Das Mägdlein schläft
A. Stolz
Matth. 9, 24.
Das Mägdlein schläft, ihr Eltern jammert nicht,
Gönnt ihm die süße Ruh;
Aus Blumen blickt ein friedevoll Gesicht
Und spricht euch fröhlich zu:
Ein lieblich Los ist mir beschieden,
Ich lieg' und schlafe ganz mit Frieden;
Das Mägdlein schläft.
Das Mägdlein schläft, es hat sich müd gespielt
Und hat sich satt gefreut;
Die Puppe, die es stolz im Ärmchen hielt,
Sein liebes Sonntagskleid,
Sein Büchlein, dran es fromm gesessen,
Sein Reichtum all ist nun vergessen;
Das Mägdlein schläft.
Das Mägdlein schläft, sein Lebenstag war mild
Und leicht sein Erdenlos,
Ein Bächlein, das durchs blumige Gefild
In klaren Wellen floss;
Kein Weh hat ihm durchs Herz geschnitten,
Der letzte Kampf war bald gestritten;
Das Mägdlein schläft.
Das Mägdlein schläft; wie selig schlief es ein
In seines Hirten Arm!
Noch war sein Herz vom Gift der Sünde rein,
Drum starb es ohne Harm;
Ein schuldlos Herz, ein gut Gewissen,
Das ist ein sanftes Sterbekissen;
Das Mägdlein schläft.
Das Mägdlein schläft; all Erdenweh und Not
Verschläfts im sichern Zelt;
Weißt Mutter du, was bittres ihm gedroht
In dieser argen Welt?
Jetzt mag der raue Winter stürmen,
Der schwüle Sommer Wetter türmen:
Das Mägdlein schläft.
Das Mägdlein schläft, nur eine kurze Nacht
Verschläfts im Kämmerlein,
O wenn es einst vom Schlummer auferwacht,
Das wird ein Morgen sein!
Der eintrat in Jairus Kammer,
Der stillt sodann auch euren Jammer;
Das Mägdlein schläft.
Das Mägdlein schläft; und nun den letzten Kuss
Auf seinen blassen Mund!
O Mutterherz, so sei es denn, weils muss;
Gott, hilf durch diese Stund!
Ihr Kinder, folgt mit Chorgesange
Dem Schwesterlein zum letzten Gange;
Das Mägdlein schläft.
Das Mägdlein schläft; nun Hirte nimms ans Herz,
Es ist ja ewig dein;
Ihr Sterne, blicket freundlich niederwärts
Und hütet sein Gebein;
Ihr Winde, weht mit leisem Flügel
Um diesen blumenreichen Hügel;
Das Mägdlein schläft.