Es saß ein brauner Wanzerich

R. Bredemeyer

Es saß ein brauner Wanzerich

Auf einem Pfennig und spreizte sich

Wie ein Rentier, und sprach: «Wer Geld hat,

Auch Ehr und Ansehn in der Welt hat.

Wer Geld hat, ist auch lieblich und schön

Es kann kein Weib ihm widerstehn;

Die Weiber erbleichen schon und zittern,

Sobald sie meinen Odem wittern.

Ich habe manche Sommernacht

Im Bett der Königin zugebracht;

Sie wälzte sich auf ihren Matratzen,

Und mußte sich beständig kratzen.»

Ein lustiger Zeisig, welcher gehört

Die prahlenden Worte, war drob empört;

Im heiteren Unmut sein Schnäbelein schliff er,

Und auf das Insekt ein Spottlied pfiff er.

Gemein und schmutzig, der Wanzerich,

Wie Wanzen pflegen, rächte er sich:

Er sagte, daß ihm der Zeisig grollte,

Weil er kein Geld ihm borgen wollte.

*

Und die Moral? Der Fabulist

Verschweigt sie heute mit klugem Zagen,

Denn mächtig verbündet in unseren Tagen

Das reiche Ungeziefer ist.

Es sitzt mit dem Geldsack unter dem Arsch

Und trommelt siegreich den Dessauer Marsch.