Der Barbier von Bagdad

Cornelius, Peter

Responsief blok lib/tran/syn

Der Barbier von Bagdad Libretto

DER KALIF (Bariton)

BABA MUSTAPHA, ein Kadi (Tenor)

MARGIANA, dessen Tochter (Sopran)

BOSTANA, eine Verwandte des Kadi (Mezzosopran)

NUREDDIN, vornehmer Türke (Tenor)

ABUL HASSAN Ali Ebn Bekar, Barbier (Bass)

Drei MUEZZIN (1 Bass, 2 Tenöre)

Vier BEWAFFNETE des Kalifen (2 Tenöre, 2 Bässe)

Stimme eines SKLAVEN (Tenor)

SYSTEMERSTER AUFZUG

Ein Zimmer in Nureddins Hause

Rechts und links Seitentüren. Rechts ein Ruhebett, zu dessen Seiten ein Tisch mit Medizinflaschen. Links ein zweiter Tisch nebst Stuhl. Es ist Morgendämmerung und wird während der ersten Szene allmählich Tag. Nureddin ruht auf dem Bett, seine Diener umgeben ihn mit Mienen voll Niedergeschlagenheit als einen Sterbenden.

SYSTEMERSTER AUFTRITT

Nureddin. Diener Nureddins

DIENER NUREDDINSSanfter Schlummer

DIENER NUREDDINSWiegt ihn ein,

DIENER NUREDDINSLindert milde

DIENER NUREDDINSJede Pein.

DIENER NUREDDINSLeise drum!

DIENER NUREDDINSStill und stumm!

DIENER NUREDDINSWeinet nicht!

DIENER NUREDDINSWeckt ihn nicht!

DIENER NUREDDINSBald, ach bald verglimmt sein Lebenslicht.

DIENER NUREDDINSWeinet nicht!

DIENER NUREDDINSWeckt ihn nicht!

träumend

NUREDDINMargiana!

CHOR DER DIENERHorch, er spricht!

zart gesteigert

NUREDDINMargiana!

CHOR DER DIENERWeckt ihn nicht!

NUREDDINMargiana!

CHOR DER DIENERIhn umschwebt ein Traumgesicht.

NUREDDINKomm, deine Blumen zu begiessen, o Margiana!

NUREDDINLass deines Blickes mich geniessen, o Margiana!

NUREDDINBleib' ewig mir verschlossen Edens Tor,

NUREDDINWill sich dein Herz nur mir erschliessen, o Margiana!

CHOR DER DIENERO hört ihn reden

CHOR DER DIENERVom Garten Eden!

CHOR DER DIENERAch! bald, ach!

CHOR DER DIENERBald hat er ausgelitten,

CHOR DER DIENERBald hat sein Fuss beschritten

CHOR DER DIENERDie Brücke des Gerichts.

CHOR DER DIENERIn Strömen ew'gen Lichts,

CHOR DER DIENERIn Paradieses Mitten

CHOR DER DIENERRuht er beglückt.

CHOR DER DIENERGranaten pflückt

CHOR DER DIENERUnd Datteln seine Hand

CHOR DER DIENERIm wonnigen Land;

CHOR DER DIENERAn der Glückseligen Baum,

CHOR DER DIENERAm moschusduftenden Saum

CHOR DER DIENERVon Edenflüssen

CHOR DER DIENERWiegt ihn mit Küssen

CHOR DER DIENERDer Huri Mund

CHOR DER DIENERIn ewigen Liebestraum.

CHOR DER DIENERDort ahnt er kaum,

CHOR DER DIENERVersenkt in Entzücken und Freuen,

CHOR DER DIENERDie Tränen seiner Getreuen.

NUREDDINKomm', deine Blumen zu begiessen, o Margiana!

NUREDDINLass deines Blickes mich geniessen, o Margiana!

NUREDDINMargiana! Margiana! Margiana!

CHORIn Strahlen ew'gen Lichts,

CHORIn Paradieses Mitten

CHORRuht er beglückt.

CHORGranaten pflückt

CHORUnd Datteln seine Hand

CHORIm wonnigen Land.

CHORIn der Glücksel'gen Baum,

CHORAm moschusduftenden Saum

CHORVon Edenflüssen

CHORWiegt ihn mit Küssen

CHORDer Huri Mund

CHORIn seligen Traum.

CHORWeckt ihn nicht, still!

CHORWeckt ihn nicht!

CHORBald verglimmt sein Lebenslicht.

Der Chor zieht sich während der letzten Worte leise zurück.

SYSTEMZWEITER AUFTRITT

Nureddin allein

fährt vom Lager empor, erhebt sich und tritt in den Vordergrund

NUREDDINSo leb' ich noch?

NUREDDINSo hat noch nicht

NUREDDINDer Liebe Feuer mich zerstört?

NUREDDINMargiana, der mein Herz gehört,

NUREDDINMargiana, meiner Seele Licht,

NUREDDINMuss ich vergehn in meiner Pein?

NUREDDINKein Arzt kann Hilfe mir verleihn,

NUREDDINUmsonst erprobt ward alle Kunst;

NUREDDINMich rettet einzig Liebesgunst.

NUREDDINBostana kennet meinen Schmerz;

NUREDDINSie sprach: „Noch blüht vielleicht dein Glück!

NUREDDINErforschen will ich bald ihr Herz,

NUREDDINUnd Kunde bring' ich dir zurück.“

NUREDDINErscheinen will sie heute hier.

NUREDDINTod oder Leben bringt sie mir.

NUREDDINVor deinem Fenster die Blumen

NUREDDINVersengte der Sonne Strahl,

NUREDDINDu tränktest aus goldener Schale

NUREDDINDie Schmachtenden allzumal.

NUREDDINDoch als du die Blumen tränktest,

NUREDDINErgriff mich heissglühende Pein,

NUREDDINFür die keinen Tau du mir schenktest

NUREDDINDer tauenden Lippen dein.

NUREDDINNun prangen die Blumen und blühen,

NUREDDINDoch hoffnungslos muss ich erglühen,

NUREDDINVerwelken stumm und allein.

NUREDDINUnd ist denn mein Herz keine Blume,

NUREDDINUnd schmachtet es nicht nach dir?

NUREDDINO hege die Blume am Herzen,

NUREDDINSie sei deine schönste Zier.

NUREDDINVon deinen Blicken getroffen

NUREDDINIm Innersten liebeswund -

NUREDDINGenesung kann es nur hoffen

NUREDDINDurch Labe von deinem Mund.

NUREDDINO lass es nicht welkend verderben,

NUREDDINO lass es nicht sinken und sterben,

NUREDDINO mache mein Herz gesund!

Er geht zum Tisch, setzt sich nieder und stützt den Kopf in die Hand, bis Bostana ihn anredet.

Bostana tritt durch die Seitentür links ein, alt aussehend und in etwas groteskem Kostüm.

SYSTEMDRITTER AUFTRITT

Bostana. Nureddin

im Ausdruck bald salbungsvoll, bald geschwätzig

BOSTANASei Allahs Frieden über dir, mein Sohn.

BOSTANASei Allahs Frieden, Allahs Frieden

BOSTANAÜber dir, mein Sohn! -

BOSTANAUnd denke an ein gut Geschenk für mich,

BOSTANAIch komme eben von Margiana her.

NUREDDINKommst du, ein Dämon, von dem Berge Kâf

NUREDDINUnd führst du mich zum Garten des Entzückens?

NUREDDINWie, oder harret mein der Qualen Abgrund,

NUREDDINWo mir dass Hirn von ew'gem Feuer siedet?

BOSTANABeruh'ge dich, dass Wonne dich nicht töte,

BOSTANAUnd denke an ein gut Geschenk für mich.

BOSTANAIch bringe gute Botschaft.

NUREDDINGute Botschaft!

NUREDDINSo bist die Taube du, die nach der Sturmflut

NUREDDINHerniederfliegt zur Arche meines Herzens,

NUREDDINIn dem des Grames Riesenschlange zischt,

NUREDDINDarin Verzweiflung wie ein Schakal wimmert

NUREDDINUnd wilde Eifersucht, ein Tiger, heult

NUREDDINUnd, ach, die Nachtigall der Sehnsucht flötet.

BOSTANASo höre denn: Margiana will dich heilen,

BOSTANADich laben, ihren Lieblingsblumen gleich.

NUREDDINO sprich! Darf ich sie sehn?

BOSTANAHeute noch!

BOSTANANun merke wohl auf alles, was ich sage,

BOSTANADass richtig du zum Stelldichein erscheinst.

letzterer Bostanas Worte wiederholend

NUREDDINWenn zum Gebet

NUREDDINVom Minaret

NUREDDINUm Mittag ladet der Muezzin Rufen,

NUREDDINDer Kadi dann,

NUREDDINEin frommer Mann,

NUREDDINHerniedersteiget seines Hauses Stufen,

NUREDDINDass zur Moschee

NUREDDINEr eilig geh',

NUREDDINErfüllend streng die Lehre des Propheten,

NUREDDINDann sei bereit,

NUREDDINIch bin bereit,

NUREDDINDas ist die Zeit,

NUREDDINMargianens Zimmer sicher zu betreten.

NUREDDINHarre auf mich,

NUREDDINIch harr' auf dich,

NUREDDINIch leite dich,

NUREDDINDu leitest mich,

NUREDDINAn ihren Blicken darfst du dann dich / darf ich dann mich sonnen

NUREDDINVon aller Pein

NUREDDINDich / Mich zu befrein,

NUREDDINWird süsse Liebe dir gewähren / spenden hohe Wonnen!

NUREDDINO fort! Zu ihren Füssen mich zu stürzen.

NUREDDINBostana, komm, es muss schon Mittag sein.

BOSTANAWo denkst du hin, es ist noch früh am Tag,

BOSTANAUnd du kannst doch nicht so vor ihr erscheinen,

BOSTANADie schwere Krankheit hat dich ganz entstellt,

BOSTANADu hast noch Zeit, ein stärkend Bad zu nehmen.

NUREDDINNein! Versäumen könnt' ich sonst die Stunde ...

NUREDDINWeisst du vielleicht, wo ein Barbier zu finden?

BOSTANAO ja, ich habe einen alten Freund,

BOSTANAEin Heros jeder Wissenschaft und Kunst

BOSTANAUnd im Barbieren auch ein Virtuos,

BOSTANADen Abul Hassan Ali Ebn Bekar.

NUREDDINWie? Abul Hassan Ali Ebn Bekar? ...

NUREDDINSo sende eilig ihn hierher zu mir

NUREDDINUnd harre pünktlich um die rechte Stunde.

BOSTANASo hast du alles richtig auch verstanden?

NUREDDINO, jedes Wort ist mir ins Herz geprägt!

die jetzt wiederholt

NUREDDINWenn zum Gebet

NUREDDINVom Minaret

NUREDDINUm Mittag ladet der Muezzin Rufen,

NUREDDINDer Kadi dann,

NUREDDINEin frommer Mann,

NUREDDINHerniedersteiget seines Hauses Stufen,

NUREDDINDass zur Moschee

NUREDDINEr eilig geh',

NUREDDINErfüllend streng die Lehre des Propheten.

NUREDDINIch bin bereit,

NUREDDINDu bist bereit,

NUREDDINDas ist die Zeit,

NUREDDINMargianens Zimmer sicher zu betreten.

NUREDDINIch harr' auf dich,

NUREDDINHarre auf mich,

NUREDDINIch leite dich.

NUREDDINDu leitest mich.

BOSTANATönet Muezzinruf, halte dich nah,

BOSTANADenn die Stunde der Wonn' ist da.

NUREDDINTönet Muezzinruf, bin ich schon da,

NUREDDINWenn die Stunde der Wonne nah!

Begleitet Bostana bis zur Tür und verabschiedet sie; lebhaftes Gebärdenspiel von beiden Seiten.

steckt den Kopf nochmals zur Tür herein

BOSTANAUnd denk' auch an ein gut Geschenk für mich!

macht mit enthusiastisch abfertigender Bewegung der Tür hinter ihr wieder zu, reisst sie aber sogleich wieder auf und ruft ihr nach.

NUREDDINVergiss den Barbier nicht!

SYSTEMVIERTER AUFTRITT

Nureddin allein

in leidenschaftlicher Bewegung mit entzückten Gebärden auf und ab schreitend

NUREDDINAch, das Leid hab' ich getragen,

NUREDDINWie ertrag' ich nun sein Glück?

NUREDDINLiebe, nimm dein Wort zurück,

NUREDDINSieh mich beben, sieh mich zagen!

NUREDDINLass mir all die sel'ge Trauer,

NUREDDINAll den tödlich süssen Schmerz:

NUREDDINDer Erfüllung Wonneschauer

NUREDDINÜberwältigt mir das Herz!

NUREDDINDoch dies ist ja nur ein Träumen,

NUREDDINSchon der Welt bin ich entflohn,

NUREDDINPflücke ird'schen Leides Lohn

NUREDDINDort in Paradieses Räumen.

NUREDDINTragen muss ich Himmelswonnen

NUREDDINWie der Erde Leid und Schmerz:

NUREDDINLeuchtet hell ihr Glückessonnen,

NUREDDINÜberwältigt mir das Herz!

Er bleibt zu Ende des Gesanges in verzückter Stellung im Vordergrunde stehen

Abul tritt ein; in orientalischer Barbiertracht, ein buntes Damasttuch hängt ihm vom Gürtel hernieder, auf der ändern Seite ein metallnes Becken und ein kleiner Handspiegel, sowie ein Astrolabium. Er trägt einen kleinen Kasten mit Utensilien unter dem Arm. Aussehen: steinalt, sehr bleich, fast gelb, langer, weisser Bart.

SYSTEMFÜNFTER AUFTRITT

Nureddin. Abul Hassan Ali Ebn Bekar

verbeugt sich

kehrt ihm noch den Rücken

verbeugt sich wieder und räuspert sich laut

bemerkt ihn immer noch nicht

nähert sich Nureddin und klopft ihn auf die Schulter; als dieser sich umwendet und ihn bemerkt, macht Abul nochmals eine tiefe Verbeugung

erwidert mit Kopfnicken seinen Gruss und gibt ihm einen Wink, sein Werk zu beginnen.

ABULMein Sohn, sei Allahs Frieden hier

ABULAuf Erden stets beschieden dir.

ABULHeil dir, du Krankgewesener,

ABULDu glücklich Neugenesener,

ABULDu Übelüberwindender,

ABULDich wieder Wohlbefindender,

ABULDem Tode froh Entschlüpfender,

ABULDurchs Leben rüstig Hüpfender,

ABULDu jüngst noch Heiltrank Schlürfender,

ABULNun meiner Kunst Bedürfender,

ABULSchwer unter Haarlast Ächzender,

ABULNach meinem Messer Lechzender!

setzt sich nieder

ABULIch komm' in aller Eiligkeit

ABULUnd wünsche dir Gedeihlichkeit,

ABULGesundheit, Glück und Überfluss

ABULUnd langer Jahre Hochgenuss,

ABULDir blühe stets -

NUREDDINIch danke dir! Nur sei recht eilig!

NUREDDINMich ruft ein dringendes Geschäft. Mach' schnell!

ABULIch habe dir dein Horoskop gestellt;

ABULVernimm durch mich den Spruch der Sternenwelt:

ABULDu hast gewählt die beste Zeit auf Erden,

ABULDie man nur wählen kann, rasiert zu werden.

Er zeigt Nureddin das Horoskop. Nureddin macht eine abwehrende Handbewegung.

Dies Spiel wiederholt sich noch zweimal. Abul verfolgt Nureddin damit. Nureddin wird ungeduldig und weist ihn gebieterisch ab.

zuckt die Achseln

ABULMars und Merkur

ABULSchauen auf dich,

ABULWag' es drum nur,

ABULBaue auf mich;

ABULDoch droht Gefahr

ABULVon goldner Schar!

ABULSei auf der Hut

ABULVor Sonnenglut!

Wenn Venus lacht,

ABULNimm dich in acht!

ABULGeh' nicht hinaus!

ABULBleib' fein zu Haus!

NUREDDINWas kümmern die Sterne dich nur?

NUREDDINMach schnell!

NUREDDINDanach frage ich nicht,

NUREDDINBeginne sogleich deine Schur, Gesell!

NUREDDINEilig tu' deine Pflicht.

NUREDDINFasle nicht weiter von der Sterne Schar,

NUREDDINWas du da schwatzest, ist ja doch nicht wahr.

NUREDDINLasse das! Dämme deiner Worte hohe Flut,

NUREDDINZu vieles Reden ist nicht gut.

NUREDDINNicht so lang bedacht,

NUREDDINSchnell voran gemacht,

NUREDDINEilig packe aus,

NUREDDINSonst werf' ich dich zur Tür hinaus!

NUREDDINSogleich ans Werk, sonst geh hinaus!

ABULIm Hause alles magst du heute wagen,

ABULDoch bleib' zu Haus, sonst geht dir's an den Kragen.

NUREDDINNicht will ich Rat von dir und Prophezeiung

NUREDDINDein Werk vollende schnell und weiter nichts.

NUREDDINDrum kein Geschwätz - sonst ruf' ich einen andern.

für sich

NUREDDINMargiana, o Margiana, du mein Alles!

ABULO wüsstest du, Verehrter,

ABULWas ich für ein Gelehrter,

ABULDu wärst erstaunt darob

ABULUnd sprächest nicht so grob.

ABULSo höre denn, du Tröpfchen,

ABULDu ungeschornes Köpfchen,

ABULWas ich für ein Barbier,

ABULUnd freue dich mit mir.

ABULBin Akademiker

ABULDoktor und Chemiker,

ABULBin Mathematiker

ABULUnd Arithmetiker,

ABULBin auch Grammatiker,

ABULSowie Ästhetiker,

ABULFerner Rhetoriker,

ABULGrosser Historiker,

ABULAstrolog, Philolog,

ABULPhysiker, Geolog,

ABULGeograph, Korograph,

ABULTopograph, Kosmograph,

ABULLinguist und Jurist

ABULUnd Tourist und Purist.

ABULMaler und Plastiker,

ABULFechter, Gymnastiker.

NUREDDINMargiana, o Margiana, du mein Alles!

ABULTänzer und Mimiker,

ABULDichter und Musiker,

ABULGrosser Dramatiker,

ABULEpigrammatiker,

ABULScharfer Satiriker,

ABULEpiker, Lyriker,

ABULDabei ein Sokrates

ABULUnd Aristoteles.

ABULBin Dialektiker,

ABULSophist, Eklektiker,

ABULZyniker, Ethiker,

ABULPeripathetiker.

ABULBin ein athletisches,

ABULTief theoretisches,

ABULMusterhaft praktisches,

ABULAutodidaktisches

ABULGesamtgenie,

ABULJa, ein Gesamtgenie!

mit Humor

NUREDDINNun sag' einmal, du unverschämter Schwätzer,

NUREDDINWann endest du? Und wann beginnest du?

ABULO wie du mich verkennest,

ABULDass du mich Schwätzer nennest!

ABULJa, meine Brüder selig,

ABULDie schwatzten unausstehlich.

ABULUnausstehlich!

ABULBakbak, der Einäugige,

ABULBakbarah, der Dickbäuchige,

ABULAlkuz, der Vielbräuchige,

ABULAlnaschar, der Weinschläuchige,

ABULBukbuk, der Spatzenscheuchige,

ABULSchakkabak, der Hustenkeuchige;

ABULDoch ich, der jüngste der Familie,

ABULBin still und unschuldvoll wie eine Lilie.

geht ausser sich vor Ungeduld erst einige Schritte durch das Zimmer,

dann fasst er einen Entschluss, geht zur Tür, reisst sie auf und ruft seinen Dienern.

NUREDDINHe! Ali, Sadi, Abbas, Achmet,

NUREDDINZofar, Omar, Dschafar, Jezid,

NUREDDINSalem, Hussein, Mustein, Kajem,

NUREDDINRiza, Jusuff, Motawackel!

NUREDDINWerft ihn hinaus!

Die Diener treten schon auf den ersten Ruf einzeln nacheinander ein, sind also bei den Worten „Werft ihn hinaus“ schon alle auf der Szene. Es ist wünschenswert, dass der zuletzt erscheinende Motawackel eine besonders auffällige Figur sei. Entweder sehr kolossal und dick, einen guten halben Kopf höher als die übrigen, oder, im Fall eine solche Persönlichkeit fehlt, ein sehr kleiner Knabe, der als Zwerg ausstaffiert wird, eine Art Ausläufer, Lakai.

SYSTEMSECHSTER AUFTRITT

Nureddin. Abul. Nureddins Diener

CHOR DER DIENERHinaus! Hinaus! Hinaus!

CHOR DER DIENERAus Hof und Haus!

CHOR DER DIENERDu Schelm, du Wicht,

CHOR DER DIENERDu Galgengesicht!

CHOR DER DIENERDu Narr, du Schwätzer,

CHOR DER DIENERDu Messerwetzer,

CHOR DER DIENERDu Beckenträger,

CHOR DER DIENERDu Haarabsäger!

CHOR DER DIENERHinaus! Hinaus! Hinaus!

CHOR DER DIENERAus Hof und Haus.

CHOR DER DIENERDu Hungerleider!

CHOR DER DIENERDu Pflasterschneider!

CHOR DER DIENERDu Pulverreiber!

CHOR DER DIENERDu Giftverschreiber!

CHOR DER DIENERHinaus! Hinaus! Hinaus!

CHOR DER DIENERAus Hof und Haus!

CHOR DER DIENERDu Haarseilwinder,

CHOR DER DIENERDu Leuteschinder,

CHOR DER DIENERDu Gurgelschwenker,

CHOR DER DIENERDu Armverrenker!

CHOR DER DIENERHinaus! Hinaus!

CHOR DER DIENERDu Salbenwischer,

CHOR DER DIENERDu Pillenmischer,

CHOR DER DIENERDu Wundenstecher,

CHOR DER DIENERDu Beinzerbrecher!

CHOR DER DIENERHinaus! Hinaus! Hinaus!

CHOR DER DIENERDu Pulsbefasser,

CHOR DER DIENERDu Aderlasser,

CHOR DER DIENERLanzettenritter

CHOR DER DIENERUnd Leichenbitter!

CHOR DER DIENERHinaus! Hinaus! Hinaus!

CHOR DER DIENERDu Zähneauszwacker,

CHOR DER DIENERDu Placker, du Racker,

CHOR DER DIENERDu Sternbegucker,

CHOR DER DIENERDu Schlucker, du Mucker!

CHOR DER DIENERHinaus! Hinaus!

CHOR DER DIENERAus Hof und Haus!

CHOR DER DIENERHinaus! Hinaus!

Während des Nachspiels drängen die Diener den Barbier in den Hintergrund bis an die Tür, dort macht er sich aber los, eilt in den Vordergrund, zieht ein Barbiermesser hervor und schwingt es drohend.

ABULWehe! Wehe! Wehe!

ABULWie bin ich empört,

ABULZertreten, zerstört,

ABULBeschimpft unerhört!

CHOR DER DIENERHast du nicht gehört?!

ABULVerwünscht! Verrucht!

ABULVerdammt! Verflucht!

ABULHab' ich dich gesucht?

CHOR DER DIENERErgreife die Flucht!

ABULDu wolltest mich schier,

ABULDu sandtest nach mir,

ABULSo bin ich nun hier!

CHOR DER DIENERWas willst du noch hier?

ABULDu aber vernimm

ABULDes Gütigen Stimm'.

ABULNicht reize den Grimm

ABULDes Abul Hassan Ali Ebn Bekar!

CHOR DER DIENERNun geht es dir schlimm!

ABULAuf Muselmanns Wort.

ABULNicht wehren den Ort

ABULDie Elenden dort!

CHOR DER DIENERNun packe dich fort!

ABULUnd zittert die Welt

ABULUnd wankt und fällt

ABULUnd bricht und zerschellt -

CHOR DER DIENERNun räume das Feld!

ABULDu hast keine Wahl,

ABULEs glättet mein Stahl

ABULDen Kopf dir kahl!

CHOR DER DIENERHinaus aus dem Saal!

ABULDrum Ali, Sadi, Abbas, Achmet,

ABULZofar, Omar, Dschafar, Jezid,

ABULSalem, Hussein, Mustein, Kajem,

ABULRiza, Jusuff, Motawackel!

ABULPackt euch hinaus!

Nureddin gibt den Dienern einen Wink, sich zu entfernen Sobald Abul sieht, dass er gewonnenes Spiel hat, behandelt er die Diener als Sieger und trägt mehreres zu ihrer Hinausbeförderung bei. Besonders lässt er Motawackel seinen Zorn fühlen.

SYSTEMSIEBENTER AUFTRITT

Nureddin. Abul

beiseite

NUREDDINIch seh', durch Strenge werd' ich ihn nicht los,

NUREDDINVersuch' ich denn, durch Schmeicheln ihn zu kirren.

zu Abul

NUREDDINErhabner Freund, du Krone der Barbiere,

NUREDDINDu Bruder Bakbaks, Bukbuks, Bakbarahs

NUREDDINUnd Alkuz', Alnaschars und Schakkabaks,

NUREDDINDu Alleswisser und du Alleskönner,

NUREDDINMich ruft ein dringendes Geschäft von hinnen;

NUREDDINDu würdest ganz unendlich mich verbinden,

NUREDDINWenn du nun endlich so geneigt sein wolltest -

ABULO wie die Rede süss vom Mund dir träuft!

ABULNun sitze nieder; sanft wie Zephirhauch

ABULSoll meine Klinge übers Haupt dir streifen.

Er wendet sich schon während der letzten Worte zum Tisch, breitet seine Utensilien aus, nimmt sein Becken vom Gürtel und schlägt Schaum

setzt sich während der folgenden Worte auf einen Stuhl in die Mitte der Bühne

NUREDDINHeil mir, so wird er endlich nun beginnen;

NUREDDINDas wird ein Stelldichein mit Abenteuern!

NUREDDINMargiana, o Margiana, du mein Alles!

nimmt das Damasttuch von seinem Gürtel, hängt es Nureddin um und singt dabei halblaut in den Bart brummend

ABULMargiana, o Margiana, du mein Alles?

ABULHaha! Ich merk', er ist verliebt. Nun wart'!

ABULNoch eh' du glatt geschoren, weiss ich alles.

ABULLass dir zu Füssen wonnesam mich liegen, o Margiana!“

emporspringend

NUREDDINMargiana!?

ABULWas willst du denn? Ich sing' ein Liebeslied,

ABULDas ich dereinst in meinen jungen Jahren

ABULGedichtet und auch in Musik gesetzt.

setzt sich wieder

NUREDDINSo singe nur, doch mache, dass du endest!

Nureddins Kopf einseifend

ABULLass dir zu Füssen wonnesam mich liegen, O Margiana!“

jedesmal wiederholend

NUREDDINO Margiana!

im Rasieren

ABUL„An deine Hand die Lippe trunken schmiegen,

ABULO Margiana!

ABULAuf deinem Munde lachet holde Fülle süsser Labe,

ABULLass nur den Hauch mich nippen still verschwiegen,

ABULO Margiana!

ABULWonnen der Liebe gleichen bunten flücht'gen Sommerfaltern,

ABULLasse sie kosend um die Stirn uns fliegen,

ABULO Margiana!

ABULDie Welt versinkt, es leuchten helle goldnen Äthers Wogen,

ABULWir sind empor zum Eden schon gestiegen,

ABULO Margiana! O Margiana!“

einstimmend

NUREDDINO Margiana!

NUREDDINWonnen der Liebe - o Margiana!

NUREDDINDie Welt versinkt - o Margiana!

Abul vertieft sich in die Kadenz des Liedes; er hat bis darin Nureddins Kopf halb rasiert, während der Kadenz aber vergisst er das Geschäft vollständig. Er tritt mit Messer und Becken in den Vordergrund und vertieft sich ganz in die Erfindung der Rouladen, freut sich mit sichtbarem Wohlgefallen seiner Stimme. Zuletzt als Nureddin ihn beim Arm packt, ist er ganz wie aus den Wolken gefallen, schrickt sichtbar zusammen.

begleitet die Kadenz mit den Gebärden der bittersten Verzweiflung; ihn unterbrechend, in der höchsten fieberhaften Aufregung

NUREDDINMein teurer Abul! Deiner Stimme Klang,

NUREDDINVoll bebenden Gedenkens einst'ger Zeit,

NUREDDINVerrät mir, dass auch du einmal geliebt!

NUREDDINSo höre denn und lass dein Herz bewegen.

NUREDDINIch liebe! Und Margiana heisst auch sie!

NUREDDINZum Stelldichein liess mich Margiana laden,

NUREDDINWenn Mittag ist und die Muezzin rufen.

NUREDDINDie Stunde naht, und ich versäume sie.

NUREDDINDrum, wenn ein Funke menschlichen Gefühls,

NUREDDINWenn je ein Hauch von Liebe dich durchdrungen,

NUREDDINAuf meinen Knieen hier beschwör' ich dich: Rasiere mich!!

Er sagt diese Worte in flehender ergebenster Stellung, als mache er Anstalten, wirklich niederzuknien.

Bei den Worten „Rasiere mich“ verliert er die Besinnung und fällt in Abuls Arme.

feierlich, gerührt, väterlich zärtlich

ABULDu liebst?! Du liebst!? O fühl' an diesem Herzen,

ABULDem neunzigjähr'gen, ob auch ich geliebt!?

Bei diesen Worten zieht Abul Nureddin ans Herz. Kurze Pause einer enthusiastischen Umarmung

mit jubelnder Begeisterung

NUREDDINO Liebe! Liebe! Seligstes Gefühl!

NUREDDINLass dir zu Füssen wonnesam mich liegen,

NUREDDINO Margiana!

NUREDDINAn deine Hand die Lippe trunken schmiegen,

NUREDDINO Margiana!

NUREDDINVon deinem Munde lachet holde Fülle süsser Labe,

NUREDDINLass nur den Hauch mich nippen still verschwiegen,

NUREDDINO Margiana!

NUREDDINWonnen der Liebe gleichen bunten flücht'gen Sommerfaltern,

NUREDDINLasse sie kosend um die Stirn uns fliegen,

NUREDDINO Margiana!

NUREDDINDie Welt versinkt, es leuchten helle goldnen Äthers Wogen,

NUREDDINWir sind empor zum Eden schon gestiegen,

NUREDDINO Margiana!“

Während des Nachspiels eilt Nureddin wieder zum Stuhl

während er eifrig rasiert

ABULUnd sprich, wo wohnet sie? Wer ist ihr Vater?

NUREDDINDer Kadi Baba Mustapha.

ABULNicht möglich!

ABULDer Schurk'! Ich hass' ihn tödlich!

NUREDDINUnd warum?

ABULMög' Allah ihn verderben!

NUREDDINUnd weshalb?

ABULDie Pest auf den Barbaren!

NUREDDINSprich, weswegen?

ABULEi denk' dir nur - der Kerl rasiert sich selber!

NUREDDINHa ha ha ha!

ABULO lache nicht! Nimm dich in acht vor ihm.

NUREDDINWas kümmert mich der Vater denn? Er geht

NUREDDINIn die Moschee - ich zu Margiana.

ABULHerrlich.

ABULDoch denke an die drohende Gefahr!

ABULIch werde dich geleiten, dich beschützen.

NUREDDINMein teurer Abul, nein, ich geh' allein!

ABULO Nureddin, misstraue deinem Stern.

NUREDDINMein Stern ist Liebe, sie wird mich beschützen.

ist fertig; er verbeugt sich, nimmt den Spiegel von seinem Gürtel und hält ihn Nureddin vor

ABULNun bist du fertig. Schone dieses Haupts,

ABULDas neu verherrlicht ist durch meine Kunst.

NUREDDINNimm meinen Dank. Ich gehe, mich zu kleiden,

NUREDDINDu aber geh' zu deinen andern Kunden.

NUREDDINWenn ihrer viele auf dich warten,

NUREDDINWird auch der Tage längster, fürcht' ich, dir zu kurz.

Er eilt in das Nebengemach

SYSTEMACHTER AUFTRITT

Abul allein

ABULSo schwärmet Jugend, achtet nicht Gefahr,

ABULJa nicht den Tod, wenn nur die Liebe winkt.

ABULAch meine Brüder! Eurer denk' ich weinend,

ABULAuch euch hat Liebe in den Tod geführt.

ABULWas hat euch, Brüder, in den Tod getrieben?

ABULLieben!

ABULWas ist der Grund, dass keiner mir geblieben?

ABULLieben!

ABULDass Bakbaks Busen musst' in Staub zerstieben?

ABULLieben!

ABULDass Bakbarah erlag so vielen Hieben?

ABULLieben!

ABULDass Alnaschar sich Rattengift verschrieben?

ABULLieben!

ABULDass Alkuz ward gehängt mit andern Dieben?

ABULLieben!

ABULDass Schakkabak der Husten aufgerieben?

ABULLieben!

ABULWas half dich, Bukbuk, in die Grube schieben?

ABULLieben!

ABULWas quält auch mich, den jüngsten von den Sieben?

ABULLieben! - O!

Nureddin tritt in prächtigem Anzuge auf, geht mit raschen Schritten quer über die Szene in den Vordergrund, dann erst wendet er sich nach rechts und erblickt Abul.

SYSTEMNEUNTER AUFTRITT

Nureddin. Abul

NUREDDINSo hat der Satan dich noch immer hier?

ABULIch bin dein Engel, Freund, ich folge dir!

NUREDDINWirst du nun gehn? Soll ich zum Ärgsten schreiten?

ABULWirst du nun gehn? Ich will dich treu begleiten!

NUREDDINIch rate dir, nicht hemme meinen Schritt!

ABULIch rate dir, o Jüngling, nimm mich mit.

NUREDDINDer Alte ist toll,

NUREDDINIch rase, ich wüte!

NUREDDINEr weicht keinen Zoll,

NUREDDINWie sehr ich mich mühte.

NUREDDINVoll liebender Glut

NUREDDINVersprach ich mir Wonnen,

NUREDDINDie teuflische Brut

NUREDDINNun hält mich umsponnen!

NUREDDINWie wend' ich die Not?

NUREDDINWie halt' ich ihn ferne?

NUREDDINO, lag' er doch tot

NUREDDINIn tiefer Zisterne!

NUREDDINNicht weiss ich fürwahr

NUREDDINVor Wut mich zu fassen:

NUREDDINO Narr, der ich war,

NUREDDINMich scheren zu lassen!

ABULIch bin ja so voll

ABULVon Liebe und Güte,

ABULIch hege nicht Groll

ABULIn meinem Gemüte.

ABULIch bin dir so gut,

ABULSo freundlich gesonnen,

ABULDa hast du mit Wut

ABULUnd Ärger begonnen.

ABULDich haben bedroht

ABULDie tückischen Sterne;

ABULMein Freundesgebot,

ABULErfüll es doch gerne!

ABULDoch lohnst du sogar

ABULMein Lieben mit Hassen,

ABULIch darf in Gefahr

ABULDich nimmer verlassen!

NUREDDINDoch halt! Mich zu befrein,

NUREDDINällt mir ein Mittel ein:

NUREDDINDiener, herbei, herein!

Er hat die letzten Worte zur Mitteltür hinausgerufen

erscheinen, Motawackel beschliesst den Zug

ABULAha, nun lenkst du ein,

ABULDu willst vernünftig sein?

ABULWas aber soll das Schrein?

ABULWas willst du denn?

SYSTEMZEHNTER AUFTRITT

Nureddin. Abul. Nureddins Diener

zu den Dienern, auf Abul deutend

NUREDDINO sehet den Armen,

NUREDDINWie bleich zum Erbarmen!

NUREDDINSein Leben vergehet,

NUREDDINSein Atem verwehet,

NUREDDINDas Fieber ihn schüttelt

NUREDDINUnd ziehet und rüttelt;

NUREDDINO sehet ihn wanken

NUREDDINUnd beben und schwanken.

NUREDDINO eilt, ihn zu retten,

NUREDDINIhn wohlig zu betten,

Die Diener umringen den Barbier, der während des Folgenden vergebliche Anstrengungen macht, sich von ihnen loszumachen

NUREDDINIhn nieder zu strecken,

NUREDDINMit Kissen zu decken.

NUREDDINIhn müssen Arzneien

NUREDDINVom Übel befreien.

NUREDDINO gebt von den Flaschen

NUREDDINDem Armen zu naschen,

NUREDDINMit Tränken und Pillen

NUREDDINDas Übel zu stillen,

NUREDDINMit Salben und Säften

NUREDDINZu helfen nach Kräften.

NUREDDINUnd mag er nicht nehmen,

NUREDDINEr muss sich bequemen,

NUREDDINMan kann zum Verschlingen

NUREDDINMit Schlägen ihn zwingen.

NUREDDINMan rufe Doktoren,

NUREDDINNoch eh' er verloren,

NUREDDINHerbei mit dem Bader,

NUREDDINEr lass ihm zur Ader;

NUREDDINErtränkt den Patienten

NUREDDINIn Medikamenten!

Er eilt ab, Abul reisst sich los, will ihm nach

Abul zurückhaltend und umringend

CHOR DER DIENERSo lasset uns eilen,

CHOR DER DIENERDen Kranken zu heilen,

CHOR DER DIENERDie starrenden Glieder,

CHOR DER DIENERO strecket sie nieder!

Abul will entfliehen, eine entgegenstehende Gruppe fängt ihn auf

CHOR DER DIENERWir brauen die besten

CHOR DER DIENERArzneien aus Resten

CHOR DER DIENERUnd wollen dazwischen

CHOR DER DIENERDie Pillen dir mischen.

CHOR DER DIENERNimm ein ohne Schrecken,

CHOR DER DIENEREs möge dir schmecken;

CHOR DER DIENERNicht mucken und zucken!

CHOR DER DIENERNur ducken und schlucken!

sucht aufs neue zu entfliehen, wird aufgehalten

CHOR DER DIENERWir wehen dir Kühle,

CHOR DER DIENERZu lindern die Schwüle;

CHOR DER DIENERDoch Frost wir vertreiben

CHOR DER DIENERDurch heftiges Reiben.

Abul sucht wieder nach einer andern Seite zu entrinnen, wird aufgehalten

CHOR DER DIENERLasst spanische Fliegen

CHOR DER DIENERAm Halse ihm liegen

CHOR DER DIENERUnd Pflaster ihm prangen

CHOR DER DIENERAuf Stirne und Wangen.

Neuer Fluchtversuch, Abul wird festgehalten und in den Vordergrund gezogen

CHOR DER DIENERBringt Wasser in Menge,

CHOR DER DIENERDass man ihn besprenge,

CHOR DER DIENERUnd Opium Pfunde,

CHOR DER DIENERDamit er gesunde.

CHOR DER DIENERDein Bart ist im Wege,

CHOR DER DIENERWir holen die Säge.

Motawackel eilt ab

CHOR DER DIENERHier deine Lanzetten,

CHOR DER DIENERSie müssen dich retten.

CHOR DER DIENERWir lassen, o Bader,

CHOR DER DIENERDir selber zu Ader!

Eine Gruppe von Dienern hat Abul zum Ruhebett hingezogen. Er wird ausgestreckt und so in Kissen gehüllt, dass man nur noch Mütze und Bart sieht. Einige Diener halten Abul fest, andere bewaffnen sich mit Lanzetten und Rasiermessern; einer bürstet ihm die Füsse mit einer grossen Bürste; einer weht Kühle mit einem grossen Tuche; einer schüttet den Rest der Medizinflaschen in ein grosses Glas und macht Miene, ihm einen Löffel voll einzuzwängen. Bei den Worten „Zofar, Dschafar“ bekommt er ein grosses schwarzes Pflaster auf Stirn und Nase gesetzt, und bei dem Rufe „Motawackel“ ist dieser schon mit einer Handsäge wiedergekehrt, fasst den Bart beim Ende an und will ihn in der Nähe des Kinnes durchsägen.

spricht dumpf stöhnend aus der dichten Hülle von Kissen und Decken hervor

ABULAli, Sadi, habt Erbarmen!

ABULAbbas, Achmet, lasst mich Armen!

ABULMustein! Hussein!

ABULMuss Verdruss sein?

ABULZofar, Dschafar,

ABULMotawackel,

ABULIhr tötet mich!

CHOR DER DIENERAbul Hassan Ali Ebn Bekar,

CHOR DER DIENERWir retten dich!

Während sich alle an ihre verschiedenen Funktionen begeben, fällt der Vorhang.

SYSTEMZWEITER AUFZUG

Ein reiches, geräumiges Frauengemach im Hause des Kadi Baba Mustapha

Im Hintergrunde eine grosse Mitteltür. Rechts eine Tapetentür, links eine mit Gardinen verhängte Nische. Rechts Ottomane und Kniebank neben einem mit prächtigen Blumen verzierten Tisch. Links in der ersten Kulisse ein Fenster. Dem Fenster schräg gegenüber, in der zweiten Kulisse rechts, eine Seitentür.

SYSTEMERSTER AUFTRITT

Margiana. Dann Bostana. Dann der Kadi. Dann vier Diener. Zuletzt drei Muezzin hinter der Szene.

aus der Tür rechts auftretend

MARGIANAEr kommt! Er kommt! O Wonne meiner Brust!

MARGIANAWie werd' ich jubeln, ihn zu sehen!

MARGIANABezähm', o Herz, das Wallen deiner Lust,

MARGIANAO lass mich vor Entzücken nicht vergehen!

MARGIANADen nie im Leben ich geschaut,

MARGIANAGeahnt allein in holden Träumen:

MARGIANAGleich ist er hier in diesen Räumen,

MARGIANASo schön, so hold, so süss und traut.

MARGIANAEr kommt! Er kommt! O Wonnelaut!

durch die Mitteltür eintretend, zu Margiana

BOSTANAEr kommt! Er kommt! O wonnigliche Lust!

BOSTANAWie wird er staunen, dich zu sehen;

BOSTANAWie wird entzückt das Herz in seiner Brust

BOSTANAVor eitel Glück und Wonne schier vergehen,

BOSTANADer, seit er einmal dich geschaut,

BOSTANANur dich gesehn in wachen Träumen:

BOSTANAGleich ist er hier in diesen Räumen

BOSTANAUnd nennt dich seine holde Braut.

BOSTANAEr kommt! Er kommt! O Wonnelaut!

durch die Mitteltür hereineilend, einen Brief und einen Schlüssel in der Hand

KADIEr kommt! Er kommt! O wonnigliche Lust!

KADIWie wirst du staunen, ihn zu sehen!

KADIWie wird entzückt das Herz in deiner Brust

KADIVor lauter Glück und Wonne schier vergehen!

KADIEin Schatz, wie du ihn nie geschaut,

KADIJa kaum geahnt in allen Träumen:

KADIGleich ist er hier in diesen Räumen,

KADIFreund Selim schenkt ihn seiner Braut.

KADIEr kommt! Er kommt! O Wonnelaut!

Vier Diener des Kadi tragen eine grosse, stattliche Kiste herein, setzen sie auf die Seite des Fensters dem Blumentisch gegenüber, nieder und entfernen sich wieder.

KADIJa, frohe Kunde bring' ich, meine Tochter!

KADIMein alter Jugendfreund und Spielgenoss,

KADIDer würd'ge Selim, fordert dich zum Weib,

KADIKommt von Damaskus bald, um dich zu holen.

KADISieh, diese Kiste, sie ist voll von Gaben,

KADIDie er zur Morgengabe dir gesandt.

zum Kadi

MARGIANADein Wille, Herr und Vater, ist der meine;

MARGIANAGehorsam danket deine Tochter dir.

zu Bostana

MARGIANASo hast du meinen Willen ihm verkündet,

MARGIANADass nach der Liebe Leid ihm Wonne winkt?

BOSTANAIch sagt' ihm alles, er vergeht vor Liebe

BOSTANAUnd stirbt vor Sehnsucht, bis die Stunde naht.

hat indessen die Kiste aufgeschlossen und mehrere Stoffe herausgenommen und entfaltet, die er dann über den Rand der Kiste herniederhängen lässt

KADISieh, diese Stoffe - Seide, Sammet, Atlas -

KADIDen Purpurschal mit Goldbrokat verbrämt!

zum Kadi

MARGIANAWelch eine Pracht, mein Vater, ich erstaune!

zu Bostana

MARGIANAUnd wird die rechte Zeit er nicht versäumen?

BOSTANAWenn von den Türmen die Muezzin rufen

BOSTANAUnd wenn der Kadi ging, lass' ich ihn ein.

KADISieh diese reichen Kaftans und Dualmas!

KADINicht Gleiches tragen des Kalifen Fraun.

zum Kadi

MARGIANAWie wird mich die Agraffe herrlich kleiden.

zu Bostana

MARGIANASag' an, er ist wohl bleich von Liebessehnen?

BOSTANAJa, er ist bleich, doch hört er deines Namens Klang,

BOSTANAWird wie von Purpur die Wang' ihm rot.

KADIDie Ringe, sieh, für Finger, Ohr und Arme!

KADISind alles Diamanten und Smaragden.

zum Kadi

MARGIANAUnd die Rubinen! ach! rot wie die Liebe!

für sich

MARGIANABald ist er hier und heilen soll ihn Liebe!

BOSTANADem alten Selim lasse du die Schätze,

BOSTANAEin junger Liebster ist der beste Schatz.

für sich

MARGIANAFür alle Leiden spendet

MARGIANADie süsse Lieb' Ersatz.

MARGIANAKomm, dass dein Weh sie endet,

MARGIANAMein holder Schatz.

zu Margiana

BOSTANASchon lauschet er und wendet

BOSTANANicht einen Fluss vom Platz,

BOSTANABis du mich hingesendet;

BOSTANADer liebe Schatz!

KADISieh, welche Strahlen spendet

KADIDer Diamantbesatz!

KADIWie das die Augen blendet!

KADIO welch ein Schatz!

hinter der Szene von verschiedenen Türmen. Der erste (Bass) in der Nähe der Rückwand, also wie einer dem Hause nahegelegenen Moschee; der zweite (Tenor) entfernter; der dritte (Tenor) in grosser Ferne, so weit wie möglich im Hintergrund

MUEZZINAllah ist gross, und Mahomet sein Prophet.

MUEZZINVersammelt euch, ihr Gläub'gen, zum Gebet.

geben das ausfüllende Spiel, das sie noch während des Muezzinrufs eingehalten, auf und nehmen eine andächtige Stellung an

BOSTANAAllah ist gross, und Mahomet sein Prophet.

BOSTANADie Gläubigen all, sie eilen zum Gebet.

MARGIANANun komm', mein Schatz. Der fromme Kadi geht.

BOSTANAIch hol' den Schatz - der fromme Kadi geht.

KADIu schöner Schatz! - Ich eile zum Gebet!

MUEZZINVersammelt euch, ihr Gläubigen!

Der Kadi wirft noch einen entzückten Blick auf die Kiste, winkt seiner sich ehrfürchtig verneigenden Tochter einen Gruss zu und geht ab.

Bostana verschwindet, sobald er fort ist, durch die Tapetentür.

Margiana bleibt allein auf der Bühne, sieht einen Augenblick durch das Fenster, wendet sich dann zu der Seite des Blumentisches.

Bostana führt Nureddin herein und zieht sich zurück.

SYSTEMZWEITER AUFTRITT

Margiana. Nureddin. Abul vor dem Fenster

NUREDDINO holdes Bild in Engelschöne,

NUREDDINOft, wenn in Träumen ich dich angeschaut,

NUREDDINDa fand ich Worte, fand ich Töne,

NUREDDINDa hab' ich innig dir mein Herz vertraut.

NUREDDINNun fühl' ich alles mir entschwinden,

NUREDDINWas ich geträumt, gedacht - entwich;

NUREDDINVor deinem Anblick wonniglich

NUREDDINIst alles nur ein seliges Empfinden;

NUREDDINEin Wort nur kann ich wiederfinden,

NUREDDINDas eine Wort: „Ich liebe dich!“

MARGIANAWohl hab' ich Grüsse dir ersonnen,

MARGIANABlumen zum Strausse dir gereiht,

MARGIANAWie holde Lieb' in Weh und Wonnen

MARGIANAGern sie zu ihrem Boten weiht.

MARGIANADoch du erscheinst, und ach, es neigen

MARGIANADie Blumen demutvoll und zagend sich.

Sie nimmt eine blühende Rose vom Zweig

Kühn nimmt die Rose nur das Wort für mich,

MARGIANADen hohen Sinn zu künden, der ihr eigen;

MARGIANAOb auch die Schwestern alle schweigen,

MARGIANADie Rose sagt: „Ich liebe dich!“

Sie gibt ihm die Rose

NUREDDINSo mag kein andres Wort erklingen,

NUREDDINAls das die blüh'nde Rose sprach;

NUREDDINKein Lied in unsre Seele dringen,

NUREDDINAls das aus Träumen tönte nach;

NUREDDINUnd wenn des Lebens Traum entschwunden

NUREDDINUnd wenn der Rose Glut verblich,

NUREDDINDann tön in Eden ewiglich,

NUREDDINWo Rosenketten uns umwunden,

NUREDDINWo ew'ger Traum uns hält verbunden,

NUREDDINDas eine Wort: „Ich liebe dich!“

vor dem Fenster

ABULO Nureddin, geniesse froh dein Glück!

ABULSei ohne Furcht, es wacht vor diesem Fenster

ABULDein Abul Hassan Ali Ebn Bekar.

eilt herein

SYSTEMDRITTER AUFTRITT

Die Vorigen. Bostana

BOSTANADer Abul Hassan Ali Ebn Bekar.

schreckt auf, noch halb weltentrückt

NUREDDINWie? Abul Hassan Ali Ebn Bekar?

BOSTANADer tolle Kauz singt drüben vor dem Haus

BOSTANAVon Liebesglück und nennet deinen Namen.

NUREDDINVerwünschter Kerl! Erdrosseln möcht' ich dich!

BOSTANAIch geh, zu lauschen, ob der Kadi kommt.

BOSTANASeid unbesorgt; noch kehrt er nicht zurück.

Sie zieht sich wieder zurück

SYSTEMVIERTER AUFTRITT

Nureddin. Margiana. Abul vor dem Fenster

Nureddin und Margiana lauschen noch einige Zeit, ob kein neuer Lärm entsteht. Es bleibt alles still, Nureddin geleitet Margiana zu dem Sitze am Blumentisch und kniet auf den Schemel zu ihren Füssen.

NUREDDINDass nicht die laute Welt uns störe,

NUREDDINSchweige der Liebe leises Wort!

vor dem Fenster

ABULLass dir zu Füssen wonnesam mich liegen,

ABULO Margiana!

MARGIANADass keines Lauschers Ohr es höre,

MARGIANATief in der Brust nur kling' es fort!

ABULWonnen der Liebe gleichen bunten flücht'gen Sommerfaltern,

ABULLasse sie kosend um die Stirn' uns fliegen,

ABULO Margiana!

NUREDDINLass deiner Blicke Strahl es sagen,

NUREDDINDu wunderdunkles Auge, sprich!

ABULDie Welt versinkt, es leuchten helle goldnen Äthers Wogen!

MARGIANASagt es mein Herz dir nicht für mich

MARGIANAMit seinem süssberedten Schlagen?

NUREDDINZum Himmel mich empor zu tragen,

NUREDDINSag' es ein Kuss -

MARGIANAIch liebe dich!

ABULWir sind empor zum Eden schon gestiegen!

NUREDDINZum Himmel mich empor zu tragen,

NUREDDINSag' es ein Kuss.

Sie umarmen sich

ABULO Margiana!

hinter der Szene, im Innern des Hauses

STIMME EINES SKLAVENWeh! Weh! Weh! Weh! Weh! Weh!

Bostana tritt eilig auf

SYSTEMFÜNFTER AUFTRITT

Die Vorigen. Bostana

BOSTANAErschrecket nicht, der Kadi kam zurück,

BOSTANAUnd einem Sklaven, der ihm ungeschickt

BOSTANADie schöne Blumenvase brach in Scherben,

BOSTANAGibt er mit eigner Hand die Bastonade.

STIMME DES SKLAVENWeh! Weh! Weh! Weh!

vor dem Fenster

ABULWeh mir, o weh, man mordet meinen Freund!

ABULKadi, verruchter Mörder!

ABULHeda! Helft ihr Leute!

MARGIANAWeh uns, es sammeln Leute sich ums Haus!

BOSTANAWas macht der alte Tollkopf auch für Streiche!

NUREDDINDreimal verwünschter, teuflischer Barbier!

vor dem Fenster

STIMMENKadi, verruchter Mörder! Weh dir! Wehe!

ABULWehe!

STIMME DES SKLAVENWeh!

BOSTANANun kannst du nicht mehr unbemerkt entfliehn!

MARGIANABostana, wenn der Vater ihn hier findet!

NUREDDINIst kein Versteck da, dass ich mich verberge?

BOSTANAHier an der Kiste steckt der Schlüssel noch!

BOSTANAMargiana! Eilig! Fort mit all den Schätzen,

Sie beginnt sogleich die Kiste auszuräumen.

Die Kiste birgt ihn, bis der Sturm vorüber!

Sie zerren eilig den Inhalt der Kiste heraus und schleifen die Stoffe in die verdeckte Nische des Hintergrundes. Während des Folgenden wird Nureddin von den beiden Frauen in die Kiste versteckt.

Bostana zieht den Schlüssel ab, steckt ihn zu sich und schiebt Margiana in die Seitentür.

Verworrener, anwachsender Lärm hinter der Szene.

Abul von vier Dienern Nureddins begleitet, die mit Stöcken bewaffnet sind, stürzt herein.

SYSTEMSECHSTER AUFTRITT

Bostana. Abul und vier Diener Nureddins

auf Bostana losstürzend

ABULWo ist er hin? Unsel'ge, sprich, wo habt ihr

ABULDen Leichnam des Ermordeten verborgen?

BOSTANAWahnsinniger, was faselst du von Mord?

BOSTANAWillst du dies ganze Haus ins Unglück stürzen?

BOSTANAHier in der Kiste hab' ich ihn versteckt;

BOSTANASchnell, schafft sie fort, eh' es der Kadi merkt!

Sie geht eilig ins Nebengemach rechts

SYSTEMSIEBENTER AUFTRITT

Abul. Diener Nureddins. Später der Kadi

stürzt sich wehklagend über die Kiste

ABULUnsel'ger Freund! Und musstest so du enden,

ABULEh' dich des Retters Hand befreien konnte?

ABULDreifach verwünscht, du Mars und du Merkur!

ABULSternschnuppen mögt ihr werden und verderben!

Sich erhebend, zu den Dienern

ABULLegt eilig Hand an, traget fort die Kiste!

Die vier Diener wollen die Kiste aufnehmen

hereineilend

KADIWo wollt ihr mit der Kiste hin, ihr Frechen?

KADISo ist mein Haus den Dieben preisgegeben?

ABULVerruchter Kadi! Mörder meines Freundes!

ABULVor dem Kalifen sehen wir uns wieder!

KADIDu glaubst mich närrisch, Narr, und willst mich narren,

KADIBrandschatzen um den unschätzbaren Schatz,

ABULRuchloser Richter, der sich ungerecht rächt,

ABULDoch höh're Richter richten, Richter, dich!

KADILass los die Kiste.

ABULTragt die Kiste fort!

KADIDer Tochter Schatz ist's!

ABULIhr geraubt von dir!

KADIZu Hilfe! Diebe!

ABULMörder! Hilfe! He!

KADIIch lass euch hängen!

ABULJa, wenn du gespiesst!

Freunde des Kadi, Klagefrauen und Bewohner Bagdads treten nacheinander ein

SYSTEMACHTER AUFTRITT

Die Vorigen. Freunde des Kadi. Klagefrauen. Bewohner Bagdads

KADIVerruchte Diebe, die ihr offen

KADIAm hellen Tag beraubt mein Haus,

KADINicht Gnade darf ein einz'ger hoffen.

KADIMit euch ist's aus!

NUREDDINS DIENERVerruchter Kadi, der du offen

NUREDDINS DIENERDen Freund erschlugst in deinem Haus,

NUREDDINS DIENERNicht Gnade darfst du, Mörder, hoffen.

NUREDDINS DIENERMit dir ist's aus!

herbeieilend, zum Kadi

FREUNDE DES KADIWelch arges Unheil hat betroffen,

FREUNDE DES KADIFreund Mustapha, dein armes Haus?

FREUNDE DES KADIDas Volk strömt ein, die Tür ist offen.

FREUNDE DES KADIWas wird daraus?

hereinstürzend, in langen weissen Kleidern mit fliegenden schwarzen Trauerschals

KLAGEFRAUENBekleidet euch mit Trauerstoffen,

KLAGEFRAUENEin Mord geschah in diesem Haus.

KLAGEFRAUENDer Tränen Schleusen stehen offen:

KLAGEFRAUENSie brechen aus!

KLAGEFRAUENWeh, o weh, o weh, o weh.

hereineilend

BEWOHNER BAGDADSWo ist er, den der Stahl getroffen?

BEWOHNER BAGDADSNicht Gnade darf der Mörder hoffen!

BEWOHNER BAGDADSVermaledeit sei dieses Haus!

BEWOHNER BAGDADSSchleppt ihn hinaus!

KADISo sprecht, ist denn ein Tollhaus offen,

KADIUnd schleudert seine Narren aus?

KADIDes Himmels Blitz hat mich getroffen,

KADIMit mir ist's aus!

ABULBringt Eisen, brecht die Kiste offen,

ABULUnd zieht den Toten nur heraus!

ABULDes Kadis Stahl hat ihn getroffen,

ABULMit ihm ist's aus!

KADIVerruchte Diebe, die ihr offen

KADIAm hellen Tag bestehlt dies Haus,

KADINicht Gnade darf ein einz'ger hoffen.

KADIMit euch ist's aus!

ALLEVerruchter Kadi, der du offen

ALLEDen Gast erschlägst in deinem Haus,

ALLENicht Gnade darfst du hoffen,

ALLEMit dir ist's aus.

KLAGEFRAUENWeh, o weh, o weh, o weh!

Während des Nachspiels entsteht ein allgemeiner Tumult um die Kiste. Nureddins Diener wollen sie aufladen, werden aber wiederholt daran gehindert und werfen sie um. Der Kadi und seine Freunde wollen sie in den Hintergrund schleppen und stellen sie wieder um, so dass sie nun, den Deckel nach unten gekehrt, während des nächsten Chors stehen bleibt

Vier glänzend uniformierte Bewaffnete machen sich Platz durch das Gedränge und schieben die Streitenden nach rechts aus dem Mittelpunkt der Bühne von der Kiste fort. Die übrigen Anwesenden sind zu beiden Seiten der Bühne zurückgewichen.

SYSTEMNEUNTER AUFTRITT

Die Vorigen. Der Kalif mit Gefolge

nehmen einen Augenblick die Mitte ein und singen

VIER BEWAFFNETEPlatz dem Kalifen!

tritt ein, von Gefolge umgeben. Er sieht jugendlich aus und tritt in die Mitte des Vordergrunds. Sein Gefolge und die vier Bewaffneten füllen den Hintergrund. Auf der Fensterseite steht Abul mit Nureddins Dienern, auf der Seite des Blumentisches der Kadi und seine Freunde. Die Klagefrauen und Männer von Bagdad zu beiden Seiten verteilt.

KALIFSprich, Kadi, du bist Herr in deinem Hause.

KALIFIch kenne dich als ehrenwerten Mann:

KALIFWie brach der Sturm an, der so laut getobt,

KALIFDass bis zu meinem Ohr der Lärm gedrungen?

KADIHerr, dieser Unhold nennt mich einen Mörder!

KADIMit einer Horde Vagabunden drang

KADIEr in mein Haus, der Tochter Schatz am hellen Tag zu stehlen.

KADIGanz Bagdad dringt herein mit tollem Lärm,

KADIBis wie die Sonne du, o Herr, erschienen

KADIUnd Licht gestrahlt in dieses tolle Chaos!

zu Abul

KALIFErgreister Böswicht! Sprich! Verteid'ge dich!

ABULSonne des Weltalls! Nein, ich bin kein Böswicht;

ABULDie Brüder waren's - Ja! und zwar aus Liebe:

ABULDer ältste, Bakbak, und dann Bakbarah,

ABULDer dritte: Bukbuk und der vierte: Alkuz,

ABULDann Alnaschar, der sechste: Schakkabak;

ABULDoch ich, o Herr, der jüngste von den Sieben,

ABULBin tadellos und rein - sogar im Lieben!

SYSTEMO!

KALIFSag' deinen Namen, deinen Stand -

ABULMein Name

ABULIst Abul Hassan Ali Ebn Bekar.

ABULIch bin - Barbier, doch was für ein Barbier!

ABULFreistatt der Welt, es lässt sich nicht beschreiben.

ABULIch bin Total-Universalgenie,

ABULVerkannt im Leben, doch berühmt in Zukunft,

ABULIch bin Gesamtmensch, bin Barbier der Nachwelt.

KALIFDu toller Kauz! Und du bestiehlst die Mitwelt?

ABULO Perle des Kalifentums! Nicht also:

ABULIn dieser Kiste liegt mein Freund ermordet.

ABULDes Kadis Tochter, ach! hat ihn geliebt -

ABULDer Vater aber, o! hat - ihn - entleibt!

CHORWeh! Mustapha!

KALIFDie Wahrheit kann nicht lang verborgen bleiben,

KALIFSchliess auf die Kiste, Kadi, zeig' den Inhalt.

wendet sich zum Nebengemach und ruft hinein

KADIWo hab' ich doch den Schlüssel? He! Margiana!

KADIBostana! Eilig, schliesset auf die Kiste! Eilig!

Margiana und Bostana kommen aus dem Nebengemach. Auf Abuls Wink bringen die Diener Nureddins die Kiste auf ihren Platz zurück.

SYSTEMZEHNTER AUFTRITT

Die Vorigen. Margiana. Bostana

zu Margiana

KADIZeig' deinen Schatz, mein Kind, dass glänzend er

KADIDie Wahrheit allen Augen offenbare.

zögernd

MARGIANAMein Herr und Vater -

KADIAugenblicks gehorche!

Margiana gibt Bostana einen Wink; diese geht zur Kiste, um aufzuschliessen

leise

CHORWie wird sich's wenden? Wer hat recht von beiden?

KADINun überzeugt euch - seht der Tochter Schatz!

zieht den ohnmächtig gewordenen Nureddin aus der Kiste in die Höhe und lehnt ihn an den Rand so dass er sichtbar bleibt

ABULJa, sieh der Tochter Schatz,

ABULDen ihr dein Stahl stahl!

ALLEHa!!

bleibt in der Stellung, die er eingenommen, als er Nureddin erblickte, wie vor Schrecken versteinert stehen. Er spielt die ganze nächste Szene wie ein Träumender, der sich von einem Alpdruck zu befreien sucht; für sich, Nureddin anstarrend

KADIHe, Mustapha! Freund Mustapha, wach auf!

KADIWas schläfst du auch, was machst du auch für Streiche?

KADIHoch schön am Himmel geht der Sonne Lauf.

KADIAus Träumen raffe dich, der Alpdruck weiche!

KADIO Mustapha! Freund Mustapha, wach auf!

KALIFO Mustapha! Ein Licht geht mir nun auf,

KALIFEs spielte hier die Liebe ihre Streiche!

KALIFSie, die allmächtig lenkend ihren Lauf,

KALIFMich selber Sklaven nennt in ihrem Reiche.

KALIFO Mustapha! Nun geht ein Licht mir auf!

ABULO Nureddin! Kein Ruf mehr weckt dich auf.

ABULBeschlossen war's im hohen Sternenreiche;

ABULKein ird'scher Mund beschwört der Sterne Lauf,

ABULMorgens rasiert - und abends eine Leiche!

ABULO Nureddin, dich weckt kein Ruf mehr auf!

eilen zur Kiste und singen zu beiden Seiten derselben zu Nureddin

BOSTANAO Nureddin, geliebter / verliebter Nureddin wach auf!

BOSTANADass von dem Vater der Verdacht entweiche;

BOSTANADu schlummerst nur, dich wecket süsse Liebe auf

BOSTANAUnd macht zum Herrscher dich in ihrem Reiche.

BOSTANAO Nureddin, geliebter / verliebter Freund wach auf!

CHORWeh Mustapha!

CHORDie Rache steigt herauf!

CHORNicht wähne zu entrinnen ihrem Streiche,

CHORRecht und Gerechtigkeit gehn ihren Lauf

CHORAllüberall in des Kalifen Reiche.

CHORWeh Mustapha, die Rache steigt herauf!

der klagend über Nureddin gebeugt lag, erhebt sich plötzlich; zum Kalifen gewendet

ABULEr lebt, er lebt! Beherrscher aller Gläub'gen!

ABULNoch glimmt ein Funke Lebens hier, ich fühl' es.

KALIFSo zeig einmal, du Prahler, deine Künste,

KALIFOb du, ein Arzt, ihm Leben wiedergibst.

FRAUENAch, kein Barbier weckt Tote wieder auf!

MÄNNERWeh Mustapha, die Rache steigt herauf!

KADIHe, Mustapha, o Mustapha, wach auf!

entfernt alle Umstehenden von der Kiste, umschreitet dieselbe feierlich und beugt sich über Nureddin, ihm ins Ohr singend, indem er ihm auf die Schulter klopft

ABUL„Lass dir zu Füssen wonnesam mich liegen,

ABULO Margiana!“

bleibt regungslos

zupft ihn an Nase und Ohr

ABUL„An deine Hand die Lippe trunken schmiegen,

ABULO Margiana!

Er nimmt ein Riechfläschchen und hält es ihm unter die Nase

ABULAuf deinem Munde lachet holde Fülle süsser Labe.

Er nimmt die Rose, die Nureddin von Margiana bekommen und noch immer fest in Händen hält, und lässt ihn daran riechen

ABULLass seinen Hauch mich atmen still verschwiegen,

ABULO Margiana!“

regt sich und erwacht

NUREDDINWonnen der Liebe -

Er wird von Abul emporgerichtet, sein erster Blick fällt auf Margiana

ABULBunte Sommerfalter,

ABULLasse sie kosend um die Stirn' uns fliegen.

NUREDDINO Margiana!

FRAUENHabt ihr gehört, er sprach!

MÄNNERJa, er sprach!

ALLESeht, er erhebt sich. Er lebt!

Während der folgenden Worte führt Abul Nureddin zu Margiana, zu deren Füssen er niederkniet

NUREDDINDie Welt versinkt, es leuchten helle goldnen Äthers Wogen,

NUREDDINWir sind empor zum Eden schon gestiegen,

NUREDDINO Margiana!“

mit wachsendem Erstaunen die Liebenden erblickend

KADIHe, Mustapha! He, Mustapha, wach auf!

zum Kadi, auf die Liebenden zeigend

KALIFDu sagtest es ja selbst und schwurst darauf:

KALIFEs ist ihr Schatz! Lass ihn ihr eigen sein!

die Hände der Liebenden zusammenfügend

KADISo nimm ihn hin - er sei auf ewig dein!

CHORHeil sei der Schönen,

CHORDie den Schatz verborgen

CHORIn Liebessorgen,

CHORIhn bis zum Feste

CHORVerschloss aufs beste.

CHORMag er schön sie nun schmücken,

CHORWonniglich beglücken!

zu den Bewaffneten, auf Abul deutend

KALIFErgreift den Alten - und verwahrt ihn wohl!

ABULHerr, übe Gnade; gnädig sind die Sterne!

KALIFSei ohne Furcht, sie bringen dich zu mir,

KALIFDass deine Künste du vor mir erprobest

KALIFUnd deines Lebens Märchen mir erzählest.

zu den übrigen

KALIFIhr aber, friedlich geht nun eures Wegs,

KALIFBis ich zur Hochzeit dieses Paars euch lade,

KALIFWeil ihr ja doch einmal so freundlich wart,

KALIFUneingeladen heut' euch einzufinden.

zu dem Kalifen gewendet

ABULHeil diesem Hause, denn du tratst ein:

sich verneigend

ABULSalamaleikum!

wiederholen jedesmal, und jedesmal wird der Gruss mit tiefer Verbeugung begleitet

CHORSalamaleikum!

ABULHeil deiner Gegenwart leuchtendem Schein.

ABULSalamaleikum!

ABULSieh deine Sklaven, die dir sich weihn,

ABULSalamaleikum!

ABULLass unser Angesicht weiss vor dir sein,

ABULSalamaleikum!

ABULöge dein Wohl stets blühend gedeihn,

ABULSalamaleikum!

ABULStets möge Allah dir Sieg verleihn,

ABULSalamaleikum!

ABULNie sei geringer der Schatten dein,

ABULSalamaleikum!

ABULLeb' in dein tausendstes Jahr hinein,

ABULSalamaleikum!

ALLESalamaleikum!

Während der Kalif sich zum Abgehen wendet, fällt der Vorhang