Rös'chens Sterbelied

E. Müller

Das Vöglein zwitschert: Als ich wandern ging,

Hab' ich ein Mägdlein scheidend hier gegrüßt.

Wo ist das Mägdlein? Sagt mirs, wenn ihrs wißt,

Daß ich des Willkomms neuen Gruß ihr sing':

Und find' ich mir mein süßes Mägdlein nicht,

So sing' ich diesen ganzen Maitag nicht.

Das Lüftlein flüstert: Als ich hier entschlief,

Hab' ich das Mägdlein noch zuletzt geküßt.

Wo ist das Mägdlein? Sagt mirs, wenn ihrs wißt,

Sie, deren Lieb' mich aus dem Schlummer rief?

Und find' ich mir mein süßes Mägdlein nicht,

So weh' ich diesen ganzen Maimond nicht.

Das Blümlein seufzet: Als die Sonn' hier schied,

Hat mich ein Mägdlein zu gut Nacht gegrüßt.

Wo ist das Mägdlein? Sagt mirs, wenn ihrs wißt;

Denn sie zu schauen bin ich aufgeblüht.

Und sind' ich mir mein süßes Mägdlein nicht,

So blüh' ich diesen ganzen Sommer nicht.

Das Herzlein weinet: Als ich einst geliebt,

Liebt' ich ein Mägdlein, dem kein gleiches ist.

Wo ist das Mägdlein? Sagt mirs, wenn ihrs wißt,

Um die mein Aug' in Thränenflut sich trübt.

Und find' ich mir mein süßes Mägdlein nicht,

So freu' ich mich mein ganzes Leben nicht.

Die Erde spricht: In meinen Schooß gepflückt

Hat mir der Tod das Mägdlein, das ihr mißt.

Ihr habt das süße Mägdlein lang geküßt;

Er hats herein zu meinem Kuß entrückt.

Ihr sucht im Reich des Lichts, und findets nicht;

Ich habs im Arm, und lass' es ewig nicht.

Wollt ihr denn seyn beim süßen Mägdlein hier?

Und wollt ihrs küssen, wie ihrs sonst geküßt?

Ihr Lieben kommt, kühl und geräumig ist

Mein Schooß, o kommt, und ruhet still bei ihr.

Das Mägdlein schläft; wollt ihr denn schlafen nicht?

Ich schläfr' euch ein, und weck' euch ewig nicht.