Adelwold und Emma

Schubert, Franz

[Möcht' es meinem Wunsch gelingen -

Der geprüften Liebe Lohn

Euch im edlen deutschen Ton

Eines Stolberg vorzusingen!...

Oft ja trug sie den Geringen

Auf des Adlers kühnen Schwingen

Durch Geduld und Biedersinn

Zu der Freuden Gipfel hin.....

Welche Fessel mag ihr wehren? -

An der Mutter Brust fürwahr

Läßt sie das geweihte Paar

Schon die Zauberschale leeren; -

Was ist Tand, den Menschen ehren?

Wann einst Blick und Ahnung lehren:

Halb den Nektar gab sie dir, -

O du bists! du trankst mit mir!...]

Hoch - und ehern schier von Dauer,

Ragt' ein Ritterschloß empor, -

Bären lagen an dem Thor

[Beuteschnaubend] auf der Lauer; -

Thürme zingelten die Mauer

Gleich den Riesen, - bange Schauer

Wehten brausend, wie ein Meer,

Von den Tannenwipfeln her.

Aber finstrer Kummer nagte

Muthverzehrend um und an

Hier [den] wackern deutschen Mann,

Dem kein Feind zu trotzen wagte; -

Oft noch, eh der Morgen tagte,

Fuhr er auf vom Traum, und fragte -

Itzt mit Seufzer - itzt mit Schrei:

Wo sein theurer Letzer sei?

»Vater! rufe nicht dem Lieben;« -

Flüstert' einstens Emma drein -

»Sieh, er schläft im Kämmerlein

Sanft und stolz - was kann ihn trüben?«

Ich nicht rufen? - sind nicht Sieben

Meiner Söhn' im Kampf geblieben? -

Weint' ich nicht schon funfzehn Jahr

Um das Weib, das euch gebahr?

Emma hörts - und schmiegt mit Beben

Weinend sich [um seine Knie]:

»Vater! - sieh dein Kind! - ach früh

War dein Beifall [sein] Bestreben!«....

[Wie wann] Trosteswort zu geben

Boten Gottes niederschweben -

Führt der Holden Red' und Blick

Neue Kraft in [ihn] zurück.

[Heißer] preßt er sie an's Herze:

»O vergieb, daß ich vergaß,

Welchen Schatz ich noch besaß,

Uebermannt von meinem Schmerze!....

Aber - sprachst du nicht im Scherze -

Wohl dann! Bei dem Schein der Kerze

Wandle mit mir einen Gang

Stracks den düstern Weg entlang.«....

Zitternd [folgt] sie, - bald gelangen

Sie zur Halle, graus und tief,

Wo die Schaar der Väter schlief; -

Rings im Kreis' an Silberspangen

Um ein achtes hergehangen,

Leuchteten mit bleichem, bangen

Grabesschimmer fort und fort

Sieben Lämplein diesem Ort;

Unter'n Lämplein war's von Steinen....

Traun! erzählen kann ich's nicht....

War's so traurig zugericht,

[Und] so ladend ach! - zum Weinen....

»Bei den heiligen Gebeinen,

Welchen diese Lampen scheinen,« -

Ruft' er laut - »beschwör' ich dich,

Traute Tochter, höre mich:

Mein Geschlecht seit grauen Zeiten

War - wie Rittersmännern ziemt -

Keck, gestreng, und fast berühmt; -

In des Grabes [Dunkelheiten]

Sank die Reih von Biederleuten, -

Sanken die, so mich erfreuten, -

Bis einst der Posaune Hall

Sie wird wecken allzumal.

Nie vergaßen deine Brüder

Dieser großen Ahnen Werth;

Reich und Kaiser schätzt' ihr Schwert

Wie ein deckendes Gefieder; -

Ach die Tapfern sanken nieder!....

Gieb sie, Tochter, gieb sie wieder

Mir im wackern Bräutigam,

Dir erkiest aus Heldenstamm!...

Aber Fluch!«... Und mit dem Worte -

Gleich als schreckt' ihn Nacht und Graus -

Zog er plötzlich sie hinaus

Aus dem schauervollen Orte; -

Emma wankte durch die Pforte:

»Ende nicht die Schreckensworte! -

Denk' an Himmel und Gericht! -

O verwirf, verwirf mich nicht!«

Bleich wie sie, mit bangem Zagen,

Lehnt des Ritters Knappe hier; -

Wie dem Sünder wird's ihm schier,

Den die Schrecken Gottes schlagen, -

Kaum zu athmen thät er wagen,

Kaum die Kerze vorzutragen,

Hatte, matt und fieberhaft,

Seine Rechte [noch] die Kraft.

[Adelwold.... Ihn] bracht' als Waise

Mitleidsvoll auf seinem Roß

Einst der Ritter nach dem Schloß

Heim von einer fernen Reise, -

Pflegte sein mit Trank und Speise,

Thät ihn hegen in dem Kreise

Seiner Kinder, - oft und viel

War er tummelnd ihr Gespiel. -

Aber Emma... seine ganze

Zarte Seele webt' um sie....

War es frühe Sympathie?....

Froh umwand sie seine Lanze

Im Turnier mit einem Kranze, -

Schwebte leichter dann im Tanze

Mit dem Ritter, keck und treu,

Als das Lüftchen schwebt im Mai....

Rosig auf zum Jüngling blühte

Bald der Niedre von Geschlecht; -

Edler lohnte nie ein Knecht

Seines Pflegers Vatergüte; -

Aber heiß und heißer glühte -

Was zu dämpfen er sich mühte, -

Fester knüpft' ihn - fester ach!

An das Fräulein jeder Tag; -

Fest und fester sie an ihren

Süßen, trauten Adelwold....

»Was sind Wappen, Land, und Gold -

Sollt' ich Arme dich verlieren?

Was die Flitter so mich zieren?

Was Bankete bey Turnieren? -

Wappen, Land, Geschmuck, und Gold

Lohnt ein Traum von Adelwold!«

So das Fräulein - [wann] der Schleier

Grauer Nächte sie umfing;

[Oft im Todtenkleide ging -

Ihrem Herzen o wie theuer! -

Itzt vorbei ihr Vielgetreuer -

Itzt der Vater.... Ungeheuer

Dräuten dann für jede Wahl

Ihr der Hölle bange Qual.]

Doch mit eins - als Emma heute

Spät noch betet, weint, und wacht, -

Steht, gehüllt in Pilgertracht,

Adelwold an ihrer Seite:

»Zürne nicht, Gebenedeite! -

Denn mich treibt's, mich treibt's in's Weite; -

Fräulein, dich befehl' ich Gott -

Dein im Leben und im Tod!

Leiten soll mich dieser Stecken

Hin in Zions heil'ges Land, -

Wo vielleicht ein Häuflein Sand

Bald den Armen wird bedecken....

Meine Seele muß erschrecken -

Durch Verrath sich zu beflecken

An dem Mann, der, mild und groß,

Her mich trug in seinem Schooß.

Selig träumt' ich einst als Knabe...

Engel - ach vergieb es mir! -

Denn ein Bettler bin ich schier, -

Nur dieß Herz ist meine Habe.«

»Jüngling - ach an diesem Stabe

Führst du treulos mich zum Grabe, -

[Würgest] - Gott verzeih' es dir!

Die dich liebte, für und für.«

Und schon wankte der Entzückte -

Als des Fräuleins keuscher Arm -

Ach, so weiß, so weich und warm!

Sanft ihn hin zum Busen drückte....

Aber fürchterlicher blickte -

Was [ihr Kuß ihm schier] entrückte, -

Und vom Herzen, das ihm schlug,

Riß ihn schnell des Vaters Fluch.

[Schneller schwand er - wie die Kunde

Traun vom Nachtgespenste sagt,

Wenn es wittert, daß es tagt....]

»Lindre, Vater, meine Wunde!....

Keinen Laut aus deinem Munde!

Keine Zähr' in dieser Stunde!

Keine Sonne, die mir blickt!

Keine Nacht, die mich erquickt!«

Gold, Gestein und Seide nimmer -

Schwört sie - fort zu legen an,

Keine Zofe darf ihr nahn, -

Und kein Knappe - jetzt und [immer];

Oft bei trautem Mondesschimmer

Wallt sie barfuß über Trümmer,

Wild verwachsen, steil und rauh,

Noch zur hochgelobten Frau.

Selbst dem Ritter thät sich senken

Tief und tiefer jetzt das Haupt; -

Kaum daß er der Mähr noch glaubt:

Seufzen thät er itzt - itzt denken,

Was den Jüngling konnte kränken? -

Ob ein Spiel von Neid und Ränken? -

Ob?.... Wie ein Gespenst der Nacht

Schreckt' ihn - was er itzt gedacht....

Ritter! - ach schon weht vom Grabe

Deiner Emma Todtenluft!

Schon umschwärmt der Väter Gruft

Ahnend Käuzlein, Eul' und Rabe....

Weh dir! weh! an seinem Stabe

Folgt sie willig ihm zum Grabe -

Hin, wo mehr denn Helm und Schild,

Liebe, Treu und Tugend gilt....

[Doch wo ist, der zu ergründen

Wagt der Zukunft Rathschluß? - kaum

Daß wir je und je im Traum

Ihrer Tritte Spur empfinden....]

Hergeführt auf schwülen Winden,

Muß ein Strahl die Burg entzünden, -

[Und im Wetter wunderbar

Lösen sich - was Räthsel war.]

Tosend gleich den Wogen wallen

Rings die Gluthen, - krachend [dräun]

Säul' und Wölbung, Balk' und Stein,

Stracks in [Trümmer] zu zerfallen; -

Angstruf und Verzweiflung schallen

Grausend durch die weiten Hallen, -

Stürmend drängt und athemlos

Knecht und Junker aus dem Schloß.

»[Richter! Richter!] ach verschone!« -

Ruft der Greis mit starrem Blick -

»Gott! - mein Kind! - es bleibt zurück! -

Rettet - daß euch Gott einst lohne! -

Gold und Silber, Land und Frohne,

Jede Burg, die ich bewohne,

Ihrem Retter zum Gewinn, -

Selbst dieß Leben geb ich [hin]!«

Gleiten ab von tauben Ohren

Thät des Hochbedrängten Schrei...

Aber plötzlich stürzt herbei,

Der ihr Treue zugeschworen, -

Stürzt nach den entflammten Thoren, -

Giebt mit Freuden sich verloren....

Jeder staunend, fern und nah,

Wähnt ein Blendwerk - was er sah.

Gluth an Gluth! - und jedes Streben

[Schier] vergebens!.... endlich faßt

Er die theure, süße Last,

Kalt und sonder Spur von Leben; -

Doch beginnt ein [lindes] Beben

Herz und Busen jetzt zu heben, -

Und durch Flamme, Dampf und Graus

Trägt er glücklich sie hinaus.

Purpur kehrt auf ihre Wangen -

Wo der Traute sie geküßt....

»Jüngling! - sage, wer du bist -

Ich beschwöre dich - der Bangen: -

Hält - [wie oft die Dichter sangen -

Jetzt] ein Engel mich umfangen,

Der auf seinem Erdenflug

Meines Lieben Bildniß trug?«....

Starr zusammenschrickt der Blöde, -

Denn der Ritter [nah] am Tor

Lauscht mit hingewandtem Ohr

Jedem Laut der süßen Rede....

[Ach der Rückweg in die Oede,

Schimpfend, schaudervoll, und schnöde,

Preßt mit zentnerschwerem Schmerz

Itzt sein biedres, großes Herz!]

Doch den Zweifler thät [ermannen]

Bald des [Vaters] Gruß und Kuß,

Dem im süßesten Genuß

Hell der Wonne Zähren rannen:

»Du es? - du? - sag' an von wannen?

Was dich [thät] von mir verbannen?

Was dich - nimmer lohn' ich's dir! -

Emma [wiedergab] und mir?«

»Deines Fluchs mich zu entlasten -

[Wer verdient' ihn mehr als ich? -

Ging ich.... Wild] und fürchterlich

[Trieb mich's] sonder Ruh und Rasten; -

Dort im Kloster, wo sie praßten,

Labten Thränen mich und Fasten -

Bis der frommen Pilger Schaar

Voll zum Zug versammlet war;

Doch mit unsichtbaren Ketten

Zog mich plötzlich Gottes Hand

Jetzt zurück von Land zu Land

Her zur Burg; - [ich wollte wetten,

Daß -] mein Theuerstes zu retten -

[Stürme mich beflügelt hätten....]

Nimm sie, Ritter! - nimm und sprich

[Nun das] Urtheil über mich.«....

Emma harrt, in düstres Schweigen,

Wie in Mitternacht gehüllt; -

Starrer denn ein Marmorbild

Harren furchterfüllte Zeugen;

Denn es zweifelten die Feigen,

Ob den Ritterstolz zu beugen

Je vermöcht' ein hoher Muth,

Sonder Ahnenglanz und Gut.

»Dein ist [Emma!]... längst entscheiden

Thät der Himmel, - rein wie Gold

Bist du funden, Adelwold, -

Groß in Edelmuth und Leiden; -

Nimm! - ich gebe sie mit Freuden! -

Nimm! - der Himmel thät entscheiden;

Nannte selbst im Donner laut

Sie vor Engeln deine Braut.

Nimm sie hin mit Vatersegen! -

Ihn wird neben meine Schuld -

Ach mit Langmuth und Geduld!

Der einst [kömmt], Gericht zu hegen,

Auf die Prüfungswaage legen, -

Mir verzeihn um euretwegen,

Der, von eitlem Stolz befleckt,

Beid' euch schier ins Grab gestreckt.«

Fest umschlungen jetzt von ihnen,

Blickt der Greis zum Himmel auf:

»Fröhlich endet sich mein Lauf!«....

Spuren der Verklärung schienen

Aus des Hochentzückten Mienen, -

Und auf dampfenden Ruinen

Fügt' er schweigend ihre Hand

In das langersehnte Band.