Regenlied

Brahms, Johannes

Walle, Regen, walle nieder,

Wecke mir die Träume wieder,

Die ich in der Kindheit träumte,

Wenn das Nass im Sande schäumte!

Wenn die matte Sommerschwüle

Lässig stritt mit frischer Kühle,

Und die blanken Blätter tauten

Und die Saaten dunkler blauten,

Welche Wonne, in dem Fliessen

Dann zu stehn mit nackten Füssen!

An dem Grase hinzustreifen

Und den Schaum mit Händen greifen,

Oder mit den heissen Wangen

Kalte Tropfen aufzufangen,

Und den neu erwachten Düften

Seine Kinderbrust zu lüften!

Wie die Kelche, die da troffen,

Stand die Seele atmend offen,

Wie die Blumen, düftetrunken,

In dem Himmelstau versunken.

Schauernd kühlte jeder Tropfen

Tief bis an des Herzens Klopfen,

Und der Schöpfung heilig Weben

Drang bis ins verborgne Leben.—

Walle, Regen, walle nieder,

Wecke meine alten Lieder,

Die wir in der Türe sangen,

Wenn die Tropfen draussen klangen!

Möchte ihnen wieder lauschen,

Ihrem süssen, feuchten Rauschen,

Meine Seele sanft betauen

Mit dem frommen Kindergrauen.