Abendlied, an den Ufern der Ostsee

C. Moltke

In sußer Abendruhe winket

Die weite Flur mir still und mild,

Und aus der Ostsee Fluthen blinket

Der Wolken glanzumsäumtes Bild.

Mit leichtem, luftigem Gefieder

Schwingt sich zur Ruh der Vögel Heer;

Die Nacht schwebt grau verschleieret nieder,

Und hüllet schweigend Land und Meer.

Sei mir willkommen, Du Vertraute

Der Sehnsucht, die in meiner Brust

Mit bangem, leisem Klagelaute

Verlanget nach verschwund'ner Lust.

Du, im Gefolge goldner Sterne,

Erhebest mir den matten Sinn,

Und richtest ihn zur dunklen Ferne

Der ahnungsvollen Zukunft hin.

Was wird sie mir verschleiert bringen?

Wird, was mein krankes Herz begehrt,

Der stille Wunsch mir noch gelingen,

Der Wunsch, vor allem mir so werth?

Nicht Durst nach Ruhm hat ihn gebohren,

Nicht Eitelkeit ihn Kuhn verzeugt --

Nicht Habsucht sich ihn auserkohren,

Ihn, den die Lippe stumm verschweigt.

O wärst du meines Schicksals Spiegel,

Du reine, silberhelle Fluth,

Auf der, gleich einem heil'gen Siegel,

Des Himmels heitres Bildnis ruht.

Doch -- rings von trüber Nacht umfangen,

Stellt sich mein Loos mir schaudernd dar,

Denn ach, längst ist der Muth vergangen,

Der einst so flammend in mir war.

Doch wie des Mondes hoher Schimmer

Die düstre Finsterniß erhellt,

So sinkt der Hoffnung Licht mir nimmer

Im Dunkel der verworr'nen Welt.

Und treu will ich der Wunsch bewahren,

Den das verschwieg'ne Herz umhüllt;

Vielleicht daß einst, wenn auch nach Jahren,

Das Schicksal freundlich ihn erfüllt.