Flügel um zu fliegen

C. Mangold

Flügel! Flügel! um zu fliegen

Über Berg und Tal.

Flügel, um mein Herz zu wiegen

Auf des Morgens Strahl.

Flügel, übers Meer zu schweben

Mit dem Morgenrot,

Flügel, Flügel über's Leben,

Über Grab und Tod.

Flügel, wie die Jugend hatte,

Da sie mir entflog,

Flügel, wie des Glückes Schatte,

Der mein Herz betrog!

Flügel, nachzuflieh'n den Tagen,

Die vorüber sind,

Flügel, Freuden einzujagen,

Die entfloh'n im Wind.

Flügel, gleich den Nachtigallen,

Wann die Rosen flieh'n,

Aus dem Land, wo Nebel wallen,

Ihnen nachzuzieh'n.

Ach! von dem Verbannungsstrande,

Wo kein Nachen winkt,

Flügel nach dem Heimatlande,

Wo die Krone blinkt!

Freiheit, wie zum Schmetterlinge

Raupenleben reift,

Wann sich dehnt des Geistes Schwinge

Und die Hüll entstreift!

Oft in stillen Mitternächten

Fühl' ich mich empor

Flügeln von des Traumes Mächten

Zu dem Sternentor.

Doch gewachsenes Gefieder

In der Nächte Duft,

Mir entträufeln seh' ich's wieder

An des Morgens Luft.

Sonnenbrand den Fittich schmelzet,

Ikar stürzt in's Meer,

Und der Sinne Brausen wälzet

Über'm Geist sich her.