, mit Füssen. - Und was sehe ich soeben? Wo ist der kleine Mantel geblieben, den Sie heut früh noch über dem Kleid trugen?

HAITANGIch habe ihn verschenkt.

FRAU MAEin Geschenk des Herrn Ma haben Sie verschenkt?

HAITANGIch habe ihn jenem armen Mann am Zaun geschenkt. Er ist so arm, und wir sind so reich. Es war ein Bettler.

FRAU MASind Sie schon soweit heruntergekommen, dass Sie sich unter Bettlern einen Liebhaber suchen?

HAITANGDas Gesetz gebietet, den Armen wohlzutun,

FRAU MADas, was Sie «Wohltun» nennen, wird das Sittengesetz nicht gemeint haben.

HAITANGWie viel Elend ist in der Welt, wollen wir nicht versuchen, es zu lindern?

Frau Ma schnell ab. Haitang folgt ihr sehr langsam

SYSTEMVerwandlung

SYSTEMVIERTES BILD

Zimmer im Hause des Herrn Ma. Tisch und Stühle. Durch eine breite Öffnung in der Rückwand blickt man auf Garten und Strasse. Herr Ma sitzt am Tisch, den Tee erwartend. Frau Ma deckt den Tisch

FRAU MADarf ich eine Frage an meinen Herrn richten?

MAIch bitte.

FRAU MAHaitang scheint Ihrem Herzen seit einiger Zeit besonders nahe zu stehen?

MASie schenkte mir einen Erben.

FRAU MASie haben mir seit Monaten nicht mehr die Ehre eines nächtlichen Besuches erwiesen.

MAIch bin Ihnen Rechenschaft nicht schuldig.

FRAU MAHaitang betrügt Sie! Ich sah sie mit einem fremden Menschen am Gartenzaun stehen. Vielleicht hat sie gar dunkle Pläne, wer weiss? Sie hat dem Fremden ihren mit Pelz besetzten Überwurf geschenkt, den Sie ihr zum Geburtstag verehrten. Haitang kommt mit einer Tasse Tee.

MAHaitang, man hat mir eben schlimme Dinge berichtet. Du hast mit einem fremden Mann hier am Gartenzaun geredet?

HAITANGIch habe mit einem Bettler gesprochen.

MADu schenktest ihm den kleinen Mantel, ein Geschenk von mir? Achtest du so die Geschenke deines Mannes, der dich liebt?

HAITANGIch diene in Demut meinem Herrn und weiss seine Güte zu schätzen, aber der Bettler hatte nur Lumpen auf seinem Leib, er fror, er dauerte mich.

MASahst du den Bettler heut zum ersten Male?

HAITANGNein.

FRAU MAErkennen Sie nun ihre Treulosigkeit?

MAWer war der Bettler?

HAITANGMein Bruder.

FRAU MAGlauben Sie der lügnerischen Person?

MAIch glaube, denn ich liebe. Seit ich Dich kenne, Haitang, hast Du mein Herz verwandelt. Du hast nichts dazu getan, mich zu überzeugen. Dein einfaches Dasein wirkte. Hättest Du mir den Tod gewünscht, es wäre nur allzu natürlich gewesen. Ich habe Dich aus dem Teehaus geraubt, wie ein wilder Affe im Urwald ein Menschenweib raubt. Du warst immer gleich, immer Du, sanft wie eine Göttin. Durch Dich habe ich erst an das höchste Wesen zu glauben gelernt. Haitang, fühlst Du, dass ich zu lieben vermag, und dass ich Dich liebe?

HAITANGTränen der Freude steigen mir ins Auge. Am Himmel, die Sonne lächelt vvieder. Es wird alles wieder gut werden, da Du, Ma, wieder gut wurdest.

FRAU MASie wollten Tee trinken, gnädiger Herr.

HAITANGIch vergass den Zucker. Wie nachlässig ich bin.

FRAU MAGeben Sie die Tasse, ich werde den Zucker hineintun.

Sie nimmt die Tasse, geht zur Rückwand, zieht die Büchse heraus, die ihr Tschao gegeben; leise:

FRAU MAIch werde den Zucker hineintun, den mir Tschao gegeben.

Schüttet das Gift in den Tee

HAITANGDie Liebe zu Dir hat heute sich wie eine Lotosblume in mir entfaltet.

MAIch danke Dir für deine Liebe.

HAITANGWarum sprach ich soeben von einer Lotosblüte? Erinnere mich, wenn Du den Tee getrunken, dass ich Dir von einer Lotosblüte erzählen muss.

gibt Haitang die Tasse mit Tee

FRAU MAKredenzen Sie ihm den Tee. Aus Ihren Händen mundet er ihm doppelt gut.

FRAU MAHaitang nimmt die Tasse und reicht sie Ma.

MAErzähle mir, während ich trinke, das Märchen von der Lotosblüte.

Er trinkt, lässt die Tasse fallen, die in Scherben klirrt. Fasst Haitang am Handgelenk

MAHaitang - ich - sterbe -

Fällt tot zusammen

HAITANGMein lieber Mann - mein lieber Mann - hörst du mich nicht? Siehst du mich nicht? Bist du nicht mehr bei mir?

Sie kniet hin vor Ma, legt seinen Kopf in ihren Schoss

FRAU MAHilfe! Hier ist jemand ermordet. Herr Ma ist vergiftet.

Hin und Herlaufen von Dienern und Dienerinnen. An der Strasse tauchen Tschao und Tschang Ling auf. Eine Polizeipatrouille erscheint

Ieise, zu Tschao

FRAU MAMa ist tot. Wir sind frei!

zurückweichend

TSCHAOWer hat ihn getötet?

Polizei

EIN POLIZISTWas gibt es?

FRAU MADiese Person da, Herrn Mas zweite Gattin, ehemals ein Teehausmädchen niederen Ranges, hat meinen erlauchten Gatten, Herrn Ma, vergiftet.

POLIZISTBindet sie!

HAITANGin der ersten Stunde, da ich dich kennen lernte, muss ich dich verlieren, Ma. - Gebt mir mein Kind! Reisst mich nicht von meinem Kinde!

FRAU MAVon i h r e m Kinde? Ihr Geist ist verwirrt oder voll böser Anschläge. Sie hat kein Kind. Das Kind im Hause ist mein Kind, das ich von Herrn Ma empfangen, und das sie nur gewartet hat.

POLIZISTFührt die Verbrecherin ab!

TSCHANG LINGEin Gott hat gerichtet!

vor Mas Leiche

HAITANGEr wird abwischen alle Tränen von meinen Augen.

Vorhang

SYSTEMDRITTER AKT

SYSTEMFÜNFTES BILD

Im Hintergrund, Mitte, Sessel des Hauptrichters mit Tisch. Links und rechts Sessel für Beisitzer. In der Mitte über dem Sessel Gobelin mit dem Bildnis des fünfklauigen Drachen. Rechts und links daneben schmale Fahnen mit chinesischem Schriftzeichen. Vor dem Sessel des Richters ist ein Kreidekreis gezogen, in den die Angeklagte zu knien hat. Links und rechts im Vordergrund der Raum für Zeugen und Publikum, vom Mittelraum durch Barrieren getrennt. Tschu-tschu, der Richter, sitzt auf dem Richterstuhl und frühstückt

TSCHU-TSCHUMein Name ist Tschu-tschu. Ich bin der von Seiner Kaiserlichen Himmlischen Majestät

erhebt sich, setzt sich wiede

TSCHU-TSCHUr

TSCHU-TSCHUeingesetzte oberste Richter von Tscheu-kong. Das Publikum erwarte deshalb nicht, von mir mit der üblichen Devotion begrüsst zu werden. Ich neige weder meine Knie noch meine Stirn vor einer derartigen Gesellschaft miserabler Kreaturen, wie ich sie hier zu meinem Abscheu versammelt sehe. Um neun Uhr sollen die Gerichtsverhandlungen beginnen, jetzt will ich erst einmal in Ruhe frühstücken.

Er knabbert an Früchten, beisst in ein Brot

TSCHU-TSCHU.

TSCHU-TSCHUDas Frühstück gehört zu den angenehmsten Dingen des Lebens. Mit vollem Magen kann man einen Angeklagten, einen Dieb etwa, der aus Hunger gestohlen, nochmal so leicht und mit doppelt gutem Gewissen zum Galgen verurteilen. - Heute bin ich leider ein wenig verkatert. Ich habe Kopfweh. Ich habe die Nacht im Hause des Herrn Tong verbracht in Gemeinschaft mit drei reizenden Mädchen Yü, Yei, Yau. Sie haben mich mit Gong, Flöte und Geige in den Schlaf musiziert, nachdem wir Reiswein in erheblichen Portionen zu uns genommen und die reizende Yau mir mit Seele und Leib, besonders Leib, hihi, angehört hatte. Ich habe hier eine kleine, farbige Tuschzeichnung, welche die drei Mädchen völlig unbekleidet in allerlei verfänglichen Stellungen zeigt. Die will ich mir jetzt in Musse betrachten, indem ich mich würdig auf den heutigen Abend vorbereite. Der Nacken von Yü, alle Achtung! Aber die Schenkel von Yau, auch nicht zu verachten! Aber erst die kleinen Brüste von Yei, ihnen muss ich doch den Preis zuerkennen!

Tschao tritt ein

TSCHAOIch bitte um Vergebung, wenn ich Sie in Ihrer Meditation störe, Exzellenz. Frau Ma, die Klägerin in dem ersten der heute angesagten Prozesse, beauftragt mich, Ihnen als Zeichen ihrer devotesten Unterwürfigkeit unter Eurer Exzellenz richterliche Einsicht diesen kleinen Beutel übersenden zu dürfen.

Überreicht ihm einen Beutel mit Gold und zieht sich zurück

lässt das Gold über den Tisch rollen

TSCHU-TSCHUGold - Gold - keine schönere Musik, als wenn Gold über den harten Tisch rollt. Es klingt wie Pagodenglocken. Beim Geläut des Goldes werde ich förmlich fromm. Frau Ma ist eine überaus freigebige Dame. Sie dürfte ihr Recht finden. Jetzt will ich mich aber noch ein wenig in das Strafgesetzbuch vertiefen

packt das Gold und sein Frühstückszeug zusammen

TSCHU-TSCHUund mich in das Beratungszimmer zurückziehen. Die Paragraphen über Beamtenbestechung werden mir keine Kopfschmerzen machen. Ich entferne sie einfach, ritsch, ratsch,

reisst Blätter beraus

TSCHU-TSCHUaus meinem Buch. Da ich jedesmal dieses Buch, Gesetze und Verordnungen des Herrscherhauses der Mantschu, beschwöre, danach Recht zu sprechen, so werde ich keinen Meineid leisten, und mein Herz ist rein wie die Wolle eines jungen Lämmchens.

Ab durch eine Tapetentür im Hintergrunde

Der Raum hinter der Barriere füllt sich ganz allmählich. Frau Ma erscheint. Sie winkt einer dicken Frau, der Hebamme; zieht sie in die Mitte des Raumes

FRAU MAVorsicht, treten Sie nicht in den Kreidekreis, sonst werden Sie selbst angeklagt, oder der Zauberkreis bannt Sie.

HEBAMMEO je, o je, wie hab ich's nur verdient, aufs Gericht zu kommen. Die Schande, die Schande! O je, o je, mein Herz schlägt, als sollt' es mir die Brust zerschlagen. Ich habe solche Angst, Frau Ma. Was wird mit mir geschehen? Wird man mich foltern?

FRAU MAReden Sie keinen Unsinn. Sie sind hier nur als Zeugin geladen. Sie sollen Zeugnis ablegen, dass der Knabe Li m e i n Kind ist, und nicht das der Haitang.

HEBAMMEAber wie soll ich Zeugnis ablegen, da es doch nicht wahr ist?

FRAU MAPst!

HEBAMMEWar ich es doch selbst, die die Nabelschnur zwischen dem Kinde und der Frau Haitang trennte.

FRAU MAFrau Lien, Sie irren sich! Hier haben Sie zwanzig Goldtaels, um Ihrem Gedächtnis auf die richtige Spur zu helfen.

Die Hebamme sieht das Geld lange an

HEBAMMEFrau Ma sind zu gnädig zu einer armen, alten Frau. Ja, ja, ja, ja, jetzt dämmert es mir, mir ist da in der Dämmerung eine Verwechslung unterlaufen - ich habe Sie und Haitang verwechselt! Diese Haitang ist eine stolze und hochmütige Person, und obwohl sie aus dem gleichen niedrigen Stande wie ich, hat sie nie ein freundliches Wort für mich gehabt. Immer von oben herab!

FRAU MADa ist es ja wohl kein Wunder, dass sie Herrn Ma,

schluchzend

FRAU MAmeinen geliebten Mann, vergiftet hat.

HEBAMMEVergiftet? Was Sie nicht sagen! Ja, es gibt böse Menschen auf der Welt. Da kann ja auch wohl das Kind nicht von ihr sein.

FRAU MAKommen Sie nach dem Prozess zu mir nach Haus, ich habe abgelegte Kleider, glänzend erhalten, es wird sich gewiss noch ein Staatskleid für Sie darunter finden.

HEBAMMEMeinen innigsten Dank, Frau Ma.

Küsst Frau Ma die Hand, ab. Frau Ma zieht zwei Kulis, verkommene Individuen, nach vorn

FRAU MAIhr seid doch Männer, die wissen, was sich schickt?

ZWEI KULISDas wollen wir meinen!

Spucken in den Saal und sprechen immer gleichzeitig

FRAU MADie der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen wollen?

ZWEI KULISGerechtigkeit, was ist das?

FRAU MAGerechtigkeit ist, wenn ich Euch hier ein paar Taels gebe und ein Päckchen Kautabak, und Ihr sagt hier als Zeugen vor Gericht das aus, was ich Euch vorsagen werde.

ZWEI KULISWir haben in der Schule immer gut auswendig gelernt. Also schiessen Sie nur los.

FRAU MAIhr werdet also bezeugen, dass Ihr Nachbarn von Herrn Ma seid, der, als ich seinerzeit den Knaben Li gebar, ein Fest für das ganze Stadtviertel gab. Ihr müsst beschwören, dass der Knabe mein Kind, und nicht das Kind Haitangs ist.

Heben grinsend die Finger zum Schwur

ZWEI KULISDer Eid wird geschworen, darauf können Sie das Gift nehmen, das, wie wir hören, Haitang Herrn Ma in den Tee gerührt hat.

FRAU MASie ist eine Mörderin, vergesst das nicht!

Kulis zurück in den Haufen

Die Gerichtsglocke ertönt. Die Tapetentür öffnet sich, und es erscheinen in gemessenem Zug: Tschu-tschu, Tschao und drei Richter. Sie nehmen ihre Plätze ein, bleiben stehen. Zwei Gerichtsdiener halten Zeugen und Publikum, darunter Tschang-Ling, in Schach

TSCHU-TSCHUIm Namen Seiner Kaiserlichen Himmlischen Majestät

brabbelt unverständliches Zeug

TSCHU-TSCHUeröffne ich die heutige Sitzung.

Die Richter setzen sich

TSCHU-TSCHUGerichtsdiener, führen Sie die Angeklagte herein.

Gerichtsdiener führt aus einer zweiten Tür im Hintergrund Haitang herein

TSCHU-TSCHUAngeklagte, nehmen Sie Ihren Platz dort innerhalb des Kreidekreises.

Haitang macht einen dreimaligen Kotau und steht dann wieder aufrecht da

TSCHU-TSCHUHerr Tschao, Sie protokollieren?

TSCHAOSehr wohl, Exzellenz.

TSCHU-TSCHUAngeklagte, Sie heissen?

HAITANGTschang Haitang, Tochter des Tschang, Frau des hochgeborenen Herrn Ma.

unterbrechend

FRAU MAN e b e n f r a u des hochgeborenen Herrn Ma, seine blosse Beischläferin, Konkubine sozusagen, aus einem Freudenhause aufgelesen, die Gattin ersten Ranges bin ich.

HAITANGIch war Herrn Ma rechtlich angetraut. Da ich ihm einen Knaben geboren hatte, der Schoss seiner ersten Gattin unfruchtbar geblieben war, gedachte er, mich in den Rang der Hauptfrau zu erheben und sich von Frau Ma zu scheiden.

FRAU MASie lügt wie eine Elster. Sie hat ihm ein Kind geboren? Ei, wann denn?

SCHU-TSCHUBeruhigen Sie sich, Frau Ma. Im Laufe der Verhandlung wird sich alles der Wahrheit gemäss herausstellen. Wer erhebt die Anklage?

FRAU MAIch, Yü-pei, rechtmässige Hauptgattin des verewigten Herrn Ma, klage Haitang des versuchten Kindesraubes und des vollendeten Giftmordes an Herrn Ma an.

Bewegung im Zuschauerraum

TSCHU-TSCHUAngeklagte, was haben Sie zu dieser ausserordentlich präzisen Anklage zu bemerken?

leise

HAITANGIch bedaure, diese Frau Lügen strafen zu müssen. Aber es geht um mein Leben, Herr Richter, es geht um mein Kind. Herr Richter, man hat mir im Gefängnis mein Kind verweigert! Man hat mich ohne Nachricht von ihm gelassen! Li, mein Knabe, erkennst du mich?

FRAU MASie heuchelt. Wie kann sie Muttergefühle vortäuschen, da ihr Schoss verdorrt ist wie ein Baum in der Wüste Gobi ohne Wasser?

HAITANGMein Schoss verdorrt? Ich unbegnadet? Das heiligste Recht des Weibes mir nicht verliehen? Trug ich doch unter diesem meinem Herzen meinen Knaben Li, die Erfüllung meiner Sehnsucht, die Hoffnung meines Alters. Ich blühte nur, damit ich eine Frucht trüge, die Blüte fiel ab. Die Frucht reifte in Sonne und Sturmgewitter, in Wollust und Schmerzen, Ich, die ich keine Wollust empfunden, da ich ihn empfing, ich verging vor Wollust, da ich ihn gebar. Fo hat mich begnadet, gesegnet,

TSCHU-TSCHUWir wollen zu diesem Punkt die Hebamme vernehmen, die der Mutter bei der Geburt des Knaben Li in ihren Wehen behilflich war. Treten Sie vor, Frau Lien!

HEBAMMEO je, o je, womit habe ich das verdient, vor dem hohen Gerichtshof erscheinen zu müssen.

TSCHAOFürchten Sie sich nicht. Also wie war der Hergang?

HEBAMMEDer Hergang war damals ein grosser Hin- und Hergang, als der Knabe Li geboren ward.

TSCHU-TSCHUFrau Lien, erkennen Sie die Angeklagte?

HEBAMMEIch kenne die Angeklagte schon. Es ist Haitang, die Nebenfrau des verstorbenen hochgeborenen Herrn Ma, Fo hab ihn selig!

TSCHU-TSCHUUnd ist sie die Mutter des Knaben Li?

HEBAMMESie hat den Knaben wohl oft auf den Armen getragen, gewartet und in den Schlaf gewiegt, wie es die Pflicht der Nebenfrauen ist; aber die Mutter dieses Knaben ist jene dort!

Zeigt auf Frau Ma

HEBAMMEObwohl das Zimmer der Wöchnerin wie üblich verhängt war, und man in der Dunkelheit die Mutter vom Kinde kaum unterscheiden konnte, so ist doch kein Zweifel, dass Frau Ma den Knaben geboren hat.

HAITANGFrau Lien, die Wahrheit, die Wahrheit, dies Kind ist mein!

FRAU MADas listige Weib macht sich der Beeinflussung der Zeugin schuldig.

TSCHU-TSCHUMan schlage die Angeklagte wegen ungebührlichen Benehmens vor Gericht. Im Wiederholungsfalle werden ihr Heisswasserschlangen angedroht. Sie wird auf Glassplittern knien, und man wird ihr die Knöchel zerquetschen.

Zwei Soldaten schlagen sie mit Ruten

HAITANGWie Feuer brennt mein Rücken,

HAITANGWie Sturm weht mein Atem.

HAITANGVerfloge doch meines Lebens Hauch

HAITANGDer Nachtschmetterling.

Das Kind beginnt zu weinen

TSCHU-TSCHUStill! Ich rufe das Kind zur Ordnung!

zu Frau Lien

TSCHU-TSCHUKönnen Sie Ihre Aussagen beschwören?

HEBAMMEDas will ich meinen!

TSCHU-TSCHUDie Zeugin wird vereidigt. Sprechen Sie die Worte nach:

TSCHU-TSCHUIch schwöre bei den Gebeinen meiner Ahnen -

HEBAMMEBeinen meiner Ahnen -

TSCHU-TSCHUDass ich die reine Wahrheit gesagt -

HEBAMMEKeine Wahrheit gesagt -

TSCHU-TSCHUSo wahr mir Fo helfe!

HEBAMMESo wahr mir Fo helfe!

TSCHAODie Zeugen Gebrüder Sang!

die immer gleichzeitig sprechen, treten vor und leiern sofort herunter

ZWEI KULISHoher Gerichtshof, Herr Ma war ein vermöglicher, womöglicher und vielvermögender Mann. Wir konnten uns natürlich nicht schmeicheln, zu seinem näheren Umgang zu gehören. Aber als seine erste hochgeborene Gattin einen Knaben gebar, gab er seinem Stadtviertel, in dem auch wir die Ehre haben zu wohnen, ein Fest, eine Festivität, wo es so lustig herging, dass wir beide noch heute betrunken sind, wenn wir daran denken.

HAITANGIhr lügt, bestochen von Frau Ma.

TSCHU-TSCHUKönnen die Zeugen die Wahrheit ihrer Aussagen beschwören?

ZWEI KULISUnd ob!

TSCHU-TSCHUSo sprechen Sie den Schwur nach.

Zeremonie wie oben

TSCHU-TSCHUDie Zeugenvernehmung über den geplanten Kindesraub wird geschlossen. Es bleibt die Frage des Giftmordes. Wer hat gesehen, dass die Angeklagte ihrem verewigten Gatten statt Zucker Gift in den Tee schüttete, um sich unrechtmässig Knabe und Erbteil anzueignen?

FRAU MAIch!

HAITANGHimmlisches Licht, du hast dich ganz vermummt.

HAITANGWo leuchtest du?

HAITANGHimmlische Glocke, du bist verstummt.

HAITANGWann läutest du?

HAITANGKommt es nie an den Tag, bleibt es in Nacht,

HAITANGWer Herrn Ma zu Tod gebracht?

HAITANGIch bin wehrlos, ehrlos ganz,

HAITANGTrag auf meinem armen Kopf einen Brennesselkranz.

zu Frau Ma

TSCHU-TSCHUKönnen Sie Ihre Wahrnehmung beschwören?

FRAU MAIch beschwöre bei den Gebeinen meiner Ahnen, dass die, die nicht die Mutter des Kindes ist, ihren Gatten mit Gift aus dem Weg geräumt hat, um sich unrechtmässig Knabe und Erbteil anzueignen.

schreit entsetzt auf

HAITANGSie schwört die Wahrheit!

TSCHU-TSCHUDie Inkulpatin hat gestanden! Die Zeugenaussagen werden geschlossen. Das Gericht wird nunmehr das Urteil beraten.

Tschu, Tschao usw. besprechen sich leise

erhebt sich

TSCHU-TSCHUIm Namen Seiner Himmlischen Majestät

brabbelt

TSCHU-TSCHUerkennt der hohe Gerichtshof als zu Recht folgendes Urteil: Die Angeklagte Tschang Haitang wird wegen versuchten Kindesraubes und vollzogenen Giftmordes an ihrem Gatten Ma zum Tod durch des Henkers Schwert verurteilt. Gerichtsdiener, legt ihr den neunpfündigen Block um den Hals.

Diener legt Haitang den Block um

HAITANGMein Recht! Mein Kind!

TSCHU-TSCHUUnverschämtes Geschöpf! Ich sollte dich mit dem Pantoffel ins Gesicht schlagen. Merke Dir eines! Wenn ich ein Urteil spreche, so ist es gerecht, die Verhandlung führe ich streng unparteiisch, und alles geht objektiv und absolut gesetzmässig her.

Ein Kurier tritt auf. Haitang wird abgeführt

KURIERStafette aus Peking.

erbricht sie und liest

TSCHU-TSCHUIch bin erschüttert. Ich ersuche alle Anwesenden, mit der Stirn die Erde zu berühren. Seine Himmlische Majestät ist im hohen Alter von fünfundsiebzig Jahren an Altersschwäche verschieden. Zum Nachfolger wurde durch das Los Prinz Pao erkürt, der den kaiserlichen Thron bestiegen hat. Alle Todesurteile werden suspendiert und kraft seiner Machtvollkommenheit Richter und Gerichtete nach Peking berufen. Denn seine erste AmtshandIung soll im Zeichen der Gerechtigkeit stehen.

Wischt sich den Angstschweiss von der Stirn

TSCHU-TSCHUGrosser Fo, im Zeichen der Gerechtigkeit!

im Zuschauerraum des Gerichtes

TSCHANG-LINGWas fürchtest du alter Narr? Der neue Kaiser wird nicht besser sein als der alte. Wir Armen werden auch unter seinem Drachenbanner rechtlos am Strassenrand verrecken. Haitang ist schuldlos. Sie soll nicht sterben. Mit meinen Fäusten will ich dem Henker das Beil aus der Hand reissen.

TSCHU-TSCHUWer ist der Kerl, der die Majestät lästert? Auch mit ihm in den Block. Seine Majestät wird sich mir erkenntlich zeigen. Auf nach Peking!

Vorhang

SYSTEMZWISCHENSPIEL

SYSTEMSECHSTES BILD

Schneesturmlandschaft. Man hört einen Soldaten hinter der Szene singen

EIN SOLDATSoldat, du bist mein Kamerad,

EIN SOLDATMarschierest mir zur Seite.

EIN SOLDATDer Kaiser, der befehligt uns,

EIN SOLDATKein Mädchen mehr beseligt uns,

EIN SOLDATSoldat, du bist mein Kamerad,

EIN SOLDATMarschierest mir zur Seite.

EIN SOLDATSoldat, du bist mein Kamerad,

EIN SOLDATWenn du das Schwert verloren,

EIN SOLDATSo deck' ich dich mit meinem Schild

EIN SOLDATUnd bin als Bruder Dir gewillt.

EIN SOLDATSoldat, du bist mein Kamerad,

EIN SOLDATWenn du das Schwert verloren.

Haitang, gefesselt und im Holzblock, von zwei Soldaten eskortiert, die sie prügeln

ERSTER SOLDATHe, vorwärts, Tochter einer Schildkröte! Ich werde deine Mutter schänden, wenn du deine Beine nicht flinker bewegst. Meinst du, es ist ein Vergnügen, dich durch den Schneesturm zu eskortieren?

HAITANGErbarmen, lieber Herr, ich sterbe.

ERSTER SOLDATEin guter Tod ist das halbe Leben. Vorwärts!

HAITANGDie Knie brechen mir.

ERSTER SOLDATWer ein Verbrechen begangen hat, muss es auch büssen. Warum hast du deinen dicken Mann umgebracht und der ersten Frau das Kind rauben wollen?

HAITANGIch habe keinen rechtschaffenen Richter gefunden. Der Herr der hundert Zeichen mag es bezeugen. Er wird gnädiger sein als die Menschen. Mein Kind - wo ist mein Kind?

ERSTER SOLDATBei seiner Mutter, verstocktes Weib, das selbst der Holzblock nicht zur Busse und Einkehr zwingt.

HAITANGDa kein Mensch mehr hört, will ich meine Klage in den Schneesturm schreien. Höre mich, Sturm! Ich klage es dir, Schnee! Ihr Sterne hinter den Wolken, lauscht! Ich rufe euch, ihr Toten, zum Gericht über mich. In euch, die ihr allen Flitter der Welt abgeworfen, selbst euer Fleisch, ist kein Falsch. Ihr toten Mörder, kommt und sagt, ob ich gemordet! Ihr toten Lügner, kommt und sagt, ob ich log! Ihr toten Mütter, alle Mütter der Welt, schreit, ob ich mein Kind nicht mit Recht von den Räubern fordere! Seht doch, die Erde selbst trauert, sie hat ein weisses Gewand angelegt mir zu Ehren. - Es schneit - es schneit - weiss - immer weisser, der Schnee fällt, Flocke um Flocke. Meine Tränen fallen wie die Flocken. Wo meine Tränen in den Schnee fallen, färbt sich der Schnee rot. Ich weine Blut. Ich bitte Euch, liebe Herren, nehmt Eure Schwerter und schlagt ein Loch in das Eis, und lasst mich in die nassen, kalten Fluten sinken, versinken!

ERSTER SOLDATZu lang schon haben wir dein Quäken mitangehört, Wasserfrosch. Vorwärts jetzt! Vorwärts!

Wie ein Echo von der andern Seite: Vorwärts mit dir, du Lump!

ERSTER SOLDATHörtest du nicht Stimmen im Dunkel?

ZWEITER SOLDATMir war so, als riefe uns jemand zu.

Von rechts kommt Tschang-Ling, ebenfalls von zwei Soldaten eskortiert, die hölzerne Krause um den Hals

DRITTER SOLDATVorwärts, du Schwerverbrecher, du Revolutionär, dir wird man es eintränken.

VIERTER SOLDATBegehrt gegen die Staatsgewalt auf, die sich in uns verkörpert.

aufschreiend

HAITANGBruder!

TSCHANG-LINGSchwesterseele!

ERSTER SOLDATKamerad, wenn es dir recht ist, so wollen wir, da unsere Transporte ja doch den gleichen Weg nach Peking haben, die Verbrecher zusammenbinden. Nun werden sie leichter vorwärts zu treiben sein.

DRITTER SOLDATVorwärts nun, zum Kaiser!

im Abgehen

ERSTER SOLDATSoldat, du bist mein Kamerad,

ERSTER SOLDATWenn unsre Knochen bleichen,

ERSTER SOLDATMond fällt auf uns wie gelber Rauch,

ERSTER SOLDATDer Affe schreit im Bambusstrauch.

ERSTER SOLDATSoldat, du bist mein Kamerad,

ERSTER SOLDATWenn unsre Knochen bleichen.

Vorhang

SYSTEMSIEBENTES BILD

Die Bühne stellt den Thronsaal vor, im Hintergrund der Thronsessel des Kaisers. Das versammelte Volk, die Würdenträger fallen im Kotau nieder, während der Kaiser langsam zum Thron schreitet, auf den er sich niederlässt

KAISERHier auf den Stufen meines Tribunales steht Ti-sching gemalt: Rede leise, handle leise, denke leise!

KAISEREin jeder gehe mit sich selbst zu Rat,

KAISERDer hier das Wort ergreift.

zu Tschang-Ling

KAISERDu da an jenes Weib gebunden - sage mir,

KAISERWarum bist Du im Block, und was ist Dein Verbrechen?

KAISERWas bleibst Du stehn und fällst nicht in die Knie?

TSCHANG-LINGGäb es Gerechtigkeit in diesem Land,

TSCHANG-LINGIch stünde nicht im Block vor dir!

TSCHANG-LINGWer so viel litt, wie ich, der kniet

TSCHANG-LINGvor keinem Menschen mehr.

KAISERDer Richter.

Tschu tritt vor. Kotau

KAISERWas verbrach der Mann?

TSCHU-TSCHUEr lästerte des Himmels Sohn, die geheiligte Majestät. Keine Strafe ist zu hoch für ihn.

KAISEREr lästerte die Majestät, mit welchen Worten?

TSCHU-TSCHUUntertänigst zu vermelden: - die Zähne weigern sich, sie freizulassen - der neue Kaiser wird auch nicht besser sein als der alte.

KAISERDies sagte er?

TSCHAN-LINGUnd dieses noch dazu:

TSCHAN-LINGWir Armen werden unter seinem Banner

TSCHAN-LINGRechtlos am Strassenrand verrecken wie bisher.

Er weint

KAISERDu weinst, weinst Du um Dein Geschick?

TSCHAN-LINGIch wein um mein Vaterland.

KAISERNehmt ihm den Halsblock ab! Er sei befreit!

KAISERWer solche Tränen weint, ist kein Verbrecher.

KAISERSie netzen

KAISERDie Blumen seines Herzens,

KAISERWie Tau.

KAISERDass er mich lästerte, verzeih ich ihm.

KAISEREr lästerte aus einem edlen Willen,

KAISERDie schlechte Welt zu bessern.

KAISERUns eint das gleiche hohe Ziel. Komm, sei mein Freund.

KAISERIch lese hier einen

in den Akten blätternd

KAISERmir vom Richter zu Tscheu-kong

Tschu Kotau

KAISEReingereichten Bericht. Es handelt sich darin um eine Frau zweiten Grades namens Tschang Haitang.

Haitang hebt den Blick, den sie bisher gesenkt gehalten. Kaiser und Haitang erkennen sich

KAISERDiese Dame soll ihren Mann ermordet und sich aus Erbschaftsgründen des Kindes der ersten Frau haben bemächtigen wollen?

TSCHU-TSCHUSo ist es.

Haitang in die Knie sinkend

KAISERTschang Haitang, ist es wahr, dass Du Deinen Mann vergiftet und der ersten Frau das ihr gehörige Kind geraubt hast?

Haitang schweigt

schnell

TSCHAOEure Majestät ist ein Spiegel, der sie blendet...

TSCHU-TSCHUEure Majestät ist die Sonne, die uns alle blendet.

KAISERTschang Haitang, welchem Beruf gingst Du nach, ehe Du Herrn Ma heiratetest?

HAITANGAm Ufer hinter Weiden steht ein Haus!

HAITANGEin kleines Mädchen sieht zur Tür hinaus.

HAITANGAn der Volière steht der Mandarin,

HAITANGEin kleiner Vogel singt und hüpft darin.

HAITANGVerschliess den Käfig, hüte gut das Haus,

HAITANGSonst fliegt der Vogel in den Wald hinaus.

KAISERDu warst Blumenmädchen?

Haitang nickt

KAISERWer waren die Besucher des Hauses hinter den Weiden?

HAITANGHerr Ma holte mich aus dem Haus.

KAISERHat niemand sonst Dich dort besucht?

HAITANGEin junger Herr besuchte mich.

KAISERWer war der junge Herr?

HAITANGIch nenne seinen Namen nicht. Ich fordere Gerechtigkeit, sonst nichts.

Schweigen. Der Kaiser blättert in den Akten weiter

KAISERDie beschworenen Zeugenaussagen hier in den Akten besagen, dass das Kind, das Du für dich in Anspruch nimmst, nicht Dein Kind ist.

Haitang schweigt

TSCHAN-LINGDie Zeugen sagten falsch aus. Sie sind bestochen von der ersten Frau.

FRAU MAEr lügt.

KAISERDer Richter ist dazu bestellt, wahres und falsches Zeugnis zu scheiden.

TSCHANG-LINGDer Richter war bestochen wie die Zeugen -

TSCHU-TSCHUEr lügt.

KAISERDie erste Frau des Mandarinen ist im Saal,

KAISERwo ist sie?

Frau Ma tritt vor. Kotau

KAISERWeib, sprich, wer ist die Mutter des Kindes,

KAISERdas Du auf dem Arme trägst?

FRAU MAIch bin es, Majestät. -

KAISERGut. - Zeremonienmeister!

Zeremonienmeister tritt vor

KAISERNehmt ein Stück Kreide, zieht einen Kreis hier auf dem Boden vor meinem Thron, legt den Knaben in den Kreis,

Zeremonienmeister tut es

KAISERUnd nun, Ihr beiden Frauen

KAISERVersucht, den Knaben aus dem Kreis zu ziehen

KAISERZu gleicher Zeit. Die eine packe ihn am linken,

KAISERDie andere am rechten Arm. Es ist gewiss,

KAISERDie rechte Mutter wird die rechte Kraft besitzen,

KAISERDen Knaben aus dem Kreis zu ziehen.

Die Frauen tun wie geheissen. Haitang fasst den Knaben nur sanft an, Frau Ma zieht ihn brutal zu sich hinüber

KAISEREs ist augenscheinlich, dass diese

zu Haitang

KAISERnicht die Mutter sein kann. Sonst wäre es ihr wohl gelungen, den Knaben aus dem Kreis zu ziehen. Die Frauen sollen den Versuch wiederholen.

Wieder zieht Frau Ma den Knaben zu sich

KAISERHaitang, ich sehe, dass Du nicht die mindeste Anstrengung machst, das Kind aus dem Kreis zu Dir herüberzuziehen. Was bedeutet das?

HAITANGIch hab das Kind unter meinem Herzen getragen. Neun Monate hab ich mit ihm gelebt. Ich habe alles Süsse mit ihm genossen, alles Bittere mit ihm gelitten. Wenn er fror, wärmte ich seine Gliederchen, sie sind so zart und zerbrechlich, ich würde sie ihm ausdrehen, wenn ich daran zerren wollte wie jene Frau. Wenn ich mein Kind nur dadurch bekommen kann, dass ich ihm die Arme ausreisse, so soll nur jene, die nie die Schmerzen einer Mutter um ihr Kind gespürt hat, es aus dem Kreis ziehen.

erhebt sich

KAISERErkennt die ungeheure Macht, die in dem Kreidekreis beschlossen liegt! Jene Frau

auf Frau Ma zeigend

KAISERtrachtete sich des gesamten Vermögens des Herrn Ma zu bemächtigen und raubte darum das Kind. Da nun die wahre Mutter erkannt ist, wird auch die wahre Mörderin zu finden sein. Ich lese in den Akten den Wortlaut des Schwures, den Frau Ma gesprochen. Frau Ma, wiederholen Sie den Schwur!

FRAU MAIch - schwöre - bei - den Gebeinen -

gebrochen

FRAU MAmeiner - Ahnen, dass die, die nicht die Mutter des Kindes ist - Herrn Ma vergiftet hat.

KAISERIhr schwurt den entsetzlichen Schwur, dass Ihr selbst die Mörderin des Herrn Ma seid -

FRAU MASo - ist - es -

KAISERWerft ihr die hölzerne Krause über.

Dies geschieht, während ein Soldat ihr das Kind aus den Armen nimmt

FRAU MADoch hat mich jener angestiftet, der mich liebt.

TSCHAOIch dich lieben? Ich dich angestiftet? Wer hat die falschen Zeugen bestochen -

TSCHAOdie Hebamme, die zwei Kulis? Wie hätte ich das Geld aufgebracht, den Nimmersatt Exzellenz Tschu, Oberrichter von Tscheu-kong, mit hundert Taels zu bestechen?

TSCHU-TSCHUIch hätte mich bestechen lassen, ich, der unbestechlichste Richter weit und breit?

TSCHAODrückt ich selbst Euer Exzellenz dem goldgreifenden Tiger nicht den Beutel mit Gold in die Hand, den jene mir für Euch eingehändigt?

KAISERGenug des unwürdigen Gekeifes und Gezänkes! Fort mit den Dreien! Sie werden gerichtet!

Frau Ma, Tschao und Tschu-Tschu werden von den Soldaten abgeführt, Tschan-Ling später auf einen freundlichen Wink des Kaisers nach einer anderen Seite ab. Alle übrigen Anwesenden ab. Es bleiben Haitang und der Kaiser zurück. Der Kaiser nimmt das Kind einem Soldaten ab und reicht es Haitang

HAITANGMein Kind! Mein Kind! Mein Pantherköpfchen, mein Luchsäuglein, mein Alprikosenwänglein! Wie süss du duftest, wenn man dich küsst! Du hast auch einen schönen Namen bekommen! Li heisst du; das bedeutet Licht, Licht meines Lebens! Leuchte der Nacht! Du wirst einst im hellen Glanz erstrahlen, die Sonne wird sich beschämt verkriechen, und der Mond sich mit seinem goldenen Krummschnabel den Bauch aufschlitzen. Doch du wirst leuchtend auf dem Turm der azurnen Wolken stehn. Ich bin so froh und beglückt um dich. Ich danke dem höchsten Wesen, dass es mich erschaffen, den Eltern, dass sie mich erzogen, der Erde, dass sie mich ernährt hat.

HAITANGSie will gehen.

KAISERHaitang -

HAITANGMein kaiserlicher Freund?

KAISERNoch auf ein Wort, bevor ich Dich entlasse.

HAITANGEntlasst Ihr mich? Verlasst Ihr mich so bald?

KAISERIn jener Nacht, da Ma im Hause Tongs Dich kaufte, Du erinnerst dich?

HAITANGWie könnt' ich jene Nacht vergessen, da ich zum erstenmal Euch sah.

KAISERSag, was geschah in jener Nacht im Hause Mas?

HAITANGMan brachte mich in ein Zimmer zu ebener Erde, dessen Türen nach dem Garten hinausgingen. Ich weinte, bat um Ruhe. Herr Ma liess mich allein. Es war so drückend heiss, dass ich die Türe zum Garten offen liess. Als ich mich niederlegte, da hatte ich einen wunderlichen Traum.

KAISERWas träumtest du?

HAITANGIch träumte, es käme ein junger Herr durch den Park geschlichen, leise, wie der Panther schleicht. Er trat in mein Zimmer, setzte sich auf das Kang, auf dem ich lag, legte sich zu mir, liebte mich, umarmte mich wie ein Ehemann sein Eheweib umarmt.

KAISERWie kommt es, dass Du diesen Traum so treu bewahrt hast im Gedächtnis?

HAITANGEi, lieber Herr, ich träumte von Euch, dass Ihr zu mir gekommen.

KAISERDies alles träumtest Du?

HAITANGIch träumt' es nur.

KAISERHaitang, was Du geträumt, es hat in Wahrheit sich begeben. Ich folgte Dir in jener Nacht, stieg übern Bambuszaun, schlich in Dein Schlafgemach, und derart schön erschienst Du mir, dass ich entzündet wurde und meiner Sehnsucht und Begier nicht widerstand. Ich liebte Dich, die Schlafende, die einmal nur im Schlafe leise seufzte. Kannst du verzeih'n, was ich aus allzu grosser Liebe gewagt?

HAITANGVerzeihen will ich Dir, wenn Du dies Kind

HAITANGAls Deines erkennst, denn also muss es sein.

HAITANGGezeugt hat es der Sturm, geboren der Wind,

HAITANGsein Pate war der gelbe Mondenschein.

KAISERNoch heute verkünd' ich Dich dem Volk als meine Gattin!

HAITANG, KAISERMein Mondkind! Mein Sonnenkind!

HAITANG, KAISERMein Schmerzenskind! Mein Herzenskind!

HAITANG, KAISERIch hab alles Leid auf mich genommen,

HAITANG, KAISERDas je Dich könnte überkommen.

HAITANG, KAISERDir werden alle Glocken Freude läuten!

HAITANG, KAISERDir werden alle Tage Glück bedeuten.

HAITANG, KAISERG e r e c h t i g k e i t, sie sei Dein höchstes Ziel,

HAITANG, KAISERDenn also lehrt's des Kreidekreises Spiel.

Vorhang