Nachts, wenn alle Rosen weinen

E. von Seldeneck

Nachts, wenn alle Rosen weinen,

Weil der Lenz im Sterben liegt,

Möcht' ich dir im Traum erscheinen,

Der ob deiner Wimper fliegt.

Was wir stolz im Busen tragen,

Was im Licht unsagbar ist,

Möcht' ich dir im Traume fragen:

Ob du wirklich glücklich bist?

Ob dich nie ein leises Sehnen

Nach den Sternen übermannt,

Nach dem Einen, den in Thränen

Du einst meinen Stern genannt?

Meinen Stern! Er ist versunken.

Sank auf deiner vor der Zeit?

Oder brachst du schlummertrunken

Schon das Kraut Vergessenheit?

Geisterhafte Wölkchen schweben

Um die feuchte Mondesbahn;

Daß wir beide noch am Leben,

Rührt mich manchmal seltsam an.

Und so manchmal muß ich meinen,

Daß dein Seufzer mich umfliegt,

Nachts, wenn alle Rosen weinen,

Weil der Lenz im Sterben liegt.