Das sterbende Kind
E. Willvonseder
Müde bin ich, Mutter, und ich sehne
Mich zu schlafen an dem Herzen dir;
Heiß auf mein Gesicht fällt deine Thräne.
Weine länger nicht, versprich es mir.
Hier ist kalt; das Fenster bebt vom Winde,
Während mich ein holder Traum umfließt.
Süße Engel winken deinem Kinde,
Wenn mein Auge sich ermattet schließt.
Horch, Musik! Von ferne klingt es leise;
Ach! und mir zur Seite steht ein Knab!
Flügel hat er, Mutter, schöne, weiße,
Die gewiß der gute Gott ihm gab.
Grün und roth und golden seh' ich's schweben --
Blumen streun sie mit den Händen fein.
Mutter, krieg' ich Flügel auch im Leben,
Oder muß ich erst gestorben sein?
Warum hältst du meine Hand so lange,
Drückst den Mund so fest auf mein Gesicht?
Naß, doch feuerheiß ist deine Wange --
Mutter, ich bin dein und lass' dich nicht.
O so klage nicht, schau' heiter wieder;
Weinst du länger, weinen muß auch ich.
Bin so müd', die Wimpern sinken nieder --
Mutter, sieh, nun küßt der Engel mich.