Sind die Flügel nicht verliehn

F. Hiller

Sind dir Flügel nicht verliehn

Mir in's Ferne nachzuziehn?

Sind doch Flügel mir gegeben,

Dich aus Fernen zu umschweben.

Denke, daß mein Dichtergeist

Ungesehn dich hier umkreist,

Dir in diese stillen Räume

Führend Schaaren holder Traume!

Wenn dich grüßt ein Sonnenstrahl

Oder eine Blum' im Thal,

Denke, -- daß es dich erquicke --

Daß der Freund den Gruß dir schicke!

Wenn es in den Lauben rauscht,

Wo der Freund dir einst gelauscht,

Denke, -- daß es dich berausche --

Denke, daß ich noch dir lausche!

An den Stellen lieb und traut,

Wo in's Aug' ich dir geschaut,

Wo du mir in's Ange schautest

Und mir ganz dein Herz vertrautest;

Wo der Freund nicht bei dir sitzt,

Sitzt sein Angedenken itzt.

Laß es nicht auf Dornenspitzen,

Sondern weich auf Rosen sitzen!

Wenn du denkest, daß im Raum

Blüht um mich dein Liebestraum,

Wenn du denkest, daß auf's neue

Ich durch dich der Welt mich freue;

O so wirst du auch dich scheu'n,

Ander's als dich mein zu freu'n;

Heiter unter Blüthenbäumen

Wirst von deinem Dichter träumen.