Am See
Schubert, Franz
Sitz' ich im Gras am glatten See,
Beschleicht die Seele [süßes] Weh,
[Wie Aeolsharfen klingt] mich an
[Ein unnennbarer Zauberwahn].
Das Schilfrohr neiget seufzend sich,
Die Uferblumen grüßen mich,
Der Vogel klagt, die Lüfte wehn,
Vor [Schmerzeslust] möcht' ich vergehn!
Wie mir das Leben kräftig quillt
Und sich in raschen Strömen spielt.
Wie's bald in trüben Massen gährt,
Und bald zum Spiegel sich verklärt.
Bewußtseyn meiner tiefsten Kraft,
Ein Wonnemeer in mir erschafft.
Ich stürze kühn in seine Fluth
Und ringe um das höchste Gut!
O Leben bist so himmlisch schön,
In deinen Tiefen, in deinen Höhn.
Dein freundlich Licht soll ich nicht sehn,
Den finstern Pfad des Orkus gehn?
Doch bist du mir das Höchste nicht:
Drum opfr' ich freudig dich der Pflicht.
Ein Strahlenbild schwebt mir voran,
Und mutig wag' ich's Leben dran!
Das Strahlenbild ist oft betränt,
Wenn es durch meinen Busen brennt,
Die Tränen weg vom Wangenrot,
Und dann in tausendfachen Tod.
Du warst so menschlich, warst so hold,
O großer deutscher Leopold!
Die Menschheit [füllte] dich so ganz
Und reichte dir den Opferkranz.
Und hehr geschmückt sprangst du hinab,
Für Menschen in das Wellengrab.
Vor dir erbleicht, o Fürstensohn,
Thermopylae und Marathon!
Das Schilfrohr neiget seufzend sich,
Die Uferblumen grüßen mich,
Der Vogel klagt, die Lüfte wehn,
Vor Schmerzeslust möcht' ich vergehn!