Melodram

A. Zemlinsky

Sicilius

Nicht länger kühle, Donnergott,

Am Erdgewürm den Mut:

Auf Mars ergrimm', auf Juno schilt,

Die eifersücht'ge Wut

Zur Rache spornt.

Was Böses tat mein armer Sohn,

Den nie mein Aug' erblickt?

Ich starb, eh' ihn der Mutter Schoß

Ans Licht der Welt geschickt.

Da mußtest du, denn du ja sollst

Der Waisen Vater sein,

Ihm Vater werden und ein Schild

Vor Erdennot und Pein.

Mutter

Mir half Lucina nicht, die hin

Mich in den Wehen nahm,

Daß mir entrissen Posthumus

Zu Feinden weinend kam,

Ein Bild des Jammers!

Sicilius

Ihn schuf, den hohen Ahnen gleich,

Natur von Leib so schön,

Daß als Sicilius' Sohn die Welt

Mit Preis ihn durft' erhöhn.

Erster Bruder

Als er zum Mann herangereift,

Wer war in Britenland,

Der sich mit ihm verglich, der Lieb'

Ein würd'ger Gegenstand

Für Imogen, die sein Verdienst,

Sein reiches Herz erkannt?

Mutter

Mit Heirat war er nur gehöhnt,

In's Elend ausgesandt,

Fern von der Väter Sitz und ihr,

An die das Herz ihn band, ­

Schön Imogen.

Sicilius

Was littest du, daß Jachimo,

Italiens Natternbrut,

Sein edles Herz und Hirn befleckt

Mit eifersücht'ger Wut,

Daß er der Narr ward und der Spott

Für fremden Übermut?

Zweiter Bruder

Dies hat vom stillen Sitz der Ruh'

Die Eltern hergebracht

Und uns, die wir für's Vaterland

Einst fielen in der Schlacht,

Die Ehr' und des Tenantius Recht

Zu wahren nur bedacht.

Erster Bruder

Mit gleichem Mut hat Posthumus

Gekämpft für Cymbeline;

Doch Götterkönig Jupiter,

Du hältst den Lohn noch ein,

Der ihm gebührt, ja, hast den Dank

Verkehrt in herbe Pein.

Sicilius

Tu' auf dein Fenster von Krystall

Und klär' dein Angesicht,

Von unsrem alten, edlen Stamm

Nimm deines Zorns Gewicht. ­

Mutter

O Jupiter, mein Sohn ist fromm,

Verfolg' ihn länger nicht.

Sicilius

Blick her vom Marmorhaus auf uns,

Gequälter Geister Chor:

Sonst tragen wir, wie hart du sei'st,

Den andern Göttern vor.

Alle

Hilf, Jupiter! ­ Hilf! Sonst flehen wir

Nie mehr zu dir empor!

(Jupiter steigt mit Donner und Blitz, auf einem

Adler sitzend, herab; er schleudert einen

Blitzstrahl. Die Geister fallen auf die Knie.)

Jupiter

Zu lang', der Unterwelt geringe Geister,

Belästigt ihr mein Ohr. M i c h klagt ihr an,

Der, des verderbenschwangren Donners Meister,

Aus heitrer Luft Empörer töten kann?

Fort, Schatten aus Elysium, und pflegt

Auf ew'gen Blumenbetten eurer Ruh',

Bleibt von der Welt Geschäften unbewegt,

Nicht euch, nur mir kommt diese Sorge zu.

Lieblinge plag' ich stets, weil, lang' verschoben,

So mehr das Glück beglückt. Gebt euch zufrieden;

Euer tiefgebeugter Sohn wird hoch erhoben:

Nach langer Prüfung ist ihm Heil beschieden.

Beim Funkeln meines Sterns ward er geboren,

Zu meinem Heiligtum vermählt. ­ Zurück!

Mitnichten ist ihm Imogen verloren,

Dies Leid war nur der Weg zu größerm Glück.

Die Blätter legt ihm auf die Brust; sie sagen,

Welch' Schicksal ihm mein Ratschluß vorbestimme:

Und nun hinweg, daß nicht durch eure Klagen,

Durch eure Ungeduld mein Herz ergrimme. ­

Auf, Adler, den Krystallpalast erklimme!

(Er steigt empor.)

Alle

Dank, Jupiter!

Sicilius

Die Marmorwölbung schließt sich, er betrat

Sein Strahlenhaus. ­ Hinweg! Und seiner Huld

Gewiß zu sein, ergebt euch in Geduld.

(Sie verschwinden.)